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Wie der IQ zum Kampfbegriff wurde: «Fetisch Intelligenz» von Gisela Schmalz
Wenn ich Vorträge über KI halte, frage ich das Publikum immer, was denn Intelligenz sei. Wenn überhaupt Antworten kommen, sind sie hilflos bis erheiternd: Die meisten Menschen wissen, was ein IQ ist, haben aber keinen Begriff von Intelligenz. Die lässt sich nicht so einfach beschreiben. Wie kann es sein, dass wir etwas messen, von dem wir keine Ahnung haben? Begonnen hat es 1905: Da entwickelte der französische Psychologe Alfred Binet den ersten Intelligenztest. 1912 goss der deutsch-amerikanische Psychologe William Stern das Ergebnis in eine Zahl, den Intelligenzquotienten. Schon Binet warnte davor, sein Instrument zu stark zu strapazieren. Er schrieb: «Die Skala erlaubt keine Messung der Intelligenz, da intellektuelle Fähigkeiten nicht addiert und somit nicht wie lineare Oberflächen gemessen werden können.» Die Warnung verhallte. 1923 spottete der US-Psychologe Edwin G. Boring, Intelligenz sei eben das, was die Tests testen. Er meinte das ironisch. 2009 schrieb der deutsche Persönlichkeitspsychologe Jens Asendorpf denselben Satz ohne jede Ironie: «Intelligenz ist, was Intelligenztests messen. (…) Intelligenztests messen die Befähigung zu hoher Bildung.» Was Karl Marx für die menschliche Arbeitskraft beschrieben hat, beobachtet Gisela Schmalz für die Intelligenz. Etwas ursprünglich zum Menschen Gehörendes verselbstständigt sich zum Ding. Damit wird es anbetungsfähig: ein Fetisch.
Wie sich das im Leben eines einzelnen Kindes auswirkt, erzählt Gisela Schmalz am Beispiel von Elliot, dem 14-jährigen Sohn einer Freundin. Elliot spielt Fussball in der Juniorenbundesliga. Er trainiert fünfmal pro Woche, am Wochenende spielt er an Matches. Für die Schule lernt er das Allernötigste, gerade so viel, dass er nicht repetieren muss. Seit er acht ist, führt ihn seine Mutter regelmässig zum Kinderpsychiater. Der hat ihn mit einem Test geprüft auf Lese- und Schreibfähigkeit sowie auf kognitive Leistungsfähigkeit. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich: räumlich überdurchschnittlich, sprachlich durchschnittlich, in der Verarbeitungsgeschwindigkeit unterdurchschnittlich. Elliots IQ von 105 sei deshalb, notiert der Psychiater in seinem Gutachten, nur «eingeschränkt beurteilbar». Verschrieben werden trotzdem Tabletten, und die Lehrkräfte sollen sein Pensum reduzieren. Die Mutter informiert die Lehrer per WhatsApp. Der neue Partner der Mutter hält das für einen Fehler. Damit würden Elliots Probleme «zu öffentlichen Tatsachen» werden, und in der Schule würde man ihn womöglich «wie einen Deppen behandeln». Elliot hält sich für weit weniger intelligent als seine ältere Schwester. Auf die Frage, was er einmal werden wolle, antwortet er: «Handwerker.»
Das bedeutet: Ein IQ-Wert kann ein Leben besiegeln. Das bestätigt der amerikanische Kognitionspsychologe Scott Barry Kaufman aus eigener Erfahrung. Ihm wurde mit elf Jahren ein derart tiefer IQ attestiert, dass er als schwer lernbehindert eingestuft und auf eine Sonderschule geschickt wurde. «Mein Schicksal wurde durch einen einzigen Test besiegelt», schreibt er. Doch Scott Barry Kaufman gab sich damit nicht zufrieden: Er hat sich freigekämpft, promovierte in Psychologie und arbeitet seither gegen die Stigmatisierung durch den IQ. Den meisten Kindern ist das nicht möglich: Sie bringen dieses Selbstbewusstsein nicht mit. Gisela Schmalz fragt deshalb: Wenn an öffentlichen Schulen schon Intelligenztests eingesetzt werden, warum dienen sie dann fast ausschliesslich dazu, Lernschwache zu identifizieren, und nicht dazu, alle Begabungen zu finden?
Dass Schulen Kinder mit Hilfe des IQ sortieren, ist schon schlimm genug. Dennoch ist das der harmloseste Teil des Buches. Der zweite Teil handelt davon, was passiert, wenn Intelligenz zum politischen Kampfbegriff wird. Schon 1883 prägte Francis Galton, der Cousin von Charles Darwin, den Begriff «Eugenik». Er plädierte für eine Heirats- und Vermehrungspolitik, die zur «guten Geburt» führen sollte. 1907 erliess der US-Bundesstaat Indiana das erste Sterilisationsgesetz. Bis in die 1930er-Jahre wurden in den USA rund 30’000 Menschen zwangssterilisiert. Daran orientierten sich die Nationalsozialisten. Der amerikanische Textilerbe Wickliffe Draper, der 1935 zu einem Kongress über Bevölkerungsprobleme nach Berlin gereist war, finanzierte ab 1937 mit seinem «Pioneer Fund» eugenische Forschung. Er sorgte auch dafür, dass der NS-Propagandafilm «Erbkrank» in amerikanischen Schulen und Kirchen gezeigt wurde. Wie selbstverständlich sich das noch in den 1970er-Jahren sagen liess, zeigt ein Fernsehauftritt: 1974 präsentierte der Physik-Nobelpreisträger und Silicon-Valley-Pionier William Shockley in der Show «Firing Line» einen «freiwilligen Sterilisationsbonusplan»: «Ich sage ausserdem 1000 Dollar für jeden Punkt zu, den der IQ unter 100 liegt.»
Diese Denkweise gehört keineswegs der Vergangenheit an. Leiter des Pioneer Fund war ab 2013 der britische Psychologe Richard Lynn. Auf seiner eigenen Website gab er seine Forschungsinteressen so an: «Intelligenz, Geschlechtsunterschiede, Rassenunterschiede, Eugenik». Lynn produzierte Tabellen mit angeblichen National-IQs, für die er fehlende Daten kurzerhand aus jenen der Nachbarstaaten ableitete. Ende 2022 liess sein dänischer Zögling Emil Kirkegaard den Fonds unter dem Namen Human Diversity Foundation als Gesellschaft mit beschränkter Haftung in Wyoming neu eintragen. Eine solche Gesellschaft muss weniger offenlegen und kann verdeckter arbeiten. Kirkegaard hat weder einen Master noch einen Bachelor in Psychologie. Er leitet den Forschungsbereich der Gesellschaft. Der PR-Bereich heisst «Aporia» und läuft über Substack. Gisela Schmalz vermutet, dass diese Denkweise über einen neuen, extrem leistungsfähigen Multiplikator verfügt: Das Material sei «Futter für KI-Systeme, die damit ‹lernen›». Je mehr pseudowissenschaftliche Texte zur vererbten Intelligenz online kursieren, desto häufiger verarbeiten Sprachmodelle sie in ihren Antworten – samt Quellenangaben, die die Verfasser wie Koryphäen wirken lassen.
Wie leicht der «Fetisch Intelligenz» blendet, zeigt eine Episode vom Januar 2025. Der Südkoreaner Younghoon Kim, ausgewiesen mit einem IQ von 276, rief auf X dazu auf, die AfD zu wählen. Parteichefin Alice Weidel teilte das mit sichtlichem Stolz: «Der offiziell als ‹intelligentester Mensch der Welt› geführte Dr. Younghoon Kim unterstützt die AfD. Kann er irren?» Kurz darauf löschte ein AfD-Mitglied nach dem anderen seine Posts. Kim hatte die Gesellschaft, die ihm den Titel verliehen hatte, selbst gegründet und ihren Namen von einer echten Vereinigung geklaut. Weidels Frage lässt sich also durchaus beantworten: Man kann sich sehr wohl irren, wenn man Intelligenz zum Gütesiegel hochstilisiert und dabei sinnlose IQ-Werte über 200 ernst nimmt.
Der dritte Schauplatz ist Silicon Valley, wo sich der Intelligenzfetisch mit Geld und Technik verbindet. Elon Musk, der Posterboy des Pronatalismus, verbreitet die Sorge, dass kluge Menschen zu wenige Kinder bekämen, und handelt danach. Seine ersten fünf Kinder kamen laut «Forbes» per In-vitro-Fertilisation zur Welt. Es waren fast ausschliesslich Jungen. Firmen wie Herasight bieten «polygenische Screenings» von Embryonen an, die neben Krankheitsrisiken auch die Intelligenz vorhersagen sollen. Ein Vorläuferunternehmen soll bis Ende 2024 für über ein Dutzend Paare Embryonentests durchgeführt und dafür je bis zu 50’000 Dollar verlangt haben.
Der Verkäufer dieser Dienstleistung, der frühere Philosophiedozent Jonathan Anomaly, sagt in einem Podcast: «Es stellt sich heraus, dass die Auswahl nach IQ nicht nur eine egoistische Entscheidung ist, um intelligente Kinder zu bekommen. Es erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie länger leben und ein gesünderes Leben führen. (…) Das ist wirklich cool.» Seriöse Studien belegen allerdings, dass es spezifische Intelligenzgene gar nicht gibt.
Denken Sie nicht, all das sei weit weg. Auch die Schweiz kommt vor im Buch. Elsbeth Stern, bis 2025 Professorin für Lehr-Lernforschung an der ETH Zürich, richtete 2024 die Jahreskonferenz der International Society for Intelligence Research an der ETH aus. Unter den Vortragenden war – Emil Kirkegaard. Auf die Frage, warum sie einem rechtsgerichteten Pseudowissenschaftler ein Forum geboten habe, antwortet Elsbeth Stern: «Wir haben ihm kein Forum für seine kruden und wissenschaftlich nicht abgestützten rassistischen Thesen geboten. Kirkegaard hat einen Beitrag zu einem statistischen Problem eingereicht, der wie üblich anonym begutachtet und für hinreichend interessant befunden wurde.» Und sie fügt an: «Es bleibt aber eine Herausforderung, Freiheit und Neutralität der Wissenschaft zu verteidigen und gleichzeitig zu verhindern, dass Letztere für eine politische Agenda missbraucht wird. Intelligenzforschung war von jeher anfällig dafür.»
Gisela Schmalz bietet keine bessere Definition von Intelligenz. Stattdessen beruft sie sich auf Immanuel Kant. Bei Kant ist Vernunft keine Eigenschaft, sondern eine Aufforderung: sich selbst Gesetze zu geben, statt unter der Leitung eines anderen zu denken. Darin liege die Würde des Menschen. Es ist ein Begriff, der in der aktuellen Intelligenzdebatte schlicht fehlt. Ohne Vernunft sei Intelligenz nicht nur blind und lahm, sondern potenziell zerstörerisch. Daraus zieht Gisela Schmalz ihren Schluss: «Intelligenz sollte nicht fetischisiert, darf aber in ihrer Vielfalt gefeiert werden – doch nur dann, wenn auch Vernunft, Weisheit, Freiheit und Würde zur Party eingeladen sind.»
Kurz gesagt
Wir haben Intelligenz und den IQ zum Fetisch gemacht. In ihrem Buch zeigt Gisela Schmalz, was dieser Kult in Klassenzimmern, in rechten Netzwerken, in Embryolabors und im Silicon Valley anrichtet. Sie zeigt, dass es dabei eigentlich nicht um Intelligenz geht, sondern um Macht.
Gisela Schmalz: Fetisch Intelligenz. Wie ein überbewertetes Konzept unser Leben prägt. Berlin Verlag, 288 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-8270-1539-6
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783827015396
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 24. August 2026, Matthias Zehnder
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