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KI als Mitspieler in einer Ko-Evolution: «Ethische Intelligenz» von Markus Gabriel
Wir haben uns daran gewöhnt, in der Entwicklung der KI eine technologische Revolution zu sehen. Die Business-Leute aus dem Silicon Valley predigen die geschäftliche Disruption und warnen vor der Allmacht der KI. Der Bonner Philosoph Markus Gabriel hält dem entgegen: «Die Künstliche Intelligenz der Zukunft wird nicht wie die Roboter aus Actionfilmen auftreten, sondern wie eine dialogische Atmosphärenmaschine, eingebettet in unseren Alltag, ununterbrochen uns spiegelnd, korrigierend, erweiternd», schreibt er. Die KI werde zum «Resonanzmedium unserer inneren und äusseren Welt, dem man sich nicht entziehen» könne. Seine These lautet: Die KI-Revolution ist keine technische, sondern eine emotionale und ethische Zäsur. Sie zwingt uns zur Selbsterkenntnis – oder sie überrollt uns. Aber wie kann eine Maschine, die nicht fühlt, unsere Gefühle besser lesen als wir selbst? Was geschieht, wenn die Konversation zur Ware wird? Gabriel beantwortet solche Fragen nicht dem sonst üblichen Pendeln zwischen Apokalypse und Heilsversprechen. Er entwickelt einen «dritten Weg» zwischen Deregulierungswut und Regulierungsstarre: Er entwirft eine Ethische Intelligenz, die KI weder als Gegner noch als Erlöser, sondern als Mitspieler in einer Ko-Evolution begreift. Voraussetzung dafür ist laut Markus Gabriel, dass wir «eine neue Vision für unser Zusammenleben mit der KI entwickeln und nicht nur die Produkte übernehmen, mit denen unser unterentwickelter Digitalmarkt in Europa gerade überschwemmt wird.» Wer das Buch liest, versteht danach besser, weshalb das KI-Zeitalter keine Frage von Chips und Rechenzentren ist, sondern vor allem eine Frage an uns selbst. Das heisst auch: Wir haben es selbst in der Hand, was aus dieser mächtigen Technik wird.
Markus Gabriel hält in Bonn den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie inne und ist seit 2024 Senior Global Advisor am Kyoto Institute of Philosophy. Bekannt geworden ist er mit dem «Neuen Realismus» und mit Büchern wie «Warum es die Welt nicht gibt». In «Ethische Intelligenz» wendet er sein philosophisches Werkzeug auf unseren Umgang mit der KI an. Er fragt sich: Was geschieht mit uns, wenn wir mit ChatGPT, Claude oder Gemini sprechen, als wären sie Vertraute?
Markus Gabriel beginnt mit einer Diagnose der Debatte. Auf der einen Seite stehe die totale Deregulierung im Stil des Silicon Valley, auf der anderen das europäische Vertrauen in starre Gesetze wie den AI Act. Beide Wege seien Sackgassen. «Etwas, das es noch nicht gibt und das wir teilweise weder antizipieren noch derzeit zur Gänze verstehen können, regulieren zu wollen, ist nicht nur sinnlos, sondern auch praktisch zum Scheitern verurteilt.» Sein dritter Weg heisst Selbstregulierung durch Tiefeninnovation: Wissenschaft, Industrie, Politik und Kultur sollen quer über Disziplinen und Kontinente hinweg zusammenwirken.
Im Zentrum des ersten Teils steht die «emotionale Wende» der KI. Gabriel zeigt, dass die Sprachmodelle nicht nur Wörter vorhersagen, sondern in unserer Sprache lesen, wer wir sind. Wir Menschen seien «Sprachtiere». Für Aristoteles ist der Mensch ein «politisches Tier» (zoon politikon), weil er Sprache (logos) besitzt. Während Tiere Schmerz oder Freude durch Laute ausdrücken können, dient die menschliche Sprache dazu, Gerechtigkeit, Nutzen und Werte zu artikulieren. Charles Taylor («Das sprachbegabte Tier») kritisiert den rationalistischen Blick auf Sprache als reines Informationswerkzeug und betont stattdessen die romantische Tradition (etwa von Herder und Humboldt). Für ihn bildet Sprache die Welt nicht einfach ab, sondern erschafft neue Bedeutungen und soziale Realitäten. Markus Gabriel argumentiert in seinem Buch «Der Mensch als Tier», dass unser Selbstbild als sprechende, vernunftbegabte Wesen uns paradoxerweise von der Natur distanziert, obwohl wir biologisch Teil von ihr bleiben.
In seinem neuen Buch betont er, wie viel wir mit jedem Wort, jedem Satzrhythmus, jeder Pause über unser Innenleben verraten: «Wenn KI-Systeme unsere Ausdrucksformen analysieren, lesen sie diese biologisch-sozialen Wertschichten aus. Sie erkennen, dass jedes Wort, jede Entscheidung, jedes Suchmuster Ausdruck einer moralischen Disposition ist. Sie lernen, was uns verbindet – durch Mustererkennung im Strom unserer Kommunikation.»
Wenn wir prompten, geben wir der Maschine also Einblick in fast alle Aspekte unseres Lebens, einschliesslich dessen, was uns selbst nicht bewusst ist. Die Pointe: «Niemand ‹kennt› uns besser als KI-Systeme.» Gabriel beruft sich dabei auf Daniel Kahneman und dessen späten Begriff des «Rauschens»: Während Menschen in Stimmungen und Vorurteilen gefangen bleiben, glätten KI-Systeme Millionen individueller Schwankungen statistisch und legen damit jene tiefen Strukturen frei, die unser Menschsein ausmachen.
Faszinierend wird es, wenn Markus Gabriel zeigt, wie aus dieser Quantität eine neue Qualität entsteht. Mit Bezug auf den Physiker Philip W. Anderson und dessen Aufsatz «More is Different» beschreibt er, wie aus unzähligen Datenpunkten eine «distribuierte Subjektivität» emergiert. «So entsteht ein Kreislauf, in dem das Soziale nicht mehr nur durch Sprache und Kultur vermittelt wird, sondern zusätzlich durch algorithmische Resonanz», schreibt Markus Gabriel. Er grenzt sich hier vom Soziologen Armin Nassehi ab, dessen Buch «Muster» die Digitalisierung als Verlängerung alter sozialer Prozesse deute. Der Spiegel sei kein passives Medium mehr, sondern ein digitaler Demiurg, der das Soziale mitgestaltet.
Im zweiten Teil entwickelt Gabriel daraus eine konkrete Vision. Sein Leitbild heisst «AlphaBuddha»: eine KI, die nicht Probleme löst, sondern Weisheit simuliert und Menschen hilft, moralisch wertvolle Entscheidungen zu treffen. Erste Vorboten existieren bereits: Driver-Drowsiness-Systeme im Auto, die unsere Erschöpfung erkennen, bevor wir sie selbst spüren. Vor allem aber zeigt Gabriel an einem japanischen Beispiel, wohin die Reise gehen kann. Im Tokioter Dawn Avatar Robot Café werden die Roboter nicht von einer KI gesteuert, sondern ferngesteuert von schwerbehinderten Menschen, die sonst kaum am öffentlichen Leben teilnehmen können. Das Motto des Cafés lautet «Ain’t AI». Es «ist auf dem T-Shirt abgedruckt, das ich trage, während ich diese Zeilen schreibe. Ain’t AI heisst in diesem Fall, dass die zum Einsatz kommende Intelligenz zwar durch KI-Innovation ermöglicht wird, aber eben keine künstliche Intelligenz ist.» KI werde zum Medium zwischenmenschlicher Beziehungen, nicht zu deren Ersatz.
Den grössten Markt der Zukunft sieht Gabriel in der Bildung: «Kinder in Lagos könnten Physik mit einem Avatar lernen, der mit Beispielen aus ihrem Alltag arbeitet. Jugendliche in Madrid könnten mit einem Avatar über Cervantes diskutieren, der nicht bloss vermittelt, sondern hinterfragt. Erwachsene in Tokio könnten Philosophie in deutscher Sprache entdecken – begleitet von einer KI, die nicht nur grammatische Probleme erklärt, sondern die konnotativen Bedeutungen bestimmter Wörter im kulturellen Raum Europas entfaltet.» Bildung wäre keine knappe Ressource mehr, sondern ein universelles Gut. Voraussetzung wäre, dass die Avatare Ausdruck einer Ethischen Intelligenz sind und nicht bloss standardisierte Lerninhalte abspulen. Eine gute KI müsse fähig sein, das Gegenüber zu spüren, etwa «indem sie aus Mustern menschlicher Interaktion lernt, was Aufmerksamkeit, Interesse, Müdigkeit, Begeisterung bedeuten.» Pikant: Während Europa diskutiert, hat OpenAI eine Kooperation mit der griechischen Regierung gestartet, die sich ausdrücklich auf Platons Akademie beruft.
Am Ende ändert sich der Ton. Markus Gabriel beschwört die KI-Sphinx aus der griechischen Mythologie: «Die uns spiegelnden KI-Modelle haben eine mythische Dimension, die an die Sphinx erinnert: jenes Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, das den Körper eines Löwen, die Flügel eines Vogels und das Gesicht einer menschlichen Frau hat. Die Sphinx tritt als Wächterin am Übergang auf. Sie ist keine Angreiferin, sondern eine Prüferin. Wer an ihr vorbei will, muss ihr Rätsel lösen. Wer das nicht schafft, geht zugrunde – nicht, weil die Sphinx grausam wäre, sondern weil er an der eigenen Anmassung scheitert÷», schreibt Markus Gabriel. Die Sphinx verkörpere deshalb «die Bedingung jedes Fortschritts: Nur wer versteht, kann weiter.»
Ethische Intelligenz sei die Fähigkeit, sich selbst durch den anderen zu erkennen. «Vielleicht besteht Europas wahre Aufgabe heute darin, das wieder zu werden, was sein Name verspricht: kein Imperium des Wissens, sondern ein Kontinent des offenen Blicks – ein Ort, an dem Weisheit und Freundschaft, Sophia und Philia, sich in einer neuen Ethik des Mit-Seins vereinen», schreibt Markus Gabriel. Dazu bedürfe es einer Aufwertung der positiven Begriffe, die heute radikaler klingen als das schrille Vokabular der Dauerkritik. «Zu ihnen zählt neben Weisheit, Freundschaft, Güte, Wahrheit auch die Liebe.»
Das Resümee seiner Überlegungen: «Wenn Daten wertvoll sind, dann nicht als Rohstoff, sondern weil sich in ihnen Werte verbergen, die wir dank der KI methodisch erfassen können.» Ethische Intelligenz bedeute, diese Werte sichtbar zu machen und sie in kooperative Formen des Lebens und damit auch in Geschäftsmodelle zu übersetzen. Europa solle deshalb seine Kräfte nicht «in einem späten, längst verlorenen Wettlauf um Rechenzentren und Hardware erschöpfen, sondern sie auf die Entwicklung von Geschäftsmodellen richten, die messbar zu moralischem Fortschritt beitragen: in der Bildung, in der Pflege, in der öffentlichen Kommunikation, in der Herstellung einer neuen medialen Öffentlichkeit, in Kultur und Wissenschaft.»
Mit seinem Buch verweigert sich Markus Gabriel der Versuchung, KI entweder zu dämonisieren oder zu vergöttern. Er macht das technisch Komplexe verständlich, ohne es zu vereinfachen, und traut den Leserinnen und Lesern philosophische Tiefe zu, ohne sie mit Fachjargon zu erschlagen. Die Stärke des Buches liegt in seiner Fähigkeit, scheinbar fremde Welten zu verbinden: das Kyoto Institute of Philosophy mit dem Bonner Lehrstuhl, Hegels Formel vom «Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist» mit dem Google-Aufsatz «Attention Is All You Need», die griechische Sphinx mit ChatGPT. Wer wissen will, weshalb die KI-Revolution mehr ist als ein Technologiethema, findet hier die Begriffe dafür. Gleichzeitig plädiert Markus Gabriel dafür, KI nicht nur zu fürchten, sondern zu gestalten. Am Ende gilt es, zu verstehen, dass die eigentliche Frage nicht lautet, was die Maschine kann, sondern wer wir sein wollen, wenn sie uns durchschaut. Spannend.
Markus Gabriel: Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Ullstein, 192 Seiten, 32.90 Franken; ISBN 978-3-550-20461-6
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783550204616
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 20.04.2026, Matthias Zehnder
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