Buchtipp
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Freundliche Worte und grosse Knüppel: «Von Monroe zu Trump» von Stefan Rinke
Etwa bis zum amerikanischen Bürgerkrieg lag der Fokus der Menschen, die in den heutigen USA lebten, auf der Eroberung des Westens, also auf dem eigenen Kontinent. Erst in den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg verschob sich die Logik der Expansion in den Vereinigten Staaten. Der nordamerikanische Kontinent war erobert und erschlossen, der innere Wiederaufbau band Kräfte, das internationale Gewicht der USA wuchs. «Aus dem Expansionismus wurde ein Programm, das weniger auf formelle Annexion zielte, dafür umso stärker auf Einfluss, Handel, Transitwege und die Kontrolle von Konflikten», schreibt Stefan Rinke. In dieser Phase entstand, was er als «Panamerikanismus» bezeichnet: «Er präsentierte sich als freundschaftliches Projekt zur Zusammenarbeit und wurde dadurch zu einem besonders wirksamen Instrument der Intervention», schreibt er. Ein zentraler Mechanismus sei die Umdeutung des Schutzes vor Angriffen von aussen gewesen. «Aus der Abwehr europäischer Einmischung wurde ein Anspruch auf eine Schiedsrichterrolle. Daraus konnte sich gegen Ende des Jahrhunderts die Bereitschaft entwickeln, Gewalt als legitimes Mittel einer Ordnungspolitik zu verwenden.»
Unter Präsident Theodore Roosevelt entstand eine griffige Formel: Man solle freundlich sprechen, aber für alle Fälle einen grossen Knüppel bereithalten. Der «Knüppel» bestand aus Kriegsschiffen, Marineinfanterie, Blockaden und Invasionen im ganzen karibischen Raum. Der Panamakanal wurde zu seinem sichtbarsten Symbol. 1903 verschafften sich die USA über den Hay-Bunau-Varilla-Vertrag exklusive Rechte an einer Kanalzone, die viele Panamaer als demütigend empfanden. Anschliessend besetzten die USA Nicaragua fast durchgehend von 1912 bis in die frühen 1930er Jahre. Erst der Hull-Alfaro-Vertrag von 1936 korrigierte einen Teil dieser Ordnung. Der Kanal selbst blieb, wie Stefan Rinke schreibt, «das von den Vereinigten Staaten verwaltete und betriebene Herzstück der Hemisphärensicherheit».
Wie weit dieser Anspruch gehen konnte, sobald ein Land amerikanisches Eigentum antastete, zeigt das Beispiel Guatemala 1954. Präsident Jacobo Arbenz liess brachliegendes Land der United Fruit Company enteignen. Die CIA entwickelte darauf die Operation PBSUCCESS: eine militärisch schwache Invasion aus Honduras, begleitet von Bombardements und einer Radiopropaganda, die Arbenz fälschlich unterstellte, er wolle die katholische Karwoche abschaffen und Kinder in Umerziehungslager stecken. Arbenz vertraute darauf, dass seine eigene Armee ihn verteidigen würde. Sie tat es nicht. Guatemala wurde damit, schreibt Stefan Rinke, zur «Schule verdeckter Intervention».
Wenige Jahre später setzte Kuba diesem Vorgehen Grenzen. Die von Exilkubanern getragene, von der CIA organisierte Invasion in der Schweinebucht scheiterte 1961 binnen Stunden spektakulär. Die amerikanische Niederlage wurde zum Gründungsmythos der kubanischen Revolution. In Chile ging Washington vorsichtiger vor, aber nicht weniger konsequent. Als der Sozialist Salvador Allende die Wahl von 1970 gewann, liessen Präsident Richard Nixon und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger Pläne entwickeln, seinen Amtsantritt zu verhindern. Ein von der CIA unterstützter Entführungsversuch gegen den Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte, General René Schneider, endete tödlich und stärkte paradoxerweise die Verfassungstreue im Land. Allende trat sein Amt an. Washington antwortete mit einer «unsichtbaren Blockade», die Chiles Wirtschaft destabilisieren sollte. Vor der UNO-Generalversammlung brandmarkte Allende die Einmischung des US-Konzerns ITT als Symptom einer Weltordnung, in der wirtschaftliche Macht als Waffe des Imperialismus wirke: «Es ist die Pflicht von uns, den Benachteiligten, unermüdlich danach zu streben, eine archaische, ungerechte und entmenschlichte Wirtschaftsstruktur in eine zu verwandeln, die in der Lage ist, den Auswirkungen jahrhundertealter Ausbeutung entgegenzuwirken.» 1973 putschte General Augusto Pinochet gegen ihn. Unter der von den USA unterstützten Operation Condor vernetzten sich die Geheimdienste des ganzen Kontinents zu einem grenzüberschreitenden Repressionsapparat.
Im ausgehenden Kalten Krieg wiederholte sich das Muster in immer neuen Varianten. Präsident Ronald Reagan finanzierte in Nicaragua die Contra-Rebellen gegen die sandinistische Regierung, ohne selbst Krieg zu erklären. Auf der Insel Grenada liess er 1983 unter dem Namen «Operation Urgent Fury» einmarschieren, nachdem Regierungschef Maurice Bishop von den eigenen Hardlinern erschossen worden war. 1989 marschierten US-Truppen in Panama ein und nahmen den einstigen CIA-Verbündeten Manuel Noriega gefangen, sobald Washington ihn nicht mehr brauchte. Stefan Rinke fasst diese vier Fälle – Chile, Nicaragua, Grenada, Panama – in einem einzigen Satz zusammen: Eine demokratische Wahl wurde in Washington zum Sicherheitsrisiko erklärt, sobald sie das falsche Ergebnis brachte.
Kurz gesagt
Stefan Rinke macht in seinem Buch klar, dass die «Festnahme» von Nicolás Maduro am 3. Januar 2026 kein Betriebsunfall der Geschichte ist, sondern «ein Schlüssel zur langen Geschichte interamerikanischer Ungleichheit». Kein Zweifel: Die USA behandeln Südamerika immer noch, als wäre es ihr Hinterhof.
Stefan Rinke: Von Monroe zu Trump. Eine kurze Geschichte der US-Interventionen in Lateinamerika. Herder, 160 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-534-61210-9
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783534612109
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 3. August 2026, Matthias Zehnder
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