Video-Buchtipp

Letzter Tipp: Turnen als Tortur: «Die Routinen» von Son Lewandowski

Ionescos Erbe: «Die Elefanten» von Sasha Filipenko

Publiziert am 30. April 2026 von Matthias Zehnder

«Wir plauderten über dies und jenes auf der Terrasse des Cafés, mein Freund Jean und ich, als wir auf dem gegenübergelegenen Trottoir, riesig, mächtig, laut schnaufend, vorwärtsstürmend, die Warenstände umreißend, ein Nashorn erblickten.» So beginnt die Erzählung «Die Nashörner» von Eugène Ionesco aus dem Jahr 1957. In einer französischen Provinzstadt verwandeln sich die Menschen langsam aber sicher in Nashörner und niemand redet darüber. Ionesco thematisierte so den Umgang Frankreichs mit der Ära des Algerienkriegs und dem Trauma der Vichy-Kollaboration. Später erweiterte er das Sujet zu einem Theaterstück: «Rhinocéros». Sasha Filipenko greift das Motiv in seinem neuen Roman auf: Bei ihm sind es nicht Nashörner, sondern Elefanten. Sie tauchen plötzlich auf. Sie stehen mitten in der guten Stube, versperren den Blick auf die Bilder im Museum und stören den Verkehr auf der Autobahn. Aber niemand will über die Elefanten sprechen. Es ist ein ungemein starkes Bild für das kollektive Verdrängen, in Russland und in Belarus, aber auch bei uns. Die absurde, ja groteske Geschichte hat viele komische Momente, das Lachen bleibt einem beim Lesen aber im Hals stecken. In meinem 303. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum Sie das Buch dennoch lesen sollten.

Bei Eugène Ionesco ist es eine Art Epidemie: In einer französischen Provinzstadt verwandeln sich die Menschen alle einer nach dem anderen in Nashörner. Zunächst sind die Bürger schockiert. Bérenger, ein Outsider, und sein Freund, der korrekte Jean, plaudern in einem Café, als sie das erste Nashorn sehen. Im Büro von Bérenger leugnen die Kollegen zunächst die Existenz der Nashörner. Später muss Bérenger miterleben, wie Jean sich vor seinen Augen in ein aggressives Nashorn verwandelt. Am Ende des Stücks bleibt Bérenger als letzter Mensch zurück. Zuerst zweifelt er an sich und möchte selbst auch ein Nashorn sein. Doch am Ende entscheidet er sich für den Widerstand: Er will Mensch bleiben.

Als Teenager hat mich dieses Stück tief beeindruckt. Selbstverständlich sah ich in der angepassten, grauen Gesellschaft um mich herum lauter Nashörner und Bérenger wurde so etwas wie ein Idol für mich. Beinahe hätte ich in einem Jugendtheater die Rolle des Bérenger spielen dürfen. Kollege Regisseur hat sich dann aber in letzter Minute für einen anderen entschieden, einen cooleren Typen als ich es damals war.

In diese Gefühlswelt der Nashörner bin ich bei der Lektüre von Sasha Filipenkos Roman wieder abgetaucht. Bei ihm sind es nicht Rhinozerosse, sondern Elefanten und die Menschen verwandeln sich nicht, sie ignorieren die Präsenz der Tiere. Filipenko stellt diese Ignoranz aber so präzise dar, dass einem die Dickhäuter, wie die Nashörner von Ionesco, wirklich unter die Haut gehen.

Sein Bérenger, also sein Aussenseiter, heisst Pawel. Er ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen und arbeitet als Stand-up-Comedian und Philosophie-Dozent. Pawels Gegenstück ist Alexander, ein berühmter, preisgekrönter Schriftsteller. Alexander lebt in einer riesigen Villa, er ist eitel und selbstverliebt. Er liebt seinen luxuriösen Lebensstandard und seine Ruhe über alles. Er schreibt seine Bücher nicht mehr selbst, sondern denkt sich beim täglichen Frühstück lediglich Romanideen aus über Neandertaler-Parteien, über einen Mann, der sich in eine Pornodarstellerin verliebt, und über ein Buch, das aus Kommentaren besteht. Diese letzte Idee hat Filipenko in seinem Roman umgesetzt: Eingestreut in die Handlung sind Kommentare, wie man sie im Internet zum Text finden würde.

Comedian und Philosophie-Dozent Pawel ist unsterblich in Alexanders Tochter Anna verliebt. Sie wohnt in einer Villa neben ihren Eltern. Anna ist Schauspielerin, hat jedoch nie für eine Rolle vorsprechen müssen, da ihr wohlhabender Vater ihr die Engagements kauft. Sie ist verwöhnt, ewig unzufrieden und liebt Kreuzworträtsel. Deshalb spielt ein Kreuzworträtsel im Buch eine tragende Rolle: Sie können beim Lesen also auch noch rätseln. Auch das eine schönes, formales Detail.

Annas Mutter und Alexanders Ehefrau ist Sofija. Als junge Studentin fing sie zunächst als Sekretärin (und Geliebte) bei Alexander an, bevor er sie heiratete. Sofija lebt in ständiger Angst, von ihrem Mann wegen einer jüngeren Frau verlassen zu werden. Sie ordnet sich ihm deshalb komplett unter und korrigiert nicht nur seine Manuskripte, sondern verfasst heimlich all seine Romane für ihn. Sofija ist es auch, die den ersten Elefanten im Haus entdeckt.

Eines frühen Morgens ein Donnergrollen, und … Sof‌ija, die auf den Lärm hin herbeigelaufen kam, erstarrte. Mitten in dem großen Raum stand plötzlich ein Elefant, darunter das zersplitterte Klavier. Dieser Anblick war so beeindruckend und so unfassbar, dass die Hausherrin weder schrie noch in Ohnmacht fiel, sondern sich nur die Hände vor den offenen Mund hielt und mit den Wimpern klimperte. Als er nach einigen Schrecksekunden immer noch da war und sie feststellen musste, dass der Elefant auch blieb, wo er war, und nur hie und da seinen Schwanz pendeln ließ, da klatschte Sof‌ija in die Hände. War das ein Trick? Ein Wunder? Allerhand … Ein Elefant! (Seite 22)

Und es ist nicht der einzige Elefant. Bald sind sie überall. Das wirklich Ungeheuerliche ist aber nicht das Auftauchen der Elefanten. Das Ungeheuerliche ist die Gleichgültigkeit, mit der die Menschen die Elefanten hinnehmen. Buslenker manö­vrieren zwischen den Tieren durch, Museumsführer beschreiben Gemälde, die hinter Elefantenhintern hängen. Die Strassenkehrer kehren tapfer die gigantischen Hinterlassenschaften der grossen Tiere weg und Psychologen gehen zu der Erklärung über, dass ein Elefant manchmal einfach nur ein Elefant sei. Insgesamt nehmen die Menschen die Tiere klaglos hin. Innert kürzester Zeit gewöhnt sich die Gesellschaft an die Elefanten und sieht sie nicht mehr. Oder besser: Will sie nicht mehr sehen.

«Was hat das überhaupt mit mir zu tun? Ich könnte es doch höchstens noch schlimmer machen! Das sollen lieber Profis übernehmen!»
«Hab ich sie etwa eingeladen?»
«Wieso sollte ich vor etwas Angst haben, das mich überhaupt nichts angeht?»
«Im Fernsehen heißt es, sie haben alles unter Kontrolle!» Wenn Anna, der langsam ein wenig bange wurde, den Gesprächen in Restaurants und Cafés lauschte, stellte sie fest, dass die Leute einander im Rechtfertigen übertrafen: «Wir müssen der Regierung vertrauen! Die wissen schon, was zu tun ist! Wenn jeder auf seine Art anfängt, Ordnung zu schaffen, bricht Chaos aus!»
«Na, wenn nicht mal die einflussreichsten Köpfe ganz oben was ausrichten können, was soll ich dann noch tun?» «Elefanten gibt’s überall – wenn wir die jetzt loswerden, kommen nachher wieder andere! Wir müssen einfach abwarten!»
«Alles hat seinen Grund und ist der Wille Gottes!» «Ich glaube, wir sollten die Elefanten jetzt nicht provozieren. Besser ein schlechter Frieden als ein Krieg mit riesigen, unberechenbaren Tieren! Wenn wir sie ärgern, wird es nur noch schlimmer!»
«Also, historisch betrachtet ist das eigentlich ursprünglich ihr Territorium!»
«Ich interessiere mich nicht für Tiere … » (Seite 46)

Nur Pawel wehrt sich. Als alle Bürger die Elefanten ignorieren, ist Pawel der Einzige, der sich weigert zu schweigen. Er nutzt seine Auftritte für offenen Protest und ruft zur Befreiung der Stadt auf. Das hat mich an Stephen Colbert, Seth Meyers und Jimmy Kimmel erinnert, die amerikanischen Comedians, die auch unter Trump die Dinge beim Namen nennen. Trump hat versucht, Stephen Colbert und Jimmy Kimmel absetzen zu lassen – bei Kimmel ist das nicht geglückt. Pawel ist ihr osteuropäisches Gegenstück: ein Comedian, der auf die Bühne steht und fragt, ob jemand den Elefanten im Raum sieht. Es ist letztlich die Frage, ob Satire Diktaturen aufhalten kann.

An einer Stelle sagt Filipenko durch Pawel sehr genau, um was es ihm geht. Pawel sagt auf der Bühne:

«Klatscht mal bitte, wenn ihr hier einen Elefanten stehen seht!» (Stille.) «Aha … Das liegt nicht daran, dass wir blind sind – sondern daran, dass wir blind sein wollen.» (Stille.) «Wahrscheinlich ist es normal, das Offensichtliche nicht zu bemerken … Wir haben ja eine ganze Geschichte des Nichtbemerkens: Kreuzzüge, Inquisition, Sklaverei … Unsere Urgroßväter bemerkten die Gaskammern nicht, was soll man da von uns erwarten, oder? Atombomben, die Städte auslöschen … Wir verschließen unser Leben lang die Augen, weil wir sie uns nicht verderben wollen … »
Stille, dann ein Zuruf: «Hör mal, das hier ist ein Comedyclub, wird’s bei dir heute noch zum Lachen oder nicht mehr?»
«Nein, wird es nicht! Ich sage euch nur noch zum Ab-schied, dass die Abkürzung für den ersten sowjetischen Gulag das russische Wort für Elefant war: SLON!» (Seite 76)

Deutlicher geht es nicht: Das russische Wort für Elefanten ist Slon und das ist gleichzeitig die Abkürzung für Gulag. Wenn also überall im Land plötzlich Elefanten auftauchen, dann deshalb, weil sich das ganze Land in ein Gulag verwandelt.

Sasha Filipenko übrigens lebt in der Schweiz. Er hat beim Schreiben dieses Romans also aus einem Land nach Russland geschaut, das sich gerne für immun hält gegen das, was er beschreibt. Und vielleicht ist das die unbequemste Frage des Buches: Haben wir auch in der Schweiz unsere Elefanten? Beim Abstimmungsverhalten, bei der Neutralitätsdebatte, bei der Frage, wie lange man wegschauen darf, bevor Wegschauen zur Haltung wird? Ist der grosse Elefant der Schweiz die Neutralität?

Erzählerisch ist der Roman übrigens sehr interessant aufgebaut. Er besteht aus verschiedenen Schichten, die Filipenko übergangslos zusammenmontiert: Internetkommentare, die die Handlung kommentieren, Spam-Werbung, «streng geheime» Regierungsdokumente von kafkaesker Korrektheit und die eigentliche Handlung.

Alexander erzählt beim Frühstück täglich Romanideen, darunter auch die Idee vom Buch, das aus Kommentaren besteht. Das Buch, so die Idee, ist eine Leerstelle. Es gibt den Text also nicht, sondern nur die Reaktionen darauf. Das erklärt auch die Montagetechnik des Buchs von Filipenko: Die Montageteile kreisen, wie die Kommentare, um das eigentliche Buch, das man sich erschliesst, indem man es aus den verschiedenen Perspektiven zusammensetzt.

Bei Ionesco bleibt Béranger als letzter Mensch unter Nashörnern zurück. Sasha Filipenkos Buch endet etwas subtiler: Bei ihm ändern die Menschen ihre Form nicht. Sie verrohen innerlich. Weil Pawel bis zuletzt Widerstand gegen die Elefanten leistet, verliert er alles: Er wird verhaftet, gefoltert und schliesslich in einem zynischen Prozess «entmenschlicht»: Er wird als Tier dressiert.

Sasha Filipenko: Die Elefanten. Roman. Diogenes, 256 Seiten, 35 Franken; ISBN 978-3-257-07373-7

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257073737

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 30.04.2026, Matthias Zehnder

PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten,   abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:

  • den neuen Buchtipp
  • den aktuellen Sachbuchtipp
  • den Hinweis auf den Wochenkommentar
  • das aktuelle Fragebogeninterview

Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!