Rainer Maria Rilke und die Aufmerksamkeit der Antilope
Haben Sie schon einmal versucht, eine Katze zu fotografieren? Sie nähern sich der Katze mit der Kamera oder dem Handy, rufen ihren Namen und versuchen sie dazu zu bringen, direkt ins Objektiv zu blicken. Ein Bild, auf dem die Katzenaugen einen direkt anschauen, wäre faszinierend. Doch nach kürzester Zeit gleitet der Blick der Katze ab. Sie schaut an einem vorbei, dreht die Ohren nach dem Piepen eines Vogels und dann gähnt sie auch noch. Alles Rufen, Schnalzen und Schmeicheln hilft nichts, die Katze scheint nicht interessiert. Genauso geht es mir immer häufiger, wenn ich mit Menschen rede. Am Anfang ist die Aufmerksamkeit da, doch sie lässt schnell nach und wendet sich sofort dem Piepen des Mobiltelefons zu, wenn es einen Laut von sich gibt. Jahrelang war davon die Rede, dass Aufmerksamkeit die wichtigste Währung ist im Internet und auf dem Handy. Doch in unseren Köpfen scheint sich dabei etwas Zentrales verschoben zu haben. Das bestätigen gleich mehrere Studien. Dabei geht es interessanterweise nicht einfach darum, dass sich viele Menschen nicht mehr auf etwas konzentrieren können, sie haben vor allem die Fähigkeit verloren, den Überblick zu gewinnen. Rainer Maria Rilke beschreibt diese breite Wahrnehmung der Welt in wunderbaren Worten. Was passiert mit uns, wenn wir unsere Aufmerksamkeit verlieren? Mit einem kleinen Denkwerkzeug biete ich Ihnen diese Woche die Möglichkeit, wissenschaftlich fundiert zu testen, wie es um Ihre eigene Aufmerksamkeit bestellt ist.
Es ist eines der bekanntesten Gedichte der deutschen Literatur, sie kennen es bestimmt:
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
So beginnt «Der Panther» von Rainer Maria Rilke. Es ist ein eindrückliches Bild: Obwohl ein Panther doch der Inbegriff eines muskelstrotzenden Raubtiers ist, beginnt Rilke mit dem müden Blick des Tieres. In der letzten Strophe öffnet der Panther kurz seine Augen und Rilke macht die ganze Sehnsucht des eingesperrten Raubtiers sichtbar:
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Auf wenigen Zeilen macht Rilke in dem Gedicht deutlich, wie eng der Blick des Tiers mit seiner Aufmerksamkeit, seinem Denken und seinem Wesen verbunden ist. Dieser müde gewordene Blick begegnet mir mittlerweile vor allem bei Menschen. Dabei waren wir noch nie so frei wie heute. Oder täuschen wir uns da? Haben wir uns einen Käfig gebaut, dessen Gitterstäbe aus Mobiltelefonen, Smartwatches, Computern und dem Internet bestehen? Einige Studien deuten tatsächlich auf genau das hin.
Dabei ist es gar nicht so einfach, Aufmerksamkeit zu definieren. Ich habe 2017 ein Buch über die Medien in der «Aufmerksamkeitsfalle» geschrieben und hatte damals grösste Mühe, vernünftige Definitionen dafür zu finden, was Aufmerksamkeit und das Aufmerken sind. Heute bezeichnet die Kognitionspsychologie die Aufmerksamkeit als Fähigkeit zur Selektion. Das klingt erst mal abstrakt, ist aber ganz einfach: Wir sind begrenzte Wesen und können nicht alles gleichzeitig wahrnehmen, denken oder tun. Wir müssen deshalb aus vielen Möglichkeiten auswählen. Kognitionspsychologen wie Wenjuan Liu bezeichnen Aufmerksamkeit deshalb als Fähigkeit, unsere begrenzten geistigen Ressourcen effizient auf etwas Bestimmtes zu lenken.
Die Antilope und der Löwe
Der britische Psychiater, Philosoph und Neurowissenschaftler Iain McGilchrist unterscheidet dabei zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Aufmerksamkeit. Ich nenne sie die Aufmerksamkeit der Antilope und die Aufmerksamkeit des Löwen.
Die Antilope verfügt über eine breite Wachsamkeit, die lebenswichtig ist für Beutetiere: Die Antilope sucht ständig ihre Umgebung nach potenziellen Raubtieren und anderen Gefahren ab, auch wenn sie scheinbar entspannt am Grasen ist.
Der Löwe dagegen fokussiert sich bei der Jagd ganz auf seine Beute. Das ist die konzentrierte, zielgerichtete Aufmerksamkeit. Sie wird von Raubtieren genutzt, um Beute zu jagen und zu fassen.
Wir Menschen verfügen, wie viele Tiere, über beide Arten der Aufmerksamkeit. Möglich ist das, weil wir zwei Gehirnhälften haben. Die rechte Gehirnhälfte ist für eine breite, offene und wachsame Aufmerksamkeit zuständig, die linke Gehirnhälfte für die zielgerichtete, fokussierte Aufmerksamkeit. Wir haben also alle rechts eine Antilope im Kopf und links einen Löwen. Möglich ist diese Spezialisierung durch die Arbeitsteilung unserer Gehirnhälften, die sogenannte Lateralisation.
Küken, Körner und der Raubvogel
Das haben Forscher in Australien in Tierversuchen mit Küken nachgewiesen. Sie konnten zeigen, dass ein Tier zwei völlig unterschiedliche Arten von Aufmerksamkeit gleichzeitig aufbringen kann. Die Forscher haben dafür die Lateralisation bei Küken manipuliert, noch bevor diese schlüpften. Eine Gruppe von Küken verfügte über Gehirne mit zwei unterschiedlichen Hälften, die andere Gruppe hatte nicht-lateralisierte Gehirne. Nach dem Schlüpfen stellten die Forscher die Küken vor eine lebenswichtige Doppelaufgabe: Sie mussten einerseits Futterkörner finden, die zwischen ganz ähnlich aussehenden Kieselsteinen verstreut waren, und gleichzeitig auf die Attrappe eines Raubvogels achten, die über ihren Köpfen kreiste.
Bei den Küken übernahm die linke Gehirnhälfte verbunden mit dem rechten Auge den engen Fokus, um analytisch die echten Körner von den Kieselsteinen zu unterscheiden. Die rechte Gehirnhälfte war unterdessen für die breite Wachsamkeit zuständig und scannte die Umgebung mit dem linken Auge nach dem herannahenden Feind ab.
Doppelbelastung für das Gehirn
Das Experiment zeigte gravierende Unterschiede in der Leistungsfähigkeit der beiden Kükengruppen: Die Küken mit zwei ausgebildeten Gehirnhälften meisterten beide Aufgaben hervorragend. Sie lernten erfolgreich, die Kieselsteine zu meiden und bemerkten gleichzeitig den Raubvogel schneller und häufiger. Typischerweise unterbrachen sie das Picken und neigten den Kopf, um den Schatten gezielt mit dem linken Auge (also der rechten Gehirnhälfte) zu fixieren.
Die nicht-lateralisierten Küken waren mit dieser Doppelbelastung massiv überfordert. Die Notwendigkeit, auf den Raubvogel zu achten, beeinträchtigte ihre Nahrungssuche so stark, dass sich ihre Fähigkeit, Körner von Steinen zu unterscheiden, im Laufe des Tests sogar verschlechterte. Ohne die Bedrohung durch den Raubvogel konnten auch sie das Fressen lernen.
Der Meister und der Gesandte
Der Versuch belegt, dass eine funktionale Teilung des Gehirns es ermöglicht, zwei völlig unterschiedliche und überlebenswichtige kognitive Prozesse gleichzeitig und störungsfrei auszuführen: Die Küken hatten gleichzeitig einen Löwen, also die zielgerichtete, eng fokussierte Nahrungssuche, und eine Antilope, die offene, breite Wachsamkeit gegenüber der Umgebung, in ihrem Gehirn aktiviert.
In seinem Buch «The Master and His Emissary: The Divided Brain and the Making of the Western World» sagt Iain McGilchrist, der grundlegendste Unterschied zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte liege nicht darin, was sie tun, sondern wie sie es tun. Er bezeichnet die rechte Hemisphäre, unsere Antilope, als «Meister» und die linke Hemisphäre, unseren Löwen, als «Gesandten».
Der Meister (also die Antilope) verfügt über eine breite, offene, flexible und wachsame Aufmerksamkeit. Sie ist darauf ausgerichtet, die Welt in ihrer Ganzheit, Lebendigkeit, ihrem Kontext und ihrer ständigen Veränderung wahrzunehmen. Sie tritt in Beziehung zur Natur und anderen Menschen und versteht implizite Bedeutungen, Metaphern und den Körper.
Der Gesandte (also der Löwe) verfügt über eine enge, scharf fokussierte Aufmerksamkeit. Ihr Ziel ist die Isolation, Fragmentierung und Kategorisierung von Dingen, um sie nutzbar, kontrollierbar und manipulierbar zu machen. Sie erschafft eine statische, dekontextualisierte, mechanische Repräsentation der Welt.
Zuerst die Antilope, dann der Löwe
Iain McGilchrist sagt, in einem natürlichen und gesunden kognitiven Ablauf nimmt die Antilope im Gehirn zuerst ganzheitlich die Welt wahr, dann kommt der Löwe ins Spiel und analysiert und zerlegt diese Welt. Die Antilope fügt die einzelnen, bearbeiteten Teile dann wieder in ihr ganzheitliches Bild ein. McGilchrist argumentiert nun, dass die Technologisierung der westlichen Welt von einem Machtkampf zwischen diesen beiden Rollen geprägt sei, in dem sich der Löwe (er nennt ihn den Gesandten) verselbstständigt habe. Wir nehmen deshalb das grosse Ganze immer weniger wahr. Weil der Löwe zu viel Macht hat, zerfällt die Welt in unserer Wahrnehmung immer stärker in Einzelteile ohne Zusammenhang.

Iain McGilchrist beobachtet diese Entwicklung schon seit der Industrialisierung. Neuere Studien zeigen, dass die Nutzung von Smartphones und des Internets die «Raubtieraufmerksamkeit» der linken Gehirnhälfte stark fördert und gleichzeitig die breite, offene Wachsamkeit der Antilope im Gehirn unterdrückt. So konnte Ming Peng zeigen, dass bereits eine kurze Nutzung des Internets wie beim Online-Shopping den visuellen und kognitiven Aufmerksamkeitsfokus messbar verengt.
Das Smartphone fördert den Löwenmodus
Normalerweise erfasst das menschliche Gehirn zuerst im Antilopenmodus das grosse Ganze und fokussiert erst danach. Nach der Internetnutzung verschwindet dieser globale Vorrang jedoch; die Nutzer wechseln in einen detailorientierten Löwenmodus. Ihre Gehirne fokussieren sich auf isolierte Einzelteile – genau das, was die linke Gehirnhälfte bei der Jagd oder beim zielgerichteten Greifen von Beute tut.
Noch stärker wirkt das Smartphone: Weil es diesen Löwenmodus mit seinem Display geradezu erzwingt, bricht die umgebungsorientierte, weite Wachsamkeit der Antilope zusammen. Das zeigt ein Experiment mit einem einradfahrenden Clown eindrücklich: Handynutzer sind schon beim Telefonieren kognitiv so stark auf ihr Gerät fixiert, dass 75 Prozent von ihnen auffällige, unerwartete Dinge in ihrer direkten Umgebung wie einen einradfahrenden Clown völlig übersehen. Ihre periphere, schützende Aufmerksamkeit der Antilope ist quasi abgeschaltet.
Wenn die Antilope durch das Schlüsselloch guckt
Diese Effekte verstärken sich noch durch die Organisation der digitalen Medien: Das Internet präsentiert Informationen nicht als zusammenhängendes Ganzes, sondern fragmentarisch und durch Hyperlinks zerstückelt. Dieser ständige Wechsel zwischen einzelnen Informationshäppchen zwingt das Gehirn in ein oberflächliches, eng fokussiertes «Scannen». Das ist ein paradoxer Modus, die Antilope guckt dabei quasi durch das Schlüsselloch des Löwen. Das Resultat ist, dass wir die Welt insgesamt nur noch im Schlüssellochmodus wahrnehmen.
Iain McGilchrist schreibt in «The Master and His Emissary», dass das Smartphone und die digitale Welt perfekt dem Löwen in der linken Gehirnhälfte dienen. Der ist darauf spezialisiert, die Dinge aus dem Kontext zu reissen, um sie kognitiv zu packen. Die Antilope in der rechten Gehirnhälfte, die die Welt als verbundenes, weites und lebendiges Ganzes wahrnimmt, in dem wir präsent sind, wird durch diesen künstlich erzeugten, permanenten Schlüssellochblick zunehmend verdrängt.
Zuerst der Wald und dann die Bäume
Wir sehen also durch das Schlüsselloch des Löwen nur noch Bäume und erkennen den Wald nicht mehr. Das hat verheerende Folgen, weil unsere Wahrnehmung genau umgekehrt funktioniert. Das konnte der Psychologe David Navon 1977 in einem spannenden Experiment beweisen. In seiner Studie «Forest Before Trees» («Der Wald vor den Bäumen») zeigte er, dass die ganzheitliche Erfassung einer visuellen Szene zeitlich vor der Analyse der einzelnen Details stattfindet. Zuerst kommt also immer die Antilope, die den Wald sieht, danach erkennt der Löwe die einzelnen Bäume.
Belegt hat David Navon das mit einem Buchstabenexperiment. Er konstruierte grosse Buchstaben (sie stehen für den Wald), die aus vielen kleinen Buchstaben (also den Bäumen) zusammengesetzt waren. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten:
- Der grosse Buchstabe und die kleinen Buchstaben sind identisch. Zum Beispiel besteht ein grosses «H» aus vielen kleinen «Hs».
- Der grosse Buchstabe und die kleinen Buchstaben widersprechen sich. Zum Beispiel besteht ein grosses «H» aus vielen kleinen «S».
Keine Bäume ohne Wald
Seine Experimente zeigen, dass die Probanden den grossen Buchstaben sofort erfassen. Wenn sie den grossen Buchstaben nennen sollten, waren sie extrem schnell. Es war dabei egal, ob die kleinen Buchstaben dazu passten oder nicht. Das Lokale störte das Globale nicht. Sollten die Probanden jedoch die kleinen Buchstaben nennen, wurden sie stark abgebremst und irritiert, wenn der grosse Buchstabe ein anderer war. Das Globale störte das Lokale massiv.
Navon konnte mit diesen Experimenten zweifelsfrei nachweisen, dass wir den «Wald», also das grosse Ganze, bewusst wahrnehmen können, ohne die «Bäume» zu beachten. Aber wir können uns nicht auf die «Bäume» konzentrieren, ohne dass unser Gehirn automatisch und unwillkürlich zuerst den «Wald» erfasst. Die globale Verarbeitung ist somit ein zwingender, vorgeschalteter Schritt in unserer visuellen Wahrnehmung.
Die Antilope hat Humor
Umso verheerendere Auswirkungen hat es, wenn unsere Gehirne die Fähigkeit verlieren, dieses grosse Ganze wahrzunehmen. Im Extremfall führt es dazu, dass wir die Welt und andere Lebewesen nur noch als mechanische Objekte oder Ressourcen betrachten. Der Löwe auf der Jagd kümmert sich nicht darum, wie es der Antilope geht. Wir verlieren mit der Antilope die Fähigkeit zur Empathie. Der Löwe im Gehirn hat keinen Blick für die feinen emotionalen Signale, wie etwa den Ausdruck in den Augen unseres Gegenübers.
Die Antilope (also die rechte Gehirnhälfte) ist auch zuständig für Humor, Ironie, Poesie und die unausgesprochenen sozialen Regeln. Der Löwe kennt dagegen nur Schwarz oder Weiss, ist absolut wörtlich, regelbasiert und starr. Wenn wir die offene Wahrnehmung verlieren, wird unsere Wahrnehmung flach. Wir verlieren das Verständnis für das Indirekte und die Vielschichtigkeit menschlicher Kommunikation, was zu einer Welt führt, in der alles über-explizit geregelt werden muss.
Der Löwe langweilt sich
Iain McGilchrist weist zudem auf einen paradoxen Effekt hin: Trotz vieler Reize langweilt sich der Löwe schnell. Die Antilope erlebt die Welt als etwas Fliessendes, sich ständig Veränderndes und Lebendiges. Der enge Fokus des Löwen in der linken Gehirnhälfte hingegen friert die Zeit ein und zerlegt, was er sieht, in statische Einzelteile. So werden die Dinge kontrollierbar und berechenbar. Leben wir nur noch in diesem Löwenmodus, wird die Welt mechanisch, vorhersehbar und letztlich leblos. Das führt paradoxerweise zu einem tiefen Gefühl von Entfremdung, Sinnlosigkeit und einer chronischen Langeweile, weil uns die echte, unkontrollierbare Lebendigkeit, wie wir sie im Antilopenmodus erleben, abhandenkommt.
Verwandeln wir uns also alle in Löwen? Schlimmer noch: Wir verlieren beide Fähigkeiten, die der Antilope, aber auch die Fähigkeit zur tiefen Konzentration des Löwen. Wir verwandeln uns quasi in Mischwesen. Ich nehme als Bild die Harpyien: in der griechischen Mythologie sind das geflügelte Mischwesen, halb Vogel, halb Mensch. Sie verkörpern die zerstörerischen Sturmwinde und sind nicht in der Lage, an einem Ort zu verweilen. Die ständigen Reize des Smartphones und die erzwungene Schlüssellochaufmerksamkeit verwandeln uns also in Harpyien: wachsam, aber nur im Schlüsselloch, fokussiert, aber nur bis zum nächsten Reiz, immer unterwegs, aber nie am Ziel.
Die KI verwandelt uns in Chimären
Schlecht eingesetzt, unterstützt die KI die Harpyie in uns. Die KI simuliert die Aufmerksamkeit der Antilope und die Präzision des Löwen, erzeugt aber vor allem Ungeduld und das Bedürfnis nach instrumentellen Antworten. Die KI kann damit zum perfekten Aufmerksamkeitsverkürzer werden.
Um zu überleben, müssen Vögel gleichzeitig fressen und nach Feinden Ausschau halten können. Sie lösen dieses Dilemma mit zwei Aufmerksamkeitsmodi: Das rechte Auge sucht schmal und fokussiert wie ein Löwe, das linke Auge behält das gesamte Panorama im Blick wie eine Antilope. Iain McGilchrist sieht darin ein Grundprinzip unserer Kognition. Wir brauchen beide Modi, den Löwen und die Antilope. Damit Sie sich konkret mit den unterschiedlichen Aufmerksamkeiten und Blickweiten auseinandersetzen können, habe ich Ihnen einen Test entwickelt, mit dem Sie messen können, ob in Ihrem Gehirn der Löwe oder die Antilope dominiert oder ob Sie bereits zur Harpyie geworden sind. Der Test basiert auf der Navon-Aufgabe, er ist also wissenschaftlich fundiert.
Der Blickweiten-Test
Und so funktioniert mein Blickweiten-Test: Sie sehen auf dem Bildschirm grosse Buchstaben, die aus kleinen Buchstaben zusammengesetzt sind. Darunter ist jeweils eine Frage eingeblendet. Mal werden Sie nach dem grossen Buchstaben gefragt, mal nach den kleinen. Mit den Pfeiltasten wählen Sie den richtigen Buchstaben aus. Entscheidend ist dabei die Reaktionszeit. Um die Antilope richtig zu fordern, wird ab und zu am Rand etwas eingeblendet. Wenn Sie das sehen, drücken Sie die Leertaste.
Sie können den Test zuerst in vier Runden ohne Wertung üben, dann folgen 20 gewertete Runden. Das dauert etwa vier Minuten. Am Ende erhalten Sie Ihr persönliches Blickweite-Profil auf einer Skala zwischen Löwe und Antilope und Sie erfahren, ob Sie vielleicht doch eine Harpyie sind.
Der Test ist zwar wissenschaftlich fundiert, aber dennoch keine Diagnose, sondern eher eine Einladung zur Selbstbeobachtung. Und eine Einladung dazu, der Antilope wieder mehr Raum zu geben. Ein Mittel dazu ist das Schreiben. Und zwar nicht mit der Maschine und schon gar nicht im Diktat, sondern von Hand: Das langsame, tastende, abwartende Formulieren.
Ziel wäre es, jenen Zustand zu beschreiben, den Rainer Maria Rilke in «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» beschreibt:
«Ich lerne sehen. Ich weiss nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiss nicht, was dort geschieht.»
Das ist der Antilopen-Modus: Wahrnehmung, die nicht an der Oberfläche bleibt, sondern tief eindringt. Dann geht ein Bild hinein, / geht durch der Glieder angespannte Stille – aber es hört im Herzen (anders als bei Rilke) nicht auf zu sein.
Basel, 05.06.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
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Quellen:
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Ein Kommentar zu "Rainer Maria Rilke und die Aufmerksamkeit der Antilope"
Jetzt aber: Was ist denn da los? Karl Ole Knausgard, Max Frisch, Heinrich Kleist, Robert Walser, Rainer Maria Rilke – alles (weisse) alte Männer!!! Hallo – das geht nicht. Alice Schwarzer + Tamara Funicello + die ganze SP-Feminimus-Sturmtruppe sind schon im Anmarsch, skandieren „Einseitigkeit und Kampf dem Manne“ und wenn es so weitergeht ruft die Juso heftig nach: „You will not be missed“…….