Video-Buchtipp
Letzter Tipp: Gegen den Strom fliegen: «Zeppelin und Karpfen» von Hannah Mann
Se non è vero …: «Eva» von Matthias Ackeret
Eva ist, nein, nicht die Frau von Adam, sondern die berühmteste Talkmasterin der Schweiz. Am Vorabend des 1. August zeichnet sie ihre nächste Sendung auf. Zu Gast ist der Schweizer Bundespräsident. Statt ihn nach Dankbarkeit und Demut zu fragen, konfrontiert sie ihn mit einem Gerücht: Der amerikanische Präsident wolle alle Rätoromanen aus den USA ausweisen. Der Bundespräsident weiss von nichts, dementiert vor laufender Kamera und lässt die Sendung anschliessend löschen. Im Interesse des Landes. Eva flüchtet in ihrem roten Tesla über den Furkapass ins verlassene Hotel Belvédère, wo sich der reichste Mann der Welt versteckt: Elon, ihre Jugendliebe. Er war es, der das Gerücht in die Welt gesetzt hat. In New York stellt sich derweil ein rätoromanischer Tortenbäcker vor den Trump Tower und wird verhaftet. Was ist denn da los? Das ist der neue Roman von Matthias Ackeret, eine Polit-Groteske, die Trump zwar nicht beim Namen nennt, aber dennoch sicht- und spürbar von ihm handelt. Die Geschichte zeigt an einem (natürlich erfundenen) Schweizer Beispiel, wie Fake News funktionieren. Der springende Punkt ist dabei nicht die Lüge, das natürlich auch, sondern dass die Geschichte gut erzählt ist. In meinem 323. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum ich Ihnen dieses Buch zur Lektüre empfehle.
Sie kennen sicher das geflügelte Wort: Se non è vero è ben trovato. Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden. Genau davon handelt der Roman von Matthias Ackeret. Vielleicht müsste man für seine Geschichte den Satz allerdings umdrehen: Wenn es gut erfunden ist, dann muss es nicht mehr wahr sein. Aber von vorn. Eigentlich ist für den Schweizer Bundespräsidenten Johann König-Baldegg, von seinen Fans nach dem Vorbild JFK nur «JKB» genannt, alles in Butter. Er ist ein Siegertyp. Niederlagen kennt er nur vom Jassen, und da liegt es natürlich nicht an ihm, sondern an den schlechten Karten. Er ist landesweit bekannt für seine Jovialität: Sein Teflon-Charme hat ihn vom Schulpfleger einer solothurnischen Bauerngemeinde praktisch stufenlos durch alle politischen Institutionen hindurch bis in die Landesregierung getragen.
Man bewunderte ihn, wenn er völlig unschweizerisch am Weltwirtschaftssymposium in Davos vermeintlich mehrsprachig mit den Grossen der Welt mitpalaverte, wobei er diese – und dies nahm man in seiner Heimat gerne zur Kenntnis – vielfach zu staunenden Statisten degradierte. Was aber niemand richtig wahrnahm, JKB sprach nur sehr schlecht Englisch. Weil er sich – auch karrieretechnisch – auf die Schweizer Landessprachen fixiert hatte und vor allem Frühfranzösisch gebüffelt hatte.
(Seite 17)
Dieser Johann König-Baldegg, genannt JKB, also trifft am 31. Juli im Fernsehstudio Zürich ein. Jovial geht er auf die Kameraleute und auch auf die Maskenbildnerin zu, gibt ihnen politikerhaft die Hand und klopft links und rechts auf Schultern.
Sein federnder Schritt war ein Statement, seine Lässigkeit fast schon eine Provokation. Dann wandte er sich Eva zu und küsste sie auf die Wangen, was diese überrascht, aber mit einem breiten Eva-Lachen goutierte. «JKB und Eva wären zu anderen Zeiten wie JFK und Jackie gewesen, nur noch strahlender», raunte ein Kameramann einem Kollegen zu, wobei dieser vor lauter Abkürzungen nicht wusste, was JFK heisst. «Jedenfalls», fügte er leise hinzu, «hätte Eva besser zu JKB gepasst als seine frustrierte Ehefrau, diese ehemalige Miss Bern.»
(Seite 16)
Eva und JKB setzen sich ins Studio, das rote Licht leuchtet, die Aufzeichnung beginnt. Als Erstes fragt Eva, was dem Herrn Bundespräsidenten der Geburtstag der Schweiz bedeute. JKB lächelt versonnen, knipst dann aber die professionelle Ernsthaftigkeit an und sagt: «Dankbarkeit und Demut. Dankbar, weil ich hier leben darf, Demut, weil ich jeden Tag dankbar bin, dass ich hier leben darf.»
JKB ist selbst ein bisschen stolz auf diesen gelungenen Einstieg. Doch dann fragt Eva, warum der Herr Bundespräsident am 1. August überhaupt hier sei. Etwas irritiert fragt JKB zurück, wo er denn sein solle. Das ist die Steilvorlage für Eva:
«In Mar-a-Lago, dem Zweitwohnsitz des amerikanischen Präsidenten», konterte Eva kühl. Direkt beim amerikanischen Präsidenten. Oder im schlechteren Fall im Weissen Haus. Er – der Bundespräsident – wisse ja, warum. Dies im Gegensatz zu allen – Eva wandte sich zur Kamera – Schweizerinnen und Schweizern, die noch nichts von den neuesten Schikanemassnahmen des amerikanischen Präsidenten mitbekommen hätten. Dagegen seien nicht einmal die Strafzölle, die er früher ausgesprochen hatte, etwas. Eva war selbst überrascht, wie sie sich plötzlich in Rage redete. Doch nicht einmal sie konnte sich selbst stoppen. Diese Unerbittlichkeit passte eigentlich gar nicht zu ihr.
(Seite 21)
Was ist da los? Es stellt sich heraus, dass der Bundespräsident vom Geheimdienst eine Eildepesche erhalten hat. Der Inhalt: «The American president wants to immediately expel all Romansh people from the country and no longer allow them to enter.» JKB hat die Depesche überflogen. Doch, wir erinnern uns, der gute Mann kann kaum Englisch. Er hält die «Romansh» für Rumänen und legt die Depesche auf den Stapel mit den geheimen, aber unwichtigen Akten. Jetzt konfrontiert ihn Eva vor laufender Kamera mit der Drohung des amerikanischen Präsidenten. JKB wird’s Angst und Bang. Sollten mit Romansh wirklich die Rätoromanen gemeint sein, wäre das ein Supergau. Für das Land natürlich, aber vor allem für ihn. Ein so wichtiges Dokument zu übersehen, wäre ein Debakel, ein Skandal. Als Politiker ist sich JKB der Tragweite des Falls sofort bewusst. Im Gehirn des Bundespräsidenten rattert es. Offensichtlich hat er Eva falsch eingeschätzt. Aus dem erhofften verbalen Sonntagsspaziergang zum Nationalfeiertag macht die Fernsehfrau plötzlich einen neuen Watergate-Skandal. Wobei er, JKB, im Gegensatz zum ehemaligen Präsidenten Nixon die gefährlichen Informationen nicht geklaut, sondern übersehen hat.
Am nächsten Tag absolviert der Bundespräsident den üblichen 1.-August-Marathon: Er eilt von Fest zu Fest und hält Rede um Rede. Wobei er natürlich nicht eilt, sondern mit einem Militärhelikopter geflogen wird. Nächster Stopp: Bosco Gurin. Noch bevor der Gemeindepräsident ihm die Hand schütteln kann, nimmt der Kommunikationschef JKB zur Seite.
Die Sendung «Eine Stunde mit Eva» werde heute Abend definitiv nicht ausgestrahlt, die involvierten Personen – Kameraleute, Regisseure, Fernsehdirektion – seien unter höchster Strafandrohung zum Schweigen verdammt. Möglicher Straftatbestand: Landesverrat. Um die Ernsthaftigkeit zu unterstreichen, habe man die beste – und auch teuerste – Anwaltskanzlei Zürichs beigezogen. Eine von der Bahnhofstrasse. Gegen die Kosten, die das Verteidigungsministerium für externe Gutachten aufwände, seien die jetzigen Aufwendungen aber nur ein Klacks. «Und was ist mit der Sendung passiert?», fragt der Bundespräsident. «Gelöscht», antwortet der Kommunikationschef. «Unter anwaltschaftlicher Beobachtung.» Der Bundespräsident wirkt erleichtert, obwohl er gleichzeitig einen leichten Phantomschmerz verspürt. Irgendwann hatte er sich geschworen, dass jedes Wort, jeder Gedanke von ihm archiviert werden müsse. Für die Nachwelt. Doch hier ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
(Seite 51)
Alles wieder in Butter also? Nicht ganz. Sein Team hat alles und alle im Griff – ausser Eva. Die ist wie vom Erdboden verschluckt und bleibt verschwunden.
Dabei wollte sie mit ihrer Rätoromanen-Story endlich den Durchbruch erzielen, endlich als Investigativjournalistin anerkannt werden. Kurz vor der Sendung hat sie deshalb ihren Ex-Lover Curdin Caduff in New York angerufen, einen Bündner Tortenbäcker, der Trump Tower und Mar-a-Lago beliefert. Sie will der Sache mit den Rätoromanen auf den Grund gehen und so richtig recherchieren. Caduff weiss zwar nichts von einem Erlass. Aber er gerät sofort ausser sich. Es sei absolut unverzeihlich, dass sich der Bundesrat, seine eigene Regierung, gegenüber diesen ungeheuerlichen Vorwürfen passiv verhalte, selbst wenn es sich nur um ein Gerücht handle. Wenn das wirklich wahr sei, dann wäre dies, schreit Caduff mitten auf der Fifth Avenue in sein Telefon, «der grösstmögliche Verrat gegenüber allen Rätoromanen.»
Vielleicht haben Sie es gemerkt: Es spielt gar keine Rolle mehr, ob es wahr ist, dass der US-Präsident gegen die Rätoromanen vorgehen will oder nicht. Caduff würde die Passivität des Bundesrats auch dann unverzeihlich finden, wenn es sich nur um ein Gerücht handelte. Ob Fake oder nicht – Caduff erwartet vom Bundesrat klare Kante.
Das ist der Mechanismus, um den sich dieses Buch dreht: Eine Nachricht wird nicht wahr, weil sie stimmt. Sie wird wahr, weil jemand ihr glaubt und danach handelt. Der Soziologe William Thomas hat das vor hundert Jahren in einem Satz formuliert, der als Thomas-Theorem in die Lehrbücher eingegangen ist: Wenn Menschen eine Situation als real definieren, dann ist sie in ihren Folgen real. Matthias Ackeret erzählt dieses Theorem als Schweizer Sommerkomödie.
Eva ist unterdessen über den Furkapass ins Hotel Belvédère geflüchtet. Da merkt sie, dass ihre Sendung nicht ausgestrahlt wird und dass sie gefährlich lebt. Dass der Bundespräsident gar nicht anders konnte, als das Gerücht zu ersticken. Wäre die Sendung ausgestrahlt worden, wäre aus dem Gerücht eine Tatsache geworden. Deshalb ist der Bundespräsident eingeschritten.
Das ist der zweite Teil des Mechanismus. Eine Information wird nicht dadurch unwahr, dass man sie löscht. Sie verschwindet nur aus der Aufzeichnung. Ackeret lässt seinen Bundespräsidenten mit dem Unterschied zwischen beidem spielen: JKB darf Eva nicht suchen lassen, weil eine Suche Fragen provozieren würde. Also lässt er Eva Eva sein.
Allerdings hat niemand mit dem cholerischen Zuckerbäcker gerechnet: Curdin Caduff, der jähzornige Bündner, stellt sich am Nationalfeiertag vor den Trump Tower, reckt die Faust und ruft zum Protest auf: «Without this president, everything would be better.» Er singt «Dorma bain» und landet auf Rikers Island. CNN hält ihn für einen südamerikanischen Terroristen. Curdin wird angeklagt und dem Richter vorgeführt. Der Richter liest die Anklage und im gleichen Atemzug den Freispruch.
Nach eingehender Prüfung wird der bis jetzt angeklagte Curdin Caduff sofort freigesprochen, da er – wie nachträgliche Aufnahmen ergaben – nicht «Without this president, everything would be better» schrie, was eindeutig strafbar gewesen wäre, sondern «With this president, everything would be better», was eine Ehrerbietung an das amerikanische Staatsoberhaupt darstellt. Mister Caduff, Sie können den Saal als freier Mann verlassen.»
Dann schweigt der Richter und schaut wieder in seine Akten. Es scheint Curdin, als staune er auch über das, was er soeben vorgelesen hat. «Aber», wehrt sich Curdin, «ich habe doch without und nicht with gesagt.» Im gleichen Moment, als er den Satz ausspricht, wird Curdin klar, wie gefährlich und auch hirnverbrannt diese Berichtigung ist, selbst wenn sie stimmt. Doch die Überkorrektheit des Schweizers drückt bei Curdin auch nach den vielen Amerikajahren in Extremsituationen immer noch durch. Der Richter nimmt erneut seine Brille ab, guckt Curdin mit stechendem Juristenblick in die Augen und wiederholt mit ungewohnter Ernsthaftigkeit, jede Silbe einzeln betonend: «Bitte, Herr Caduff, verlassen Sie den Saal. Glauben Sie mir, Sie haben «With this president, everything would be better» gesagt.» Auf den Videoaufnahmen des Trump Towers habe man dies deutlich gesehen. Leider seien die Bänder aber irrtümlich gelöscht worden.
(Seite 120)
Ein Buchstabe entscheidet über Gefängnis oder Freiheit. Die Aufnahme, die es klären könnte, ist gelöscht. Und der Angeklagte muss die Lüge, die ihn freispricht, als Wahrheit akzeptieren. Es ist derselbe Mechanismus wie bei der gelöschten Talkshow, nur umgekehrt: Dort macht die Löschung eine Wahrheit unsichtbar, hier macht sie eine Lüge amtlich. Wer die Aufzeichnung kontrolliert, kontrolliert, was gesagt worden ist.
Und der US-Präsident? Das ist der Clou an der Geschichte: Er will tatsächlich gegen die Rätoromanen vorgehen. Aus Eifersucht. Mehr sei hier nicht verraten. Vor allem aber:
«Wir müssen Fakten schaffen, Fakten, Fakten. Ihr wisst, jeden Tag eine Schlagzeile. Und an guten zwei. Ich bin die grösste Daily-Show, die die Welt je gesehen hat.»
(Seite 135)
Das ist der Bullshit-Mechanismus von Harry Frankfurt: Ein Lügner kennt die Wahrheit und verbirgt sie. Dem Bullshitter ist die Wahrheit egal. Er gibt so viel Blödsinn von sich, dass die Wahrheit im Bullshit ertrinkt: Was zählt, ist immer nur die nächste Schlagzeile.
Das Buch ist eine Groteske. Wirklich grotesk ist aber, dass uns die erfundene Geschichte mittlerweile sehr vertraut vorkommt. Und zwar bis zur verhinderten Ausstrahlung einer Sendung: Diese Woche hat Jimmy Kimmel ein Interview mit James Talarico, dem Senatskandidaten der Demokraten in Texas, auf YouTube veröffentlicht. Offenbar hatte die amerikanische Medienaufsicht FCC, die Federal Communications Commission, Kimmel, seine Show, den Sender ABC sowie deren Partnersender und lokale Stationen so bedroht, dass Kimmel auf eine Ausstrahlung des Interviews im Fernsehen verzichtete. Jetzt sehen es dafür Millionen auf YouTube.
Nein, das Buch von Matthias Ackeret ist keine Übertreibung der Wirklichkeit, es ist vielmehr eine Collage. Wir kennen die verwendeten Schnipsel alle aus der Realität. Alles kommt vor, alles ist wahr, und dazwischen liegt eine erfundene Geschichte, die nicht unwahrscheinlicher ist als das, was tatsächlich passiert ist. Das ist mittlerweile das Problem jeder Satire und Groteske: Die Realität überholt sie rasch.
Bei einer Geschichte kommt es nicht darauf an, wie wahr sie ist, sondern wie gut sie erzählt ist. Alexandre Dumas hat das gewusst, Henrik Ibsen, Heinrich Böll und Charles Lewinsky. Matthias Ackeret hat daraus einen Roman gemacht, in dem alle nur das glauben, was gut erzählt ist. Caduff, der Einzige, der die Wahrheit sagt, steht vor dem Richter. Und der erklärt ihm, dass er diese Wahrheit nie gesagt habe.
Matthias Ackeret: Eva. Roman. . Münster, 150 Seiten, 24.00 Franken; ISBN 978-3-907301-98-2
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783907301982
Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 17. September 2026, Matthias Zehnder
PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:
- den neuen Buchtipp
- den aktuellen Sachbuchtipp
- den Hinweis auf den Wochenkommentar
- das aktuelle Fragebogeninterview
Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!