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Grosses Kino im Kopf: «Meine Liebe stirbt nicht» von Roberto Saviano
Roberto Saviano ist bekannt als Journalist und Autor, der über die Mafia schreibt. Sein Buch über den sizilianischen Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone war atemberaubend. Roberto Saviano schreibt mit anderen Worten wichtige Bücher. Auch der neue Roman von Roberto Saviano ist so ein wichtiges Buch. Es lag deshalb auf meinen Lesestapel. Das Buch handelt von der wahren Liebesgeschichte einer Studentin aus Florenz, die sich in Francesco verliebt, einen jungen Mann aus Kalabrien. Was sie nicht weiss: Der Familie des jungen Mannes gehört zur kalabrischen Mafia, der ‚Ndrangheta. Als sie mitten in einer blutigen Familienfehde landet, hält Rossella zu Francesco, versucht aus Liebe, ihn aus dem Mafia-Milieu zu lösen – und bezahlt dafür mit ihrem Leben. Zweifellos eine wichtige Geschichte. So wirklich interessiert hat sie mich aber nicht. Und dann, dann habe ich das Buch zur Hand genommen und war gepackt. Nicht, weil das Thema wichtig ist, sondern weil das Buch so packend geschrieben ist. Roberto Saviano schreibt so, dass man beim Lesen richtig in die Szenen eintaucht. Sein Buch bietet pures Kopfkino. Sein neuer Roman ist deshalb nicht einfach ein wichtiges Buch, es ist ein verdammt gut geschriebenes Buch, das auch noch wichtig ist. In meinem 310. Buchtipp sage ich Ihnen, was das Buch so gut macht und was das mit Milan Kundera zu tun hat.
Roberto Saviano, 1979 in Neapel geboren, schreibt seit Jahren über das organisierte Verbrechen in Italien. Nach Morddrohungen vonseiten der Camorra steht er mittlerweile unter Personenschutz. Sein letztes Buch über Richter Giovanni Falcone, den Anti-Mafia-Richter in Sizilien, hat mir förmlich den Atem verschlagen. Sein neuer Roman dreht sich nicht um eine berühmte Figur, sondern um ein Mädchen aus Florenz. Wie bei «Falcone» hat Roberto Saviano also einen Tatsachenroman geschrieben: Rossella Casini hat tatsächlich gelebt. Sie wurde am 22. Februar 1981 entführt, gefoltert, getötet und ins Meer bei Palmi geworfen. Ihr Körper wurde nie gefunden. Ihre Mörder wurden im ersten Prozess mangels Beweisen freigesprochen. Von Rossella Casini gibt es ein einziges Foto: Es ist auf dem Umschlag des Romans von Roberto Saviano abgedruckt. Es stammt aus dem Archiv der Università di Firenze: Es ist das Bild aus der Immatrikulationsakte von Rossella aus dem Jahr 1978.
Das ist eindrücklich, wäre aber gar nicht nötig. Roberto Saviano schreibt so eindrücklich und plastisch, dass es uns beim Lesen sofort in die Geschichte hineinzieht. Nehmen wir die Szene ganz zu Beginn des Romans. Rossella, die Studentin in Florenz, schläft in ihrem Zimmer. Auf ihrem Schreibtisch, der mit allerlei Heften und Lehrbüchern belegt ist, liegt ein Zettel, darauf ist ein Herz gezeichnet mit der Unterschrift «Nina».
Mitten im Zimmer steht ein ungemachtes Bett und mitten darauf liegt ein Mädchen. Sie schläft auf dem Bauch, drückt mit beiden Armen das Kissen an sich, als habe sie Angst, es könnte weglaufen, ihr Mund steht offen, die langen blonden Haare sind auf der Matratze verteilt und wirken jetzt dank des hellen, jedoch nicht grellen Lichts, gedämpft durch die halb heruntergelassene Jalousie, kupferfarben und nussbraun, pfirsich- und kaffeefarben. Das Mädchen lässt einen kleinen Seufzer hören und beginnt zu schnarchen, dann wird es wieder still.
Links über dem Bett ist ein Regalbrett, darüber eine Pink-Floyd-LP, Animals. Eine Pink-Panther-Uhr an der Wand darüber zeigt acht Uhr siebenundvierzig Minuten an: So wie das Mädchen liegt, könnte sie, selbst wenn sie die Augen öffnen würde, die Uhr nicht sehen. Und das könnte zum Problem werden, denn die Schrift auf dem Zettel bedeutet in Esperanto: «Wir sehen uns morgen um 9 auf der Piazza, du Miststück.»
Auf dem Boden neben dem Bett liegt ein aufgeschlagenes Buch mit dem Umschlag nach oben. Es heißt Die Dornenvögel, die Autorin ist Colleen McCullough. Das Mädchen beginnt wieder leise zu schnarchen, hört aber gleich wieder damit auf. Es muss gestern Abend spät geworden sein. Und so tief, wie sie schläft, hat sie offenbar nicht die Absicht, in den nächsten Minuten aufzustehen, vielleicht nicht einmal in den nächsten Stunden.
(Seite 9)
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht – ich sehe das Zimmer genau vor mir, die Pink-Floyd-Platte, das Buch, die ausgebreiteten Haare des Mädchens. Das ist Rossella und Roberto Saviano muss uns nichts weiter erklären, wir können sie uns genau vorstellen. Eine Studentin, engagiert, interessiert, aber auch geborgen in ihrem Zimmer, das einmal ihr Kinderzimmer war. Wir merken im Lauf der Lektüre, dass Rossella klug und mutig ist. Eigentlich wollte sie Psychologie studieren. Allerdings gibt es in Florenz noch keine Psychologische Fakultät. Rossella studiert deshalb Pädagogik, weil das der Psychologie noch am nächsten kommt.
Ihre beste Freundin Nina hat den Zettel geschrieben. Sie stammt aus gutem Haus, und politisch scharf links eingestellt. Nina und Rossella studieren gemeinsam. Allerdings ist Nina drogenabhängig, pflegt zuweilen einen zweifelhaften Umgang und landet nach einer Überdosis im Spital. Rossella hält trotzdem zu ihr.
Im Oktober 1977 zieht eine Gruppe junger kalabrischer Männer ins Haus, indem Rossella mit ihrer Mutter Clara und ihrem Stiefvater Loredano wohnt. Es sind Studenten, sie beziehen die Etage unter Rossella. Sie machen ganz schön viel Lärm, Clara beschwert sich, dass sie unhöflich seien. Rossella lernt die Studenten kennen: Cecè, Rocco, Peppe, Mario – und Francesco. Das ist Francesco Frisina, genannt «’u Principinu», der kleine Prinz. Er studiert Jura und stammt aus Palmi in Kalabrien. Das ist etwa da, wo die Fussspitze Italiens auf Sizilien trifft. Seine Familie ist Teil der organisierten Kriminalität.
Freundin Nina erleidet eine Heroinüberdosis und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Francesco begleitet Rossella ins Spital. Die gemeinsame Nacht am Krankenbett bringt sie einander näher. Francesco zeigt Rossella seine Wohnung und führt sie in seinen Freundeskreis ein. Aus einem Kuss aus Neugier entwickelt sich langsam aber sicher eine Liebesbeziehung. Über Monate wächst die Verbindung zwischen Rossella und Francesco. Wir begleiten sie in Cafés, in Studentenzimmern und ins Kino: Sie sehen sich zusammen «Ein besonderer Tag» von Ettore Scola an, mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. Die Szenen sind plastisch beschrieben, wir tauchen richtiggehend ein ins Italien der 70er-Jahre. Den Film zum Beispiel schauen sie sich im Kino Universale an. Allerdings bereut Francesco den Vorschlag rasch:
«Tut mir leid. Ich hab mir das hier nicht so vorgestellt, sonst hätte ich es dir nicht vorgeschlagen.» Er bedauert es mehr seinetwegen als ihretwegen. «Ich dachte, das sei ein normales Kino.»
«Das Universale?» Rossella lacht, auch ihre Augen schwimmen in Tränen vom Rauch. Sie sieht sich um. Die gelbe, warme Beleuchtung des Foyers erinnert an ein ganz gewöhnliches Wohnzimmer. «Ich weiß nicht einmal, ob man es ein Kino nennen kann.»
«Was denn sonst?»
«Das Universale?», wiederholt sie ungläubig. «Jetzt siehst du es ja.»
In San Frediano gibt es nicht viel außer dem Universale. Hierher strömen die Menschen, die im Eden, dem Kinosaal der Kirchengemeinde, keinen Platz finden, wo es nicht erlaubt ist, im Saal einen Joint zu rauchen oder eine Gewerkschaftsfahne dabeizuhaben, wo man während der Vorführung keine lauten Kommentare abgeben, die Schauspieler nicht antreiben, sie nicht beleidigen und nicht fluchen darf. Hier geht das alles, und der Radau, in den Rossella und Francesco im Foyer geraten sind, ist nur ein Vorgeschmack. In den hölzernen Sitzreihen findet sich alles, was im Eden verboten ist, einschließlich Kommunisten. Auch die Studenten kommen hierher, denn es vergeht kein Tag, an dem der Geschäftsführer nicht seine Jungs losschickt, um Aushänge in den Schaukästen anzubringen und Flugblätter vor der Universität zu verteilen.
(Seite 94)
Rossella und Francesco sind jung, sie sind Studenten und also links, gegen Faschisten und für das Proletariat, aber dennoch ist ihre Unschuld und Naivität geradezu mit Händen zu greifen.
Parallel zur Liebesgeschichte in Florenz erzählt Roberto Saviano von Palmi, der Heimat von Francesco. Hier tauchen wir ein in die Welt der kalabrischen ‚Ndrangheta: Die Brüder Franco und Mimmo Condello eröffnen den Nachtclub «Il Divino» in Palmi. Als Mimmo Condello auf der Autostrada erschossen wird, beginnt ein Fehdekrieg zwischen den Familien Gallico und Condello. Es stellt sich dabei heraus, dass Francescos Vater, Don Mico Frisina, der ‚Ndrangheta-Boss in Palmi ist.
Und dann kommt es, wie es seit Romeo und Julia immer kommt: Die Liebe führt zur Konfrontation von zwei unvereinbaren Welten. Im Sommer 1978 nimmt Francesco Rossella zum ersten Mal mit nach Palmi zu seinen Eltern. Rossella lernt den Vater Don Mico, die Mutter Concetta und Francescos Schwester Cettina kennen. Die kluge, aber auch etwas naive Studentin Rossella kommt mit der brutalen Welt der ‚Ndrangheta in Berührung. Die Ferienatmosphäre ist zunächst friedlich. Doch Rossella bemerkt die Spannungen. Es kommt zu nächtlichen Unruhen, zu Schüssen in der Nähe. Noch kann sie sich distanzieren und reist ab.
Beim zweiten Sommer in Palmi verbindet sich Rossella stärker mit dem Leben von Francescos Eltern. Sie fährt Traktor, füttert Tiere, hilft bei der Olivenernte. Sie fügt sich ein. Doch dann wird Francescos Vater ermordet. Das ist der Kipppunkt der Geschichte. In Francesco setzt eine Verwandlung ein.
Er geht mit den Augen des Jungen, der Volkswirtschaftslehre an der Universität von Siena studiert, und kehrt zurück mit Augen, von denen man nicht so recht weiß, wem sie gehören, aber bestimmt nicht einem jungen Mann. Jedenfalls nicht diesem jungen Mann. Mehrmals hat Rossella gesehen, wie ein dunkles Auto ihn am Tor des Anwesens abholte und ihn zurückbrachte, als es bereits Nacht war. Jetzt ist Francesco der Mann im Haus, und obwohl sie nicht weiß, wie er seine Tage verbringt, ist ihr eines klar: Der Tod, der völlig unerwartet hierhergekommen ist, wo ihn niemand erwartet hat, und der die Tore durchbrach und die Felder heimsuchte, wird es erneut versuchen.
(Seite 310)
Diese Stelle fasst die Geschichte aus Sicht von Rossella gut zusammen: Sie hat sich in Florenz verliebt in jenen Francesco mit den Augen des Jungen, der Volkswirtschaftslehre an der Universität studiert, und ist jetzt mit einem Mann zusammen mit Augen, von denen man nicht so recht weiss, wem sie gehören. Was dann passiert, verrate ich natürlich nicht. Aber wir wissen: Es nimmt kein glückliches Ende. Rossella wehrt sich dagegen, dass die ‚Ndrangheta ihr ihren Geliebten raubt – und die ‚Ndrangheta wehrt sich gegen die Liebe.
Roberto Saviano versteht es, diese wahre Geschichte so packend und plastisch zu erzählen, dass wir die 70er-Jahre schmecken und riechen, diese Augen von Francesco sehen und uns Rossella präzise vorstellen können. Und zwischen all diesen plastischen Beschreibungen finden sich immer wieder Sätze, die mich an Milan Kundera erinnert haben. Sätze wie diese:
Die Zeit verfliegt, wenn man es will. Und erstaunlich ist die Fähigkeit der Menschen, sie auf die dunklen Ereignisse festzunageln, sie unter dem Mikroskop zu sezieren, sie in andächtiger Betrachtung für immer einzufrieren, während die glücklichen Momente verfliegen, gleichgültig wie eine Motte, die sich für unser erloschenes Licht nicht mehr interessiert. Sich diese Tortur anzutun, ist eine menschliche Spezialität.
(Seite 84)
Kein Zweifel: Roberto Saviano erzählt uns eine traurige Geschichte. Spannend daran ist, dass wir nicht nur Rossella verstehen, sondern auch Francesco und seine Familie. Es ist auch deshalb nicht nur ein gutes, sondern auch ein wichtiges Buch.
Roberto Saviano: Meine Liebe stirbt nicht. Roman. Hanser, 400 Seiten, 36.9 Franken; ISBN 978-3-446-28579-8
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446285798
Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 18. Juni 2026, Matthias Zehnder
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