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Das Gesetz der Unschuld: «Der Lincoln Lawyer hinter Gittern» von Michael Connelly

Publiziert am 7. Mai 2026 von Matthias Zehnder

Kriminalromane und Fernsehkrimis enden meistens mit der Enttarnung des Täters. Das Genre heisst nicht zufällig «Whodunit»: Im Zentrum der Krimis steht die Frage, wer der Täter ist. Oder die Täterin. Schweizer Staatsanwälte sagen mir, dass das in der Realität oft kein Rätsel ist. Im Zentrum der realen Arbeit der Ermittler steht die Frage, wie sie einem Verdächtigen eine Tat gerichtsfest beweisen können. Genau diese Frage steht im Zentrum des neuen Krimis von Michael Connelly: Strafverteidiger Mickey Haller muss beweisen, dass ein Verdächtiger nicht schuldig ist. Und das unter dem grössten Druck, der vorstellbar ist: Er selbst ist der Verdächtige. Bei einer Verkehrskontrolle hat die LAPD, die Polizei von Los Angeles, in seinem Kofferraum eine Leiche gefunden. Schlimmer noch: Die Ermittler können ihm nachweisen, dass der Mann nicht nur in seinem Auto, sondern auch in seiner Garage erschossen worden ist. Mickey Haller weiss natürlich, dass er es nicht war. Aber wie kann er das dem Gericht beweisen, wo er doch im Gefängnis sitzt? Die Uhr tickt … In meinem 304. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es sich lohnt, das Buch von Michael Connelly zu lesen und nicht einfach Netflix einzuschalten. Da läuft die Story nämlich als Serie.

 

Es ist Ende Oktober in Los Angeles. Strafverteidiger Mickey Haller hat gerade einen der schnellsten Freisprüche seiner Karriere gefeiert: Nach weniger als einer halben Stunde Beratung haben die Geschworenen auf «nicht schuldig» entschieden. Traditionsgemäss gibt Mickey Haller danach im «Redwood» eine Lokalrunde aus. Er selbst trinkt keinen Alkohol mehr und setzt sich danach entsprechend unbekümmert ans Steuer seines Autos. Natürlich ein Lincoln. Er kommt aber nicht weit: Ein Streifenwagen blinkt ihn raus. Am Heck des Wagens von Mickey Haller fehlt das Nummernschild. Der Polizist verlangt von ihm, den Kofferraum zu öffnen. Erst nimmt Mickey Haller das auf die leichte Schulter. Doch dann wird es ernst: In seinem Kofferraum liegt eine Leiche.

Für einmal weiss Mickey Haller genau, dass sein Klient (er selbst) unschuldig ist. Einfacher macht das die Verteidigung aber nicht, zumal Mickey sich im Hochsicherheitstrakt der Twin Towers Correctional Facility in Downtown Los Angeles auf den Prozess vorbereiten muss.

Jetzt musste ich mich mit einer Anklage wegen Mordes ersten Grades herumschlagen und würde mich vor Gericht selbst vertreten. Ich weiß, was Lincoln – und wahrscheinlich viele weise Männer vor und nach ihm – gesagt hat. Vielleicht war mein Mandant ein Narr, aber ich war nicht bereit, meine Zukunft in andere Hände zu legen als in meine eigenen. Folglich war in der Strafsache ‹Der Staat Kalifornien gegen J. Michael Haller› die Kommandozentrale der Verteidigung Zelle 13, Ebene K-10 der Twin Towers Correctional Facility. (Seite 24)

Sie merken schon an diesem kurzen Textausschnitt: Michael Connelly spielt mit seiner «Lincoln Lawyer»-Serie mit den Versatzstücken klassischer Hard Boiled-Detektivromane, wie sie zum Beispiel Raymond Chandler über Philip Marlowe geschrieben hat. Im Zentrum steht immer ein abgebrühter Mann, der in schnoddrigem Ton seine Geschichte erzählt. Es geht um Mord und Totschlag, um Liebe und Gerechtigkeit. Allerdings dreht Michael Connelly das Genre in einigen entscheidenden Punkten weiter.

Bei Raymond Chandler ist Philip Marlowe ein Privatdetektiv, ein moralisch korrumpierter Held, der trotzdem ehrlich bleibt. Mickey Haller dagegen ist Anwalt. Haller ist kein Säufer, sondern hat dem Alkohol abgeschworen. Er sucht nicht ewige Liebe, sondern kümmert sich vor allem um seine Tochter. Er tritt zwar auf wie ein einsamer Lucky Luke, hat aber ein Team, auf das er sich verlassen kann. Vor allem: Mickey Haller ist kein Aussenseiter, sondern ein Insider des Justizsystems. Er merkt an seinem eigenen Schicksal, dass dieses System ein korrumpiertes Monster ist.

Im Zentrum des Romans steht deshalb keine Prügelei und keine simple Verfolgungsjagd, sondern ein Verfahren: eine spannende Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Rechtssystem. Auch wenn sich das mit den Geschworenen und dem Verhalten der Richterin ganz anders anfühlt als unser Rechtssystem, stellt sich bei uns doch dieselbe zentrale Frage: Wie kann ich vor Gericht etwas so beweisen, dass dabei alle Verfahrensregeln eingehalten bleiben?

Diese Regeln können ganz schön tricky sein. In den USA müssen Staatsanwalt und Verteidigung einander Daten und Dokumente offenlegen. Diese Offenlegung wird streng gehandhabt: Was hereinkommt, muss unverzüglich auch rausgehen. Dokumente, die die Anklage erhält, bekommt auch die Verteidigung und umgekehrt. Natürlich ist die Regel nicht wasserdicht, weil nur von «Dokumenten» die Rede ist. Ermittler halten deshalb ihr Erkenntnisse so spät wie möglich fest oder laden einen Zeugen erst kurz vor der Einvernahme, damit der Gegenseite der Stand der Ermittlungen möglichst lange verborgen bleibt. Eine Schwierigkeit bleibt für Mickey Haller aber ganz zentral:

Was meine Unschuld anging, gab ich mich keinen Illusionen hin. Mir war klar, dass das etwas war, was nur ich mit Sicherheit wissen konnte. Und mir war auch klar, dass sie kein perfekter Schutzschild gegen Ungerechtigkeit war. Sie war keine Garantie für irgendetwas. Die Wolken würden sich nicht für einen Lichtstrahl göttlichen Eingreifens öffnen. Ich war ganz auf mich gestellt. Unschuld ist kein juristischer Begriff. Vor einem Gericht wurde noch nie jemand für unschuldig befunden, nie jemand vom Spruch der Geschworenen entlastet. Die Justiz kann nur über schuldig oder nicht schuldig entscheiden. Über sonst nichts. Das Gesetz der Unschuld ist noch nicht geschrieben worden. Es wird sich nie in einem ledergebundenen Gesetzbuch finden. Es wird in keinem Gerichtssaal verhandelt werden. Es kann von den Gewählten nicht zum Gesetz erhoben werden. Es ist eine abstrakte Vorstellung und richtet sich dennoch eng an den unverrückbaren Gesetzen von Natur und Wissenschaft aus. Nach den Gesetzen der Physik gibt es für jede Aktion eine gleich starke entgegengesetzte Reaktion. Nach den Gesetzen der Unschuld gibt es für jeden Menschen, der einer Straftat nicht schuldig ist, einen Menschen, der sie begangen hat. Und um wahre Unschuld zu beweisen, muss der schuldige Mensch gefunden und vor der Welt bloßgestellt werden. (127)

Das erweist sich, wie könnte es anders sein, als viel schwieriger, als Mickey Haller sich das denkt. Spannend ist das, weil es vor der Richterin und den Geschworenen in einem Gericht nie nur um Daten und Fakten geht, sondern auch um Glaubwürdigkeit und damit auch um eine Inszenierung. Michael Connelly inszeniert genau das perfekt und schafft so drei Ebenen, die sich aufeinander beziehen: Er erzählt, wie Mickey Haller seine Verteidigung vor Gericht inszeniert, er erzählt, wie Haller diese Abläufe kommentiert und verpackt das alles perfekt in eine Erzählung, den Roman. Die folgende Stelle ist ein gutes Beispiel dafür – erkennen Sie die drei Ebenen?

Bei einem Prozess kommt es oft darauf an, wer der bessere Geschichtenerzähler ist, die Anklage oder die Verteidigung. Da sind natürlich immer die Beweise, aber handfeste Beweise werden den Geschworenen zuerst vom Geschichtenerzähler dargelegt.
Geschichte A: Ein Mann tötet einen Feind und packt die Leiche in den Kofferraum, um sie spätnachts, wenn niemand etwas davon mitbekommt, zu vergraben.
Geschichte B: Einem Mann soll der Mord an einem ehemaligen Mandanten angehängt werden, und er fährt, ohne es zu wissen, mit der Leiche im Kofferraum durch die Gegend, bis er von der Polizei angehalten wird.
Die konkreten Beweise passen zu beiden Geschichten. Bei oberflächlicher Betrachtung mag eine glaubhafter sein als die andere, aber ein guter Geschichtenerzähler kann die Waage der Rechtsprechung austarieren oder mit einer anderen Auslegung der Beweise in die andere Richtung kippen. (Seite 225f.)

Mickey Haller steht im Roman auch zeitlich unter Druck und das aus zwei Gründen. Der erste Grund ist offensichtlich: Der Prozesstermin naht, er hat nur wenige Wochen, um seine Verteidigung vorzubereiten. Der zweite Grund: Die Covid-19-Pandemie naht. Michael Connelly sagt das nie explizit. Mickey Haller hört aber in den Nachrichten, dass in Wuhan ein gefährliches Virus ausgebrochen ist. Im Gefängnis tragen die Wärter plötzlich Masken. Mickey kann das alles nicht einordnen. Wir Leser aber wissen: Bald kommt es zum Lockdown. Schafft es Michey Haller rechtzeitig, sich zu befreien?

Die Bücher von Michael Connelly rund um Mickey Haller sind als Netflix-Serie verfilmt worden. Seit Februar 2026 ist die vierte Staffel der Serie verfügbar: Sie basiert auf diesem Buch. Das, was dieses Buch so spannend macht, die drei Ebenen der Erzählung, die Inszenierung des amerikanischen Rechtssystems und das Nachdenken über Schuld, finden Sie aber nur im Buch. Es lohnt sich deshalb, die Geschichte zu lesen. Oder zumindest: zuerst zu lesen.

Michael Connelly: Der Lincoln Lawyer hinter Gittern. Ein neuer Fall. Kampa, 496 Seiten, 33.50 Franken; ISBN 978-3-311-12136-7

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783311121367

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 07.05.2026, Matthias Zehnder

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