Buchtipp

Letzter Tipp: Sprachmaschinen

Ich rede, also bin ich

Publiziert am 9. Februar 2026 von Matthias Zehnder

Seit über 20 Jahren ist Julia Mailänder Vegetarierin. Nichts konnte sie davon abbringen, Fleisch und Fisch zu entsagen. Dann sass sie eines Tages in einem Restaurant in Baden-Baden, ihr Gegenüber spiesst ein Stück Oktopus auf die Gabel, hält es ihr hin und sagt: «Mutprobe». Und Julia Mailänder beisst zu. Ein einziges Wort hatte ihre eiserne Überzeugung der letzten 20 Jahre ins Wanken gebracht. «Schlagartig wird mir klar, was ich eigentlich schon längst weiss: Worte sind das Mächtigste, das wir besitzen.» In ihrem Buch spürt sie in 42 überraschenden Kapiteln den Geheimnissen unserer Sprache nach. Dabei geht es ihr weder um Satzbau, noch um Grammatik. Sie sei, sagt sie, «vernarrt in den Prozess, wie in unserem Kopf Sprache entsteht». Darum gehts. Das führt sie zu Fragen wie: Warum reden wir anders, wenn wir verliebt sind? Wie verändert eine Fremdsprache unseren Charakter? Wer sagte das erste Wort? Julia Mailänder verbindet Neurowissenschaft mit Alltagsbeobachtung und zeigt: Sprache ist weit mehr als Kommunikation. Sie formt unser Gehirn, steuert unsere Gefühle und bestimmt unsere Handlungen. «Wenn wir Worte nicht bewusst gebrauchen, werden wir von ihnen gebraucht», warnt sie. Das Buch ist eine Reise zwischen Neandertalern und künstlicher Intelligenz, zwischen Hirnforschung und Liebeserklärung. Mailänder schreibt gut verständlich über Philosophie, Psychologie und Biologie der Sprache. Sie hat damit ein Buch für alle geschrieben, die verstehen wollen, warum Werbung manipuliert, Chatbots vielleicht bald einfühlsamer sind als Menschen und wie elf Geschwister die Selbstgespräche reduzieren. Das Schöne daran: Julia Mailänder lädt ein zum Staunen, zum Nachdenken und auch zum Lachen.

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Warum reden wir überhaupt? Die Antwort ist überraschend: Freundlichkeit. Siehe auch hier.  Vor etwa 50’000 Jahren begann der Mensch, kooperativer zu werden. Forscher vermuten, dass der Rückgang von Testosteron den Homo sapiens friedlicher machte. Der menschliche Schädelbau nahm weichere, «weiblichere» Züge an. Eine vergleichbare Entwicklung machten Tiere durch ihre Domestizierung durch. «Der Mensch ist hilfsbereiter als andere Primaten, und dieses Bedürfnis, sich gegenseitig zu unterstützen, könnte einer der Hauptgründe gewesen sein, warum Sprache entstand», schreibt Julia Mailänder. Ein faszinierendes Experiment zeigt: Kleine Kinder verstehen sofort, wenn jemand mit Gesten verdeutlicht, wo eine Belohnung versteckt ist. Schimpansen scheitern daran: Sie sind es nicht gewohnt, einander zu helfen. Sprache machte die Verständigung von Mensch zu Mensch einfacher.

Die biologische Grundlage ist der Fasciculus arcuatus, ein Nervenbündel, das beim Menschen den Schläfenlappen mit dem Stirnlappen verbindet. Dieses «gebogene Bündel» ist beim Menschen grösser und komplexer vernetzt als bei Affen. Es verknüpft sensorische Informationen mit Gedächtnisinhalten und motorischen Fähigkeiten. Drei Faktoren begünstigten die Sprachentwicklung: Die aufrechte Körperhaltung ermöglicht eine grössere Lunge, sodass wir mehrere Laute in einem Atemzug aussprechen können. Die Atmung ist nicht mehr an die Fortbewegung gekoppelt – Helene Fischer zum Beispiel singt auch beim Turnen. Und ein grösseres Gehirn fördert komplexe Vernetzungen. «Ohne Sprache wäre der Mensch heute nicht das soziale Wesen, das er ist», sagt Julia Mailänder.

Wie lernen wir sprechen? Mit etwa einem Jahr formulieren Kinder ihre ersten sinntragenden Wörter: «Ma-ma», «Pa-pa», «Da-da». Zunächst nennen sie alles und jeden «Mama», zum Entsetzen der Mama auch das Haustier und die Nachbarin. Erst später verstehen sie die Bedeutung eines Worts. Mit etwa eineinhalb oder zwei Jahren lernen Kinder täglich neun neue Wörter. Mit zwei Jahren formulieren sie erste Sätze. Dabei nutzen sie ein bemerkenswertes Werkzeug: Statistik. Bereits mit acht Monaten erkennen Babys, dass auf die Silbe «sü» öfter ein «sses» folgt als auf ein «sses» ein «Ba». «Die Silben, die häufiger aufeinander folgen, ergeben eher ein Wort als Silben, die seltener aufeinanderfolgen. Da­raus schliesst das Baby, dass ‹süsses› ein Wort sein muss und ‹ssesba› keines ist. Demnach beginnt mit der Silbe ‹Ba› ein neues Wort.» Faszinierend. Diese statistischen Fertigkeiten ermöglichen es den Babies, im Sprachfluss Wörter zu identifizieren, auch wenn sie die Bedeutung der Wörter noch nicht verstehen.

Dabei genügt es nicht, lediglich einer Sprache ausgesetzt zu sein. Eine Studie zeigt: Neun Monate alte amerikanische Kleinkinder, die Mandarin von chinesischen Muttersprachlern hörten, schnitten im Spracherkennungstest signifikant besser ab als jene, die nur über Audiorecorder und Fernseher mit der Sprache in Kontakt kamen. Offenbar haben non-verbale Signale im Spracherwerb eine grosse Bedeutung. «Bei all der Liebe zur Digitalisierung bleibt der Mensch eben ein soziales Wesen», schreibt Julia Mailänder.

Wie entsteht ein Wort? Mailänder vergleicht das Gehirn mit einem Orchester: «Eine Gehirnzelle allein ist relativ dumm. Nur in Kombination mit anderen Zellen kann sie Informationen verarbeiten.» Wenn sich Nervenzellen «unterhalten», tauschen sie elektrische Ströme aus. Bei jedem Gedanken kooperieren Netzwerke von Neuronen. Es existiert kein zentrales Areal für einen einzelnen Gedanken: Ein Gedanke verteilt sich simultan über das gesamte Gehirn. Der Neurowissenschaftler Henning Beck erklärt: Während Computer nach dem Prinzip Input-Verarbeitung-Output funktionieren, ist bei uns die Verarbeitung selbst bereits der Gedanke. Das geht blitzschnell: Vom Gedanken bis zum gesprochenen Wort vergehen 0,6 Sekunden.

Dabei hat die Sprache erstaunliche Auswirkungen. So berichtet Julia Mailänder: Männer sagen im Schlaf oft «Nein». Ohne Pferde würden wir anders reden. In einer Fremdsprache sind wir eher bereit, jemanden vor einen Zug zu schubsen. Bis wir zehn Monate alt sind, könnten wir jede Sprache der Welt perfekt beherrschen. Vergessen hilft beim abstrakten Denken. Frauen wären ohne «hätte, würde, könnte» erfolgreicher. Chinesen können auf Englisch am besten fluchen. Mehr Geschwister reduzieren die Zahl der Selbstgespräche.

In ihrem Buch verbindet Julia Mailänder auf informative und unterhaltende Weise Philosophie, Psychologie und Biologie. Sie zeigt etwa, wie Sprache unsere Wahrnehmung lenkt: «Menschen, die Sprachen ohne Zeitformen sprechen, leben stärker im Hier und Jetzt; Gesellschaften ohne geschlechtsspezifische Pronomen erleben Identität freier.» Vielleicht erklärt das die hitzigen Genderdebatten im Westen: Manche Sprachen zwingen uns förmlich dazu, Unterschiede zu markieren.

In einer Welt, in der sich Andersdenkende als «Krebsgeschwüre» bezeichnen, wird klar: «Wir können Sprache benutzen, um Gräben zu vertiefen – oder sie zu überbrücken», schreibt Mailänder. Sie plädiert dafür, Gemeinsamkeiten zu betonen statt Unterschiede in Stein zu meisseln. Sprache sei Identität, Kultur und Wahrnehmung. «Sie ist ein unsichtbares Skelett, das alles zusammenhält – und manchmal auch heimlich verbiegt.»

Julia Mailänder hat ein Buch geschrieben, das Sprache feiert und uns dabei die Augen öffnet. Sie bietet eine wunderbar informative Reise zwischen Hirnforschung und Lebensweisheit und macht dabei Komplexes verständlich. Das Buch ist keine Grammatiklektion, sondern eine Liebeserklärung an die Sprache. Julia Mailänder schreibt: «Wenn wir die Sprache meistern, meistern wir ein Stück weit unser Leben.» Nach der Lektüre reden wir bewusster. Oder fluchen liebevoller. Jedenfalls werden wir nie wieder unbefangen das Wort «Mutprobe» aussprechen.

Julia Mailänder: Ich rede, also bin ich. 42 Geheimnisse unserer Sprache. Gutkind, 272 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-98941-084-8

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783989410848

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 09.02.2026, Matthias Zehnder

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