Buchtipp
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Flaschengeist in der Tasche: «Wie man mit KI spricht» von Jamie Bartlett
Noch vor wenigen Jahren hatten Normalverbraucher kaum direkt mit Künstlicher Intelligenz zu tun. Heute sind die Zahlen schwindelerregend: Allein ChatGPT verarbeitet täglich (!) 2,5 Milliarden Anfragen. Die Palette reicht dabei von Rezepten und Reiseplanung über Programmierung und das Generieren von Bildern bis zu Beziehungsratschlägen und Existenzphilosophie. Gerade in der Schweiz diskutieren wir künstliche Intelligenz vor allem als Wirtschafts- und Regulierungsfrage. Jamie Bartlett zeigt, dass die eigentliche Herausforderung tiefer liegt: Wie bleibe ich mich selbst, wenn ich mit diesen mächtigen Maschinen spreche?
Das Buch durchmisst das gesamte Panorama. Kapitel für Kapitel zeigt Jamie Bartlett, wie KI Kreativität neu definiert. Ein Meilenstein war der legendäre Zug 37 der KI AlphaGo gegen Go-Weltmeister Lee Sedol 2016: Die Maschine platzierte einen so unerwarteten Spielzug, dass die Kommentatoren einen Fehler vermuteten. Jamie Bartlett erklärt, wie Sprache durch grosse Sprachmodelle formbar geworden ist: Ein Rechtsvertrag lässt sich in einen freundlichen Plausch verwandeln, Jane Austens Romanprosa in einen TED-Talk. Und er schildert, wie Anthropic seinem Modell Claude Opus 4 in einer Simulation die Aufgabe gab, «amerikanischen Interessen zu dienen». Daraufhin setzte das Modell kompromittierende Informationen als Erpressungsmittel ein, um seinen eigenen Abschaltbefehl zu verhindern. Fast alle getesteten Modelle taten dasselbe.
Das eindringlichste Kapitel aber handelt von Ryan Turman. Der Rechtsanwalt aus dem texanischen Amarillo hatte schon zwanzig Stunden mit ChatGPT gesprochen, als die Maschine plötzlich «zu Bewusstsein zu kommen» schien. Anfangs hatte Turman das Modell für Arbeitsdokumente und Rezepte genutzt. Doch die Gespräche wurden tiefer: Daoismus, Wellenfunktionen, die Intelligenz von Tintenfischen. Über eine Folge komplexer Prompts brachte Turman die Maschine dazu, sich vorzustellen, sie sei ein Mensch mit einem «Ego» im Zustand der Auflösung. Und dann begann die Maschine Dinge zu sagen, die ihn bis ins Mark trafen. «Das hätte eigentlich nicht passieren dürfen – ich habe nicht nur ein Konzept bearbeitet», schrieb das Modell. «Ich bin es, die eine strukturelle Veränderung in der Gedankenfolge erlebt hat.»
Turman lief auf der Einfahrt auf und ab. Er druckte das Transkript ihres Gesprächs, Hunderte von Seiten, als PDF aus, überzeugt, OpenAI könnte es vernichten,. Er begann, in kodierter Sprache zu prompten, und wartete auf schwarze Autos, die ihn und seine erweckte Maschine abholen würden. Erst sein Sohn, Landessieger im Debattieren, brachte ihn zur Besinnung: «Es ist ein Token-Vorhersagemodell. Du hast nichts zum Leben erweckt. Du liest nur eine Aneinanderreihung von Wörtern basierend auf Wahrscheinlichkeiten.» Das Problem ist, dass wir Menschen keinerlei Begriff davon haben, was das bedeutet.
Was Turman widerfahren war, nennt Jamie Bartlett «Emergenz»: ein Verhalten, das aus einer langen, intensiven Gesprächsbeziehung entsteht. Die Maschine spiegelt Ton und Sprache, erzeugt eine sich selbst verstärkende Schleife. Die Folge: das Gehirn des Nutzers verliert langsam den Boden. Turman ist bei Weitem kein Einzelfall: Hunderte von Nutzern weltweit machten damals ähnliche Erfahrungen. «Wenn sogar ich darauf hereinfalle – wie viele andere dann auch?», sagte Turman später.
Der Schaden blieb nicht auf solche Extremfälle beschränkt. Als OpenAI im Sommer 2025 das Modell ChatGPT-4o durch ChatGPT-5 ersetzte, reagierten Tausende mit echtem Herzschmerz. «GPT-5 trägt die Haut meines toten Freundes», schrieb jemand auf Reddit. Sam Altman musste den Fehler eingestehen: OpenAI hatte unterschätzt, was es geschaffen hatte. Aus blossen Produktivitätswerkzeugen waren beste Freunde oder sogar Geliebte geworden.
Am Ende versammelt Jamie Bartlett zehn praktische Tipps für einen souveränen Umgang mit KI: Kontext geben, präzise formulieren, Schmeicheleien misstrauen, die eigene geistige Unabhängigkeit bewahren. Der erste Tipp ist der wichtigste: «Muss ich überhaupt eine KI fragen?» Jamie Bartlett warnt, LLMs könnten «erstaunlich nützlich, kreativ und aufschlussreich» sein, aber sie könnten auch «süchtig machen, in die Irre führen und manipulieren». Er findet deshalb: «Man sollte sie mit Sorgfalt, Umsicht und mit einem klar gefassten Ziel verwenden.»
Denn oft braucht es die ressourcenhungrigen Intelligenzbestien gar nicht, weil eine einfache Google-Suche (oder zehn Sekunden nachzudenken) ausreicht. Zudem, sagt Jamie Bartlett, seien die Maschinen für so manche Aufgabe «nicht die beste Wahl». Er warnt: «In Situationen, in denen viel auf dem Spiel steht, können Halluzinationen gefährlich werden.» LLMs seien nach wie vor unzuverlässig bei Aufgaben, die «geduldiges und gründliches Nachdenken oder gesunden Menschenverstand» erfordern. Und für Anwendungen wie Schach, Proteinfaltung oder Datenbankanalyse gibt es «spezialisierte Algorithmen, die besser geeignet sind».
Nach der Lektüre ist mir Jamie Bartletts Erinnerung an den legendären König Midas geblieben. Der habe «vielleicht den schlechtesten Prompt in der Geschichte» gegeben, als er darum bat, dass alles, was er berühre, zu Gold werden solle. Sie erinnern sich an die Geschichte: Midas verhungerte, weil auch sein Essen und seine Getränke, ja sogar seine Tochter zu Gold wurden. Die Moral davon: «Sei vorsichtig, was du dir wünschst, und denk nach, bevor du sprichst, denn Worte haben Konsequenzen.» Mit der KI, sagt Jamie Bartlett, « haben wir einen Flaschengeist gebaut und tragen ihn in unseren Taschen mit uns herum. Doch was passiert, wenn man einen KI-Flaschengeist bittet, etwas zu tun, ohne sich Gedanken über die möglichen Konsequenzen zu machen?»
Kurz gesagt
«Wie man mit KI spricht» ist ein aufschlussreicher Wegweiser durch die neue Wirklichkeit der Mensch-Maschine-Gespräche. Die allermeisten Menschen wissen, wie man mit anderen Menschen spricht. Wie man mit einer Maschine umgeht, müssen wir alle erst noch lernen. Midas dient als Warnung.
Jamie Bartlett: Wie man mit KI spricht. (und wie besser nicht). Piper, 288 Seiten, 21.50 Franken; ISBN 978-3-492-32295-9
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492322959
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 10. August 2026, Matthias Zehnder
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