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Big State und Big Tech: «Cyberpunk» von Asma Mhalla

Publiziert am 31. August 2026 von Matthias Zehnder

William Gibson schrieb den Cyberpunk als Warnung. Und bot ganz nebenbei packende Unterhaltung. Asma Mhalla liest ihn als Bestandsaufnahme. Ihr Ausgangspunkt ist ein einziger Tag: der 13. Juli 2024. An jenem Nachmittag reckt Donald Trump nach dem Attentat von Butler in Pennsylvania die Faust in die Luft. Wenige Stunden später erklärt Elon Musk auf seiner Plattform X, dass er Trump unterstützt. Kontakte zwischen Trumps Leuten und dem Silicon Valley gab es schon seit Jahren. Doch in der Sekunde, in der Musk seine Nachricht veröffentlichte, wurde daraus etwas anderes: «Das Bündnis zwischen Techno-Reaktionären und einem demagogischen, autoritären Milliardär liess die Möglichkeit eines (Techno-)Faschismus am Horizont des 21. Jahrhunderts aufscheinen. Sofern sich die Partner nicht gegenseitig auffressen.» An jenem 13. Juli, hält Asma Mhalla fest, wusste noch niemand von den Dekreten, von Doge und von der Umbenennung des Golfs von Mexiko. Trotzdem, findet sie, konnte man «(fast) alles vorausahnen».

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Wie es so weit kam, erzählt sie als Entwicklung in drei Schritten ins Chaos. Drei grosse Krisen schüttelten unsere Welt innert fünfzehn Jahren durch: die Finanzkrise von 2008, die Coronapandemie und der Krieg in der Ukraine. Sie alle wurden nie wirklich bewältigt und geregelt, sondern bestenfalls neutralisiert. Die Folge ist eine erschöpfte Gesellschaft. Das ist das Umfeld, in dem sich die amerikanische Demokratie in drei Etappen zerlegt: Zuerst kam die postfaktische Politik, für die der Skandal um Cambridge Analytica steht und seit der Fakten «alternativ» sein können. Dann folgte, was Asma Mhalla «post-law politics» nennt: Die Gesetze existieren weiter, Widerstand ist theoretisch möglich, aber «die zentralisierte Macht geht nicht gegen diesen Widerstand vor, sondern einfach über ihn hinweg». Und schliesslich zeichnet sich eine poststaatliche Politik ab, in der politische und technologische Macht nicht mehr zu unterscheiden sind. Für das Ergebnis erfindet Asma Mhalla ein Wort: «Fluxkratie», eine Demokratie im Fluss, in der Legitimität nicht mehr an Institutionen hängt, sondern an der Aufmerksamkeit, die man erzielt.

Dahinter steht eine Ideologie mit Namen und Adressen. Der britische Philosoph Nick Land forderte 2012 in seinem Text «Dunkle Aufklärung» die Rückkehr zur Hierarchie und einen Staat, der wie ein Unternehmen geführt wird. Der Blogger Curtis Yarvin entwarf die Theorie eines monarchischen Regimes unter einem erleuchteten CEO und fasste sein Programm im Akronym RAGE zusammen: Retire All Government Employees, alle Staatsbediensteten in den Ruhestand. Wie konkret diese Gedanken schon geworden sind, zeigt Asma Mhalla an einer honduranischen Enklave. Próspera wurde dem US-Unternehmen Honduras Próspera, Inc. überlassen, zu deren Aktionären Peter Thiel und Marc Andreessen gehören; dank Musks Starlink-Satelliten verfügt die Insel über eine hervorragende Internetverbindung. «Auf Próspera leben die Unverstandenen, die ‹Flüchtlinge› aus den USA und dem Westen, nach ihren eigenen Regeln», schreibt sie. Es gilt allein der Verhaltenskodex der Libertären, erlaubt sind Experimente, die andernorts verboten sind. «Man ist sonnengebräunt und wirkt glücklich.» Die einheimische Bevölkerung kämpft derweil darum, ihr Land zurückzuholen. Asma Mhalla zieht daraus einen harten Schluss: «Die Menschheit teilt sich auf in jene, die die Zukunft programmieren, und jene, die diese Zukunft ertragen müssen.»

Den politischen Aggregatzustand, der daraus entsteht, nennt Asma Mhalla «Faschismus als Simulacrum». Sie ist dabei präzise: Ein Simulacrum ist keine Simulation. Die willkürlichen Entlassungen, die Auslöschung der Wissenschaft, die Verfolgung politischer Gegner, die brutalen Abschiebungen – nichts davon wird bloss gespielt. Und doch flüchtet sich die Gewalt hinter eine Inszenierung, die permanent zwischen Nachahmung, Übertreibung und Selbstparodie oszilliert. Das Ergebnis ist «ein Regime, in dem die Bürger glauben, unter einer faschistischen Knute zu leben, obwohl nur Symbole des Faschismus vorhanden sind – die aber seltsamerweise genauso funktionsfähig und performativ sind wie eine reale faschistische Organisation». Die Show funktioniert nur, weil alle mitspielen, auch die Kritiker. Diesen Punkt macht die Autorin ausdrücklich auch gegen sich selbst geltend: «Selbst beim Schreiben dieses Textes sitze ich in der gleichen Falle.»

Das erste Werkzeug dieses Regimes ist die Sprache. Trump liess den Mount Denali in Alaska wieder in Mount McKinley umtaufen, den Golf von Mexiko in «Gulf of America» und soeben hat er den Ontariosee in «Lake America» umbenannt. Ein Dekret vom 27. März 2025 soll «Wahrheit und Vernunft in die amerikanische Geschichte zurückbringen»; Sklaverei, Kolonialismus und Rassentrennung sollen darin nicht mehr vorkommen. Hunderte von Wörtern, darunter «Immigranten», «Ungleichheit», «Behinderung», «Trauma», «Diskriminierung», «Frau» und «Klimawandel», dürfen in Behördensprache und Forschungsprojekten nicht mehr verwendet werden. Asma Mhalla interpretiert das mit George Orwells Begriff des «Doppeldenks», der Fähigkeit, zwei gegensätzliche Standpunkte gleichzeitig für wahr zu halten. Elon Musk verteidigt auf X die absolute Meinungsfreiheit und sperrt zugleich die Konten kritischer Journalisten. Übersetzt heisst das: «Alle dürfen sich äussern, ausser jene, die mir missfallen.» Hannah Arendt hat die Folge davon früh beschrieben, und Asma Mhalla zitiert sie ausführlich: «Das Resultat ist keineswegs, dass die Lüge nun als Wahrheit akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern dass der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.»

Das zweite Werkzeug ist der Staat selbst. Für die neue Machtform prägt Asma Mhalla den Begriff «Dileviathan»: Thomas Hobbes‘ Leviathan hat zwei Köpfe bekommen, Big State und Big Tech, und ist damit zugleich dual und hybrid. Das Meisterstück dieser Konstruktion ist Doge. Anders als die Grace Commission unter Ronald Reagan war das Department of Government Efficiency keine beratende Agentur, sondern etablierte, wie sie schreibt, faktisch ein Metagesetz in einer rechtlichen Grauzone. Getroffen hat es vor allem Institutionen, die Big Tech unbequem waren: die Behörde für Arbeitsbeziehungen, die im Konflikt mit SpaceX und Tesla stand, die Verbraucherschützer, die Luftfahrtaufsicht, die Forschung. Im März 2025 begann Trump unter dem Vorwand der Modernisierung eine Dateninfrastruktur zur totalen Kontrolle der Bürger aufzubauen, deren Kern der Konzern Palantir bildet. Ökonomisch ist Doge gescheitert: Statt der versprochenen 2000 Milliarden wurden 170 Milliarden eingespart, bei Ausgaben in fast der gleichen Höhe. Der Schaden bleibt trotzdem. «Doge hat den amerikanischen Staat gehackt», schreibt Asma Mhalla. «Donald Trump spielte dabei willig das Trojanische Pferd.»

Am weitesten reicht ihr Kapitel über den «kognitiven Totalitarismus». Der Kern jedes Totalitarismus, schreibt sie, ist die Kontrolle des Geistes. Dafür braucht es keine Lager mehr. Die Algorithmen organisieren die permanente Ablenkung, die KI-Systeme berechnen Vorlieben und Bedürfnisse, ehe sie den Menschen selbst bewusst werden. «Denken bezeichnete einst einen aktiven Prozess des Zweifelns, Formulierens und der geistigen Verzweigungen. Heute nennt man es Klicken.» Die Unterwerfung, so ihre These, kommt nicht mehr von aussen, sondern von innen: «Der Komfort dehnte sich mit jedem Update weiter aus und erweckte den Eindruck von Freiheit, solange man innerhalb der Benutzeroberfläche blieb. Doch eine Leine bleibt eine Leine.» Deshalb laute die eigentliche Frage nicht mehr «Wer bist du?», sondern «Wem gehörst du?».

Europa kommt in diesem Buch schlecht weg. Der Kontinent sei weder Gegner noch Alternative, sondern vor allem mit sich selbst beschäftigt: «Ein Europa, das niemanden verletzen will, hat sich die eigene Machtlosigkeit einprogrammiert.» Asma Mhalla erinnert an den Satz, der Henry Kissinger zugeschrieben wird: Die Feindschaft mit den USA möge gefährlich sein, die Freundschaft mit ihnen aber sei fatal. Gerade in der Schweiz, wo die Debatte über die Regulierung der künstlichen Intelligenz erst begonnen hat, ist ihre Diagnose unangenehm zu lesen. Ihr Befund ist trotzdem nicht resigniert: «Das europäische Projekt ist nicht überflüssig. Es ist verwaist. Es benötigt ein Gesicht, eine Erzählung, einen Bruch.»

Was also tun? Asma Mhalla schlägt eine fünfte Gewalt vor, neben Legislative, Exekutive, Judikative und Medien: die kognitive Macht. Wird sie sichtbar gemacht, wird sie zur Gegenkraft. Daraus leitet sie ein neues Grundrecht ab, die kognitive Freiheit, «das Recht, selbst zu denken, die Integrität des eigenen Geistes zu wahren, die Kolonisierung der eigenen Neuronen abzulehnen». Ihr Buch endet mit dreizehn kleinen Übungen für Freidenker, die überraschend praktisch sind: Distanz zu den sozialen Netzwerken halten, wieder Nein sagen lernen, langsamer arbeiten, lachen, zehn Handbücher lesen, den eigenen Körper und die physische Begegnung ernst nehmen. Sie weiss selbst, wie sehr sie hier von sich selber spricht: «Ich weiss, dass mich das düstere Thema eher emotional als rational angesprochen hat.» Ihr Rezept dagegen ist so einfach wie schwierig: «Die Realität ist die Waffe des Widerstands.»

Kurz gesagt

Was der Cyberpunk in den 1980er-Jahren erfand, ist eingetroffen: Konzerne mit Staatsmacht, Politik als Show, Aufmerksamkeit als Währung. Asma Mhalla kartografiert dieses neue System klug und kämpferisch und macht auch Mut: Auf die Abenddämmerung, schreibt sie, folgt immer der Morgen.

Asma Mhalla: Cyberpunk. Das neue totalitäre System. C.H. Beck, 137 Seiten, 23.90 Franken; ISBN 978-3-406-85312-8

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783406853128

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 31. August 2026, Matthias Zehnder

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