Das Problem Geschichtsvergessenheit

Publiziert am 8. November 2019 von Matthias Zehnder

In seiner Büchnerpreis-Rede hat Schriftsteller Lukas Bärfuss Deutschland kritisiert, weil das Land nie wirklich entnatifiziert worden sei. So mancher Schweizer Beobachter reagierte darauf erfreut bis erleichtert: Bärfuss kritisierte Deutschland. Nicht die Schweiz. Der Kern seiner Rede war aber nicht der Umgang mit den Nazis, sondern die Geschichtsvergessenheit. Auch in der Schweiz wiederholt sich die Geschichte, weil sie vergessen wird: Im Jahr 2019 gehen Schweizerinnen und Schweizer nicht viel anders mit Flüchtenden um als während des Zweiten Weltkriegs. Hauptpunkt: Sie negieren die Fluchtursache. Es ist Zeit, dass auch wir aus unserer Geschichte lernen.

Es waren starke Worte, die Lukas Bärfuss letzte Woche an der Verleihung des Büchnerpreises im Hessischen Staatstheater in Darmstadt fand. Sein zentraler Gedanke: «Falls man dem Menschen die Möglichkeit geben will, aus der Geschichte zu lernen, wäre die erste Voraussetzung, dass er sich dieser Geschichte erinnert. Aber leider vergisst er so leicht, und oft vergisst er gerade die entscheidenden Lektionen.» Er selbst habe zum Beispiel vergessen, «dass es so etwas wie eine Entnazifizierung nicht gegeben hat.» Bärfuss sagte, er hätte «vergessen, dass die NSDAP im Mai 1945 7,5 Millionen Mitglieder hatte, und ich hatte vergessen, dass es bis ins Jahr 2006 vor deutschen Gerichten nur zu 6500 Urteilen gegen Nazis gekommen war.» Er hatte also vergessen, dass von 1000 Mitgliedern der NSdAP in Deutschland 999 ohne Strafe geblieben sind. Man müsse sich deshalb nicht darüber wundern, woher das rechtsnationale Gedankengut in Deutschland plötzlich komme. «Sie sind also nicht plötzlich wieder da, die Nazis und ihr Gedankengut sind überhaupt nie weg gewesen, und jeder Demokrat, der darüber staunt, sollte sich vielleicht fragen, warum er es vergessen hat.»[1]

Die Rezeption der Rede in der Schweiz schwankte zwischen Erleichterung darüber, dass Bärfuss diesmal die Schweiz mit seiner beissenden Kritik verschont hat und Erstaunen darüber, dass sich ein Schweizer getraut, den Deutschen die Leviten zu lesen. Die «bz» etwa kommentierte, man hätte sich darüber wundern müssen. Da habe Bärfuss in Deutschland die Nazikeule geschwungen und dennoch habe das Publikum minutenlang geklatscht: «Offenbar fand niemand den Satz beleidigend, unverschämt oder zu undifferenziert.»[2] Sowohl die Erleichterten, wie die Verwunderten haben den zentralen Punkt der Rede von Lukas Bärfuss nicht mitbekommen. Es geht nicht um Nazis und die verpasste Entnazifizierung. Das ist «nur» ein Beispiel. Es geht um Geschichtsvergessenheit. Wer die Geschichte vergisst, der kann nicht aus ihr lernen. Erleichterung darüber, dass Bärfuss die Schweiz verschont hat, ist deshalb fehl am Platz. Denn Geschichtsvergessenheit und die damit verbundene Unfähigkeit, aus der Geschichte zu lernen, gibt es auch in der Schweiz.

Die Vergessenheit in der Schweiz

Wir neigen auch in der Schweiz dazu, unsere Vergangenheit zu vergessen – und verhindern damit die Möglichkeit, aus der Vergangenheit lernen zu können. Das ist mir diese Woche aufgefallen, als ich (aus einem ganz anderen Grund) mal wieder «Als wär’s ein Stück von mir» zur Hand genommen habe, die Autobiographie von Carl Zuckmayer. Nach dem Einmarsch der Deutschen und dem «Anschluss» Österreichs ans Deutsche Reich am 13. März 1938 musste Zuckmayer seine geliebte Wiesmühl in Henndorf und all sein Hab und Gut zurücklassen und aus Österreich fliehen. Es gelang ihm, in letzter Minute mit dem Zug in die Schweiz zu reisen. In seiner Autobiographie beschreibt er, wie er in Zürich ankam – und wie er die Schweiz erlebte:

«Ich werde nicht vergessen, wie ich in Zürich bei meiner ersten Anmeldung als politischer Flüchtling, dem die Schweiz ja traditionsgemäß Asylrecht gewährt, von der Fremdenpolizei in biederer Mundart angeschnauzt und behandelt wurde, als sei ich ein potentieller Betrüger, Schwindler, Scheckfälscher oder womöglich gar ein Kommunist. Wieviel Geld ich habe, ob ich ein Bankkonto nachweisen könne? Im Augenblick konnte ich das keineswegs. Solche Leute habe man hier nicht gern, warum ich denn nicht geblieben sei, wo ich hingehöre? Was ich verbrochen hätte (wörtlich), daß ich hätte weglaufen müssen? Ich sagte (da man mit politischen Bekenntnissen sehr vorsichtig sein mußte), daß meine Mutter jüdischer Abstammung sei. Das wäre kein Grund, hieß es, wenn man nicht selber Jude ist. Und die Juden würden auch nur aus Feigheit wegrennen oder um draußen Geschäfte zu machen, denen passierte dort gar nichts, wenn sie sich anständig aufführten, es werde ihnen nur endlich einmal auf die Finger gesehen.»[3]

Es geht nicht um das volle Boot

Wer aus der Geschichte lernen will, muss sich dieser Geschichte erinnern. Genau das findet bis heute in der Schweiz kaum statt. Das Erinnern und die Auseinandersetzung mit der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wurde an Fachkommissionen wie die Bergier-Kommission ausgelagert. Die politische Schweiz kümmert sich nicht mehr darum – die so genannte Zivilgesellschaft schon gar nicht. Wer heute auf das Verhalten von Schweizer Beamten im Zweiten Weltkrieg zu sprechen kommt, stösst auf Entschuldigungen. Auf Entschuldigungen, die heute ganz ähnlich klingen. Die Entschuldigung lautet nämlich: «Das Boot ist voll» – wir haben in der Schweiz weder Platz noch Ressourcen für all die Flüchtlinge. Wir können doch nicht jeden reinlassen. Willst Du ganz Afrika in die Schweiz holen? Doch darum geht es gar nicht. Der zentrale Punkt war damals und ist heute, dass Schweizerinnen und Schweizer Fluchtursachen negieren. Hören wir noch einmal Zuckmayer zu:

«Ich erwähnte die Besetzung Österreichs und die dort herrschenden Zustände. Aber ich sei ja gar kein Österreicher, hieß es, was meinem Paß nach auch stimmte – dann hätte ich doch ins Reich zurück sollen, wo es jetzt so gutgeht, anstatt hier zur Last zu fallen. Ich werde niemandem zur Last fallen, sagte ich, und meinen Unterhalt schon verdienen. Aber nicht hier! schrie man mich an, hier hätte ich kein Recht zu verdienen! Da könne ja jeder herkommen und den Einheimischen das Brot wegnehmen! Ausweisen könne man mich vorläufig nicht, aber eine Aufenthaltserlaubnis könne ich nur kurzfristig und auf Widerruf erhalten. Dann werde man weitersehen; aber ich solle mir nur nicht einbilden, daß ich mich hier niederlassen dürfe! Damit war ich ungnädigst entlassen.»[4]

Es geht um die Fluchtursache

Genauso, wie es damals tönte, klingt es heute: Ausländer, Flüchtende zumal, fallen hier in der Schweiz nur zur Last. Sie nehmen den Einheimischen das Brot weg. Da könnte ja jeder kommen. Damals wie heute fragen Schweizerinnen und Schweizer, warum die Menschen denn nicht da bleiben, wo sie herkommen? Was sie denn verbrochen hätten, dass sie weglaufen mussten? Es heisst vielleicht nicht mehr, Juden würden nur aus Feigheit wegrennen, heute heisst es, Homosexuelle oder Regimekritiker würden nur aus Feigheit weglaufen. Und der böseste aller Vorwürfe: Eigentlich seien all die jungen Männer doch nur «Abenteuermigranten». Den flüchtenden und migrierenden Menschen wird also jeder Grund für ihre Flucht oder ihre Migration abgesprochen. Wir Schweizer begehen also den gleichen Fehler wie die Schweizer Beamten 1938. Flucht aus Abenteuerlust oder Feigheit – das ist keine Flucht, das ist eine Reise.

Bevor Sie wütend einwenden, die Schweiz sei nun mal ein kleines Land, das Boot sei irgendwann voll und ob ich denn in meinem Gartenhäuschen ein paar Flüchtende unterbringen würde – darum geht es nicht. Es geht zunächst lediglich darum, den Fehler von 1938 nicht zu wiederholen. Es geht darum, Fluchtgründe ernst zu nehmen und zu akzeptieren, dass Migration die Folge von existierenden Problemen ist – und nicht umgekehrt. Beat Stauffer beschreibt in seinem Buch über die Migration aus dem Maghreb, wie die jungen Männer nach Europa kommen. Junge Männer, die meist weder Kriegsflüchtlinge noch politisch Verfolgte sind. Sie seien nicht an Leib und Leben bedroht, sondern «Armutsflüchtlinge, die meist mit Wissen und geplanter Unterstützung ihrer Familie den Weg aus der Perspektivlosigkeit suchen.»[5] Nun mag Armut und Perspektivenlosigkeit kein Asylgrund sein, es ist definitiv ein Fluchtgrund. Es muss den Müttern und Väter im Maghreb das Herz brechen, wenn sie ihre Söhne mit etwas Erspartem auf den lebensgefährlichen Weg nach Norden schicken. Wer das tut, muss in Not sein. Diese Not gilt es, anders als 1938, zu akzeptieren und ernst zu nehmen.

Der Mensch ist ein Migrant

Erst diese Akzeptanz wird es ermöglichen, darüber nachzudenken, was wir denn gegen die Fluchtursachen tun können. Nicht gegen die Flüchtenden und nicht gegen die Flucht, sondern gegen die Ursachen dafür. Stichworte wären etwa Entwicklungszusammenarbeit, fairer Handel, eine aktive Aussenpolitik – verbunden mit humanitären Korridoren für die wirklich gefährdeten und verletzlichen Personen. Dazu gehört auch, dass wir aufhören, Migration zu verachten. In der Geschichte der Menschheit ist nicht der migrierende Mensch der Sonderfall, sondern der sesshafte Mensch. «Unsere Spezies, der Homo sapiens, den könnte man genauso gut als Homo migrans bezeichnen», sagt Jakob Messerli, Direktor des Bernischen Historischen Museums. Er hat in seinem Museum eine Ausstellung über den wandernden Menschen konzipiert: «Homo migrans. Zwei Millionen Jahre unterwegs» widmet sich den Wanderbewegungen der Menschheit.[6] Die Jäger und Sammler haben sich von Afrika aus auf der ganzen Welt verbreitet. Mindestens von unserer Herkunft her sind wir alle Migranten. Eigentlich und bei Lichte gesehen stammen wir alle aus Afrika. Schauen wir deshalb nicht auf die hinab, die etwas später gestartet sind als unsere Vorfahren. Die Gründe für den Aufbruch bleiben dieselben. Erinnern wir uns der Geschichte, dann können wir aus ihr lernen.

Basel, 8. November 2019, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

[1] Die «FAZ» hat den Text der Rede von Lukas Bärfuss publiziert. Sie finden den Text hier: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/dankesrede-zum-buechnerpreis-faeden-zu-einem-massengrab-16466471.html Wenn Sie die Rede lieber hören möchten, finden Sie eine Audioaufzeichnung der kompletten Rede in der Sendung «Kontext» von Radio SRF 2 Kultur vom 4.11.2019: https://www.srf.ch/sendungen/kontext/die-buechnerpreis-rede-von-lukas-baerfuss

[2] Vgl. «bzBasel», 7.11.2019: «Hört, hört, Lukas Bärfuss mahnt Deutschland, die Nazis seien nie weggewesen», https://www.bzbasel.ch/kultur/hoert-hoert-ein-schweizer-mahnt-die-nazis-seien-nie-weggewesen-135932804

[3] Carl Zuckmayer: «Als wär’s ein Stück von mir». Frankfurt a.M.: Fischer Verlag 1966; S. 84

[4] Ebenda

[5] Vgl. Beat Stauffer: Maghreb, Migration und Mittelmeer. Die Flüchtlingsbewegung als Schicksalsfrage für Europa und Nordafrika. NZZ Libro, 320 Seiten, 38 Franken; ISBN 978-3-03810-363-9; vgl. https://www.nzz-libro.ch/maghreb-migration-flucht-mittelmeer-nordafrika-stauffer

[6] Informationen zur Ausstellung gibt es hier: https://www.bhm.ch/de/ausstellungen/wechselausstellungen/homo-migrans/

3 Kommentare zu "Das Problem Geschichtsvergessenheit"

  1. Noch ein Nebensatz zu Lukas Bärfuss: Dieser Herr ist dermassen einseitig. Sein Weltbild zementiert: Links gut/Rechts schlecht. Schwarz/Weiss. Freund/Feind.
    Er blendet Linksextremismus aus, er blendet die realen Probleme im Migrationswesen aus. Was nicht gut ist. Denn jedes Ding hat zwei Seiten. Die eine ignorieren heisst, die Leserschaft/Bevölkerung für dumm zu verkaufen. Dazu das ewige nörgeln am Westen und insbesondere auch an seinem Heimatland, an der Schweiz und den Schweizerinnen und Schweizer.
    In der Schweiz, in dieser Schweiz, in seiner Schweiz, in welcher er sehr gut lebt, in welcher er Unterstützung ohne Ende erfährt. Z.B. vom BAK (Bundesamt für Kultur), Sektion Literatur / ebenfalls BAK, Sektion Verlagsförderung / Organisation Kulturförderung.ch – Abteilung Literatur / Pro Helvetia – Wegbegleitung Literatur / LiteraturSchweiz / Kulturprozent Migros / SRG-SSR Kulturunterstützung / Kulturelles BL / Kultur BS/ und sicherlich fliessen von den weiteren 23 Kantonen der Schweiz für „Literat“ Bärfuss noch reichlich Gelder zu.
    Da den „Magen“ zu haben, nicht auszuwandern nach irgendwo/nirgendwo und ständig Länder UND deren Bevölkerung kritisieren und schlecht zu machen, welche ja mit ihren Steuerfranken/Steuereuro seinen Säckel füllt, braucht schon hohes Mass an Arroganz, Selbstverliebtheit, Maulheldentum und Wichtigtuerei.
    Ist denn Wutbürger Bärfuss mit seiner Schreibe nicht selbst ein grosser Populist? Vielleicht ist es dann doch nicht so schlimm, ein Populist zu sein.
    Ganz klar gilt auch (wie für die vielen anderen „Gut-Künstler“) für ihn, insbesondere für ihn, die alte Weisheit: „Diese/r Gralshüter der Korrektheit verirren sich im Dschungel ihrer Denkverbote“. Genau das brauchen wir nicht im Hier und Heute.
    Diese, unsere Schweiz wurde von ihm schon lange abgeschrieben, sie existiert für ihn nicht mehr, das können wir abhaken.
    Und in Deutschland tut er sich schwer mit der Vervielfältigung des Parteienspektrums…. = Ein demokratischer Vorgang, Herr Demokrat Bärfuss. Was wäre dann ihre Gegenidee: Verbote?
    Ganz klar gilt auch (wie für die vielen anderen „Gut-Künstler“) für ihn, insbesondere für ihn, die alte Weisheit: „Diese/r Gralshüter der Korrektheit verirren sich im Dschungel ihrer Denkverbote“. Genau das brauchen wir nicht im Hier und Heute.
    Doch eins muss man dem eitlen Lukas Bärfuss lassen; wo er recht hat, hat er recht:
    Lukas Bärfuss meint immer, mit der Schweiz gehe es bergab. Er hat recht. Einst hatten wir Gottfried Keller. Heute haben wir nur noch Lukas Bärfuss.

  2. Wenn die Mehrheit die Wahrheit von gestern und heute nicht wissen will, basiert Demokratie auf Lügen. Das passt zu einer kollektiv unbewusst organisierten Werte- und Verantwortungslosigkeit, wo alle und vor allem Mächtige und Reiche tun oder lassen können, was und wie sie es wollen. Hauptsache: Es bringt Profit und macht Spass. Und läuft es schief, kann niemand etwas dafür. – Es gibt Bewegungen, die es anders wollen und können … und es auch tun.

  3. Imfangstrasse 26 a
    Imfangstrasse
    Lieber Thomas Zweidler, Ihre Aversion gegenüber verstehe ich sehr wohl, stelle jedoch fest, dass Sie seine Herkunft, sein eigenes Leiden bei Ihrem Kommentar übersehen haben. Verdingskinder hatten nicht nur oft ein grausames Leben, verglichen mit mehrheitlich heutigem Leben. Ich habe Herrn Bärfuss gehört und eben dies heraus gehört: die Schweiz ist in dieser Frage der Vergessenheit anheim gefallen – und da, nur da, hat er Recht.

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