Longevity: Die gefährliche Sehnsucht nach ewiger Jugend

Publiziert am 14. November 2025 von Matthias Zehnder

Ich habe manchmal den Eindruck: Wer alt wird, ist selber schuld. Das Wort der Stunde heisst: Longevity. Eigentlich heisst das auf Deutsch schlicht «Langlebigkeit». Aber Longevity meint mehr: Es geht um die Verlängerung der gesunden Lebensjahre. Auch dafür gibt es ein Fachwort: «Healthspan». Das ist die Lebenszeit, die wir frei von Krankheiten und bei guter Vitalität verbringen. Nichts gegen gesunde Ernährung und etwas Bewegung. Doch wenn ich mir die Longevity-Literatur so anschaue, blicken mich lauter schöne, junge, strahlende  Menschen an: glatte Haut, volle Lippen, gerader Rücken, glänzendes Haar. Viele Experten versprechen inzwischen nicht nur ein beschwerdefreies, sondern deutlich mehr: Sie versprechen ein altersfreies Alter. «Verjüngung ist möglich. Wissenschaftlich erforscht», verspricht eines der Bücher. Ein anderes spricht gar vom ewigen Leben. Was mir dabei auffällt: In den Büchern ist die Rede von Ruhepuls und Insulinspiegel, von Antioxidanzien und Mononukleotiden, von Hirnleistung und Herzgesundheit. Bloss wofür das Herz so lange schlagen soll, das sagt keins der Bücher. Mir ist deshalb ein ganz anderes Buch in den Sinn gekommen. Die bitterböse Geschichte eines jungen Mannes, der nicht älter werden will, weil er seine Jugendlichkeit für den herrlichsten Besitz hält. Der schöne Jüngling überlässt das Altern deshalb einem Porträt, das ein Maler von ihm angefertigt hat. Sie haben die Geschichte sicher erkannt: Es ist «The Picture of Dorian Gray», der einzige Roman des irischen Schriftstellers Oscar Wilde. Ich glaube, Dorian Gray kann uns einiges über Longevity lehren.

Der Buchmarkt ist manchmal ein guter Indikator für Trends. Schauen wir also mal in die Neuerscheinungen und die Verkaufslisten. Da finden wir Titel wie: «Die Longevity-Food-Formel. Wie wir mit Ernährung Einfluss auf ein langes und gesundes Leben nehmen können.» «Die Chrono-Strategie. Gesünder, fitter, jünger – im Takt mit der inneren Uhr.» «Verjüngung ist möglich. Wissenschaftlich erforscht – was wirklich hilft.» «Lifestyle of Longevity: Voller Energie in ein längeres Leben.» «Projekt Lebensverlängerung: Wie 100 gesunde Lebensjahre möglich werden.» «Longevity. Einfache Rezepte für ein langes Leben.» «Longevity.» «Skin Longevity.» «Longevity.» «Live forever?» und «Ageless.»

 

Nun ist es zweifellos sinnvoll, seinem Körper Sorge zu tragen. Die meisten Menschen haben nur diesen einen. Die Forschung ist sich einig, dass gessnder altert, wer sieben einfache Regeln einhält: Ernähren Sie sich ausgewogen mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und Nüssen. Bewegen Sie sich im Alltag so oft wie möglich. Schlafen Sie ausreichend und regelmässig. Rauchen Sie nicht. Reduzieren Sie Stress. Trinken Sie möglichst wenig Alkohol. Pflegen Sie soziale Kontakte.

Einiges davon ist schneller gesagt als getan. Wer kleine Kinder hat, kann von ausreichend Schlaf nur träumen und für den Stress ist oft die Arbeitssituation verantwortlich. Viel Bewegung, nicht zu rauchen und sich gesund zu ernähren ist dagegen für die meisten Menschen durchaus machbar.

Der Wunsch nach ewigem Leben

Die Longevity-Ratgeber versprechen aber weit mehr als Gesundheit und Wohlbefinden durch Joggen und gesunde Hülsenfrüchte. Da ist die Rede von Lebensverlängerung, von 100 gesunden Lebensjahren. Es geht um einen Abschied vom Altern, ja sogar um Verjüngung. Das Ziel ist Alterslosigkeit oder sogar das ewige Leben. Das sind keine leeren Worte, es ist genau so gemeint. Der amerikanische Startup-Gründer Bryan Johnson zum Beispiel hat diesem Ziel sein Leben gewidmet: Er will nicht sterben. Dafür investiert er Jahr für Jahr Millionen. Derzeit soll er mit einem Tempo von 0,69 altern. Das heisst, dass sein Körper in 365 Tagen nur 251 Tage älter wird.

Bei Durchsicht der Longevity-Bücher und der Berichte über ewiges Leben ist mir Dorian Gray in den Sinn gekommen, der Jüngling, den der Kunstmaler Basil Hallward im Roman von Oscar Wilde auf seine Leinwand bannt. Als Lord Henry den jungen Mann zum ersten Mal sieht, findet auch der zynische Lord, dass der Junge «wirklich ganz wunderbar» aussehe «mit seinen fein geschwungenen, scharlachroten Lippen, den offenen blauen Augen, den krausen blonden Haaren.» In seinem Gesicht, findet Lord Henry, liege etwas, das sogleich Vertrauen weckte. «Der ganze Freimut der Jugend lag darin, ebenso ihre volle, leidenschaftliche Reinheit. Man hatte das Gefühl, dass er sich unbefleckt von der Welt bewahrt hatte.» Kurz: Oscar Wilde portraitiert Dorian Gray als Inbegriff der Jugend. Sein Bild könnte auf jedem dieser Longevity-Ratgeber prangen.

Dorian Gray lässt sich verführen

Der Roman von Oscar Wilde setzt im Atelier von Basil Hallward ein. Da steht Dorian Gray dem Kunstmaler Modell. Lord Henry, der mit Basil befreundet ist, macht die Bekanntschaft mit dem schönen Jüngling. In einer Pause gehen Dorian und Lord Henry in den Garten. Der junge Mann geniesst die Sonne. Doch da fordert Lord Henry Dorian auf, sich in den Schatten zu setzen.

«Setzen wir uns doch in den Schatten», sagte Lord Henry. «Parker hat uns die Getränke herausgebracht, und wenn Sie weiter in der grellen Sonne bleiben, werden Sie ganz verdorben, und dann wird Basil Sie nie wieder malen. Sie dürfen wirklich nicht zulassen, dass Sie einen Sonnenbrand bekommen. Das würde Ihnen nicht stehen.»
«Was macht das schon?», lachte Dorian Gray, als er sich auf die Bank am Ende des Gartens setzte.
«Es sollte alles für Sie ausmachen, Mr Gray.»
«Warum denn?»
«Weil Sie die herrlichste Jugend besitzen, und Jugend ist das Einzige, was sich zu besitzen lohnt.»
«So sehe ich das nicht, Lord Henry.»

Jetzt setzt Lord Henry zu einer längeren Antwort an. Ich gebe sie hier leicht gekürzt wieder. Achten Sie darauf, wie der Lord Schritt für Schritt Schönheit und Jugend zu absoluten Werten macht.

«Nein, jetzt sehen Sie das nicht so. Eines Tages, wenn Sie alt und runzlig und hässlich sind, wenn das Denken Ihnen mit seinen Falten die Stirn verdorrt und die Leidenschaft den Mund mit ihrem hässlichen Feuer versengt hat, dann werden Sie es spüren, grässlich spüren. Jetzt aber bezaubern Sie alle Welt, wohin Sie auch gehen. Wird das immer so sein? … Sie haben ein wunderschönes Gesicht, Mr Gray. Runzeln Sie nicht die Stirn. Es ist so. Und Schönheit ist eine Form von Genie – ja, eine höhere noch, da sie keiner Erklärung bedarf. Sie ist eine der grossen Tatsachen der Welt wie die Sonne, der Frühling oder die Spiegelung im dunklen Wasser jener Silberschale, die wir Mond nennen. Man kann sie nicht infrage stellen. Sie hat ihr göttliches Souveränitätsrecht. Sie macht jene, die sie besitzen, zu Fürsten. Sie lächeln? Ah!, wenn Sie sie verloren haben, werden Sie nicht mehr lächeln. … Manche sagen, Schönheit sei oberflächlich. Das mag sein. Aber wenigstens ist sie nicht so oberflächlich wie das Denken. Für mich ist Schönheit das Wunder aller Wunder. Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äusseren Schein. Das wahre Rätsel der Welt ist nicht das Unsichtbare, sondern das Sichtbare. … Ja, Mr Gray, die Götter haben es gut mit Ihnen gemeint. Doch was die Götter geben, nehmen sie auch schnell wieder. Ihnen bleiben nur wenige Jahre, in denen Sie wirklich, vollkommen und in Fülle leben können. Wenn Ihre Jugend vergeht, vergeht auch Ihre Schönheit, und dann werden Sie plötzlich entdecken, dass Ihnen keine Triumphe mehr geblieben sind oder Sie sich mit jenen ärmlichen begnügen müssen, die in der Erinnerung an Ihre Vergangenheit bitterer als Niederlagen werden. Jeder schwindende Monat bringt Sie etwas Schrecklichem näher. … Sie werden fahl und hohlwangig sein, Ihre Augen trüb. Sie werden furchtbar leiden.… In dem Moment, als ich Ihnen begegnet bin, habe ich gesehen, dass Sie sich dessen, was Sie wirklich sind, was Sie wirklich sein könnten, gar nicht bewusst sind. …  Jugend! Jugend! Es gibt absolut nichts auf der Welt als Jugend!»

So träufelt der zynische Lord Henry sein Gift in Dorians Ohr. Er spinnt mit seinen Worten ein Netz um ihn. Es geht nicht lange, und schwupps: hat er den Jüngling darin gefangen. Er sagt zum Beispiel: Schönheit sei «nicht so oberflächlich wie das Denken.» Gemeint ist: Ein Gedanke lässt sich ändern. Ein Gesicht nicht. Deshalb, sagt Lord Henry, ist das Denken oberflächlicher. Für ihn sei deshalb die «Schönheit das Wunder aller Wunder.» Und dann verdreht er uns den Gedanken im Kopf: «Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äusseren Schein. Das wahre Rätsel der Welt ist nicht das Unsichtbare, sondern das Sichtbare.» Und dann folgt der letzte böse Satz, der Dorians Herz zermürbt: «Wenn Ihre Jugend vergeht, vergeht auch Ihre Schönheit.»

Vergeht die Jugend, vergeht die Schönheit

Im Zusammenhang mit seinem Lob der Schönheit des jungen Mannes ist man geneigt, dem zynischen Lord zuzunicken. So ist es: Vergeht die Jugend, vergeht die Schönheit. Wer aber seine Schönheit verliert, argumentiert Lord Henry, verliert quasi sein Leben. Denn Schönheit ist ein noch höherer Wert als Genie, weil Schönheit keiner Erklärung bedarf. Schönheit sei «eine der grossen Tatsachen der Welt wie die Sonne» oder der Frühling. «Man kann sie nicht infrage stellen.» Schönheit ist göttlich.

Damit hat Lord Henry Dorian Gray gefangen. Als der junge Mann etwas später das prächtig gelungene Gemälde betrachtet, das Basil von ihm gemalt hat, freut er sich nicht über die Schönheit, im Gegenteil empfindet er schon ihren Verlust:

«Wie traurig!», murmelte Dorian Gray, die Augen weiterhin auf sein Portrait geheftet. «Wie traurig! Ich werde alt werden, scheusslich und widerwärtig. Dieses Bild aber wird immer jung bleiben. Es wird nie älter als an diesem Tag im Juni sein. … Wäre es nur umgekehrt! Würde ich nur immer jung bleiben und das Bild altern! Dafür – dafür – würde ich alles geben! Ja, es gibt nichts auf der ganzen Welt, das ich nicht gäbe! Meine Seele würde ich dafür geben!»

Das ist der faustische Moment im Roman von Oscar Wilde: Dorian Gray verkauft seine Seele, um ewig jung zu bleiben. Das kann nicht gut enden. So viel ist klar. Mich interessiert heute aber weniger dieser schreckliche Handel, als die Art, wie Lord Henry mit wenigen Worten Schönheit und Jugend zu absoluten Werten macht. Beim Lesen ertappen wir uns dabei, dass wir zwar Dorians Handel missbilligen, nicht aber die Bewertung der Schönheit durch Lord Henry. Und dies, obwohl Oscar Wilde deutlich zeigt, welch zynischer Geselle dieser Lord ist. So sagt der etwa über Frauen:

Sie schminken sich, um jung zu erscheinen. Unsere Grossmütter schminkten sich noch, um brillant zu reden. Da gehörten Rouge und Esprit noch zusammen. Das ist jetzt vorbei. Solange eine Frau zehn Jahre jünger als ihre eigene Tochter aussehen kann, ist sie vollauf zufrieden.

Das ist zynisch – aber denken viele Menschen heute nicht genau so? Dorian Gray verkauft seine Seele, weil seine jugendliche Schönheit ihm gesellschaftlich Macht verleiht. Offensichtlich waren im viktorianischen London Schönheit und Jugend das ultimative soziale Kapital. Schönheit öffnete alle Türen, besonders einem jungen Mann aus der Elite. Dorian wünscht sich, dass dieses Kapital ewig und unangetastet bleibt.

Äusseres und Inneres trennen sich

Der Pakt führt dazu, dass sich seine äussere Schönheit und sein Inneres voneinander trennen. Er bleibt jung und schön – und damit in den Augen der Gesellschaft unschuldig und rein. In Wahrheit jedoch führt er ein zügelloses Leben und zerfällt moralisch immer mehr. Seine Bosheit ist äusserlich nicht sichtbar; er bezahlt keinen Preis in Form von Falten oder Härte. Alle Spuren seines Lebens graben sich in das Porträt ein.

Möglich ist das, weil die viktorianische Gesellschaft äussere Jugend und Schönheit über innere Werte, Geist und Moral stellt. Aber warum ist Schönheit so zentral? Die Philosophin Karen Gloy schreibt, Schönheit habe eine «evolutionsbiologische Bedeutung». Schon Charles Darwin hat darauf hingewiesen, dass Schönheit die Erfolgsaussichten für die Reproduktion erhöht. Jugendliches Aussehen, Gesundheit, Kraft und Stärke versprechen Erfolg bei der Zeugung von Nachkommen. Bevorzugt werden Symmetrie im Körperbau, glatte Haut und Haarfülle als Indiz für einen stabilen Hormonhaushalt oder die Absenz von Parasiten.

Jugendliche Schönheit als absoluter Wert

Der aktuelle Longevity-Trend geht aber darüber hinaus. Jugendliche Schönheit ist zum absoluten Wert geworden. Der «Spiegel» hat dem Beauty-Hype soeben eine Titelgeschichte gewidmet. Laut Studien hat sich die Zahl der Schönheitsoperationen weltweit seit 2010 verdoppelt. Deutschland liegt mit rund einer halben Million operativer Eingriffe pro Jahr an der europäischen Spitze. Ein Grund für die Zunahme: Videokonferenzen und soziale Medien führen dazu, dass sich immer mehr Menschen nicht mehr nur ab und zu im Spiegel sehen. Sie sind stundenlang mit ihrem eigenen Gesicht konfrontiert.

Damit hat sich die Rolle der Schönheit verändert: Es geht nicht mehr nur um Biologie. Schönheit ist zum Wert und – im Wortsinn – zum Kapital der Kommunikationsgesellschaft geworden. Das zeigt ein Experiment von Forschern der University of Pennsylvania. Die Wissenschaftler entwickelten ein KI-System, das anhand von Gesichtern beruflichen Erfolg prognostizieren sollte. Sie analysierten Porträtfotos von 96’000 MBA-Absolventinnen und -Absolventen und leiteten daraus fünf Persönlichkeitsmerkmale ab: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Die KI konnte bestimmte Merkmale im Gesicht statistisch mit späterem Einkommen in Verbindung bringen. Fanden sich in einem Gesicht Hinweise auf Extraversion, erzielte die Person später im Durchschnitt ein höheres Einkommen.

Die Forschenden warnen deshalb, dass solche Technologien Menschen künftig dazu motivieren könnten, ihr Aussehen so anzupassen, dass ihr Gesicht kreditwürdiger oder karrierewürdiger wirkt. Damit sind wir schon sehr nahe bei Dorian Gray und der Verabsolutierung des Äusseren.

Dorian Gray tötet seine Vergangenheit

Wissen Sie noch, wie der Roman von Oscar Wilde endet? Dorian Gray hat eine ganze Reihe von Menschen ermordet, darunter auch den Maler, der ihn porträtierte. Für Dorian ist Basil Hallward schuld daran, was aus ihm geworden ist. Der Tod des Malers ist ihm gleichgültig. Schliesslich hat Basil das Porträt gemalt, das sein Leben verdorben hat. Das kann er ihm nicht verzeihen. Das Bild habe alles bewirkt, sagt sich Dorian.

Er schaut in den Spiegel und ekelt sich plötzlich vor sich selbst. Er …

…warf den Spiegel zu Boden und zertrat ihn mit dem Absatz zu silbernen Splittern. Seine Schönheit hatte ihn vernichtet, seine Schönheit und die Jugend, die er erfleht hatte. Wären diese beiden nicht gewesen, dann wäre sein Leben vielleicht frei von Makeln gewesen. Seine Schönheit war für ihn lediglich eine Maske gewesen, seine Jugend nur Hohn. Was war die Jugend bestenfalls? Eine grüne, unreife Zeit, eine Zeit seichter Launen und kranker Gedanken. Warum hatte er ihr Kleid getragen? Die Jugend hatte ihn verdorben.

Sie wissen, was folgt: Dorian beschliesst, sich seiner Vergangenheit zu entledigen, indem er das Bild ersticht. Er glaubt: Wenn seine Vergangenheit tot sei, werde er frei sein. Er sticht auf das scheusslich entstellte Porträt ein – und stirbt selbst. Später finden seine Diener ihren Herrn. An der Wand hängt das strahlende Porträt, jung und schön wie am ersten Tag. Davor liegt ein Toter im Abendanzug, ein Messer im Herz. «Er war welk, runzlig und hatte ein abstossendes Gesicht. Erst nachdem sie die Ringe in Augenschein genommen hatten, erkannten sie, wer es war.»

Es gibt kein Leben ohne Altern

Oscar Wilde zeigt drastisch: Es gibt kein Leben ohne Vergangenheit. Und das heisst: Es gibt kein Leben ohne Altern. Die Philosophin Heather Widdows schreibt in ihrem Buch «Perfect Me», das Ideal sei heute «Alterslosigkeit»: «Schön altern» bedeute inzwischen, gar nicht zu altern – oder sich ein «altersloses» Aussehen zuzulegen. Aber altersloses Leben gibt es nicht. Leben heisst, dass in meiner Brust ein Herz schlägt. Mit jedem Schlag wird dieses Herz ein Schlag älter.

Viele betrachten das als Verlust. Wir sollten es als Gewinn sehen: Jeder Pulsschlag ein Schlag Leben auf das Konto meiner Vergangenheit.

So gesehen bin ich reich. Dieser Reichtum macht mich aus. Ein Abschied vom Altern wäre ein Abschied vom Leben. Ganz abgesehen davon, dass Schönheit nicht notwendigerweise mit Jugend verknüpft ist. Ein schönes Gesicht muss nicht straff und faltenfrei sein. Im Gegenteil: Schönheit zeigt Vergangenheit. Denn Leben heisst Altern.

Wichtiger als faltenfreie Haut ist etwas anderes: zu wissen, wofür das Herz so lange schlagen soll.

Basel, 14.11.2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

Bild: Longevity-Experten versprechen ein altersfreies Alter: Ben Barnes als Dorian Gray in der Verfilmung des Romans von Oscar Wilde aus dem Jahr 2009 mit Ben Barnes, Colin Firth, Rebecca Hall, Ben Chaplin und Emilia Fox. Regie: Oliver Parker.. (Parker, Oliver (2009): Dorian Gray [Film]. Ealing Studios.)

Angeles, Philipp Gollmer, Los (2024): Ein Millionär will beweisen, dass der Mensch nicht sterben muss, in: Neue Zürcher Zeitung, 2024, https://www.nzz.ch/wissenschaft/millionaer-bryan-johnson-will-beweisen-dass-der-mensch-nicht-sterben-muss-ld.1803643 [14.11.2025].

Gloy, Karen (2022): Was ist Schönheit?, Würzburg 2022.

Guenzel, Marius; Kogan, Shimon; Niessner, Marina; Shue, Kelly (2025): AI Personality Extraction from Faces: Labor Market Implications, in: SSRN Electronic Journal, 2025, https://www.ssrn.com/abstract=5089827 [14.11.2025].

Padtberg, Carola (2025): (S+) Beautytrends: Der Einfluss der Schönheitsindustrie auf das gesellschaftliche Ideal, in: Der Spiegel, 2025, https://www.spiegel.de/kultur/beauty-trends-der-einfluss-der-schoenheitsindustrie-auf-das-gesellschaftliche-ideal-a-4b3ac847-afc8-4f95-b502-5fb7dd11e118 [14.11.2025].

Widdows, Heather (2018): Perfect Me! Beauty as an Ethical Ideal, Princeton 2018.

Wilde, Oscar; Bristow, Joseph (Hgg.): The picture of Dorian Gray, New ed, Oxford New York 2006 Oxford world’s classics.

Wilde, Oscar: Das Bildnis des Dorian Gray Roman, 1. Aufl, Berlin 2014.

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3 Kommentare zu "Longevity: Die gefährliche Sehnsucht nach ewiger Jugend"

  1. Longevity – da kommt mir eine blasse Erinnerung auf an eine meiner letzten linearen Fernsehschaustunden…. Irgendwann mal (unabsichtlich) in eine SRF-Sendung reingerutscht, in welcher schräge reiche Typen Seminare in Nobelhotels in Schweizer Nobelorten abhielten. Typen, welche Pülverchen und Wässerchen verkauften, Typen welche anscheinend in eiskalten Bergseen baden und sich nur um sich selbst drehen. Körper, Muskeln, Haut, Geist, das Weiss der Zähne, die Schönheit, Haare, Falten… Woher deren Geld kommt wurde am Schweizer Zwangs-Gebühren-Farbfernsehen verschwiegen, Hauptsache (oder in diesem Fall eher Hautsache) die Show geht weiter… Ein Millionengeschäft bei dem viele Portemonnaies von alleine aufspringen…
    Dieser Trend zielt darauf ab, die LEBENSDAUER zu verlängern und die Gesundheit zu MAXIMIEREN; da alles maximiert wird, kann ja die Gesundheit nicht fehlen. Was für eine Gesundheit diese meinen, ist nicht bekannt. Stählerne Muskeln mit 75, Zeugungsfähigkeit bis 85 und Marathonläufe mit 95 wird es wohl sein. Gesundheit basiert auch auf Zufriedenheit, auf Behaglichkeit, auf Mitmenschlichkeit. Doch dies lässt sich nicht zu Geld machen…
    Wir die Lebensdauer auf ewig hochgeschraubt, kollabiert unser System. Nicht nur die AHV, auch jede Versicherung, jede Vorsorge, jede Risikoabdekung basiert auf unserem Tod. Der Wohnungsmarkt ist auf natürliches Aufleben und Ableben abgestimmt. Die Nahrung für die Menschen unseres Planeten. Das Wasser. Was wenn alle doppelt so alt würden? Der Reis, Getreide, das Gemüse und Brot wär noch weniger für alle da. Städte welche nur aus Pflegeeinrichtungen bestehen würden, das Krankensystem und Krankenkassensystem kollabierte…. Was nimmt sich diese „Branche“ eigentlich raus. Diese Gurus, diese Egomanen welche nur sich selbst kennen und durchs Band nicht beziehungsfähig geschweige denn verantwortungsfähig gegenüber anderen sind; nicht können und auch explizit gar nicht wollen.
    Jede Aufmerksamkeit für das ist zuviel. Die eigene Endlichkeit aushebeln, mehr sein als die andern, das Ewige gepachtet, besser gekauft haben. Denn mit Geld kann man alles richten ?!? Umso bedauerlicher ist es, das auch unsere öffentlich-rechtliche-Anstalten auf diesen Blender-Zug aufspringen der Mutter Erde, würde dieser Trend noch stärker um sich greifen, das ganze Weltensystem, die natürliche Ordnung, die göttliche Ordnung total aus den Fugen sprengen würde… Wenden wir uns nächste Woche subito wieder was anderes zu. Und wenns repetiv wieder die KI sei, welche nebst solchem Gebahren geradezu harmlos auftritt….

  2. Ob jung oder alt:
    Mögen wir in unseren Herzen wohnen.
    Mögen wir unseren inneren Frieden finden.
    Mögen wir uns selbst genügen und glücklich sein.
    Mögen wir uns ganz, heil, wohl geborgen und frei fühlen.
    Mögen wir unbeschwert und friedvoll unterwegs sein.
    Mögen wir von ganzem Herzen mit Liebe im Hier und Jetzt leben.

  3. Die Kosmetikindustrie wirbt mit „Anti-Age“. Ich werbe mit „Pro-Age“. Wie wunderschön sind Fotos von alten Menschen verschiedener Kulturen, mit eindrücklichen Falten und strahlenden Augen! Mit meinen 71 Jahren möchte ich nicht jünger werden, sondern weiser, erfahrener, liebevoller, geduldiger.

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