Franco Battel: «Italiens Medien sind oft sehr aufs nationale Geschehen ausgerichtet.»
Das 341. Fragebogeninterview, heute mit Franco Battel, Italien-Korrespondent von Radio SRF. Er beginnt den Tag gerne mit einem Cappuccino in einem Strassencafé und mit der Lektüre von «Corriere della Sera» oder der «Stampa» auf Papier. «Gute Artikel reisse ich aus der Zeitung und lese sie später ein zweites oder drittes Mal.» Er sagt, Italiens Medien seien sehr auf das nationale Geschehen ausgerichtet: «Selbst der Klatsch ist meist italienisch.» Auch die USA und die ganz grossen internationalen Krisen würden abgedeckt. «Aber über Afrika, Südamerika, China, Indien oder auch die Schweiz hört, sieht oder liest man beinahe nie etwas.» Radio und Fernsehen konsumiert er fast nur noch zeitversetzt: «Ich finde nichtlineares Radio und Fernsehen erleichtern den Alltag ungemein.» Dass er das «Rendezvous» oder das «Echo der Zeit» hören könne, wann ich wolle, das sei «eine fast schon epochale Erfindung». Er zeigt Verständnis dafür, dass junge Menschen Medien zuweilen den Rücken kehren: «Wer mit der Pandemie oder dem Gemetzel in der Ukraine und in Nahost medial sozialisiert wurde, fährt seine Antenne zuweilen wohl ein.» Auch die grosse Präsenz von Trump in den Medien findet er nicht hilfreich: «Mir sagen immer wieder Leute, dass sie, sobald sie Trump sehen oder hören, abschalten oder umblättern oder die Ohren zuklappen.» Er selber konsumiere «wegen des ständig verfügbaren Angebots auf dem Handy» viel mehr News – «schon vor dem Cappuccino». Es sei aber schwieriger geworden, «gute Analysen oder Hintergründe zu finden».
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Ich fange schon vor dem Frühstück an zu lesen, auf meinem Natel. Meist zuerst «La Repubblica». Zum Cappuccino lese ich dann in einem Strassencafé gern den «Corriere della Sera» oder die «Stampa» auf Papier. Gute Artikel reisse ich aus der Zeitung und lese sie später ein zweites oder drittes Mal.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Ich beachte sie nur am Rand. Ab und zu frage ich mich, ob das ein Fehler ist.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Sehr. Wegen des ständig verfügbaren Angebots auf dem Handy konsumiere ich viel mehr News. Schon vor dem Cappuccino. Es ist aber schwieriger geworden, gute Analysen oder Hintergründe zu finden.
Wenn Du an die Medien in Deinem Berichtsgebiet denkst – was ist anders als in der Schweiz?
Italiens Medien sind oft sehr aufs nationale Geschehen ausgerichtet – selbst der Klatsch ist meist italienisch. Auch die USA und die ganz grossen internationalen Krisen kommen prominent vor. Aber über Afrika, Südamerika, China, Indien oder auch die Schweiz hört, sieht oder liest man beinahe nie etwas.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Ja, eine grosse Zukunft. Denn das geschriebene Wort hat viele Vorteile. Man kann es zum Beispiel noch in Jahrhunderten lesen. Oft ist es reflektierter, elaborierter als das gesprochene. Dass wir aber in einer zunehmend oralen Zeit leben, steht ausser Frage.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Gute Bücher.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Ich lege schlechte Bücher mit schlechtem Gewissen weg. Mit noch schlechterem Gewissen übergebe ich sie dem Altpapier.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Wenn ich wirklich zuhöre.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Immer weniger und wahrscheinlich nicht mehr lange.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Propaganda, Lügen, Geschichtsklitterung oder Nebelpetarden gab es schon immer. Seriöse Medien fungieren wie Filter und haben eine enorm wichtige Funktion.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Ich höre und sehe fast alles zeitversetzt. Ich finde nichtlineares Radio und Fernsehen erleichtern den Alltag ungemein. Das «Rendez-vous» oder das «Echo der Zeit» hören, wann ich will. Eine fast schon epochale Erfindung. Ich schaue nur den Tatort linear, weiss aber auch nicht genau warum. Wahrscheinlich regiert am Sonntagabend die Macht der Gewohnheit.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Ich höre nur wenige Podcasts regelmässig. Darum kann ich nicht glaubwürdig einen Tipp geben.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Wer mit der Pandemie oder dem Gemetzel in der Ukraine und in Nahost medial sozialisiert wurde bzw. wird, fährt seine Antenne zuweilen wohl ein. Vielleicht ein Selbstschutz? Eventuell kann sich das in späteren Lebensjahren auch wieder ändern?
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Dutzend- oder Billigware kann auch von einem Computer geschrieben werden. Insofern stimme ich der zitierten Aussage zu. Aber will jemand dafür Geld bezahlen?
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Sie verändert den Journalismus. Aber nicht zwingend entlang der Extremlinien Tod oder Befreiung. Aber wie bei der Erfindung des Buchdrucks überwiegt meiner Meinung nach das Positive.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Davon verstehe ich zu wenig.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ja. Besonders gern mit meinem Füllfederhalter. Briefe, Ansichtskarten, Postizettel, meinen letzten Willen oder Notizen.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Mir sagen immer wieder Leute, dass sie, sobald sie Trump sehen oder hören, abschalten oder umblättern oder die Ohren zuklappen.
Wem glaubst Du?
Den Radionachrichten.
Dein letztes Wort?
Radetzkymarsch (eines der guten Bücher geschrieben von Joseph Roth).
Franco Battel
Franco Battel, geboren 1966 in Schaffhausen, studierte in Zürich und Rom Geschichte. Er schloss sein Studium ab mit einer Arbeit über die Schaffhauser Flüchtlingsgeschichte zur Zeit des deutschen Nationalsozialismus. Seit 1996 ist er Radio-Journalist und seit 2015 (mit einem zweijährigen Unterbruch) Korrespondent in Rom.
Basel, 09.07.2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: zvg
Seit Ende 2018 sind über 330 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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Ein Kommentar zu "Franco Battel: «Italiens Medien sind oft sehr aufs nationale Geschehen ausgerichtet.»"
Lieber Herr Franco Battel
Ich möchte sie warnen, so viel von «Cappuccino» zu sprechen; in der Schweiz ist eine SRG/SRF-Halbierungs-Initiative angesagt (200 Fr sind mehr als genug Medien-Zwangs-Gebühren) und da kommt das Bild vom SRG-Mitarbeiter, welcher im morgendlichen lauen italienischen Sonnenlicht täglich und ausgiebig «Cappuccinos» in Strassencafés geniesst, dabei davor und danach Zeitung liest nicht sonderlich gut an.
(…Ich fange schon vor dem Frühstück an zu lesen, auf meinem Natel. Meist zuerst «La Repubblica». Zum Cappuccino lese ich dann in einem Strassencafé gern den «Corriere della Sera»…. / ….Wegen des ständig verfügbaren Angebots auf dem Handy konsumiere ich viel mehr News. Schon vor dem Cappuccino….)
Es könnte die Zustimmung zur Halbierungsinitative befeuern, da in der Schweiz viele Angestellte von Versicherungen und Banken als Höchstes der Gefühle auf dem Pendel-Arbeitsweg sich bei «Coop-Pronto» oder «Migrolino» eilig einen Kaffee rauslassen und ihn gestresst im ÖV oder Auto runterschütten. Ganze Horden von Handwerkern stehen am Morgen vor den Kaffeeautomaten der Schnellimbisse, welche jetzt (Coop-Pronto) das Schnell-Café-Angebot noch ausbauen müssen… Eine gewisse Schere tut sich da auf zwischen Gebühren-Zahlenden und SRG-Angestellten….
Also Vorsicht mit solchen «Dolce-Vita»-Aussagen, welche das Bild vom geniessenden «Savoire-Vivre»-Korrespondenten in Italien mit Schweizer Lohn zementieren.
Interessant und richtig finde ich Ihre Antwort «Wer mit der Pandemie oder dem Gemetzel in der Ukraine und in Nahost medial sozialisiert wurde bzw. wird, fährt seine Antenne zuweilen wohl ein. Vielleicht ein Selbstschutz? Eventuell kann sich das in späteren Lebensjahren auch wieder ändern?»
100% mit Ihnen einverstanden. Die Corona-News überschlugen sich und stimmten oft schon am Folgetag nicht mehr. Und Krieg ist Propaganda – hüben wie drüben – was stimmt da noch wirklich wirklich?…
Auf die Frage «Wem glaubst Du?» geben Sie, Herr Battel die Antwort «Den Radionachrichten.» Dies würde ich differenzierter antworten. Denn den «Radio»-Nachrichten ist zu allumfassend. Es gibt diese und diese. Es gibt gute «Radio»-Informationen (weltweit gesehen) aber auch miserable und unglaubwürdige. Ich beziehe meine News nicht mehr von den Radio-Nachrichten, weil ich nicht warten will, bis der Radio-Mensch sein Geschichtli erzählt, er News vorenthalten muss (sonst würden die News ja 60 Minuten dauern) und oft dazwischen noch nervöse «Jingles» kommen oder vor dem «Wetter» noch ein «Sponsoring»-Gelaber…. Da geht es doch schneller, präziser, ausführlicher im Netz…
Da mein Auto kein DAB empfängt und die SRG-SRF-Sender durch die total verfrühte UKW-Abschaltung stumm bleiben («Service-Public-Sender sollten als letzte abstellen, und nicht als erste» – Zitat R. Schawinski) kam ich per Zufall wieder mal auf die «Ein-Taste» meines Autoradios, welcher ansonsten – Verkehrssicherheit geht vor – ruht. Ausser «Radio-Basilisk» kam nichts anderes rein. Und deren Nachrichten sind eine Zumutung: Eine Märlistunde mit Trudi Gerster ist Power dagegen. Unwichtige drei Meldungen, in «Baseldytsch» (mit Akzent) runtergeleiert, ohne jeden Zusammenhang, eine absolute Tortour. Mit ewig aufgesetztem Grinsen, sogar die «Stau-Meldungen» wurden als «Wow-toll» runtergehaspelt und bis ich erfuhr, wie das Wetter wird, noch «Fliegengitter-Werbung», «Tattoo-Werbung» und «Easy-Jet-Werbung»…. Zum Abschalten…
Deshalb – ich empfange meine News von «Radio-Nachrichten» höchst selten, dann aber von spezifisch-ausgesuchten Kanälen….
Und das bei Nr. 47 die Ohren eingeklappt werden oder umgeblättert wird wage ich zu bezweifeln. Fragen sie mal nach Trump-Traffic oder News-Klicks. ER ist ein Segen für die Medien. Jeden Tag 24/7 Action…. Und die Leute schauen hin – weil (auch wenn er euro-medial «zappenfinster» sei…) immer noch relevant und massgebend ist…..
Ich wünsche Ihnen einen ausgiebigen, richtig schönen Sommer in «Bella Italia» und noch manchen «Cappuccino» mindestens mit Schaum und Schoggiflocken….