Zoe Gwerder: «Ich lese auch heute noch sehr gerne in einer gedruckten Zeitung.»

Publiziert am 7. Oktober 2026 von Matthias Zehnder

Das 406. Fragebogeninterview, heute mit Zoe Gwerder, Datenjournalistin bei CH Media. Sie sagt, dass sie sich lange nicht vorstellen konnte, keine Print-Zeitung mehr zu Hause zu haben. «Und eigentlich lese ich auch heute noch sehr gerne in einer gedruckten Zeitung. Doch die News online zu konsumieren, ist so viel einfacher unterwegs». Die Vorlesefunktion ermögliche es ihr zudem, «auch auf dem Weg zum Bahnhof News zu konsumieren.» Die grösste Änderung für ihre persönliche Mediennutzung habe aber wohl das Podcast-Format gebracht: «Podcasts gehören inzwischen zu meinem Alltag – zur Information, aber auch zur Unterhaltung.» Trotzdem ist sie überzeugt, dass auch geschriebene Texte weiterhin wichtig sein werden. Bei schriftlichen Texten lasse sich «einfacher auswählen, was man lesen und was überlesen will.» Als Datenjournalistin findet sie, komplexe Themen seien «in Texten besser aufzuzeigen, weil die Lesenden ihr Lesetempo selbst bestimmen können.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Das Frühstück ist mit drei Kindern zu turbulent, um Medien zu konsumieren. Sobald ich aber auf dem Weg zur Arbeit bin oder ich sonst Zeit für mich habe, dürfen sowohl die «Zuger Zeitung» wie auch der «Tages-Anzeiger» – beides online – nicht fehlen.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Inzwischen bin ich höchstens sporadisch noch auf LinkedIn unterwegs. Twitter habe ich bei der Übernahme durch Elon Musk verlassen. Und seit man als User von Meta-Portalen nicht nur mit seinen Daten bezahlt, sondern zusätzlich personalisierte Werbung zulassen oder sieben Franken monatlich bezahlen muss, war ich nie mehr auf diesen Plattformen. Das Geld investiere ich lieber in eines meiner vier Zeitungsabos. Soziale Medien fressen mir zu viel meiner Zeit, ohne wirklich einen Mehrwert zu bringen.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Ich konnte mir lange nicht vorstellen, dass ich keine Print-Zeitung mehr zu Hause haben werde. Und eigentlich lese ich auch heute noch sehr gerne in einer gedruckten Zeitung. Doch die News online zu konsumieren ist so viel einfacher unterwegs, dass ich kaum noch in der gedruckten Zeitung lese. Hinzu kommt auch die Vorlesefunktion, die mir ermöglicht, auch auf dem Weg zum Bahnhof News zu konsumieren.

Die grösste Änderung ist aber wohl das Podcast-Format. Podcasts gehören inzwischen zu meinem Alltag – zur Information aber auch zur Unterhaltung.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Nur besser oder schlechter ist kaum etwas. Es ist anders. Auch bei den Medien.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Unbedingt. Im geschriebenen Wort lässt sich einfacher auswählen, was man lesen und was überlesen will. Und gerade im Datenjournalismus – den ich betreibe – ist es oft wichtig, auch komplexere Themen aufzugreifen. Solche sind in Texten besser aufzuzeigen, weil die Lesenden ihr Lesetempo selbst bestimmen können.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Alles, was Spass macht oder spannend ist.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Meine Zeit ist mir zu wertvoll, als dass ich sie mit schlechten Büchern – oder solchen, die mich nicht packen – verbringe.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Inzwischen meistens in Podcasts. Wie bei «Servus-Grüezi-Hallo» von «Die Zeit» – einer meiner Lieblingspodcasts.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

So lange, wie sie noch einen Grossteil der Abos bei den Medienhäusern einbringen.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Wohl beides. Wie sich in Amerika bei der «New York Times» zeigt, können sie eine Chance sein. Dazu benötigt es Qualität und relevanten Journalismus.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Lineares Programm konsumiere ich inzwischen nur noch selten. Zeitversetzt hingegen oft: Wenn ich am Mittag zuhause bin, höre ich die Nachrichten auf Radio SRF 3. Dank dem zeitversetzten Hören kann ich das Programm auch mal kurz stoppen, wenn meine Aufmerksamkeit anders benötigt wird. Das letzte Mal lineares Fernsehen habe ich wohl bei den letzten Bundesratswahlen konsumiert – allerdings auf dem Handy oder Tablet.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ja, ich höre sehr regelmässig Podcasts. Zu meinen Lieblingen gehören neben dem Alpenpodcast (Servus-Grüezi-Hallo) auch «Alles klar Amerika» (TX-Group), «Widmerei» (CH Media) und «Hinter der Schlagzeile» (CH Media). Letzteren moderiere und produziere ich auch immer mal wieder als Ferienvertretung.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Wir Medien haben die grosse Aufgabe, diese Zielgruppe für unsere Inhalte zu gewinnen. Auf der anderen Seite liegt auch ein grosses Potenzial brach – was es nicht nur zu einer Aufgabe macht, sondern vielleicht auch zu einer Chance.

Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?

Wenn wir bei Journalismus von Meldungen sprechen, welche wir aus einer Medienmitteilung erstellen – beispielsweise Mitteilungen von Gemeinden oder der Polizei –, kann KI und Automatisierung die Quellen erschliessen und aufbereiten. Das machen wir teilweise bereits heute so bei CH Media – auch wenn am Ende die Verantwortung zur Publikation immer bei uns Journalist:innen bleibt.

Wenn wir aber bei Journalismus an Recherchen und Einordnungen denken, oder an Nachrichtenbeiträge, die ein aktuelles Geschehen festhalten, ist es eine ganz andere Sache. Aus meiner Sicht werden Journalist:innen dazu wohl immer zentral bleiben.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Wohl weder noch.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Eine starke Demokratie benötigt eine möglichst hohe Medienvielfalt und -qualität. Deshalb finde ich persönlich ja, Medien benötigen Unterstützung, damit nicht noch mehr Titel verschwinden.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Höchst selten. Wobei ich mir den Inhalt von Interviews besser merken kann, wenn ich von Hand Notizen mache.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Das wird sich wohl noch zeigen. Auch wenn mindestens die Comedians in den USA noch nie eine so grosse Auswahl an Absurditäten zur Verfügung hatten.

Wem glaubst Du?

Jenen, die die besten und schlüssigsten Argumente vorbringen und die nach meinem Wissen Sinn ergeben – oder von zuverlässigen Medien bestätigt werden.

Dein letztes Wort?

Ende

Zoe Gwerder

Zoe Gwerder arbeitet seit 2022 im Datenjournalismus-Team von CH Media, ist Journalistin für die CH-Media-Zeitungen und -Onlineportale und moderiert regelmässig den CH-Media-Podcast «Hinter der Schlagzeile». Sie hat Journalismus und Organisationskommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) studiert und arbeitete zuerst von 2007 bis 2010 bei «Radio Sunshine», danach bis 2016 als VJ und Produzentin bei «Tele 1». Von 2016 bis 2022 war sie Redaktorin und Reporterin bei der «Zuger Zeitung». 2019/2020 absolvierte sie das Certificate of Advanced Studies (CAS) in Datenjournalismus am MAZ.

Basel, 7. Oktober 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Reto Schlatter

Seit Ende 2018 sind über 400 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: matthiaszehnder.ch/menschenmedien-die-uebersicht/

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