Buchtipp
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Ausbruch aus dem Teufelskreis: «Verzeihen» von Joachim Küchenhoff
Wir leben in Zeiten des Grolls. Wer sich benachteiligt fühlt, sucht Schuldige, und wer Schuldige gefunden hat, sinnt auf Vergeltung. Friedrich Schiller schreibt deshalb vom «Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären». Wir sprechen heute von Wutbürgern. Joachim Küchenhoff, Psychiater und Psychoanalytiker in Basel, stellt diesem Fluch in seinem Buch über das Verzeihen eine oft übersehene Fähigkeit entgegen. Sein Anliegen ist es, «das Verzeihen als eine nützliche, aber auch notwendige psychosoziale Fähigkeit starkzumachen». Um die christliche Lehre geht es ihm dabei ausdrücklich nicht. Joachim Küchenhoff fragt mit Paul Ricœur, Hannah Arendt und Jacques Derrida, was Verzeihen überhaupt bedeutet, ordnet es psychoanalytisch neben der Trauerarbeit ein und prüft es an drei gesellschaftlichen Beispielen: an den zerstörten Städten Coventry und Würzburg, am Vergewaltigungsprozess von Gisèle Pelicot und an der Wahrheitskommission in Südafrika. Seine These ist alles andere als bequem: Verzeihen heisst nicht vergessen. Wer verzeiht, sieht die Schuld sehr genau, verzichtet aber auf Rache. Sich selbst zu verzeihen, gehört für ihn ebenso dazu, wie Anderen zu verzeihen. Das Buch ist aus der Gegenwart heraus geschrieben. Joachim Küchenhoff hat den Krieg zwischen Israel und der Hamas vor Augen, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Polarisierung der amerikanischen Politik. Er fragt aus dieser Not heraus: «Kann Verzeihen dabei hilfreich sein, die Last des Vergangenen nicht über die Zukunft herrschen zu lassen?»
Joachim Küchenhoff beginnt, das gefällt mir Sprachmensch gut, beim Wort selbst. «Verzeihen» hängt etymologisch mit «Verzicht» zusammen. «Wer verzeihen will, der verzichtet – zunächst – auf ein Urteil», schreibt er. «Wer verzeiht, kann es sich leisten, auf Vergeltung im Sinne der Rache zu verzichten.» Verzeihen ist also keine Handlung, sondern das Unterlassen einer Handlung. Das klingt harmlos, ja nach Aufgeben, aber es ist alles andere. Mit dem französischen Philosophen Paul Ricœur unterscheidet Joachim Küchenhoff zwei Formen. Das «leichte Verzeihen» ist das Verzeihen nach dem Muster «Schwamm drüber»: Man drückt ein Auge zu, löscht einen Posten aus der Bilanz und erspart sich die Auseinandersetzung. Davor warnt Paul Ricœur. Ihm geht es um das «schwere Verzeihen», das die Schuld nicht wegwischt, sondern ihr ins Auge sieht. Es gilt, so zitiert ihn Joachim Küchenhoff, «die ungetilgte Schuld [zu] akzeptieren; akzeptieren, dass man ein zahlungsunfähiger Schuldner ist und bleibt; akzeptieren, dass es Verlust gibt; an der Schuld selbst Trauerarbeit leisten».
Schweres Verzeihen braucht deshalb die Erinnerung. «‹Verzeihen› bedeutet ‹nicht wegschauen›», schreibt Joachim Küchenhoff. Was das Verzeihen trotzdem verändert, ist die Zeit. Normalerweise folgt die Strafe auf dem Fuss, auf die Tat folgt unerbittlich die Vergeltung, auf die Vergeltung die nächste Tat. Das Verzeihen unterbricht diese Kette. Es verschafft einen Aufschub und damit Raum für einen Neuanfang, ohne dass die Schuld vergessen geht. Joachim Küchenhoff stützt sich dabei auf einen Eintrag im Denktagebuch von Hannah Arendt: «Das Heilmittel gegen Unwiderruflichkeit – dagegen, daß man Getanes nicht rückgängig machen kann, obwohl man nicht wußte, und nicht wissen konnte, was man tat – liegt in der menschlichen Fähigkeit zu verzeihen.» Das Gegenstück dazu ist für Hannah Arendt das Versprechen, das Heilmittel gegen die Unberechenbarkeit der Zukunft.
Möwe im Ölschlamm
Erstaunlich ist, wie wenig die Psychoanalyse mit dem Verzeihen anzufangen wusste. Im Gesamtverzeichnis der Werke von Sigmund Freud kommt das Wort nicht vor. Joachim Küchenhoff vermutet darin eine Berührungsangst mit der Religion. Er will das Verzeihen deshalb neben die Trauerarbeit stellen. Trauer hilft, einen geliebten Menschen loszulassen. Sie versagt aber, wenn Hass, Kränkung und Schuld im Spiel sind. Dann braucht es das Verzeihen. Wie viel davon bleibt, zeigt ein Zitat des britischen Schriftstellers Julian Barnes, der den Tod seiner Frau beschrieben hat. Man komme zwar heraus aus der Trauer, aber nicht wie ein Zug aus dem Tunnel: «Du kommst heraus, wie die Möwe aus dem Ölschlamm herauskommt; Du bist geteert und gefedert, ein Leben lang.» Joachim Küchenhoff illustriert das mit Fällen aus seiner Praxis. Eine knapp 70-jährige Patientin leidet seit Jahrzehnten an einem Zittern des Kopfes und schämt sich dafür. Sie hofft, die Analyse werde den Tremor beseitigen. Das gelingt nicht. Aber am Ende ist es ihr möglich, «sich diesen ‹Defekt› zu verzeihen, mit sich weniger strafend, verurteilend und verfolgend umzugehen».
Was im Einzelnen gilt, stimmt auch für die Gesellschaft. Dort steht dem Verzeihen vor allem das Ressentiment im Weg. Joachim Küchenhoff zeichnet mit Friedrich Nietzsche, Max Scheler und dem Soziologen Andreas Reckwitz nach, wie es entsteht: Die Demokratie verspricht Gleichheit, der Markt verspricht Fülle, der Fortschritt produziert Verlierer. Wer sich als Opfer der Verhältnisse sieht, sucht einen Schuldigen. Kulturwissenschaftler Joseph Vogl hat dafür eine Formel gefunden, die Joachim Küchenhoff zitiert: «Das Ressentiment leidet am Diebstahl dessen, was nie besessen wurde, es laboriert an einer begehrlichen Unlust, an einer unzugänglichen, vermuteten und unterstellten Fülle im Anderen, die es nicht gibt.» Aus dem Opfer wird so leicht ein Rächer, und die Rache erzeugt neues Ressentiment. Joachim Küchenhoff nennt diesen Kreislauf den «RR-Link». Wie ein Kind, das sich rechtfertigt: «Aber er (oder sie) hat angefangen.» Das alles muss nicht sein. Es gibt Beispiele, in denen der Kreislauf durchbrochen wurde.
Das Kreuz aus Nägeln
Das eindrücklichste Vorbild für das Durchbrechen dieses Kreislaufs ist Coventry. Am Abend des 14. November 1940 bombardiert die deutsche Luftwaffe die englische Stadt. Auch die mittelalterliche Kathedrale brennt aus. Winston Churchill besucht die Ruine, die britische Regierung kündigt Vergeltung an. Der Pfarrer der Kathedrale, Richard Howard, geht durch die noch glühenden Trümmer. Mit Kreide schreibt er zwei Worte an die Ostwand hinter dem zerstörten Altar: «Vater, vergib». Den zweiten Teil des Bibelworts, «denn sie wissen nicht, was sie tun», lässt er weg. Joachim Küchenhoff vermutet, Richard Howard sei sich im Klaren gewesen, «dass die Deutschen sehr wohl wussten, was sie mit den Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung taten». Ein Steinmetz findet zwei Dachbalken, die in Form eines Kreuzes heruntergefallen sind, stellt sie auf und meisselt die Kreideworte in den Stein. Am Weihnachtstag 1940 hält Richard Howard in den rauchenden Ruinen eine Ansprache, die von der BBC übertragen wird. Er fordert, die Rachegedanken zu verbannen. Viele Hörerinnen und Hörer sind empört. Aus heruntergefallenen Zimmermannsnägeln, die einige Deckenbalken der Kathedrale zusammengehalten haben, wird ein Kreuz geformt, ein Nagelkreuz. Es steht heute in der wiederaufgebauten Kathedrale von Coventry und ist zum weltweiten Zeichen der Versöhnung geworden. Seit 1959 wird in der Ruine jeden Freitag um zwölf Uhr ein Versöhnungsgebet gesprochen. Jede Zeile beginnt mit «Vater, vergib».
Am 16. März 2001 erhält Würzburg ein Nagelkreuz aus Coventry. Das Datum ist kein Zufall: Am 16. März 1945 hatten britische Bomber die Würzburger Altstadt in einer knappen halben Stunde zerstört. Seither läuten an diesem Tag zwanzig Minuten lang die Glocken der Stadt. Lange Zeit, so Joachim Küchenhoff, betonte das Gedenken einseitig das eigene Leid. Erst später wurde auch die deutsche Schuld in das Erinnern einbezogen. Hier wird das Buch persönlich. Joachim Küchenhoff ist in Würzburg aufgewachsen. Schon als Jugendlicher empfand er es als befremdend, dass die Stadt ihrer Zerstörung gedachte, das Schicksal der Würzburger Jüdinnen und Juden aber ausblendete. Heute erkennt er in seiner damaligen Haltung eine eigene Unfähigkeit zum schweren Verzeihen: «Ich bin in meinen Rachephantasien selbst zum Täter geworden, indem ich ‹den Würzburgerinnen und Würzburgern› […] das Leid abgesprochen habe.» Das Leid der Opfer und das Leid der Täter lasse sich nicht gegeneinander aufrechnen. Beide, schreibt Joachim Küchenhoff, sind «nur» zu bewahren.
Verzeihen lässt sich weder fordern noch verrechnen
Verzeihen bedeutet nicht, dem Täter zu vergeben. Das zeigt das Beispiel von Gisèle Pelicot. Ihr früherer Ehemann hatte sie immer wieder heimlich betäubt und von Dutzenden Männern vergewaltigen lassen. Gisèle Pelicot sorgte dafür, dass der Prozess öffentlich geführt wurde, damit die Scham die Seite wechselt. Verzeihen kann sie ihrem Mann nicht. Aber sie lässt sich die guten Jahre mit ihm nicht nehmen und hält fest: «Ich vertraue auf unsere Fähigkeit, uns gemeinsam auf eine Zukunft auszurichten.» Für Joachim Küchenhoff ist das ein schweres Verzeihen: Sie steigt aus der Schleife von Ressentiment und Rache aus. Ihre Tochter Caroline Darian geht einen anderen Weg. Im Schweizer Fernsehen sagte sie: «Vergeben? Nein! Ich hoffe, ich finde eine Form der Gleichgültigkeit.» Auch sie lässt ihr Leid nicht in Verbitterung enden. Sie hat einen Verein gegründet, der Opfern von K.-o.-Tropfen hilft. Ähnlich argumentiert Joachim Küchenhoff zur Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika: Trotz aller Mängel steht sie für ihn «als überaus wertvolles Modell eines politisch umsetzbaren Verzeihens einzigartig da».
Joachim Küchenhoff schreibt als Psychoanalytiker. Er bietet also keine politische Thesen oder gar Lösungsvorschläge und keine oberflächlichen Ratschläge. Er verschweigt auch die Lücke in seinem Konzept nicht: «Wer nicht mit dem Anderen reden will, kann dazu nicht gezwungen werden.» Verzeihen lässt sich weder fordern noch verrechnen. Die südafrikanische Psychologin Pumla Gobodo-Madikizela, die in der Wahrheitskommission mitgearbeitet hat, fasst es so zusammen: «Verzeihen steht für das Eröffnen eines neuen Kapitels, nicht seines Schließens.»
Kurz gesagt
Verzeihen gilt als Schwäche, erst recht in Zeiten von Krieg und Polarisierung. Der Basler Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff hält dagegen: Verzeihen heisst nicht vergessen, sondern auf Rache verzichten, ohne die Schuld zu verdrängen. Das ist schwer. Wir werden es alle (wieder) lernen müssen.
Joachim Küchenhoff: Verzeihen. Plädoyer für eine unverzichtbare psychosoziale Fähigkeit. Psychosozial, 164 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-8379-3417-5
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783837934175
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 21. September 2026, Matthias Zehnder
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