Simon Erlanger: «Wir stehen am Beginn eines neuen Mittelalters.»
Das 367. Fragebogeninterview, heute mit Simon Erlanger, Historiker und Journalist. Er sagt, der dauernde «Wandel- und Transformationsprozess in der Schweizerischen Medienwelt überfordert Medienkonsumenten und Medienproduzenten.» Die Fülle der Information und die Schnelligkeit hätten massiv zugenommen. «Allerdings ist die Unmittelbarkeit, die etwa News-Ticker suggerieren, oft eine Illusion. Mir scheint es, dass man in der Fülle der Nachrichten heute schlechter informiert ist, als vor 20 oder 30 Jahren. Im Zeitalter des Hetzens nach Aufmerksamkeit fehlen Tiefe, Analyse und Verständnis.» Er schätzt deshalb die Tageszeitung: Sie «friert den Strom der News zu einem gewissen Zeitpunkt ein und gibt so Orientierung und Wertung.» Das könne der dauernd fliessende Online-Stream nicht, wo die «Items in der Zeitachse unablässig auf den Konsumenten einprasseln, nur um dann nach kurzer Zeit wieder im digitalen Orkus verschwinden, wo sie für den Normalverbraucher kaum noch aufzufinden sind.» Er findet es problematisch, dass man «im journalistischen Alltag kaum noch Wissen voraussetzen» kann: «Um Medien zu konsumieren, sollte man über Bildung verfügen.» Der grosse Mangel an Bildung werde «schlimmere Auswirkungen haben als Fake News. Wie schon Umberto Eco sagte: Wir stehen am Beginn eines neuen Mittelalters.» Er verschliesst sich Zukunftstechnologien nicht: «Wenn Digitalisierung und KI als Erweiterung des Werkzeugkastens der Journalistinnen und Journalisten verstanden werden, sind sie eine echte Bereicherung.» Wenn Digitalisierung sich aber im Bestreben nach Kostenoptimierung erschöpfe und dazu diene, Medienschaffende einzusparen, dann «kann dies das Ende bedeuten».
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Der Tag beginnt bei mir mit Radio und zwar mit den Morgennachrichten und dem «Regionaljournal Basel und Baselland» auf SRF1. Dazu kommen die Morgenjournale auf den israelischen Sendern Kan und Galatz. Dann darf natürlich die «BaZ», für die ich schreibe, nicht fehlen und zu guter letzt kommt noch der Blick in die App der NZZ. Wenn die Zeit reicht überfliege ich noch den Newsletter von «Bajour» und schau auf die Websites von «Spiegel» und «Welt».
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Ich bin oft auf Facebook, X und auch Instagram und benutze YouTube. Auf LinkedIn bin ich selten, auf TikTok, Bluesky, Threads und Mastodon eigentlich nie.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Die Fülle der Information und die Schnelligkeit des Informiertwerdens hat massiv zugenommen. Gerade auch im News-Journalismus – auch in der im Vergleich doch noch eher gemächlichen lokalen Variante – gilt es, dauernd auf Achse zu sein, was fordert und auch überfordert. Allerdings ist die Unmittelbarkeit, die etwa News-Ticker suggerieren, oft eine Illusion. Mir scheint es, dass man in der Fülle der Nachrichten heute schlechter informiert ist, als vor 20 oder 30 Jahren. Im Zeitalter des Hetzens nach Aufmerksamkeit fehlen Tiefe, Analyse und Verständnis.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Es war nicht alles besser, aber anders. Die Verlagshäuser operierten früher langfristiger und solider. Der dauernden Wandel- und Transformationsprozess in der Schweizerischen Medienwelt überfordert Medienkonsumenten und Medienproduzenten.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Mehr denn je, wie ich auch im Herbst an der Buchmesse Frankfurt beobachten konnte. Dort waren die Hallen überrannt von tausenden jungen Leserinnen und Lesern. Zu einem grossen Teil sind sie Mitglieder von TikTok-Book-Clubs. Da kommt die alte analoge mit einer neuen digitalen Welt zusammen, die paradoxerweise wiederum auf das gedruckte Buch Wert legt. Der Anteil von E-Books liegt bei unter 20 Prozent. Darüber hinaus ist es ja völlig egal, wie das geschriebene Wort übermittelt wird, analog oder digital. Entscheidend ist der gut geschriebene Text. Das Problem ist heutzutage, dass eine Mehrheit der jungen Menschen sogenannt newsabstinent ist, dass heisst gar keine klassischen News-Medien mehr konsumiert, weder analog noch digital. Das ist das Problem.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Bücher natürlich und Zeitungen in analoger und digitaler Form.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Schlechte Filme schaue ich zu Ende und auch schlechte Bücher lege ich kaum weg. Allerdings kaufe ich sie meist gar nicht erst.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Von überall und von allen Menschen. Oft weiss ich gar nicht, was mich interessiert, wenn ich dem Thema noch nicht begegnet bin.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Länger als viele denken. Die Tageszeitung friert den Strom der News zu einem gewissen Zeitpunkt ein und gibt so Orientierung und Wertung, dies auch durch Layout, Aufmachung und Positionierung der Artikel. Das kann der dauernd fliessende Online-Stream nicht, wo die Items in der Zeitachse unablässig auf den Konsumenten einprasseln, nur um dann nach kurzer Zeit wieder im digitalen Orkus verschwinden, wo sie für den Normalverbraucher kaum noch aufzufinden sind. Digital hätte sowieso mehr Zukunft, wenn die Möglichkeiten von Bild und Ton mehr genutzt wird, was kaum geschieht. Da aber bei den klassischen Medien die Werbung weggebrochen ist, sind die Tage der klassischen Zeitungen dennoch gezählt. Ob die digitalen Medien sie adäquat ersetzen und weiterentwickeln können, bleibt eine offene Frage.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Sicherlich, aber andererseits gibt es Fake News und Propaganda seit es Medien gibt. Das Grundideal der Aufklärung, die auf die Medienrevolutionen des 16. und 17. Jahrhunderts folgte, war der gebildete Mensch, der kritisch denkt und die Welt selbst beurteilen kann und daher nicht so einfach zu beeinflussen und zu manipulieren ist. Das heisst, um Medien zu konsumieren, sollte man über Bildung verfügen. Dass dies heutzutage immer wie weniger der Fall ist, verweist auf ein Versagen von Schulen, Hochschulen und Universitäten. Man kann im journalistischen Alltag kaum noch Wissen voraussetzen. Das alles wird schlimmere Auswirkungen haben als Fake News. Wie schon Umberto Eco sagte: Wir stehen am Beginn eines neuen Mittelalters.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Ich schaue TV fast nur noch zeitversetzt, oder gar nicht. Ich schaue aber viel Serien auf den Streaming-Services.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Nein. Da komme ich zeitlich an Grenzen.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Das ist – wie oben dargestellt – das grosse Problem. Natürlich hat das mit vielen Faktoren zu tun, vielleicht auch damit, das heutzutage zwischen Bericht und Kommentar kaum noch getrennt wird. Das stört. Auch sind die Menschen nicht mehr bereit, für News Geld auszugeben.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Das denke ich nicht. Es braucht die Neugier, das Wissen und die Analysefähigkeiten des Journalisten. Das wird KI nie leisten können.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Das kommt darauf an. Wenn Digitalisierung und KI als Erweiterung des Werkzeugkastens der Journalistinnen und Journalisten verstanden werden, sind sie eine echte Bereicherung. Wenn Digitalisierung sich aber im Bestreben nach Kostenoptimierung erschöpft und dazu dient, Medienschaffende einzusparen, dann kann dies das Ende bedeuten.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Nein, weil eine staatliche Medienförderung unvermeidlicherweise immer auch Beeinflussung bedeutet. Medien müssen unabhängig sein, sonst sind sie sinnlos. «Speak Truth to Power» muss ihr Motto sein und das ist unmöglich, wenn der Staat zahlt. «Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.» Darum: Nein.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Nein, mittlerweile kann ich meine eigene Handschrift nicht mehr lesen.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Sehr gut, er erhöht das Interesse an Berichterstattung und damit auch den Umsatz. Man kann über ihn viel sagen: Aber er nimmt Medien als Widersacher ernst, stellt sich in Medienkonferenzen Dutzenden von Journalisten und leistet sich verbale Schlagabtausche. Das ist mitunter befremdlich, aber diese Wortgefechte entsprechen dem streitbaren Mediendiskurs einer Demokratie. Die hierzulande gepflegte Bravheit in den Medienkonferenzen, das «ruhig sein», die «stillen Kontakte» hinter den Kulissen, der eidgenössische Filz und das immer stärker verbreiterte Ignorieren der Medien durch Behörden und Parteien (es sei denn sie singen das eigene Lied) , ist gefährlicher, als das laute amerikanische Rumpoltern, das Jahrmarktsgehabe, das Alexis de Tocqueville in seinem Werk «De la démocratie en Amérique» schon 1835 beobachtet hat und das am Anfang der amerikanischen Newsmedien steht, deren Modus dann im Laufe des 19. Jahrhunderts von uns übernommen wurde.
Wem glaubst Du?
Eigentlich niemandem, ich mache mir ein eigenes Bild.
Dein letztes Wort?
Keines,
Simon Erlanger
Simon Erlanger hat in Basel Geschichte und Soziologie studiert. Danach hat er als Forschungsassistent bei der Germania Judaica gearbeitet und an der an der Hebräischen Universität Jerusalem ein Postgraduate-Studium absolviert. 1994 bis 1996 war er Mitarbeiter der Holocaustgedenkstätte «Yad Vaschem», 1996 bis 1999 Chefredaktor der «Jüdischen Rundschau Maccabi» in Basel. An der Universität Basel hat er über «Arbeitslager und Weiterwanderung in der Schweiz von 1940 – 1950» promoviert. Seit 2004 ist er Lehr- und Forschungsbeauftragter am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) an der Universität Luzern. Daneben arbeitet er seit über dreissig Jahren als Redaktor, Reporter, Produzent und Moderator in Print, TV und Radio, vorwiegend in der Region Basel.
Basel, 07.01.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: zvg
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
Wenn Sie kein Fragebogeninterview verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter.
- Das neue Fragebogeninterview
- Hinweis auf den Wochenkommentar
- Ein aktueller Sachbuchtipp
- Ein Roman-Tipp
Nur dank Ihrer Unterstützung ist das Fragebogeninterview möglich. Herzlichen Dank dafür!
Ein Kommentar zu "Simon Erlanger: «Wir stehen am Beginn eines neuen Mittelalters.»"

Die Antwort mit dem „Brot essen“ und „Lied singen“ empfinde ich als sehr richtig.
Irgendwie kenne ich diesen Satz.
S. Erlanger hat Durchblick – klingt es bei mir nach….