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Der biologische Blackout: Marc Elsbergs Thriller «Eden»

Publiziert am 12. März 2026 von Matthias Zehnder

Vielleicht erinnern Sie sich an «Blackout», den Roman von Marc Elsberg aus dem Jahr 2012 über einen europaweiten Zusammenbruch des Stromnetzes. Informatiker Piero Manzano wird zu Beginn der Geschichte durch die Ausfälle von Ampeln in einen Verkehrsunfall verwickelt. Zuhause untersucht er seinen Stromkasten und stellt fest, dass die intelligenten Stromzähler manipuliert und die Steuerungssoftware vieler Kraftwerke gehackt worden sind. Es setzt eine wilde Jagd durch ganz Europa ein. Marc Elsberg führte in «Blackout» auf atemberaubende Weise vor, was passiert, wenn unser Stromnetz zusammenbricht: Nach wenigen Tagen herrscht Anarchie. In seinem neuen Roman lässt Marc Elsberg wieder Piero Manzano in Aktion treten: Er ist mittlerweile Chef eines KI-Startups in Genf und sieht dank der KI eine Katastrophe kommen. Diesmal lässt Marc Elsberg nicht die technische Infrastruktur zusammenbrechen, sondern die biologische: Es kommt gleichzeitig an mehreren Stellen im Ökosystem zum Kollaps. Im Meer stirbt das Plankton, in Südamerika fällt die Soja-Ernte aus, in Europa kollabieren die landwirtschaftlich genutzten Böden. Wie in «Blackout» führt Marc Elsberg uns in seinem neuen Roman vor Augen, wie rasch wir eine solche Krise in unserem Alltag spüren würden. Er zeigt auch, dass sich ein solcher «biologischer Blackout» nicht einfach durch das Umlegen eines Schalters beheben lässt. In meinem 296. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum Ihnen die 768 Seiten dieses Buchs kurz vorkommen werden.

 

In «Blackout» war Piero Manzano ein junger Informatiker, der einer gross angelegten Manipulation von smarten Stromzählern auf die Spur kam. Mit viel Mut und dank der Programmierkenntnisse eines Hackers kam er damals der Manipulation auf die Schliche und rettete Europa vor dem technischen Gau. Und er hatte Hilfe: Die schwedische Informatikerin Sonja Angström spielte eine entscheidende Rolle bei der Analyse der Cyberangriffe auf das europäische Stromnetz und unterstützte Piero. Im neuen Roman sind die beiden ein Paar und leben in Genf, weil Sonja als Beraterin für Katastrophenvorsorge und Widerstandsfähigkeit für UN-Organisationen arbeitet. In «Blackout» bedrohte die intelligente Technik die Menschen. Im neuen Roman ist es umgekehrt: Die KI rettet die Menschen. Wenigstens versucht sie es, denn ausser Sonja und Piero hört kaum jemand ihre Warnungen.

Bei dieser KI handelt es sich um ein System namens «Vysyon». Entwickelt haben es Piero Manzano und sein Team in Genf. Vysyon ist eine Universal-Prognose-KI. Sie befindet sich zwar noch in der Testphase, arbeitet aber schon extrem genau. Die KI führt die Voraussagen von verschiedensten Spezial-KIs etwa aus den Bereichen Ökologie, Verkehr, Transport und Finanzen zu einer Gesamtprognose zusammen. Das System verarbeitet riesige, sich ständig verändernde Datenmengen in Echtzeit, darunter Satellitenbilder, Open Source Intelligence, Marktdaten, Sensordaten, Schiffsbewegungen und Social-Media-Muster.

Die entscheidende Stärke der Vysyon-KI ist es, zu berechnen, wie sich verschiedene Einzelkrisen gegenseitig beeinflussen und verstärken. Während Spezialprogramme isolierte Probleme erst spät erkennen, sieht Vysyon durch den Blick auf das «ganze Kartenhaus», wann ein globaler, systemischer Kollaps droht. Genau das passiert zu Beginn des Romans, aber zum dümmsten möglichen Zeitpunkt: während einer Kundenpräsentation. Piero führt das System potenziellen Kunden vor. Sie sind beeindruckt, wie präzise die KI die Vergangenheit abbildet – und entsetzt, als sie die zukünftigen Prognosen sehen. Finanzen, Logistik, Lebensmittel, Umwelt – Vysyon sieht alle Bereiche abstürzen: eine Multikrise. Klar, wollen sie so ein System nicht kaufen. Als Piero am Abend mit Sonja telefoniert, erzählt er ihr vom missratenen Kundentermin.

Es geht um drei ökologische Probleme: Das Plankton stirbt ab, weil die Meere überdüngt sind. Das führt zu einem weltweiten Fischsterben. Gleichzeitig kippen in Südamerika die Wälder, die Sojaernte fällt praktisch aus. Das führt zu einem akuten Futtermangel in den europäischen Massentierhaltungen. Das dritte Problem: In Europa sind die Böden erschöpft und ausgelaugt. Es kommt zur Versteppung, ja zur Verwüstung (im wörtlichen Sinn). John Steinbeck beschreibt in «Früchte des Zorns» die «Dust Bowl», die Staubschüssel: Im Mittleren Westen der USA kommt es während der 1930er-Jahre zur ökologischen Katastrophe, ausgelöst durch falsche Bewirtschaftung der Böden und eine extreme Dürre. Marc Elsberg verpflanzt diese «Dust Bowl» nach Deutschland: Die Böden der Äcker zerfallen zu Staub, es kommt sogar zu einem veritablen Staubsturm über Berlin.

Im Roman erklärt Biologin Eva Drasic an einer Konferenz in Venedig die Zusammenhänge:

«Wir stehen vor der ungünstigen Situation, dass mehrere kritische Ökosysteme gleichzeitig unter extremen Stress geraten. Obwohl die Ursachen der jeweiligen Krisen unterschiedlich sind, verstärken sie sich gegenseitig und potenzieren dadurch ihre Auswirkungen.» Ihre Stimme wurde eindringlicher. «Der Zusammenbruch mariner Systeme erhöht den Druck auf die Landwirtschaft. Menschen, die keinen Fisch mehr bekommen, brauchen andere Proteine. Das bedeutet noch intensivere Bewirtschaftung bereits erschöpfter Böden.» Sie machte eine ausladende Handbewegung. «Wir stehen nicht am Anfang dieser Krise – wir sind mittendrin. Die ersten Kipppunkte sind bereits überschritten.» Eva schaute in die Runde, ihr Blick durchdringend. «Während wir hier sprechen, beharren Menschen in Ministerien und Konzernzentralen auf Business as usual. Sie hoffen auf technologische Wunderlösungen, auf eine natürliche Erholung der Systeme oder schlicht darauf, dass unsere Modelle falsch sind.» Ihre Stimme wurde leiser, aber schneidend. «Doch all das wird nicht kommen – zumindest nicht schnell genug.»
Im Saal war es so still geworden, dass man hörte, wie der Mann in der Reihe vor Piero sein Notizbuch zuklappte.
Pieros Tablet vibrierte. VYSYON ALERT: Anomale Planktonmuster bei Galapagos. Korrelation mit ungewöhnlichen Schiffsbewegungen. … (Seite 232.)

Marc Elsberg macht die Katastrophe an unterschiedlichen Orten der Erde je an einzelnen Figuren sichtbar. Er erzählt von der Abholzung und Versteppung des Amazonas-Regenwaldes, indem er von der Journalistin Isabel Neri berichtet, die im Amazonasgebiet über illegal rodende Rancher recherchiert. An der deutschen Umweltministerin Karla Schneider, ihrem Onkel Hans, einem traditionellen Landwirt, und ihrem Cousin Martin veranschaulicht Elsberg die Krise der konventionellen Landwirtschaft und den Kollaps der Böden in Europa. Marco ist ein Freund von Piero Manzano. Er besitzt ein Restaurant in Triest. Durch Marco wird die Krise der marinen Ökosysteme, die Ozeanerwärmung und der Sauerstoffmangel an der italienischen Küste anschaulich. Anhand der Geschichte von Sönke Hansen, Expeditionsleiter eines Greenpeace-Schiffs, verdeutlicht Elsberg die Gefahren von Geoengineering und illegaler Ozeandüngung. Auf diese Weise gelingt es Marc Elsberg, eine ganze Reihe ökologischer Probleme anhand konkreter Erlebnisse zu zeigen.

Trotzdem gibt es viel zu erklären. Da kommen zwei weitere Hauptfiguren des Romans ins Spiel: Linus und Sarah. Linus Strand ist der Neffe von Sonja Angström. Er stammt aus Schweden und ist ein erfolgreicher Lifestyle- und Reise-Influencer. Er sieht gut aus, er weiss es und er lebt davon. Zu Beginn des Buchs ist er ein typischer Surferboy: oberflächlich, ich-bezogen und stets auf der Suche nach dem perfekten Bild, das ihm Likes und Reichweite einbringt. Bei einem Tauchausflug in der Karibik filmt er den Angriff eines Riesenkalmars auf einen Walhai. Er wird dabei selbst vom Kalmar angegriffen.

Auf dem Tauchboot begegnet Linus Sarah. Sie ist Meeresbiologin und jobbt während der Arbeit an ihrer Dissertation als Tauchlehrerin. Sie erkennt als eine der Ersten die tödlichen Veränderungen im Meer: das massenhafte Verschwinden des Phytoplanktons, das die Nahrungskette kollabieren lässt. Mit ihrer Unterstützung entwickelt sich Linus vom sorglosen Surferboy zum Öko-Influencer. Auf diese Weise wird er zum Übersetzer und Kommunikator im Roman. Wissenschaftler wie Piero Manzano produzieren alarmierende, aber trockene Daten, die von der breiten Masse und der Politik ignoriert werden. Linus versteht es, die Daten in Form von Geschichten zu inszenieren.

Er kreiert die Figur eines animierten Zwergflusspferds. Mit seinem Hippo macht er komplexe Zusammenhänge wie das Artensterben oder illegale Abholzungen für ein Millionenpublikum greifbar. Sarah ist es, die Linus die harten Fakten erklärt. Sie zwingt ihn hartnäckig, hinter die Fassaden zu blicken und seine Reichweite für das Richtige zu nutzen. So wandeln sich Linus und Sarah im Laufe des Romans zu strategischen Aktivisten. Sie nutzen die Follower von Linus  gezielt, um Spekulanten und Hedgefonds anzugreifen, die an der Lebensmittelkrise verdienen.

Diese Spekulanten verkörpern im Buch die böse Seite. Die grosse Gegenspielerin von Linus und Sarah ist die Firma Brennar Capital Partners. Sie gehört Viktor Brennar und Earl Sterling. Die beiden wetten mit ihrem Hedgefond auf die Krise. Unterstütz werden sie von Catherine Morris, einer zynischen Kommunikationsfachfrau.

«Ach, das ist das Wunderbare an internationalen Abkommen», schwärmte Catherine. «Sie sind wie Neujahrsvorsätze – jeder fühlt sich besser, wenn er sie macht, und keiner erwartet ernsthaft, dass jemand sie einhält.»
«Die Finanzierungseinigung von Rom für das 30×30-Ziel verpufft ja bereits elegant», bemerkte Viktor trocken.
«Und die anderen warten doch nur auf einen Vorwand, um auszusteigen.» Catherine zuckte mit den Schultern und tänzelte zu ihrem Platz zurück. «Während Frau Doktor Drasic hier die Welt retten will, verkaufen wir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Nachhaltige Verpackungen. Kohlenstoffausgleich. Kleidung aus recyceltem Plastik. Virtuelle Ozean-Patenschaften.» Sie setzte sich auf die Tischkante. «Die Anleitung ist einfach. Nimm ein Problem, verpacke es als Luxusprodukt, und knöpfe den Menschen das Dreifache dafür ab.» Catherine breitete die Arme aus. «Die Ära der Umweltkrisen ist vorbei, mein lieber Viktor. Willkommen im Zeitalter der ‹Anpassungsherausforderungen›!»
«Wobei Drasic mit Manzanos Prognosen arbeitet – so wie wir», erinnerte Viktor sie. «Wenn sie eintreffen, könnte es problematisch werden. Ihre Forderungen nach systematischer Transformation könnten tatsächlich Gehör finden.»
«Werden sie nicht. Darum kümmere ich mich.»
Viktor hob sein Mineralwasserglas. «Auf profitable Krisen.»
«Auf profitable Lösungen», korrigierte Catherine. «Wenn die Welt untergeht, müssen wir die Rettungsboote verkaufen – und zwar in limitierter Designeredition!» (S. 246f.)

Das ist auf den ersten Blick herrlich zynisch – und auf den zweiten Blick verdammt nah an der Realität. Lange haben Geld und perfide Kommunikation die Oberhand. Doch dann beginnen sich Linus und Sarah zu vernetzen. Die beiden verkörpern die Lösung, die Marc Elsberg in seinem Roman vorschlägt: Die trockene Wissenschaft, wie sie Sarah und Piero verkörpern, hat zwar die Fakten, bleibt aber ungehört. Erst durch die Allianz mit moderner, emotionaler Massenkommunikation, wie sie Linus beherrscht, kann die Zivilgesellschaft mobilisiert werden, um echten Druck auf Politik, Banken und rücksichtslose Konzerne auszuüben.

Genau das macht auch Marc Elsberg mit seinem Roman: Er beschreibt die Krisen und Probleme nicht, er macht sie erlebbar. Und wenn die Zusammenhänge zu abstrakt werden, springen Piero und Sonja ein und erklären Linus und Sarah, was dahinter steckt. Zum Beispiel, wie die Spekulation funktioniert. Linus fragt:

«Aber die Spekulanten machen die Knappheit doch nicht selbst?» «Nicht direkt», sagte Sonja. «Doch sie verstärken sie. Wenn alle auf steigende Preise setzen, steigen die Preise tatsächlich. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.»
«Versteh ich noch immer nicht ganz», sagte Linus kopfschüttelnd.
«Okay», begann Sonja, «stell dir vor, es gibt hundert Säcke Soja auf dem Markt. Die Lebensmittelproduzenten brauchen zwanzig für Tofu und Sojamilch, die Tiermäster achtzig für ihre Schweine. Normale Situation.»
Piero nickte. «Jetzt kommen die Spekulanten und kaufen fünfzig Säcke – nicht, weil sie Soja brauchen, sondern weil sie erwarten, dass es teurer wird.»
«Plötzlich kämpfen Bäcker und Tiermäster nur noch um fünfzig Säcke statt hundert», fuhr Sonja fort. «Die Preise steigen. Dadurch haben die Spekulanten recht behalten – und kaufen noch mehr.»
«Moment», unterbrach Linus, «die verkaufen das Soja doch wieder?»
«Irgendwann schon. Aber erst, wenn die Preise durch die Decke geschossen sind. Bis dahin ist das Brot unbezahlbar geworden, und die Schweine sind geschlachtet, weil sich das Futter nicht mehr lohnt.»
Linus schüttelte ungläubig den Kopf. «Warum ist das überhaupt erlaubt? Kann man das nicht einfach verbieten?»
Sonja seufzte. «Theoretisch gibt es Regulierungen. Positionslimits, Überwachung. Aber die Lobbyisten haben dafür gesorgt, dass die Schlupflöcher groß genug für Containerschiffe sind.»
«Und die Politik?»
«Schwingt große Reden und lässt kleine Taten folgen», sagte Piero. (Seite 524)

Das ist die Stärke des Romans von Marc Elsberg. Er versteht es, anhand seiner Figuren komplizierte Zusammenhänge fassbar zu machen. Linus packt die komplexen Themen Insta-tauglich in ein Bild. Kipppunkte im Ökosystem sind kompliziert zu begreifen. Linus versteht sie rasch: Es sei «…wie bei einem Kartenhaus. Du denkst, du ziehst nur eine Karte – aber das ganze Ding stürzt ein.» Genau so ist es.

Marc Elsberg schafft es immer wieder, die komplexen ökologischen Probleme herunterzubrennen und mit unserem Alltag in Beziehung zu bringen. Etwa die Sache mit den Lachsbrötchen. Sarah stellt im Rahmen ihrer Forschungen fest, wie schlecht es den Zuchtlachsen geht. Statt wissenschaftliche Daten zu replizieren, lässt Marc Elsberg sie in ihrem digitalen Fotoalbum blättern, wo sie auf ein Foto von ihrer Oma stösst, die gerade ein Lachsbrötchen isst.

Sarah tippte auf dem Tablett herum. «Lachs gab es vielleicht ein- oder zweimal im Jahr», erklärte sie, während sie durch ihre digitale Fotosammlung wischte. «Zu Silvester, zum Geburtstag. Und dann nur ein Scheibchen für jeden. Kein Wunder, er wurde ja tatsächlich noch von kernigen Männern mit wettergegerbten Gesichtern auf ihren Fischkuttern in kleinen Mengen im wilden Meer gefangen.» Sie hatte das Bild gefunden, nach dem sie gesucht hatte. Abfotografiert aus einem Fotoalbum mit eingeklebten Schwarz-Weiß-Bildern, wie eines auf Linus’ Knien lag. Das Bild zeigte eine fröhlich lachende junge Frau in der Mode der Sechzigerjahre auf einer Party mit anderen Gleichaltrigen. In einer Hand hielt sie eine halb volle Sektflöte, in der anderen ein belegtes Brötchen. Bei genauerem Hinsehen erkannte Linus den Lachs. … «Fünfzig Jahre später war für meine Oma Lachs immer noch ein Luxusprodukt», erklärte Sarah nachdenklich. «Obwohl es die wettergegerbten Fischer und Kapitäne nur noch in der Werbung gibt. Und der Lachs auf ihrem Teller nichts mehr zu tun hat mit der Luxusdelikatesse ihrer Jugend.» Sie blickte in die Ferne. «Irgendwie steckt dieser Glaube auch in unseren Generationen noch drin. Angereichert mit modernen Versprechen wie besonders reichhaltiger Quelle von Proteinen und Omega-3-Fettsäuren. Die Hormone und Antibiotika, die in die Zuchtfische gepumpt werden, vergisst man in der Werbung und auf den Verpackungen ebenso zu erwähnen wie die überfüllten Zuchtkäfige.» Sie blickte Linus an. «Vielleicht müsstest du über dieses Wahrnehmungsproblem einmal etwas machen.» (Seite 565f.)

Mir bleibt da der Lachs in der Kehle stecken: Genau so ist es: Wir denken, wenn wir Lachs essen, immer noch an wettergegerbte Fischer, dabei essen wir Fische, die in Massen in Käfigen gehalten werden.

Natürlich hat Marc Elsberg für seinen Roman die realen Krisen extrem verdichtet. Er macht mit Hilfe der Thriller-Mechanismen reale ökologische und ökonomische Szenarien greifbar. Während die Geschwindigkeit des ökologischen Zusammenbruchs stark überspitzt ist, ist das menschliche, politische und wirtschaftliche Verhalten im Buch erschreckend realistisch gezeichnet. Ich denke etwa an die Art und Weise, wie Investoren wie Viktor Brennar die Krise dazu nutzen, um sich durch Leerverkäufe, Wetten auf steigende Lebensmittelpreise und das Abgreifen staatlicher Rettungsgelder zu bereichern. Ich denke an die Arbeit der PR-Beraterin Catherine Morris, die gezielt Zweifel sät, Fake News verbreitet, Wissenschaftler diskreditiert und von den wahren Ursachen ablenkt. Das spiegelt reale Taktiken von Lobbygruppen exakt wider. Die EU-Ratssitzungen und Ministertreffen zeigen realistisch, wie langfristig notwendige ökologische Reformen immer wieder zugunsten kurzfristiger wirtschaftlicher Interessen und aus Angst vor Wählerstimmen verschoben werden. Bis es zu spät ist.

Marc Elsberg hat einen spannenden Thriller geschrieben. Er nimmt reale Prozesse der Gegenwart wie das Artensterben, den Klimawandel und die Bodendegradation und verdichtet sie zu einem spannenden Plot. Die Geschichte ist fiktiv. Die Gefahren selbst sind jedoch nicht erfunden, sondern aktuelle wissenschaftliche Realität. 2012 ist es Marc Elsberg gelungen, mit seinem Roman «Blackout» die Gefahr eines Stromausfalls ins Bewusstsein der Menschen in Europa zu schreiben. Ich wünsche ihm mit seinem neuen Roman denselben Erfolg. Ein technischer Blackout ist behoben, sobald man die Kraftwerke wieder hochfahren kann. Marc Elsberg macht in seinem neuen Roman auf furchterregend unterhaltsame Weise klar: Ein biologischer Blackout lässt sich nicht so einfach beheben.

Marc Elsberg: Eden – wenn das Sterben beginnt. Thriller. Blanvalet, 768 Seiten, 39.90 Franken; ISBN 978-3-7645-0866-1

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783764508661

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 12.03.2026, Matthias Zehnder

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