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Der schöne Zufall: «Die Linkshänderinnen» von Heinrich Steinfest

Publiziert am 1. Oktober 2026 von Matthias Zehnder

Ich schreibe mit der rechten Hand. Als ich zur Schule ging, wurden Linkshänder manchmal noch umerzogen, denn es galt die Devise, dass nur die rechte Hand die richtige sei. Bis heute gilt: Wer mit der linken Hand schreibt, schneidet, arbeitet, eckt immer wieder an in der Welt. Die Schere drückt, der Dosenöffner dreht in die falsche Richtung, und die Tinte verschmiert unter der Hand. Dennoch schreibt und arbeitet heute etwa jeder zehnte Mensch mit links. Und wird dafür auch noch sprachlich bestraft: Wer ungeschickt ist, ist linkisch und hat zwei linke Hände. Und wenn uns jemand betrügt, sind wir gelinkt worden. Nur eine Redewendung meint es gut mit Linkshändern: Was man «mit links» erledigt, fällt einem leicht. Heinrich Steinfest hat eine Novelle über drei Linkshänderinnen geschrieben, die eine Bar eröffnen, in der alles mit links erledigt wird. Schön daran ist, dass sich das Buch so leicht liest, als hätte Heinrich Steinfest es mit links geschrieben. Dabei stellt er ganz nebenbei eine grosse Frage: Hat der Zufall einen Sinn? Warum man diese Frage am besten an einer Bar klärt, sage ich Ihnen in meinem 325. Buchtipp.

Alles beginnt mit einer Schlägerei über dem Atlantik: Auf dem Flug von Chicago nach Frankfurt geraten zwei Männer in Streit, weil einer von ihnen schnarcht. Es kommt zu einer veritablen Schlägerei. Als ein Flugbegleiter einschreitet, bricht einer der beiden Männer ihm die Nase. Ruhe kehrt erst ein, als die irische Rugby-Nationalmannschaft, die zufällig vorne im Flugzeug sitzt, handfest eingreift. Der Flugkapitän hat aber genug: Er dreht das Flugzeug um. Die beiden Streithähne werden in der hintersten Reihe festgesetzt und sollen den Behörden übergeben werden.

Damit sie ihre Ruhe haben, werden die Flugpassagiere umgesetzt. Dabei landen drei Frauen nebeneinander in derselben Sitzreihe: Nora, eine Heilmasseurin aus Wien, Ruth, die in der Kanzlei ihres Mannes in Frankfurt arbeitet, und Tilda Chen, eine chinesische Zoologin aus Heidelberg, die sich auf ausgestorbene Tiere spezialisiert hat. Um die Zeit totzuschlagen, suchen die drei nach Gemeinsamkeiten und finden keine. Bis das Essen kommt:

Doch auch die Speisen lieferten keinerlei Hinweise auf auffällige Übereinstimmungen, im Gegenteil. Tilda aß Fleisch, Ruth hatte eine vegetarische Speise bestellt und die Heilmasseurin Nora eine vegane. Als sie nun aber alle drei die Folien von ihren Menüs gezogen hatten und nach ihren Gabeln griffen, um einzelne Stücke aus den kleinen Essensfächern zu holen …
Sie bemerkten es sofort. Und es hatte wirklich etwas von einer Erleuchtung. Jede von ihnen blickte von der eigenen, die Gabel haltenden Hand zu den Händen der beiden anderen und wieder zurück. Richtig, jede hatte ihre Gabel in der linken Hand.
«Okay», sagte die in der Mitte sitzende Ruth, «da haben wir es, nicht wahr?»
Tilda nickte und sagte: «Linkshändigkeit.»
«Verdammt auch», meinte Nora und lachte. Alle drei lachten.
In der Entdeckung steckte eine große Befreiung. Der Zufall offenbarte seinen Sinn. Freilich stellte sich die Frage, was mit diesem Sinn anzufangen sei. Außer, dass man denken konnte, die Sympathie, die sie teilten, verfüge nun über einen festen Rahmen. Den Rahmen solidarischer Linkshändigkeit.

(Seite 13)

Der Zufall führt also drei Linkshänderinnen zusammen. Die drei Frauen bleiben in Kontakt, sie schreiben sich regelmässig. Und dann schlägt bei allen dreien das Schicksal zu. Noras Eltern sterben kurz nacheinander. Sie verkauft die Wiener Wohnung, schenkt die Hälfte des Erlöses ihrem Sohn und behält das Elternhaus am Rand eines touristischen Ortes. Nach einer krankheitsbedingten Pause macht sie aus einer Laune heraus ein Barkeeper-Diplom und beschliesst, im Erdgeschoss des Hauses eine Cocktailbar einzurichten. Eine junge Architektin entwirft das Interieur, die Möbel stammen von Sohn Tim. Ruth erfährt durch einen Anruf einer ausgemusterten Geliebten ihres Mannes, dass der sein Segelboot «Brigitte» nicht zum Segeln, sondern für Affären nutzt. Noch am selben Abend verlässt sie ihn und die Kanzlei. Zoologin Tilda wird von ihrer Vorgesetzten in Heidelberg gemobbt, weil sie deren Avancen abgewiesen hat; der offizielle Vorwand ist ein kleiner Irrtum bei einem Käfer. Nora lädt Ruth und Tilda nach Österreich ein. Ihre Idee: Die drei Linkshänderinnen könnten gemeinsam eine ganz auf die linke Hand ausgerichtete Cocktailbar führen.

Die Bar ist speziell eingerichtet: Alle Griffe sind rechts, die Armaturen links, jeder Ablauf geht von rechts nach links, und unter den Flaschen stehen Porzellanskifahrer im Stil der alten Arosa-Plakate, alle im Linksschwung. Lange suchen sie einen Namen für ihre Linkshänderinnenbar. Schliesslich einigen sie sich auf «Elsbeths Hoffnung». Das klingt irgendwie geheimnisvoll. Es ist eine spontane Idee von Tilda. Sie kann beim besten Willen nicht sagen, wie sie darauf gekommen ist. Der Name ist einfach plötzlich da, wie «ein Regenbogen bei blauem Himmel und Sonnenschein».

Am Eröffnungsabend kommt ein einziger Gast. Er probiert drei Stunden lang Cocktails und verschwindet. Zwei Tage später erscheint in einer grossen Zeitung eine euphorische Kritik, denn der Gast war der gefürchtetste Restaurantkritiker des Landes.

Natürlich führte diese Kritik dazu, dass die Bar, in der am Eröffnungstag nur dieser eine Gast und am zweiten Tag überhaupt niemand gewesen war, am dritten Tag, wie man es in Österreich ausdrückt, bummvoll war. So war das mit Kritiken. Deren Macht enorm. In der Kunst, im Fußball, beim Warentest, nicht zuletzt in der Politik, wenn die medialen Kritiker die politischen Entscheidungsträger vor sich hertrieben. Und eben auch in der Gastronomie. Kritiker und Kritikerinnen waren kleine Götter und Göttinnen, deren gesenkte oder gehobene Daumen gleichsam als glühender Draht durch eine weiche, verführbare Welt wie durch Styropor drangen. Jedenfalls veranlasste dieser Artikel die Kurgäste sowie viele Einheimische der Ortschaft dazu, Elsbeth aufzusuchen (die meisten nannten der Einfachheit halber nur den Vornamen und ließen die Hoffnung aus). So wurde das Lokal in kürzester Zeit zu einer Institution.
(Seite 28)

Die Bar entwickelt sich erfreulich, auch das nahe gelegene Hotel profitiert davon. Und umgekehrt. Ein Jahr später buchen zwei französische Verbände in ebendiesem Hotel gleichzeitig das Tagungs-Paket. Es ist ein Versehen des Hotels. Jetzt muss es mit achtzehn Floristinnen und Floristen und achtzehn Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern fertig werden. Weil nur ein Saal zur Verfügung steht, beschliessen die Tagungsteilnehmer kurzerhand, ihre Tagungen zusammenzulegen. Sie feiern sogar gemeinsam in «Elsbeths Hoffnung». Unter den Franzosen ist eine Ärztin, Ria Crowe. Nora erkennt sie wieder: Sie sass damals im selben Flugzeug, als Ärztin der irischen Rugbymannschaft. Für Nora ist das kein Zufall. Doch dann passiert das Ungeheuerliche:

Doch spätestens um die Mittagszeit war klar – und bereits Hauptmeldung in den Nachrichten –, dass allen Ernstes sämtliche Teilnehmenden sowohl der floristischen wie der psychoanalytischen Konferenz spurlos verschwunden waren und auch keiner von ihnen über sein Handy zu erreichen noch zu orten war. Sechsunddreißig Franzosen und Französinnen. Zumindest waren diese sechsunddreißig Personen nicht in ihren Zimmern aufzufinden, waren in der Nacht von ihrem Barbesuch nicht heimgekehrt und folgerichtig am nächsten Morgen weder zum frühen Frühstück noch zur vereinbarten Wanderung, die von Frau Schiefer persönlich hätte geleitet werden sollen, erschienen. Was erst ihr, der Direktorin, aufgefallen war und nicht etwa den beiden jungen Frauen an der Rezeption, die die Franzosen sanft schlummernd in ihren Zimmern vermutet hatten.
(Seite 48)

Was folgt, ist eine wunderbare Mediensatire. Regierungen schalten sich ein, der Bürgermeister blamiert sich vor jeder Kamera, im Internet blühen die Verschwörungstheorien, und weil drei linkshändige Frauen beteiligt sind, ist im Dorf schnell von Hexerei die Rede. Die drei Barfrauen helfen bei der Suche im Wald. Dabei sondert sich Tilda von ihrer Gruppe ab und stösst auf ein getarntes Erdloch. Sie greift mit der linken Hand hinein, und eine Kinderhand greift nach ihr. Es ist ein Junge, der ein Jahr zuvor verschwunden war und ein ganzes Jahr im Waldboden überlebt hat. Seine erste Frage lautet: «Muss ich morgen in die Schule?» Tilda antwortet: «Ganz sicher nicht.»

Tilda sucht also im Wald die Franzosen und findet ein vermisstes Kind. Das ist ihre Gabe: Sie findet, was sie nicht sucht. Die Engländer haben dafür ein eigenes Wort: Serendipity. Horace Walpole hat es 1754 nach einem persischen Märchen geprägt. Im Märchen finden drei Prinzen aus Serendip ständig Dinge, die sie gar nicht gesucht haben. Die drei Frauen sehen das ganz verschieden:

Tilda, die Wissenschaftlerin, und Ruth mit ihrem Hang zur Buchhalterei hielten Zufälle für Zufälle, Nora aber folgte einem gewissen Aberglauben. Sie nannte es selbst Aberglaube, hielt diesen aber für so angebracht wie unausweichlich. Sie meinte in allem eine Bestimmung zu erkennen, einen Faden. Und dieser Faden führte direkt aus dem Flugzeug in diese Bar. Es konnte eben kein Zufall sein, dass ausgerechnet diese schöne Ärztin, die damals ebenfalls im Flieger gewesen war, nun hier in Elsbeths Hoffnung stand.
Nora fröstelte ob ihrer Einsicht. Passenderweise führte sie in diesem Moment die silberne Schaufel in das Fach mit den Eiswürfeln und spürte, wie einer der eisigen Kuben über ihren Handrücken glitt, eine nasse Spur zog, und wie sich die feinen Härchen auf ihrer Haut dem kalten Fluss ergaben. Für einen Moment im Eismeer ertranken.

(Seite 40)

Der Kriminalpolizist, der mit den Ermittlungen im Fall der verschwundenen Franzosen betraut ist, ein Wiener Chefinspektor namens Gehring, sieht es anders. Er sagt zu Tilda:

«Eigentlich sind Sie ebenso Detektiv wie ich», sagte Gehring. «Sie suchen und finden. Ich meine, Sie haben immerhin diesen Jungen entdeckt.»
«Pures Glück», meinte sie.
«Sagen Sie das nicht. Dafür braucht es Instinkt. Die Fähigkeit, ins Glück zu treten, das dann eben kein pures ist. Sondern ein gewolltes.»

(Seite 70)

Wie die Geschichte ausgeht, verrate ich Ihnen natürlich nicht. Aber immerhin, dass es genau darum geht: Was ist Zufall, was ist Glück? Die drei Frauen, die zufällig im Flugzeug nebeneinander zu sitzen kommen, suchen nach einem Grund für diesen Zufall, nach einer verbindenden Eigenschaft. Sie finden heraus, dass sie Linkshänderinnen sind. Ist das Zufall, ist es Glück oder ist es entscheidend, dass die drei nach einer Verbindung gesucht haben?

Der Chefinspektor widerspricht Tilda: Glück sei nicht einfach Zufall, es brauche die Fähigkeit, ins Glück zu treten. Tilda sucht Franzosen und findet ein Kind. Später sucht sie gar nichts und findet im Wald einen Käfer, den noch niemand kannte. Sie tauft ihn Nicequodaccidit, auf Deutsch: schöner Zufall. Vielleicht erklärt das die Linkshändigkeit der drei Barkeeperinnen: Wir gehen davon aus, dass Glück und Zufälle vom Himmel fallen, wir also nichts damit zu tun haben. Der Chefinspektor dreht diese Sicht auf Links und sagt: Wir müssen uns dem Glück und Zufall öffnen. Das ist die wunderbar-tröstliche Botschaft dieser Geschichte: Man kann das Glück nicht planen. Aber man kann losgehen, die Augen offen halten und im richtigen Moment die Hand ausstrecken. In diesem Fall natürlich die linke. Davon abgesehen bietet die Erzählung schlicht gute Leseunterhaltung. Ein Buch, das auch sprachlich Freude macht.

Heinrich Steinfest: Die Linkshänderinnen. Novelle. . Piper, 144 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-492-07425-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492074254

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 1. Oktober 2026, Matthias Zehnder

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