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Turnen als Tortur: «Die Routinen» von Son Lewandowski
Auf dem Fernsehbildschirm sieht es manchmal aus, als könnten die Kunstturnerinnen die Schwerkraft überwinden: Leicht und grazil schweben sie über die Matten und scheinen dabei den Balken und die Holmen kaum zu berühren. Hinter dieser Leichtigkeit steckt harte Arbeit, das sind wir Zuschauer uns wohl bewusst. Wie hart diese Arbeit ist und wie früh die Mädchen im Training zu Turnerinnen geformt (oder müsste man sagen: geschunden?) werden, blenden wir alle aus. Son Lewandowski zeigt es uns in ihrem Buch, in dem sie Erzählung und Dokumentation auf spannende Weise mischt. Sie führt uns vor, wie staatliche Sportorganisationen systematisch kindliche Körper ausbeuten. Die titelgebende «Routine», die ewige Wiederholung im Training, ist der Weg zur Exzellenz, aber auch das Instrument der Disziplinierung und Selbstunterdrückung. Die Mädchen und Frauen werden dabei systematisch klein gehalten: physich durch Hunger, durch Gewichtskontrolle, durch Verzögerung der Pubertät, psychisch durch den ständigen Wettkampf und den Vergleich untereinander. In meinem 302. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es sich lohnt, lesend in diese literarische Turnhalle einzutauchen.
Magglingen ist ein kleines Dorf im Schweizer Jura oberhalb des Bielersees. Hier befindet sich das Zentrum des Schweizer Leistungssports. Auch der Schweizerische Turnverband (STV) hat in Magglingen sein Leistungszentrum. Im Oktober 2020 rückte dieses Magglingen ins Zentrum des Interesses von Politik und Medien: Das «Magazin» der «Tages-Anzeigers» veröffentlichte Aussagen von acht ehemaligen Athletinnen der Rhythmischen Gymnastik. Die jungen Frauen, unter ihnen die Schweizer Turnerin Ariella Kaeslin, berichteten über Erniedrigungen, strenge Gewichtskontrollen und psychische Gewalt. Sie enthüllten Missbrauch und Schikanen im Schweizer Kunstturnen. Die Berichte wurden später bekannt als «Magglingen-Protokolle».
Son Lewandowski zitiert aus den Magglingen-Protokollen in ihrem Buch. Es ist einer von vielen dokumentarischen Einschüben. Andere berichten von der Karriere der rumänischen Turnerin Nadia Comăneci, eine der besten Turnerinnen der Geschichte. An den Olympischen Spielen 1976 und 1980 gewann sie insgesamt fünf Gold-, drei Silber- und eine Bronzemedaille. 1989 floh sie in die USA. Oder von Olga Korbut, eine russische Turnerin, die 1972 an den Olympischen Spielen in München je eine Goldmedaille für ihre Bodenkür und am Stufenbarren gewann. Olga Korbut war siebzehn Jahre alt und wurde von der Presse zur «Athletinnen-Lolita» stilisiert. Sie zeigte eine Übung, die nach ihr «Korbut-Flip» genannt wurde. Sie stand dabei auf dem oberen Holm des Stufenbarrens, führte einen Rückwärtssalto aus und griff den Holm erneut. Weil die Übung so gefährlich war, wurde sie auch «Dead Loop» genannt und schon bald wegen seiner Gefährlichkeit bei Wettbewerben verboten.
Ariella Kaeslin, Nadia Comăneci und Olga Korbut sind drei von vielen jungen Frauen von denen dieses Buch handelt. Son Lewandowski erzählt ihre Geschichte immer wieder in der ersten Person plural, einem lyrischen «wir»: Dieses «wir» wird zum kollektiven «ich» aller Turnerinnen.
In der fiktiven Rahmenhandlung blickt eine Turnerin zurück auf ihre Anfänge und ihre Erfahrungen im Training. Sie beschreibt Kindheitserinnerungen an den Schwebebalken, die ersten Übungen in der Halle, den Handstand. Sie erinnert sich, wie ihre Kolleginnen mit Matten einen Tunnel bildeten. Sie musste das Rad schlagen durch diesen Tunnel, so lange, bis sie die Matten nicht mehr berührte. Sie erinnert sich an das Weinen im Training, weil der Körper dabei geformt wird durch Wiederholung und durch Routinen.
Noch sind die Körper der Mädchen weich und ein Versprechen. Doch das soll sich ändern: Sie sollen zu Maschinen werden, die ihr Programm immer und jederzeit perfekt abzuspulen bereit sind.
Wie oft ich mit dem Schambein auf den Schwebebalken stürzen konnte, ohne dass es brach. Wenn ich gekrümmt am Boden lag, die Arme in den pochenden Schritt gedrückt, schwärmten die anderen Mädchen herbei und streichelten und küssten mich. Sie legten sich über mein Weinen, ganz kurz nur, das Training musste weitergehen. Und wenn sie wieder an ihre Geräte zurückliefen, zog ihr Fortgehen an meiner Haut wie ein trostlos abgerissenes Pflaster.
Vielleicht bin ich manchmal nur gefallen, um von dem Schwarm magnesiaweißer Mädchen gehalten zu werden. Wir berührten uns in den Stürzen und Hilfestellungen und ich wusste noch nicht, dass wir uns bald schon in der Unsicherheit der anderen aufstellten und an ihr festhielten.
Wenn ich die Halle betrat, teilte ich mich auf. Meinem gestreckten Körper konnte ich nachschauen und noch lag ein Flaum auf meinen Armen, meinen Beinen, dieses erste Haar, das am meisten verzeiht. Leicht konnte es sich aufstellen, bei der kleinsten Erregung, dem Absprung, dem Abgang, den Griffen der anderen Mädchen an meinen Handgelenken, wenn sie mir tief in die Dehnung halfen. In diesem Haar lag ich weich, dort wartete kein Widerstand, und noch barg die Zärtlichkeit keine Gefahr. Noch war ich ein leises Versprechen und die anderen fassten mich vorsichtig an. Unsere Hände noch Hände, die nicht viel vorhatten, die nicht viel anhaben konnten. (Seite 5)
Der Ausschnitt zeigt die Schreibweise von Son Lewandowskis Stil: Sie spricht nicht über Gefühle, sondern macht sie körperlich sichtbar. Es ist eine Art lyrische Körperlichkeit, die Ambivalenz zwischen Zärtlichkeit und zukünftiger Gewalt wird aber bereits spürbar. Beim Lesen ist klar: Die Unschuld der Mädchen ist bald vorbei.
Die dokumentarischen Einschübe brechen den lyrisch zurückhaltenden Ton. In knappen Worten berichtet Son Lewandowski von Nadia Comănecis Entdeckung durch Béla Károlyi 1968 in Rumänien, von Comănecis ersten Goldmedaillen in Montreal 1976, von der politischen Vereinnahmung der Turnerin in Rumänien. Vom «Dead Loop» von Olga Korbut in München 1972, von ihrer erzwungenen USA-Tour, von Gewalt und Missbrauch durch den Trainer. Die Turnerinnen sind Maschinen. Ihre kindlichen Körper werden systematisch ausgebeutet, die Ausbeutung ist staatlich legitimiert.
Wir sind acht, wir sind zwölf, wir sind sechzehn Jahre alt und noch sind wir leicht und klein, ohne verzichten zu müssen. Es ist 1976, 1980, 2016, die Zeit immer Vier, unser Alter Olympiajahre. Von der Schule in die Halle, auf die Waage, in die Wettkämpfe an den Wochenenden. Wir sind ein Mädchen, das umgezogen in der Halle steht, umhergezogen durch das Training läuft, umerzogen in den Wettkampf springt.
Bald schon werden wir siebzehn sein, neunzehn, dreißig Jahre alt, eine Karriere, die sich dem Ende neigt. Wir heißen Nadia Comăneci, Olga Korbut, Věra Čáslavská. Wir heißen Kerri Strug, Dominique Mocenau und Simone Biles. Wir sind die Frauen, die sich oft genug wiederholen konnten, um zu bleiben. Man kann uns leicht erzählen, denn unsere Geschichten wurden gut trainiert. Wir könnten mit einem Radschlag beginnen, einem Handstand, einem Salto oder einem Spagat. Aufgeschlagen stehen wir da und man kann die Innenseiten unserer Oberschenkel entlangfahren, erst mit den Augen und dann mit den Fingern. (Seite 15)
Son Lewandowski verschmelzt in ihrem Buch fiktive und historische Stimmen, Erzählung und Dokumentation, lyrische Sprache und nüchterne Berichterstattung. Die Turnerinnen verbinden sich dabei im Kollektivpronomen «wir». Son Lewandowski macht so auch klar, dass die geschundenen Mädchen die Folge einer kranken Gesellschaft sind. Das ist der andere Aspekt des «wir»: Wir alle haben weggeschaut und die Mädchen ihren Schindern überlassen.
Über Jahrzehnte haben sich die Mädchen, die Frauen, ihre Eltern und Trainerinnen und Trainer an ihre Sportverbände gewendet, ohne ernst genommen zu werden. Über Jahrzehnte haben sich die Verbände in Schweigen gehüllt. Oft gab ihnen der Erfolg recht und führte dazu, dass über Trainingsmethoden und Missbrauch nie gesprochen wurde.
Nur weil wir dort unten in der Halle nicht reden, wenn wir turnen, heißt das nicht, dass wir nichts gesagt haben. Wir sprechen seit Jahrzehnten, aber niemand hört zu. Denn für euch sind wir immer noch Maskottchen, die den Fleiß verkleiden. Wie viel sind wir wert? Eine Goldmedaille oder zwei? Eine Verletzung, die sich live zuträgt? Ein Lächeln für den Kühlschrankmagneten und die Cornflakes-Verpackung? Und wie viel sind diese Sponsorenverträge wert? (Seite 260)
Es sind Stellen, die einem beim Lesen einfahren. 2018 kommt es in Michigan zu einem Prozess gegen Larry Nassar, den Teamarzt der US-amerikanischen Turnerinnen. Er hatte jahrelang die Mädchen in seiner Obhut missbraucht. Während dieses Prozesses gibt die Richterin den Turnerinnen die Möglichkeit, ein Statement vorzutragen, in dem die Mädchen und Frauen ihre Erlebnisse und die Folgen des Missbrauchs schildern und Nassar damit konfrontieren können. 156 Betroffene nutzen die Möglichkeit. Das sind etwas mehr als die Hälfte aller Betroffenen.
Wir stehen vor einem Gericht, das von uns keine auswendigen Bewegungen verlangt, das verlangt, dass wir sprechen. Wir stehen fest in diesem Raum und bewegen uns nicht von der Stelle. Wir drücken unsere Zungen nicht mehr gegen die Gaumen und sprechen aus, was sich in unseren festgezogenen Körpern verirrt hat. Wir haben uns vorbereitet auf diesen Prozess, eine geprellte Kindheit lang, in den Wäldern, auf dem moosbedeckten Boden, kein Sonnenschein, kein Lächeln, haben die Zehenspitzen gegen die Fersen getauscht, die Blasen gegen die Hornhaut. Und unsere Räder haben wir gut trainiert, kippen unsere Oberkörper in den Boden und laufen unseren geschlagenen Gang, laufen jetzt auf diesen Mann zu, denn die einzige Möglichkeit, ihm zu entkommen, ist ihn zu zertrampeln. (Seite 262)
Die Turnerinnen, die gelernt haben, sich zu bewegen statt zu sprechen, nutzen jetzt ihre Körpersprache für die Anklage. Wieder lässt Son Lewandowski das «Wir» als kollektiven Plural auftreten. Das löst den individuellen Körper auf und macht aus der Unterdrückung der Turnerinnen ein strukturelles Phänomen.
Auch formal bildet Son Lewandowski ihren Stoff ab: Kurze, gehämmerte Sätze wechseln mit langen, atemlosen Perioden. Die Prosa wird zur Turnübung: Anlauf, Sprung, Landung. Bis es zur Routine wird. Auch das zeigt Lewandowski mit einer wiederkehrenden Phrase: Der Satz «So hatten wir es schließlich gelernt.» kommt zehnmal im Buch vor. Gefühle beschreibt Son Lewandowski nicht psychologisch, sondern körperlich: Sie zeigt die Auswirkungen. So ging es mir auch beim Lesen: Es hat mir den Hals zugeschnürt.
Son Lewandowski: Die Routinen. Roman. Klett-Cotta, 272 Seiten, 35.90 Franken; ISBN 978-3-608-96716-6
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783608967166
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 23.04.2026, Matthias Zehnder
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