Video-Buchtipp
Nächster Tipp: Der biologische Blackout: Marc Elsbergs Thriller «Eden»
Letzter Tipp: Verrat und Jugendträume
Sie schuf den ersten «Zauberberg»: «Das Joch» von Vicki Baum
Einer meiner Lieblingsmaler ist Ernst Ludwig Kirchner. Seine Bergbilder sind phänomenal. Kirchner, 1880 in Deutschland geboren, flüchtete 1917 in die Schweiz, nach Davos. In der Sammlung des Kunstmuseum Basel befinden sich einige seiner Bergbilder: «Amselfluh» von 1922 und «Davos im Schnee» aus dem Jahr 1923. Die Bilder zeigen verschneite Berge. Kirchner hat dafür aber kaum Weiss verwendet: die Berge sind rosa, lila, violett und blau. Genau so sehen diese Berge manchmal aus, man muss sich nur getrauen, die Farben auch zu sehen. An diese Bilder hat mich diese Erzählung von Vicki Baum erinnert: «Das Joch» ist sprachlich so präzise und gleichzeitig so atemberaubend expressiv wie es die Bilder von Ernst Ludwig Kirchner sind. Die Erzählung stammt auch aus derselben Zeit wie die Bilder: Vicki Baum hat sie 1922 geschrieben. Zwei Jahre vor Thomas Manns «Zauberberg» greift Vicki Baum darin Themen auf, die später im Meisterwerk von Thomas Mann eine grosse Rolle spielen. Sie hat ihre Erzählung denn auch «Thomas Mann in Verehrung zugeeignet». Vicki Baums Erzählung ist jetzt in einer Neuedition wieder verfügbar. In meinem 295. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum dieser über 100 Jahre alte Text so modern ist wie die Bilder von Ernst Ludwig Kirchner.
Vicki Baum war eine der populärsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie gilt als Pionierin des modernen Bestseller-Romans. 1888 in Wien geboren, wurde sie im Berlin der Weimarer Republik ein Star und avancierte später auch in den USA zur erfolgreichen Autorin und Drehbuchschreiberin. Ihren Durchbruch erzielte sie 1929 mit dem Roman «Menschen im Hotel». Der Roman wurde ein Welterfolg und begründete das Genre des Hotel-Romans, in dem sich die Schicksale zufälliger Gäste kreuzen. Vicki Baums Roman wurde 1932 unter dem Titel «Grand Hotel» mit Greta Garbo, Joan Crawford und John Barrymore verfilmt – und holte sogar den Oscar für den besten Film.
Wenn Sie jetzt erstaunt den Kopf schütteln und sagen: «Vicki Baum? Nie gehört.», dann liegt das vielleicht daran, dass sie für die Menschen schrieb, nicht für die Literaturgeschichte. Sie selbst bezeichnete sich als «Erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte»: Sie schrieb bewusst für ein breites Publikum, das aber handwerklich perfekt und psychologisch präzise. Sie ist also vergleichbar mit Erich Maria Remarque. In Berlin arbeitete sie als Redakteurin für den Ullstein-Verlag und prägte das Bild der «Neuen Frau» der 1920er Jahre massgeblich. Weil sie Jüdin war, emigrierte sie bereits 1932 in die USA. Sie schaffte es, sich in Hollywood als Drehbuchautorin zu etablieren und ihre Karriere fortzusetzen.

Ernst Ludwig Kirchner: «Davos im Schnee» (1923). Kunstmuseum Basel
Die Erzählung «Das Joch» ist 1922 erschienen, also einige Jahre vor ihren ganz grossen Erfolgen. Das Setting ist das genaue Gegenteil von jenem Berliner Luxushotel, das ihr zum Welterfolg verhalf: «Das Joch» spielt in einer einfachen Berghütte, fernab des geschäftigen Alltags. Hier in den Alpen nützen den Menschen die Masken der Grossstadt nichts: Hier sind sie ganz Mensch. Das wird schon ganz zu Beginn sichtbar, als Florentin, ein junger Mann, von dem noch die Rede sein wird, die Ehemänner beobachtet. Sie arbeiten unter der Woche in der Grossstadt und besuchen am Wochenende ihre Ehefrauen in den Bergen. Vicki Baum schildert das so präzise, dass es mir beim Lesen richtig unter die Haut gegangen ist.
Am Sonnabend kommen sie an, bringen ihre abgehetzten Kontorgesichter, ihre Erwerberhände, ihre Besitzermienen zu ihren Frauen. Aus braunen Ledertaschen ziehen sie Aufmerksamkeiten, sie berichten von Streit mit Köchinnen, vertauschter Putzwäsche, Ärger im Geschäft. Sie stoßen biedere beschlagene Stöcke in Spazierwege, spucken Rauch teurer Zigarren in die herbe Bergluft, im Gasthof verlangen sie Wein und bringen die Gattinnen, die Wirtstöchter, die Kinder zum Lachen. Nach dem Abendessen werden sie schweigsam, nehmen die Frau am Arm zu einem kleinen Verdauungsspaziergang. Durch Tannen hin und bis zum Tafele hinauf wandern rot glimmende Zigarrenspitzen. (Seite 8f.)
Die «abgehetzten Kontorgesichter», ihre «Erwerberhände», die «Besitzermienen zu ihren Frauen» und wie sie aus «braunen Ledertaschen» ihre «Aufmerksamkeiten» ziehen – es ist so schön geschrieben, dass man fast nicht merkt, wie bitterbös-präzise beobachtet es ist. Nach dem Wochenende beobachtet Florentin, wie die braven Ehefrauen ihre Wochenend-Ehemänner zur Abreise wieder zum Zug begleiten.
Zugentlang wurde umarmt und geküsst. Florentin sah mit einem etwas abgestoßenen Lächeln daran vorbei und dachte: Ob diese Frauen eigentlich in einer Fabrik hergestellt werden? Sie sehen aus, als wären sie immer zum Dutzend gepackt in Schachteln gelegen. Oben schob ihnen die gleiche Modefrisur eine gewellte Strähne in die Stirne; unten bewegten sie sich auf den gleichen gelben Bergschuhen, die etwas zu klein waren und etwas zu hohe Absätze hatten. Dazwischen lag auch nichts Wesentliches. (Seite 10)
Bloss eine der Frauen fällt ihm auf. «Hübsches Mädchen», sagt Florentin zum Stationsvorsteher.
«Frau Giesinger aus München. Die große Margarine-Fabrik», sagte der Stationsvorstand; er war Reserveoffizier, das fiel ihm immer ein, wenn er mit Florentin sprach, und verpflichtete ihn zu elegant verkürztem Tonfall. «Frau? Aber jung. Sehr hübsch», wiederholte Florentin nicht ohne Anerkennung. (Seite 10f.)
Frau Giesinger hat ihr Haar unter einen blauen Schleier gebunden. Sie ist schmal, fast zerbrechlich. Florentin fällt aber vor allem auf, wie sie alles mit grossen Augen und ernster Neugier betrachtet: das alte Pferd, die Blumen am Wegrand, einen roten Stein.
Zwischen Florentin und Frau Giesinger entwickelt sich leise eine zarte Liebesgeschichte. Beide merken, dass sie in den Bergen ihre gesellschaftlich geprägten Rollen abstreifen und ihr eigentliches Gesicht zeigen können.
Florentin zieht dahin und hat sein Waldgesicht, er spürt es selbst, es ist sein Gesicht, sein eigenes. In der Stadt hängt ein anderer Florentin im Schrank, ein nachgemachter, einer für die Welt und die Frauen, ein etwas satter, etwas zu kennerhafter, ziemlich berüchtigter Florentin, er hängt da neben sehr gut geschnittenen Fräcken und hat ein paar Wochen Ruhe. In Gedanken sieht Florentin ihn da hängen, mit gestreckten Hosenbeinen und leer baumelnden Ärmeln, so genau, dass er lachen muss. Hülsen fallen ihm vom Herzen. Es riecht herrlich nach blühenden Kronsbeeren, vielleicht sogar nach Speik. Aber das ist Einbildung. Speik wächst höher. Wie liebe ich den Bergwald, denkt Florentin, wie liebe ich ihn. Immer ist es wie Heimkommen, immer ist es, als trete man in ein Tor ein, nach dem große Sehnsucht aus war. (Seite 15f.)
Anders als im Grand Hotel, wo jeder Gast, jeder Bedienstete und jeder Besucher eine fein ziselierte Rolle spielt, wo jede Geste sitzt und alle Teil eines grossen Spiels, eines grossen Theaterstücks sind, kommt Florentin in den Bergen zu sich selbst.
Frau Giesinger nächtigt zufällig im Zimmer nebenan. Als Florentin nach dem Eindunkeln auf dem Balkon sitzt, spürt er ihre Gegenwart. Die beiden kommen ins Gespräch. Bald berühren sich nicht nur die Worte, sondern auch die Hände. Im Grand Hotel, in der bürgerlichen Gesellschaft, wäre ein Kontakt zwischen ihren Rollen nicht möglich. Hier, auf der Alp, wo sie ihr eigentliches Ich sein können, ist das etwas anderes. Bloss die Namen stimmen für das eigentliche Ich nicht. Am zweiten Tag hat Florentin eine Idee.
«Wie Sie geschlafen haben, ist mir auch der Name für Sie eingefallen, der eigentliche; jetzt weiß ich ihn.» «Nun …?» «Maja. Maja.» «Maja. Bedeutet er etwas?» «Nein – ja – er bedeutet auch etwas – aber das soll es nicht sein; es soll nur der richtige Name sein: Maja.» «Er gefällt mir auch.» «Ich weiß keinen Namen, der zärtlicher klingt – Maja –» «Wie Sie heißen, weiß ich noch gar nicht. Der Herr Baron, sagen die Leute.» «In der eigentlichen Welt, in unserer, von heute, stellt sich der Herr nicht vor – Maja.» «Ich bin ja neugierig, das wissen Sie. Ich möchte wissen, wie Sie heißen, wer Sie sind –» «Ich heiße nichts, bin nichts, kann nichts. Wenn Sie wollen: ein freier Mensch.» «Ein freier Mensch; ja – das ist es wahrscheinlich. Wie soll ich Sie nennen?» «Meine Mutter sagt mir: Fjor.» «Fjor. Fjor …» (Seite 39f.)
Thomas Mann wird wenig später im «Zauberberg» die Frage nach der Identität des Menschen in seitenlangen Diskussionen zwischen dem Humanisten Lodovico Settembrini und dem nihilistischen Jesuiten Naphta verhandeln. Die Figuren von Thomas Mann suchen im Sanatorium ihre Identität, sie versuchen zu werden, wer sie sind. Bei Vicki Baum ist es umgekehrt: Ihre Figuren werfen in der Hütte auf der Alp einfach alles ab, was sie nicht sind. Sie benötigt dafür in ihrer Erzählung nur wenige Zeilen.
Und es gibt noch eine Verbindung zum «Zauberberg»: Maja ist lungenkrank. Deshalb verbringt sie Zeit in den Alpen. Thomas Mann wandelt das Lungensanatorium in den Bergen in einen Ort der Sehnsucht nach dem Morbiden. Bei Vicki Baum ist es das Gegenteil: Die Alphütte wird zum Sehnsuchtsort nach dem Leben. Maja will sich durch nichts und niemanden vom Leben abhalten lassen. Mich hat diese Sehnsucht nach dem Leben an einen Roman von Erich Maria Remarque erinnert: In «Der Himmel kennt keine Günstlinge» setzt sich Remarque mit genau dieser Sehnsucht auseinander. Die lungenkranke Lillian Dunkerque flieht mit Rennfahrer Clerfayt aus einem Sanatorium in den Schweizer Alpen. Sie weiss, dass das ihr Todesurteil ist, aber sie will vor ihrem drohenden Tod das Leben in vollen Zügen zu geniessen. Gleichzeitig riskiert Clerfayt sein Leben bei Autorennen.
Bei Vicki Baum ist die Konstellation ähnlich: Maja sucht das eigentliche Leben und Fjor riskiert sein Leben beim Bergsteigen. Er will als erster die «Rote Nadel» erklettern, die nahe Felsspitze. Für ihn ist das Bergsteigen kein Sport, sondern ein schicksalshafter Kampf mit dem Berg. Wie bei Lillian und Clerfayt geht es Maja und Fjor um das eigentliche Leben, dessen Kostbarkeit gerade an seiner Zerbrechlichkeit erst richtig spürbar wird. «Das Joch», das der Erzählung den Titel gab, ist der Pass, von dem aus Fjor den Klettergang auf die «Rote Nadel» wagt. Ein Joch ist in den Bergen immer ein Ort des Übergangs, der Pass ins nächste Tal. In der Erzählung von Vicki Baum wird das Joch zur Bergscheide, zum entscheidenden Ort.
Alle anderen Menschen in der Erzählung sind nur als Rollen präsent. Vicki Baum zeichnet 1922 ein Bild einer auch im sozialen mechanisierten Welt. Die Stadtmenschen haben sich entfremdet vom Leben, sie tragen vorgefertigte, soziale Masken, ja benehmen sich selbst wie Fabrikware. Sie funktionieren nur noch in Rollen wie Ehemann, Fabrikant, Baron oder Gast.
Die Erzählung von Vicki Baum ist auch heute noch packend, weil sie so präzise und expressiv zugleich schreibt. Ein letztes Beispiel: Fjor schaut zu, wie der Abend über die Berge kommt.
Am Jochgrund stand schon der Abend, schattete über den Pass, packte das Tal ein, wie Kinder vor dem Schlafengehen ihr Spielzeug verpacken. Erst faltete er die Bergwiesen zusammen, dass sie blau und ohne Bug wurden, strich die Hänge glatt, stellte eine, nur eine einzelne Föhre abseits, mit schwarzen Zweigen an den Himmel gelehnt. Dann kamen die einsamen Höfe dran, die winzigen, mit den flachen Dächern, vom Flickwerk kleinster Felder umgeben: Der Abend nahm sie, steckte sie in seine Manteltaschen; sie waren fort. (Seite 13)
Das ist eigenständig beschrieben, nein: gezeigt in präzisen Worten, die mich an die Bilder von Ernst Ludwig Kirchner erinnern. Expressiv und einladend zugleich und erfüllt von einem zartbitteren Gefühl der Sehnsucht nach dem Leben. Wie bei Kirchner erkennt auch bei Vicki Baum die Welt, wer sich getraut, die Farben richtig zu sehen. Wer ihre Erzählung liest, fragt sich unwillkürlich, wer er eigentlich ist, ohne Frack und Kontorgesicht.
Vicki Baum: Das Joch. Atlantis, 112 Seiten, 28.50 Franken; ISBN 978-3-7152-5064-9
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783715250649
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 05.03.2026, Matthias Zehnder
PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:
- den neuen Buchtipp
- den aktuellen Sachbuchtipp
- den Hinweis auf den Wochenkommentar
- das aktuelle Fragebogeninterview
Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!