Video-Buchtipp

Letzter Tipp: Der schöne Zufall: «Die Linkshänderinnen» von Heinrich Steinfest

Die Macht der Geschichte: «Troja, später Nachmittag» von Gregor Sander

Publiziert am 8. Oktober 2026 von Matthias Zehnder

Wer sich auch nur ein bisschen mit der Antike beschäftigt hat, und sei es nur im Unterricht am Gymnasium, der kennt diese Zeilen und weiss auch sofort, von wem die Rede ist: Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, / Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung. Es ist der Anfang der «Odyssee» von Homer in der deutschen Übersetzung von Johann Heinrich Voß. Diese Übertragung der griechischen Verse ist 1781 erschienen und hat Generationen den Zugang zu Homer und seinen Epen eröffnet. Auch einem Pastorensohn aus Mecklenburg namens Heinrich Schliemann. Der weigerte sich, im Bericht über die Abenteuer des Odysseus bloss Dichtung und Mythos zu sehen. Schliemann war überzeugt, dass Homer die Wahrheit erzählte und man seine Beschreibungen von Troja wörtlich nehmen könne. Nachdem er sich als Kaufmann in Russland und in Amerika ein sagenhaftes Vermögen erarbeitet hatte, setzte er sein Geld dafür ein, die mythische Stadt zu suchen – und fand sie tatsächlich im Nordwesten der heutigen Türkei auf dem Hügel Hisarlık. Das ist an sich schon eine phantastische Geschichte. In seinem Roman über Heinrich Schliemann lässt Gregor Sander den mecklenburgischen Kaufmann auch erzählerisch in die Fussstapfen seines griechischen Helden treten: In den Briefen an seine Jugendliebe Minna flunkert der gute Heinrich, was das Zeug hält, und macht aus seinem rastlosen Leben eine packende Odyssee. Warum der Roman über den Troja-Entdecker nicht nur für Fans der griechischen Helden ein grosses Lesevergnügen ist, das sage ich Ihnen diese Woche in meinem 326. Buchtipp.

Gregor Sander erzählt das Leben von Heinrich Schliemann in einzelnen Szenen, im Wesentlichen chronologisch. Er spannt einen weiten Bogen von der mecklenburgischen Provinz über Fürstenberg, Amsterdam, Sankt Petersburg und Panama bis nach Troja. Meistens nimmt er die Perspektive seines Helden ein, am Ende aber übernimmt Minna das Erzählen. Und er erzählt, sagen wir: basierend auf den Tatsachen. So wie Heinrich Schliemann das in seinen Briefen gemacht hat, erzählt Sander aber homerisch süffig und mit vielen Ausschmückungen und Übertreibungen.

Seine Erzählung setzt 1831 in Ankershagen ein, einem kleinen, vergessenen Dorf in Mecklenburg-Schwerin. Heinrich Schliemann ist neun Jahre alt. Sein Vater ist der Pastor des Dorfs, er ist aber dem Alkohol und seiner Magd verfallen und prügelt den kleinen Heinrich windelweich. Der einzige Trost des kleinen Heinrich ist Freundin Minna Meincke, die Tochter des Gutsverwalters. Sie ist gleich alt, mindestens so wild und klug und sie hat ein Grübchen in der rechten Wange. Pastor Schliemann ist oft bei Minnas Vater zu Gast. Als er eines Abends wieder einmal sagt: «Dann werde ich mal zu Herrn Meincke gehen. Wir studieren den Homer weiter», sticht Heinrich der Hafer: Minna lässt ihn durch die Küche ins Haus, und die beiden Kinder verstecken sich hinter dem Vorhang der Bibliothek.

Minna trug an diesem Abend schon ihr Nachthemd und eine weiße Strickjacke darüber. Sie ließ ihn an der Küche ein und sie schlichen barfuß hinter den Vorhang. Da standen sie dann nebeneinander, die Außenseiten ihrer kleinen Finger berührten sich. Heinrich konnte Minna riechen: wie geschmolzene Butter, fast süß und ein wenig salzig. Ihre Haare kitzelten ihn an der Wange und er hörte leise ihren Atem und seinen Herzschlag. Ihm war, als müsse er platzen, aber alles ging schließlich gut. Bis das Wort «Ilias» fiel und Heinrich dachte, es ginge um den Dorfschmied, diesen riesigen Kerl mit Händen wie Schaufeln und einer Lederschürze über der behaarten Brust. Als Heinrichs Vater im Gutshaus sagte: «Nun die Ilias, ja», dabei schmatzend einen ersten Schluck Wein trank und Heinrich hinter dem Vorhang verstand «Nun die Elias, DIE Elias», da sah er den Schmied plötzlich vor sich, wie er mit einem gewaltigen Hammer auf das glühende Eisen schlug, und «DIE Elias», das war einfach zu viel für ihn. Da musste er lachen. Und Minna neben ihm spürte, wie es in ihm aufstieg, und legte ihm erst nur ihre Finger auf seine Lippen, aber als das nichts half, drehte sie sich plötzlich ganz zu ihm und drückte ihre Lippen so fest auf seine, dass ihm das Lachen im Halse stecken blieb. Dass er seinen Vater und den Gutsverwalter Meincke nicht mehr hörte. Es wurde hell und dunkel gleichzeitig, heiß und kalt und die Zeit verbog sich so, dass er später nicht mehr wusste, wie er da rausgekommen war aus dem Zimmer, hinter diesem Vorhang, ohne dass die Männer irgendetwas bemerkten. Er erinnerte sich nur noch, wie er den knirschenden Sand der Gutshausauffahrt entlanggelaufen war in die Dunkelheit des schlafenden Dorfes hinein und Minna ihm «Bis morgen» hinterherrief. «Ja, bis morgen», rief er zurück und sein Herz schlug immer noch bis zum Hals. Das war im letzten Sommer gewesen. Und so war das mit Minna immer noch, auch ohne weiteren Kuss. Darauf konnte er gut verzichten, nur eben auf Minna nicht.
(Seite 20)

Dass die Herren die Ilias lesen, hat eine besondere Bewandtnis: Im Schloss, das Minnas Vater verwaltet, hat vor vielen Jahren Johann Heinrich Voß gelebt, der berühmte Übersetzer der Odyssee. Minnas Vater zeigt Heinrich bei einem Besuch das in Kalbsleder gebundene Buch mit der Übersetzung.

Dieser Geruch von Minna nach geschmolzener Butter, «fast süß und ein wenig salzig», wird zum Leitmotiv: So behält Heinrich Minna in Erinnerung, sein ganzes Leben lang. Doch die Kindheit endet abrupt: Der Vater hat die Magd Sophie zur Geliebten gemacht; die hochschwangere Mutter hat sie verjagt. Drei Tage nach der Geburt ihres neunten Kindes stirbt die Mutter. Der Vater holt Sophie zurück in sein Bett und wird dafür von der Gemeinde geächtet. Das Dorf zieht sogar mit Kesseln und Dreschflegeln vor das Pfarrhaus und wirft Steine in die Fenster. Selbst Minnas Vater wechselt die Strassenseite, wenn er Heinrich sieht.

Zusammen mit seinem Bruder Ludwig kommt Heinrich als Lehrling zum Krämer Hückstädt nach Fürstenberg. Die Frau des Krämers bringt ihm die doppelte Buchführung bei. Minna schreibt er fast jede Woche. Um sich und sein Leben interessanter zu machen, bleibt er dabei nicht immer bei der Wahrheit. Bevor er nach Übersee aufbricht, reitet Heinrich ein letztes Mal nach Ankershagen. Er will Minna noch einmal sehen. Sie tanzen miteinander, doch Heinrich wird niedergeschlagen. Er wehrt sich und muss flüchten. Minna findet ihn auf dem Heuboden eines Stalls, dort küssen sie sich zum zweiten Mal. Später bringt er sie auf seinem Pferd nach Hause:

Als sie zurückritten zum Haus des Gutsverwalters durch die sternenblanke Nacht, da saß sie hinter ihm auf dem Pferd und hatte die Arme um ihn geschlungen. Sie weinten beide, als Minna stumm winkte auf der Vortreppe, immer wieder winkte und dann in dem so vertrauten Haus verschwand. Heinrich wollte den Gaul schon Richtung Fürstenberg lenken, als er sah, dass ein Fenster im dunklen Schloss offen stand. Die Herrschaften waren mal wieder nicht zugegen, das wusste er.
Also stieg er schnell über das hölzerne Gestell der schwer duftenden scharlachroten Kletterrosen hinauf, ohne wirklich zu wissen, was er da oben eigentlich wollte. Und stand plötzlich ganz allein in der großen Bibliothek. Bücher an jeder Wand bis unter die Decke. Die leuchtete türkis selbst im fahlen Mondlicht, blauer noch als Minnas Kleid. Er hörte den Gaul unten leise wiehern. «Schnell», dachte er, «schnell, du musst hier verschwinden.» Die hölzerne Leiter stand direkt neben der verschlossenen Flügeltür. Er kletterte hoch und griff nach dem kalbsledernen Buch in der obersten Reihe ganz links am Rand, da, wo es Herr Meincke vor Jahren reingeschoben hatte, und schlug es auf:
«Homer – Odyssee – Nach der Übersetzung von Johann Heinrich Voß»
stand da und:
«Paderborn und Würzburg – Verlag von Ferdinand Schöningh.»
Heinrich strich über diese erste Seite und schlug dann das Buch zu.
«Wer ist schon Johann Heinrich Voß aus Ankershagen? Ich bin Heinrich Schliemann und du kommst mit.» Er steckte sich den braunen Einband hinten in den Hosenbund, sprang hinunter in den Garten und gab dem Gaul die Gerte.

(Seite 70)

Dieses Buch trägt er auf seinen folgenden Stationen mit sich wie eine Trophäe. Er nimmt es mit nach Amsterdam, wo er zu Geld kommt, und nach Sankt Petersburg, wo er reich wird. Bloss lesen wird er es nicht. Noch nicht. Gregor Sander erzählt die Karriere des Heinrich Schliemann in hohem Tempo: den Weg vom Krämerlehrling in Fürstenberg, den Schiffbruch vor der holländischen Insel Texel, die Arbeit im Kontor eines Amsterdamer Handelshauses, den Aufstieg zum Grosskaufmann in Sankt Petersburg und zum Goldbankier in Kalifornien. Schliemann lernt ein Dutzend Sprachen und verdient im Krimkrieg ein Vermögen. Nur Minna bekommt er nicht: Sie heiratet einen Bauern aus einem der Nachbardörfer und bleibt trotzdem Heinrichs Bezugs- und Ankerpunkt.

Das Zentrum des Romans ist natürlich das Jahr 1873. Schliemann gräbt auf dem Hügel Hisarlık in der heutigen Türkei und findet einen Goldschatz. Er nennt ihn den «Schatz des Priamos». Sander erzählt die Entdeckung als Tagebuch von Heinrich Schliemann. An einem späten Nachmittag lädt der Laien-Archäologe drei Reporter auf die Grabung ein.

Die Menschen lieben Geschichten und sie sollten sie bekommen. Ich nahm in meinen Ausführungen im Schatten der Zypressen meinem Vater in Ankershagen den Branntwein aus der Hand und lieh mir von Krischan Hückstädt, dem Krämersohn in Fürstenberg/Havel, die «Weltgeschichte für Kinder» von Georg Ludwig Jerrer aus. Mein nun liebevoller, leider inzwischen verstorbener Vater, so erzählte ich, hatte mir schon an der Wiege aus der Ilias vorgelesen, und als ich dann beinahe sechsjährig in der «Weltgeschichte für Kinder» eine Abbildung des brennenden Troja fand, mit seinen ungeheuren Mauern und dem Skäischen Tore, dem fliehenden Aeneas, der den Vater Anchises auf dem Rücken trägt und den kleinen Askanios an der Hand führt, da fragte ich meinen Vater, ob denn Troja einst wirklich so starke Mauern gehabt habe, wie sie auf jenem Bilde dargestellt waren. Ich ließ in der Nachmittagsstille von Troja eine kleine dramaturgische Pause, während die drei Reporter an meinen Lippen hingen. «Mein Vater bejahte», sagte ich erst auf Deutsch und dann noch schnell auf Französisch für LeBreton, dann hob ich den Zeigefinger in die Luft und gab meine angebliche Antwort als Dreikäsehoch kund: «Wenn solche Mauern einmal da gewesen sind, so können sie nicht ganz vernichtet sein, sondern sind wohl unter Staub und Schutt von Jahrhunderten verborgen.» Die drei schmunzelten und ich schob noch hinterher: «Und das schon mit sechs Jahren!» Ich dachte an diesen bräsigen Kaufmannssohn in Fürstenberg und sein Gejammer über den Homer und spürte jetzt förmlich, dass meine Zeit gekommen war. Meine Prämisse auf Rat meines weisen gütigen Vaters sei es gewesen, erklärte ich meinen aufmerksamen Zuhörern, erst das Geld zu verdienen, mit dem sich dann Troja würde ausgraben lassen.
(Seite 215)

Er erzählt den Reportern sogar, wie seine junge griechische Frau Sophia mit ihm den Schatz aus der Erde geholt habe. Doch Sophia war in Athen, weil ihr Vater gestorben war. Schliemann schreibt sie trotzdem in die Geschichte hinein. Das Foto von Sophia mit dem Goldschmuck geht um die Welt, und die Welt glaubt die Geschichte bis heute.

Vielleicht haben Sie den zentralen Satz des Buchs bemerkt, den wohl schon Homer sich zum Motto genommen hat: «Die Menschen lieben Geschichten und sie sollten sie bekommen.» Dessen war sich der historische Schliemann wohl bewusst und Gregor Sander lässt seinen Heinrich Schliemann das auch explizit sagen:

Aber bin ich nicht auch ein Geschichtenschreiber und kann ich nicht hier und da, so wie der große Homer vermutlich seinerseits, die Handlung ein klein wenig verändern?
(Seite 217)

Kann er. Und natürlich auch Gregor Sander. Denn, da nehme ich mich nicht aus, wir lieben gute Geschichten. Lieber gut erfunden als schlecht berichtet. So entstehen grosse Epen und Romane. Leider neigt die Wirklichkeit dazu, die Phantasie im dümmsten Moment zu crashen. In Deutschland lachen die Professoren über den Krämer, der Troja gefunden haben will. Sein neuer Grabungsleiter Wilhelm Dörpfeld, ein studierter Architekt, sagt ihm schliesslich ins Gesicht, dass der Schatz, den er gefunden hat, viel älter sei als der Trojanische Krieg.

Und das stimmt. Der angebliche «Schatz des Priamos» ist mehr als tausend Jahre älter als das Troja, von dem Homer erzählt, und kann also nicht Priamos gehört haben. Schliemann hat aber tatsächlich den Ort Troja gefunden. Den Schatz schmuggelte er 1873 an den osmanischen Behörden vorbei nach Athen. 1881 schenkte er seine «Sammlung Trojanischer Alterthümer» dem deutschen Volk, sie wurde in Berlin ausgestellt, zuletzt im Museum für Völkerkunde. Im Zweiten Weltkrieg brachte man den Schatz in einen Bunker in Sicherheit. Dort beschlagnahmte ihn 1945 die Rote Armee. Moskau leugnete das aber jahrzehntelang. Erst 1993, nach dem Ende der Sowjetunion, räumte Russland offiziell ein, dass sich das Gold im Moskauer Puschkin-Museum befindet. Seit 1996 ist es dort ausgestellt. Auch die reale Geschichte um Heinrich Schliemann bietet also überraschende Wendungen.

Entstanden ist ein kluges Buch über Wahrheit und Lüge. Schliemann flunkert ständig, er übertreibt, beschönigt und erfindet. Das macht auch Gregor Sander, aber er sagt es. Er lässt Schliemann am Ende an Homer zweifeln und zeigt, wie ein Mann an seiner eigenen Geschichte zerbricht. Deshalb hat nicht Schliemann das letzte Wort im Buch, sondern Minna. In einem Brief an ihren Sohn erzählt sie nach Heinrichs Tod von einem Treffen mit ihm, von dem niemand etwas wissen darf. Und sie erinnert sich an einen Sommertag, an dem sie als Kinder auf einem alten Pferd zum Mühlensee galoppierten:

genau dieser Moment, mein lieber Sohn, bedeutete für mich das Glück.
(Seite 315)

Heinrich Schliemann hat mit seinen Geschichten Troja gefunden und damit für die Welt erfunden. Das ist die Macht der Geschichte. Das Glück von Minna aber lag am Mühlensee in Ankershagen.

Gregor Sander: Troja, später Nachmittag. Roman. . Penguin Verlag, 320 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-328-60508-9

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783328605089

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 8. Oktober 2026, Matthias Zehnder

PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:

  • den neuen Buchtipp
  • den aktuellen Sachbuchtipp
  • den Hinweis auf den Wochenkommentar
  • das aktuelle Fragebogeninterview

Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!