Rodothea Seralidou: «In Griechenland sind mittlerweile fast alle Medien gleichgeschaltet.»
Das 344. Fragebogeninterview, heute mit Rodothea Seralidou, freischaffende Auslandskorrespondentin mit Schwerpunkt Griechenland. Sie sagt, ihr medialer Alltag habe sich seit ihren Anfängen kaum verändert. «Klar: Online-Medien spielen eine immer wichtigere Rolle, aber ich halte noch an meinem Lieblingsmedium Radio fest und kann – Gott sei dank – immer noch lange, tiefgründige Geschichten realisieren.» Nur die MiniDisc gehöre der Vergangenheit an. «Und es wird in den Redaktionen hier und da gespart, manchmal am falschen Ende. Immer weniger Menschen übernehmen etwa immer mehr Aufgaben. Darunter leidet das Programm und seine Qualität.» Sie sagt, dass in Griechenland mittlerweile fast alle Medien die aktuelle konservative griechische Regierung unterstützen. «Heikle oder unangenehme Themen tauchen einfach nicht auf, so dass grosse Teile der griechischen Bevölkerung gar nicht erst davon erfahren.» Sie wünsche sich zwar, dass geschriebene Texte auch künftig genutzt würden, «wenn ich mir aber meine Kinder anschaue und die Tendenz, dass die jungen Leute von heute kaum mehr schreiben, glaube ich es nicht.» Sprachnachrichten hätten bei ihnen schon längst die geschriebene Nachricht ersetzt, Videos und Filme die Bücher. «Wir müssen aber bedenken: Jedes neue Medium sehen die älteren Generationen mit Argwohn. Schon in der griechischen Antike war das neue Medium ‹Schrift› hoch umstritten. Jetzt kehren wir wohl wieder zum gesprochenen Wort zurück, allerdings mit Hilfe moderner Technik.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Je nachdem, wieviel Zeit ich habe, höre ich morgens gerne deutsches und Schweizer Radio, etwa den Deutschlandfunk, WDR Cosmo und SRF, sehe griechisches Nachrichtenfernsehen und schaue mir die Titelblätter der wichtigsten Tageszeitungen an.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
So störend Social Media oft sind: Der eine oder andere Post ist manchmal der Anfang einer umfangreichen Recherche, die zu interessanten Beiträgen führt. Facebook nutze ich auch gerne privat, um mit Freunden und Verwandten in Kontakt zu bleiben, die weit weg wohnen. Ich habe dort neben alten Schulkameraden sogar meine Schullehrerinnen und -lehrer wiedergefunden – wortwörtlich «einfach Klasse».
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
So stark hat sich mein medialer Alltag seit 2003/2004, als ich die ersten Beiträge gemacht habe, gar nicht verändert. Klar: Online-Medien spielen eine immer wichtigere Rolle, aber ich halte noch an meinem Lieblingsmedium Radio fest und kann – Gott sei dank – immer noch lange, tiefgründige Geschichten realisieren. Nur die MiniDisc gehört der Vergangenheit an. Und es wird in den Redaktionen hier und da gespart, manchmal am falschen Ende. Immer weniger Menschen übernehmen etwa immer mehr Aufgaben. Darunter leidet das Programm und seine Qualität.
Wenn Du an die Medien in Deinem Berichtsgebiet denkst – was ist anders als in der Schweiz?
In Griechenland sind mittlerweile fast alle Medien gleichgeschaltet. Sie unterstützen direkt oder indirekt die aktuelle konservative griechische Regierung. Heikle oder unangenehme Themen tauchen einfach nicht auf, so dass grosse Teile der griechischen Bevölkerung gar nicht erst davon erfahren. Über die oft schlechten Bedingungen in den griechischen Flüchtlingscamps etwa: davon erfahren die Griechinnen und Griechen eher über ausländische Medien. Gut, dass es da noch ein paar kleinere unabhängigere Medien gibt oder die der Opposition nahe stehende Presse, die dann auch diese Themen publik machen.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Das würde ich mir wünschen. Wenn ich mir aber meine Kinder anschaue und die Tendenz, dass die jungen Leute von heute kaum mehr schreiben, glaube ich es nicht. Sprachnachrichten haben bei ihnen schon längst die geschriebene Nachricht ersetzt, Videos und Filme die Bücher. Wir müssen aber bedenken: Jedes neue Medium sehen die älteren Generationen mit Argwohn. Schon in der griechischen Antike war das neue Medium «Schrift» hoch umstritten. Jetzt kehren wir wohl wieder zum gesprochenen Wort zurück, allerdings mit Hilfe moderner Technik.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Jeder das, was ihn interessiert. Hauptsache wir lesen überhaupt noch was. Ich mag Klassiker: «Das Tagebuch der Anne Frank». George Orwells «1984» oder «Die Farm der Tiere». In letzter Zeit – auch im Rahmen meiner journalistischen Recherchen – auch viele Geschichtsbücher, besonders rund um die jüngste griechische Geschichte, die Flucht der Griechen aus Kleinasien rund um 1922, die Zeit unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen der Nationalsozialisten, den darauffolgenden immer noch nicht aufgearbeiteten Bürgerkrieg zwischen den Kollaborateuren der Nazis und der Linken in Griechenland. Letztens habe ich das Buch «Wenn der Körper nein sagt» von Dr. Gabor Maté gelesen – sehr spannend und wärmstens empfehlen. Und seit einiger Zeit bin ich auf dem Ratgeber-Trip: Zum Decluttern, zur Besinnung aufs Wesentliche, zum Überleben im chaotischen Familienleben als berufstätige Frau mit minderjährigen Kindern.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Ich quäle mich tatsächlich leider meistens bis zum Ende, in der Hoffnung, dass es doch noch besser wird. Das passiert mir übrigens auch mit Filmen.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Im linearen Fernsehen und Radio. Da staune ich oft beim zufälligen Einschalten über spannende Geschichten, Orte oder Personen, von denen ich vorher keine Ahnung hatte, dass es die gibt. Auch das geht beim ständigen On-Demand-Schauen/-Hören verloren.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Ich glaube, nicht mehr sehr lange. Immer mehr Zeitungen gibt es ja nur noch als Onlineausgaben.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Ganz klar eine Gefahr. Gleichzeitig ist es gefährlich die Wirklichkeit als «Fake News» abzutun, weil es einem nicht passt. Das macht die griechische Regierung oft und auch in der Corona-Pandemie wurden diejenigen, die etwa die strikten Maßnahmen und den Nutzen der Impfungen hinterfragt haben, direkt in die «Fake News»- und «Verschwörungstheorie»-Ecke geschoben. Auch das war – meiner Meinung nach – nicht korrekt und es müsste eine Aufarbeitung dieser Zeit seitens der Politik geben, damit die Menschen, die sich in ihrem damaligen Zweifel bestätigt sehen, wieder Vertrauen fassen können.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Ich liebe es. Vor allem den Überraschungseffekt, dass ich beim Einschalten oft nicht weiss, was gerade läuft. Sogar die Werbepause kommt mir gelegen: Dann kann ich zwischendurch noch andere Dinge erledigen. Ich bin nun mal in den 1980ern und 90ern aufgewachsen. Das prägt mich noch heute.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Es sind Sendungen, die auch im linearen Radio laufen, etwa das «Echo der Zeit», das «International», die «Gesichter Europas». Zusätzlich spannende Reihen im WDR, wie etwa «Schwarz, Rot, Blut – Der True Crime Podcast über rassistische Gewalt in Deutschland» oder «Iran im Herzen», um nur zwei sehr gute Podcasts zu nennen.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Dass wir einige Schritte entfernt von «Idiocracy» (einer Dystopie, wo die Menschheit verblödet ist) sind, wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, gegenzusteuern. Und: Dass wir als Medienschaffende uns an die eigene Nase fassen müssen: Von der News-Auswahl («Je schlimmer desto besser» halte auch ich oft nicht aus) bis zur Anmutung müssen auch Jüngere angesprochen werden.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Ich befürchte, das wird passieren. Vor allem, wenn die Verlage und Medienhäuser nur das Finanzielle sehen und für Journalismus nicht mehr zahlen wollen. Auf der Strecke bleiben dann die authentischen und tiefgründigen Geschichten und der menschliche Blickwinkel. Noch ist das glücklicherweise nicht der Fall.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Digitalisierung ist ja für Medienschaffende sehr hilfreich. Ich kann mir nicht vorstellen, einen Text nicht am Computer zu verfassen und ihn nicht online an die Redaktion zu schicken. Auch die Radiobeiträge kann ich dank Digitalisierung selbst produzieren und an den Sender schicken. Ausserdem können Zeitungen online gelesen werden und somit ein internationales Publikum erreichen.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Auch wenn ich mich mit der Debatte nicht gut auskenne: Ich denke, gute journalistische Arbeit sollte gefördert werden, ja.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ja, etwa meine Interviewfragen – manchmal sogar in der Metro, bei der Fahrt zum Interviewtermin, wo ich klaren Kopf habe – die Schritte meiner Recherche, meine To-do-Liste, die dann auch schön klassisch mit Häckchen abgearbeitet wird … Aber mittlerweile habe ich eine wesentlich schlechtere Schrift als früher, wo meine Texte echte Kalligraphie waren.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Donald Trump in seiner Funktion als US-Präsident ist schlecht für fast alles, vor allem für den Frieden auf Erden und die Menschenrechte. Er ist lediglich ein gutes Beispiel dafür, dass ein erfolgreicher Businessmann nicht zwangsläufig auch guter Politiker ist. Für die Medien bedeutet er allerdings auch viel «Futter»: Jeden Tag erstaunt er uns aufs Neue. Es wird mit ihm nie langweilig in der Berichterstattung. So sehr, dass ich morgens manchmal Angst habe, was er in der Nacht Neues in die Wege geleitet hat.
Wem glaubst Du?
Mittlerweile hinterfrage ich alles und jeden.
Dein letztes Wort?
Wie sagte es Mr. Miyagi in Karate-Kid in Anlehnung zu Einstein so schön? «Answer only important, when ask right question.» Das ist nicht nur im Journalismus so was von wahr!
Rodothea Seralidou
Rodothea Seralidou (45) ist freischaffende Auslandskorrespondentin mit Schwerpunkt Griechenland. Sie ist in Düsseldorf als Tochter griechischer Einwanderer aufgewachsen, hat in Athen Jura und in Düsseldorf Medien- und Kulturwissenschaften studiert und beim WDR in Köln ein Programmvolontariat abgeschlossen. Sie berichtet überwiegend aus Athen für deutschsprachige Medien, unter anderem für den SRF und diverse ARD-Sender.
https://weltreporter.net/en/author/rodothea-seralidou/
Basel, 30.07.2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: zvg
Seit Ende 2018 sind über 330 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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