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Ironie als Stossdämpfer des Lebens: «Alleinruhelage» von Eva Menasse

Publiziert am 24. September 2026 von Matthias Zehnder

Manchmal ist ein Haus einfach ein Haus: Ein Dach über dem Kopf mit Heizung und fliessendem Wasser. Aber manchmal wird aus einem Haus so etwas wie ein Familienmitglied: ein Bezugspunkt, ein Fluchtort (oder ein Fluch-Ort), ja ein Partner. Von so einem Haus erzählt Eva Menasse in ihrem neuen Roman «Alleinruhelage». Der Titel bezieht sich auf die Lage des Hauses: So werden in Österreich alleinstehende Häuser an ruhiger Lage bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich bei dem Haus um ein alleine und für sich gelegenes, massives Haus mit einem grossen Garten an einem See. Der erste Nachbar, der herüberkommt, spaziert durch den Garten und fragt dann, was sie bezahlt hätten. Sie sagen es ihm stolz, denn alle Freunde im Westen und in Österreich hatten ihnen zum Preis gratuliert. Der Mann reisst den Mund auf und lacht laut und hämisch: «Hätt’ ick ja nich jemacht», sagt er. Er ist nur der erste einer ganzen Reihe schwieriger bis offen feindseliger Nachbarn. Der Traum von der «Alleinruhelage» verwandelt sich rasch in eine aberwitzige Geschichte irgendwo zwischen Autofiktion und Selbstanalyse. Denn der Titel des Romans könnte sich auch auf die Erzählerin selber beziehen: Sie fühlt sich in ihrem Leben etwa so, wie dieses Haus mit baulichen Mängeln an einem von Algen verseuchten See. So, wie die Erzählerin die baufälligen Stellen des Hauses anpackt, packt sie die Baustellen in ihrem Leben an. Beides mit mässigem Erfolg. Was sich oberflächlich liest wie eine Ode an ein Haus, eine Familiensaga, eine Ich-Erzählung einer Frau, die es wissen will, ist eine spannende Auseinandersetzung mit dem Schreiben und mit dem Leben. In meinem 324. Buchtipp sage ich Ihnen , warum ich Ihnen das Buch diese Woche ans Herz lege.

Zu Beginn der Geschichte steht die Ich-Erzählerin – sie hat übrigens im ganzen Buch nie einen Namen – vor dem Haus in Vogelsang und verabschiedet sich: «Haus, ich verkaufe dich.» Sie hat ihr Haus oft direkt angesprochen, wenn sie alleine an den See reiste und das Haus undurchdringlich dastand wie ein Gott oder ein Götze, dessen Ausdruck, so schreibt sie, jedes Mal ein bisschen anders sei, weil er ein Echo des eigenen Zustands ist. Lange Jahre hat die Erzählerin mit dem Haus gekämpft, darin und damit gelebt:

Haus: Du bist Zeuge von allem gewesen, der Ehe, den Kindern, dem Ende der Ehe, den Lieben, die danach kamen, den Festen, meinen Versuchen, dich loszuwerden, meinen Versuchen, dich zu verschönern, zu reparieren, zu streichen; zu pflanzen, zu düngen und zu ernten; meiner Arbeit, dem Denken und Schreiben, das zu einem wichtigen Teil hier stattgefunden hat, beschützt und angeregt vom Streunen durch Wald und Garten. Aber nun verkaufe ich dich, diesmal wirklich. Ausgeliefert wirst du, an sympathische Fremde, und unser Gespräch wird verstummen, denn die Erinnerungen lebten vor allem, wenn wir zusammen waren, du und ich.
(Seite 8)

Die Ich-Erzählerin ist eine Wienerin, die seit Jahrzehnten in Berlin lebt. Das deckt sich gut mit dem Leben der Autorin. Sie spricht ihr Wochenendhaus an wie einen alten Freund. Sie hat das Haus vor gut zwanzig Jahren mit ihrem damaligen Mann gekauft, zehn Jahre nach der Wende, als Ostdeutschland im Internet mehr oder weniger verramscht wurde. Zu DDR-Zeiten war das Haus eine Kneipe, eine «Waldschänke» an einem Campingplatz. Der Campingplatz ist längst Geschichte, jetzt steht das Haus etwas verloren auf einer Lichtung im Wald am See. Das Paar brachte je ein Kind in die Ehe mit, später kommt ein gemeinsamer Sohn dazu. Die Patchworkfamilie nimmt sich das Haus vor: Es wird gehämmert und gesägt, ein Rasen angelegt, Fenster neu gestrichen. Es waren glückliche Jahre. Zufriedenheit wollte sich dennoch nicht einstellen.

Wir haben in Vogelsang sehr glückliche Zeiten verbracht, möglicherweise, auf sein und mein Leben gerechnet, die glücklichste zusammenhängende Zeit. Jemand hat einmal geschrieben, er sei in der ersten Ehe glücklich, aber nicht zufrieden gewesen, in der zweiten hingegen zufrieden, aber niemals glücklich. Mir galt Zufriedenheit lange als eine Art Rentnerkonzept, genau die paar erbärmlichen, entscheidenden Stufen unter Ich will alles. Aber langsam zeigt sich doch am Lebenshorizont, dass eine gewisse Zufriedenheit vielleicht erstrebenswert sein könnte, irgendwann, wenn alle verbliebenen Wünsche und Hoffnungen zerbröselt sind oder die Zeit knapp werden sollte. Es gibt Ereignisse, die einem alle Lebenskraft rauben, und es gibt aggressive, schnell dahinraffende Krankheiten. Aber von da, wo ich stehe, scheint bis zu jenem Horizont noch Platz.
(Seite 30)

Nicht nur die Zufriedenheit will sich nicht einstellen, auch das Glück hält nicht lange vor. Die Tochter kommt in die Pubertät und rebelliert heftig. In der Wohnküche eskaliert ein Streit mit dem Stiefvater, also dem damaligen Mann der Erzählerin, so sehr, dass die Tochter zuerst in den Wald flüchtet und später der Mann mit allen drei Kindern nach Berlin zurückfährt. Die Erzählerin bleibt allein am Gartenzaun zurück und winkt. Ausgerechnet in diesem Moment erkennt sie, was sie hatte:

Wir alle jagen ein Leben lang dem Glück hinterher und müssen lernen, dass man es erst erkennt, wenn es gerade vergeht. Ganz selten lässt es sich ein paar Momente lang im vollen Licht betrachten, bevor es wegfliegt wie die morgendlichen Rehe in ihrem gestreckten Sprung.
(Seite 53)

Am Ende des Kapitels steht die Erzählerin da am Gartenzaun in tiefer Ratlosigkeit und sieht dem Glück beim Davonfahren zu. Jahre später zerbricht die Ehe. Wie es dazu kam, erzählt Eva Menasse nur in Andeutungen. Sie erzählt ohnehin nicht der Reihe nach, sondern in Episoden, Anekdoten und Abschweifungen, die sich um das Haus drehen. Wie Motten immer wieder zur warm leuchtenden Lampe zurückkehren, kehrt die Erzählerin immer wieder zum Haus zurück.

Weil das Haus in Ostdeutschland liegt, wird es zum Brennglas für die deutsch-deutsche Geschichte. Nichts passt zusammen: Die Rohrdurchmesser im Osten sind anders als die im Westen, die Kabel sind aus Aluminium statt aus Kupfer, die Schornsteine sind zu klein für die Öfen aus dem Baumarkt. Der Österreicherin kommt es vor, als hätten beide deutschen Staaten vom ersten Tag an daran gearbeitet, die Wiedervereinigung «per Steckdosenanschluss und Rohrdurchmesser zu verhindern» (Seite 46). In unmittelbarer Nähe des Gartens liegt eine Datschensiedlung aus DDR-Zeiten. Deren Bewohner grüssen nicht, mähen verbissen ihre Parkplätze und beobachten die Städter mit ihren Bücherregalen voller Schadenfreude. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit:

Sie hielten uns für reich und hochmütig, wir hielten sie für gemein und schadenfroh. Dabei stimmte es auch umgekehrt. Sie waren reich an praktischen Kenntnissen, geizten aber mit deren Weitergabe, wir lachten über ihre Gartenzwerge und Keramikenten. Essenziell unterscheidet nichts den Gartenzwerg von der weißsteinernen Nymphe, die wir zwischen unsere Kiefern hievten. Sie war bloß viel schwerer und teurer.
(Seite 38)

Das ist typisch für den Roman: Eva Menasses Erzählerin spottet über die anderen, nimmt sich aber selbst nicht aus. Der erste Nachbar, der den Neuen seine Hilfe anbietet, ist Paul Woitek, ein gutaussehender alter Herr, Vorsitzender des Datschenvereins. Beim ersten Abendessen gesteht er, er sei früher «eine ganz rote Socke» gewesen, ein Funktionär der DDR. Die Erzählerin wiegelt ab, erzählt eine Familienanekdote und fragt nie nach. Im Wald stösst sie auf ein Grundstück mit Stacheldraht, Schäferhunden und einem Schild: «Militärischer Sicherheitsbereich! Vorsicht Schußwaffengebrauch! Der Kommandant.» Dort wohnt, heisst es, ein ehemaliger Hausmeister der Stasi. Unter ihrem eigenen Garten sollen die Kellerreste eines Wehrmachtscasinos liegen, der Rasen sackt immer wieder ein. Im Wald stecken Betonfundamente für Baracken aus dem letzten Kriegsjahr. Sie schaut hin und schaut wieder weg. Erst beim Verkauf gesteht sie sich das ein:

Nun, da ich mein geliebtes Haus verkaufen und verlassen werde, muss ich mir eingestehen, dass ich mehr nie wissen wollte, niemals tiefer bohren. Ich war ein fauler Specht. Wir waren hierhergekommen auf der Suche nach einem ortlosen, überzeitlichen Paradies, einem, das sogar wir uns leisten konnten. Wir strebten nach einer distinkten Abgeschiedenheit, die der des angemaßten Pseudokommandanten womöglich gar nicht so unähnlich war. My home is my castle: Jeder hockt auf seinem Stück Eigentum und glaubt dort das Recht zu haben, sich die Geschichte auf seine Weise zu erzählen, so, wie sie ihm am besten passt. Die eigene Meinung reicht bis zur Grundstücksgrenze, ein verstärkter Zaun aus Betonpfosten verhindert, dass sie mit der des Nachbarn kollidiert. Hatten wir wirklich geglaubt, dass wir das unbeschriebene Paradies kriegen konnten? Dass wir verschont bleiben würden von den Dramen, über deren Spuren man hier buchstäblich auf Schritt und Tritt stolperte?
(Seite 86)

Eva Menasse hat mit «Dunkelblum» einen grossen Roman über ein Verbrechen geschrieben, das unter dem Boden eines österreichischen Städtchens verscharrt liegt. «Alleinruhelage» ist die private, leise Variante davon. Es geht nicht um die Täter von damals, sondern um uns, die wir es uns auf unserem Stück Land bequem machen. Die Figuren in der Erzählung haben keine dramatischen Lebensläufe. Sie haben sich lediglich eingerichtet in ihrem Leben. Es ist halt, so beschreibt es Eva Menasse, «bequem und kräftesparend», nicht «gegen das zu halten, was alle so plappern und meinen». Statt sich zu stellen, duckt man sich weg. Es ist nur eine kleine Bewegung nach unten. Wir selbst bemerken sie oft nicht.

Das Buch ist keine Abrechnung, weder mit dem Westen noch mit dem Osten. Es ist eine selbstkritische Beschreibung unser aller Unfähigkeit, sich einem Gespräch zu stellen. Als ein junger Baumfäller die abgestorbenen Kiefern holen kommt, geraten er und die Erzählerin über die Grünen in Streit und werfen einander die gelernten Textbausteine an den Kopf. Der Vater des jungen Mannes steht daneben und schaut schweigend von einem zum anderen. Dieses Schweigen kennt die Erzählerin nur zu gut:

Ich mache mich nicht gemein, mit keinem von euch, sollte das heißen, was ich denke, geht niemanden etwas an, und manchmal dachte ich genervt, gleich würde er oder sie leise die Melodie von Die Gedanken sind frei summen. Daraus ziehen sie im Osten Deutschlands oft eine bestimmte Art von Stolz: dass keiner sie zwingen kann, etwas von sich preiszugeben. In der auf die Spitze getriebenen Form ist das genauso lächerlich wie die Überzeugung vieler Westdeutscher, zu wirklich allem eine Meinung haben und sogleich in den Debattenboden hämmern zu müssen.
(Seite 196)

Zum Glück hat die Erzählerin Freunde. Nach der Trennung helfen ihr Alla, eine Baufrau aus Moldawien mit Neonfingernägeln, die alles ohne Handschuhe erledigt, und Bolek, ein polnischer Frührentner. Allas Lieblingssatz lautet «Geht nicht – gibt’s nicht!». Im Spätsommer reisen die Freundinnen aus Wien an, um im Garten ein Fest auszurichten. Diese Freundinnen sind es, die ihr Leben zusammenhalten. Als sie ihnen den Verkauf des Hauses ankündigt, sagen die einen, das Haus sei nie ihres gewesen, zu dunkel, zu viele Mücken. Die anderen fragen erschrocken, ob es ihr gut gehe, das Haus sei doch ihr Ein und Alles. Die Erzählerin schreibt: «Und alles, was die Freunde sagten, stimmte – auch das, was sich widersprach.»

Das baufällige Haus im Osten an der scheinbar so schönen Lage wird zur Metapher, im Grossen für die gescheiterte Politik in Deutschland, im Kleinen für das Scheitern im Leben. Das klingt schwerer, als es sich liest. Denn Eva Menasse schlägt dabei immer wieder heitere Töne an, auch wenn die Heiterkeit zuweilen in Bitterkeit kippt. Sie sagt auch, warum sie das macht:

Spechte erscheinen mir wie eine tierische Metapher für Leute, die schreiben, diese Ernsthaftigkeit und der strenge Blick, mit denen sie den Schnabel, ja den ganzen schwarz-weiß-roten Kopf scheinbar suizidal gegen ein Hindernis donnern, weil sie dahinterkommen wollen. Das Futter, die Belohnung, die Erkenntnis sind entsetzlich schwer zu erreichen, aber sie müssen herausgebohrt werden, wie viel Kraft und Schnabelhiebe es auch kostet. In einer Kindersendung habe ich erfahren, dass Spechte zwischen Schnabel und Stirn einen von der Natur genial konstruierten Stoßdämpfer haben, ohne den sie das Hämmern gar nicht aushalten würden. Mein Stoßdämpfer ist wahrscheinlich die Ironie.
(Seite 81)

«Alleinruhelage» ist ein wunderbarer Roman über das Glück, das man erst im Rückspiegel erkennt, und über den Mut, trotzdem weiterzumachen. Eva Menasse verknüpft dabei mit leichter Hand das kleine Leben mit der grossen Politik und macht damit auch klar, dass für jeden Einzelnen das eigene Leben gross ist und die Politik klein. Das ist nicht nur in Berlin oder in Ostdeutschland so, sondern auch in der Schweiz. Deshalb sind die Zäune, die wir ziehen, immer auch Zäune im Kopf. Erträglich, ja: unterhaltend ist das, weil Eva Menasse ihren Stossdämpfer Ironie (und Selbstironie) so einsetzt, dass ihr Buch nicht zur Abrechnung geworden ist, sondern zu einer Selbstbefragung, der wir uns anschliessen können. Auch ohne Haus.

Eva Menasse: Alleinruhelage. Roman. . Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 32.90 Franken; ISBN 978-3-462-00262-1

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462002621

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 24. September 2026, Matthias Zehnder

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