Buchtipp

Letzter Tipp: Warum wir die andere Seite nicht verstehen: «Die Macht der Moral» von Jonathan Haidt

Wie die Moderne Prometheus entfesselt hat: «Prometheus» von Jonas Grethlein

Publiziert am 14. September 2026 von Matthias Zehnder

«Bedecke deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst», dichtet Goethe in seiner Ode Prometheus, «Ich kenne nichts Ärmeres unter der Sonn’, als euch, Götter!» In der griechischen Mythologie ist Prometheus ein Titan: Er formt die Menschen aus Ton, schenkt ihnen das Feuer und wertvolle Künste und Fähigkeiten. Heute ist Prometheus überall. Das erste geklonte Pferd, 2003 in Cremona geboren, hiess Prometea. In Berlin betreibt ein ehemaliger FDP-Abgeordneter ein Prometheus-Institut als «Heimat der Freiheit», in den USA versorgt Prometheus Labour Communications die Gewerkschaften mit Apps. Und als Elon Musk 2021 das Foto einer startenden Rakete twitterte, betitelte er es mit «Prometheus entfesselt». Jonas Grethlein, Altphilologe an der Universität Heidelberg, untersucht in seinem Buch über den Mythos Prometheus, was uns der Titan über die Gegenwart verrät. Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl, Zeus überlistete und dafür an einen Felsen geschmiedet wurde, sei «die einzige Gestalt der abendländischen Mythologie, der noch bis in unsere Gegenwart hinein ein letzter, aber vitaler Rest an Bedeutung geblieben ist», schreibt er. In seinem Buch zeichnet Jonas Grethlein drei Felder, die schon im antiken Mythos angelegt sind: die Technik, weil Prometheus mit dem Feuer alle Künste brachte; die Freiheit, weil er sich gegen den Göttervater (und Tyrannen) Zeus auflehnte; und die Arbeit, weil Zeus zur Strafe den Menschen die Nahrung verbarg. Auf dieser Reise von Hesiod über Goethe, Mary Shelley, Marx und Heidegger bis zu Elon Musk nutzt er die Antike als Prisma, um die Gegenwart neu zu sehen. Sein Befund: Die Antike hatte in das prometheische Streben Sicherungen eingebaut. Die Moderne hat sie gelöst. «Von seinen Fesseln befreit wird Prometheus bereits in der antiken Tragödie, entfesselt hat ihn aber erst die Moderne.»

PDF-Version

Im 5. Jahrhundert vor Christus machte (vermutlich) Aischylos Prometheus zum Erfinder der Technik: In der Tragödie «Der gefesselte Prometheus» rühmt sich der an den Felsen geschmiedete Titan, den Menschen das Feuer geschenkt zu haben, «das den Menschen sich als Lehrer/In jeder Fertigkeit erwies und großer Pfadbereiter». Prometheus zählt auf, was die Menschen ihm verdanken: die Sternkunde, Schrift und Zahl, die Zähmung der Tiere, die Schifffahrt, die Medizin. Und dazu «blinde Hoffnungen»: Weil die Menschen den Tag ihres Todes nicht mehr kennen, beginnen sie, Pläne zu machen. Doch die Tragödie lässt die Lobpreisung von Prometheus nicht unwidersprochen stehen. Der Chor fragt: «Und sahst du nicht/Die kraftlose Ohnmacht,/Die traumgleiche, mit der der Menschen/Blindes Geschlecht gehemmt ist?» Der Mensch bleibt ein «Eintagswesen».

Jonas Grethlein sieht darin die entscheidende Differenz zwischen Antike und Moderne. Mit dem Philosophen Odo Marquard unterscheidet er die Beliebigkeitskontingenz, den Raum, in dem der Mensch die Welt nach seinen Vorstellungen gestalten kann, von der Schicksalskontingenz, dem Wissen, dass seine Pläne scheitern können. «Das Projekt der Moderne hat sich ganz der Beliebigkeitskontingenz verschrieben.» In der griechischen Tragödie dagegen darf das Könnens-Bewusstsein «die Bühne nur zusammen mit der Einsicht in die menschliche Fragilität betreten». Wer Elon Musk als entfesselten Prometheus feiert, hat diesen Chor vergessen.

Was das Verdrängen der Schicksalskontingenz bedeutet, zeigt Jonas Grethlein anhand der Corona-Pandemie. Dass in vielen Ländern eine Mehrheit die teils drastischen Massnahmen nicht nur mittrug, sondern befürwortete, erklärt er nicht allein mit Nachrichtenbildern etwa aus Bergamo. Der tiefere Grund sei, «dass in modernen Gesellschaften der Tod und die Schicksalskontingenz weitgehend ausgeblendet werden». Ohne Formen, über die eigene Abhängigkeit nachzudenken, seien viele Menschen «von der Pandemie heillos überfordert» gewesen. Das Beispiel zeigt: Die Antike dient Jonas Grethlein nicht der Erbauung, sondern zur Kritik der Gegenwart.

Die Geschichte der Entfesselung von Prometheus erzählt er anhand von Bildern und Texten. Im Mittelalter verschwindet Prometheus fast völlig, im festen Gefüge einer gottgewollten Ordnung war für den Erfinder kein Platz. Francis Bacon entdeckt ihn zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Sinnbild des Fortschritts wieder, verankert ihn aber noch in der Religion. Goethes Prometheus-Ode kappt dieses Band («Ich kenne nichts Ärmer’s/Unter der Sonn’ als euch Götter»). Und 1934 schwebt im Rockefeller Center in New York eine vergoldete Bronzestatue des Titanen über der Eisbahn, mitten in der Grossen Depression, Denkmal eines Fortschrittsglaubens, «der ungetrübt ist von jeglichem Zweifel am menschlichen Können».

Aus dem Aischylos-Zitat an der Wand dahinter ist der Diebstahl gestrichen. Die Gegenstimme hatte Mary Shelley schon 1818 formuliert. Ihr «Frankenstein» trägt den Untertitel «Der moderne Prometheus», und Jonas Grethlein liest den Roman als Bruch mit der Antike: «Die prometheische Naturbeherrschung wird nicht mehr durch die menschliche Fragilität relativiert, sie selbst zerbricht den Menschen.»

Im 20. Jahrhundert wird der Fortschrittsheld zur Zielscheibe. Günther Anders diagnostizierte nach Hiroshima die «prometheische Scham»: Vor der Perfektion seiner Maschinen schämt sich der Mensch ob seiner eigenen Fehlerhaftigkeit. Die Wissenschaftshistorikerin Martina Heßler ergänzt die «prometheische Hilflosigkeit»: Jeder kennt das Gefühl, wenn nach Neustart, Router und Reset das Internet immer noch nicht funktioniert. Peter Sloterdijk ruft zur «prometheischen Reue» auf, denn die moderne Menschheit sei «ein Kollektiv von Brandstiftern, die an die unterirdischen Wälder und Moore Feuer legen».

Jonas Grethlein fügt einen eigenen Begriff hinzu, die «prometheische Paradoxie»: «Der Mensch ist so erfolgreich in seiner Beherrschung der Natur, dass er zum wichtigsten geologischen Akteur und Naturgeschichte zumindest zum Teil menschliche Geschichte geworden ist. Doch hat er dabei Entwicklungen in Gang gesetzt, die sich seiner Kontrolle entziehen und zu einer Bedrohung seiner Zivilisation auswachsen.» Der Transhumanismus schliesslich, der im Tod nur noch «technische Probleme» sieht, hebt den Titanen selbst auf. Menschen, die ihre Zukunft in der Hand haben, brauchen keinen Prometheus mehr: «Der post- und transhumanistische Prometheismus zielt auf ein Leben ohne Prometheus.»

Das zweite Feld ist die Freiheit, und hier wird das Buch politisch. Elon Musk, den seine Bewunderer als «visionären Verteidiger der Freiheit» feiern, steht in einer Reihe mit Karl Marx, den ein Flugblatt von 1843 als Prometheus zeigt, an eine Druckerpresse gekettet, den preussischen Adler an der Leber. «Wer wäre entsetzter über die gemeinsame prometheische Genealogie», fragt Jonas Grethlein, «Marx über das Band mit dem X-Betreiber oder Musk über die Verbindung mit dem Kapitalismuskritiker?» Die Pointe steckt schon in der Tragödie von Aischylos. Dort sagt Kratos, die Macht: «Denn frei ist keiner außer Zeus.» Und der Chor tröstet den Gefesselten: «Du wirst, aus diesen Fesseln einst/Befreit, nicht minder mächtig sein als Zeus.»

Der Soziologe Orlando Patterson legt nahe, dass Freiheit und Herrschaft keineswegs nur Gegensätze seien, sondern vielmehr eng miteinander verwoben. Mit Orlando Patterson interpretiert Jonas Grethlein Freiheit als Dreiklang aus Abwesenheit von Zwang, politischer Mitbestimmung und der Macht, die Freiheit anderer zu beschränken. Unterdrückung ist damit nicht nur der Gegensatz, sondern ein Bestandteil der Freiheit. Athen, die Wiege der Freiheit, machte aus dem Bündnis gegen die Perser ein Herrschaftssystem und liess die Mauern abtrünniger Städte schleifen. Der Althistoriker Kurt Raaflaub stellte deshalb fest: «Erstmals in der Weltgeschichte erschien ‹Freiheit› als zentraler Rechtfertigungsbegriff von Herrschaft.» Ähnliche Muster findet Jonas Grethlein bei Napoleon, bei den Nationalsozialisten, die den Titanen zum Fackelträger umschmiedeten, und bei den amerikanischen Südstaatlern, die im Namen der Freiheit die Rassentrennung verteidigten. «Schlummert im Befreier von heute nicht der Despot von morgen?», fragt er deshalb.

Am schärfsten scheint diese Dialektik in der DDR-Literatur auf. Prometheus stand in der DDR im Lehrplan als Ahnherr der Revolution. Doch seit den 1960er-Jahren nutzten die Dichter den Titanen, um im Gewand des Mythos zu sagen, was sie offen nicht sagen durften. Am weitesten ging Franz Fühmann: In seiner Prometheus-Erzählung für Kinder, deren zweiter Band erst posthum erschien, lebt der Titan mit zwei selbst geschaffenen Menschen in einem kretischen Tal. Die Ziegenkinder fragen die Ziege Amalthea, warum es immer dunkler werde. «Er macht es dicht, unser Tal», antwortet sie, die Mauer diene ihrem Schutz. Das jüngste Zicklein erkennt sofort: «Dann können wir ja nie mehr hier raus!» Prometheus muss später zugeben, «daß er den Schutzwall nicht nur gegen die Feinde von außen gebaut, sondern auch, daß seine Menschen ihm nicht entliefen». Und er gesteht sich ein: «Ein Reich der Gerechtigkeit wollte er gründen, und er war ungerechter als Kronos und Zeus!» Der Dichter Peter Gosse fasste die Erfahrung des real existierenden Sozialismus später in einem Satz: «Die Prometheuse waren zu Zeusen verkommen.»

Das dritte Feld, die Arbeit, führt zurück zu Hesiod, der Prometheus im 7. Jahrhundert vor Christus als Erster erwähnt. Bei ihm ist der Titan noch kein Held, sondern ein Trickster, der Zeus beim Opfer betrügt. Zeus rächt sich, indem er den Menschen die Nahrung entzieht: «Denn im Verborgenen halten die Götter die Nahrung den Menschen./Leicht ja erwürbest du sonst an einem Tage durch Arbeit/Habe dir für ein Jahr, das ohne Arbeit dir hinging.» Arbeit ist bei Hesiod das Los, das die Götter den Menschen zugeteilt haben, so wie in der Bibel der Sündenfall. Aber Jonas Grethlein liest aus den «Werken und Tagen» auch ein anderes Verständnis von Arbeit heraus: Der Bauer beherrscht die Natur nicht, er fügt sich in ihren Rhythmus ein. Sogar die Strafe des Prometheus deutet er in diesem Sinn. Die Leber, die der Adler tagsüber frisst und die nachts nachwächst, «ist ein Bild für eine Wirtschaft, die Ressourcen verbraucht und sich wieder nachbilden lässt – anders als die kapitalistische Ökonomie, die in ihrem bedingungslosen Wachstumsstreben Ressourcen verbraucht, bis sie versiegen». Eine Rückkehr zu Hesiod empfiehlt Jonas Grethlein nicht: «Von Fabrik und Fleischtheke führt kein Weg zurück zu Scholle und Opferplatz.» Aber Hesiod deutet auf das, was der moderne Arbeitsbegriff ausblendet.

Jonas Grethlein führt seine Leserinnen und Leser durch Bilder, Gedichte und Filme, von Piero di Cosimos Brauttruhe über Beethovens «Eroica» bis zur «Matrix», und er schreibt dabei alles andere als trocken. Heidegger nennt er «das fistelstimmige Sprachrohr des Seins im Lodenanzug». Handlungsanweisungen liefert die Antike nicht, «zu groß ist die Kluft, die unsere Welt vom griechisch-römischen Altertum trennt». Aber das Prisma zeigt, was die Moderne verloren hat: die Erinnerung an die eigene Fragilität, das Wissen um die Ambivalenz der Freiheit und die Einbettung der Arbeit in eine grössere Ordnung. Ohne diese Sicherungen ist die Moderne für Jonas Grethlein «weniger eine prometheische als eine hyperprometheische Epoche». Und sie bezahlt dafür einen Preis: «Die Ausweitung der Beliebigkeitskontingenz schlägt um in ein Anwachsen der Schicksalskontingenz, aus dem Streben nach Verfügungsgewalt erwächst ein Ausgeliefertsein.»

Kurz gesagt

Elon Musk nennt sich «Prometheus entfesselt». Der Heidelberger Altphilologe Jonas Grethlein nimmt ihn beim Wort und zeigt, was die Antike noch wusste: Feuer verbrennt, Freiheit unterdrückt, Arbeit bindet. Die Moderne hat diese Sicherungen gekappt. Der Mythos weist darauf, was uns fehlt.

Jonas Grethlein: Prometheus. Die Macht eines Mythos. Von der Antike bis zu Elon Musk. C.H. Beck, 384 Seiten, 44.90 Franken; ISBN 978-3-406-85062-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783406850622

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 14. September 2026, Matthias Zehnder

PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:

  • den neuen Sachbuchtipp
  • den aktuellen Buchtipp
  • den Hinweis auf den Wochenkommentar
  • das aktuelle Fragebogeninterview

Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!