KI in der Kommunikation #5: Reden schreiben
Ich habe jahrelang Reden für Politikerinnen und Politiker, für CEOs und Direktorinnen geschrieben. Das war oft spannend, manchmal inspirierend (für beide Seiten) und immer interessant. Natürlich sind Inhalt und Dramaturgie dabei wichtig. Wirklich entscheidend ist aber, dass die Rede auf den Mund der Sprecherin oder des Sprechers geschrieben ist. Eine gute Rede funktioniert wie ein Einpersonen-Theaterstück, dessen Rolle ganz präzise auf die Rednerin oder den Redner zugeschnitten ist. So präzis, dass die Person keine Rolle spielen muss.
Eine Rede gehört deshalb nicht dem, der sie geschrieben hat, sondern dem, der sie hält. Der Redner (oder die Rednerin) muss sich die Rede so zu eigen machen können, dass er problemlos improvisieren kann, wenn er aus dem Konzept gebracht wird. Er muss sich im Text so wohl fühlen, als wäre es sein eigener. Im besten Fall ist er auch so stolz, wie wenn er die Rede selbst geschrieben hätte. Geht das auch mit KI?
Die Aufgabe
Jubiläumsanlass des Unternehmens, 200 Gäste, 10 Minuten Rede der Geschäftsleiterin. Rückblick, Gegenwart, Ausblick. Etwas Persönliches, etwas Emotionales, das Publikum soll motiviert nach Hause gehen.
Der naive KI-Einsatz
Sie öffnen ChatGPT und tippen: «Schreib mir eine 10-minütige Rede für unsere Geschäftsleiterin, 25-jähriges Firmenjubiläum, Ton motivierend und persönlich.» Der Text kommt sofort: drei Teile, saubere Übergänge, ein emotionaler Rückblick, ein «wir haben viel erreicht»-Mittelteil, ein zukunftsgerichteter Schluss mit Appell. Die Struktur sieht tadellos. Aber die Rede ist eine akustische Barbie-Puppe: austauschbar und leer.
Die Geschäftsleiterin liest sie durch, ändert drei Sätze, übt die ganze Sache einmal und spricht den Text dann ab Blatt. Alles geht gut. Niemand reklamiert oder sagt hinterher, es sei schlecht gewesen. Aber es gibt auch niemanden, dem die Rede im Gedächtnis bleibt. Es war halt eine Rede, besser als Liftmusik, und auf gehts zum Apéro.
Das Problem
Der Rede fehlt die Seele. Eine Rede ist die persönlichste Form von Text. Gerade bei internen Anlässen kennt das Publikum die Sprecherin und weiss, wie sie spricht (und meistens auch wie sie denkt). Die Mitarbeitenden kennen die sprachlichen Marotten, den Rhythmus und ihren Humor (oder wissen, dass sie keinen Humor hat). Gerade Mitarbeitende registrieren sofort, wenn sich eine Rede nicht nach der Chefin anfühlt. Kaum jemand wird sich dessen bewusst, aber alle spüren es. Vor Mitarbeitenden eine KI-Rede zu halten, ist also keine gute Idee. Aber auch in der Öffentlichkeit hat eine KI-Rede nichts zu suchen. Wir Menschen haben ein feines Sensorium dafür, ob jemand aus sich selbst heraus spricht oder einen fremden Text aufsagt.
Der Rede fehlt das Persönliche. Wer Menschen persönlich packen will, muss persönlich werden und eine Anekdote, ein Erlebnis eine konkrete Erinnerung auspacken. Mit Strategien und den Wolkenwörtern der Berater kann sich niemand verbinden. Aber der Garagenmoment der Firma, das banale Missgeschick am Morgen oder die Tränen in den Augen, das schliesst die Herzen auf und bleibt. Das wirkt aber nur, wenn es echt ist. Eine KI kann das (von sich aus) nicht liefern – oder sie kommt über die Garage ins Schwadronieren und das packt dann auch wieder niemanden.
Der Rede fehlt das Rückgrat. Eine gute Rede will uns etwas sagen. Wozu sonst richtet sich die Frau oder der Mann ans Plenum? Also muss die Rede auf diesen einen Moment hinzielen. KI ist in der Lage strukturell korrekten, dramaturgisch wohltemperierten Text zu produzieren. Sie hat aber Mühe, einen Höhepunkt zu liefern, der zum Redner passt. Im besten Fall wird der Raum still. Aber dann muss jeder Satz sitzen. Eine Rede ohne Rückgrat können Sie problemlos halten. Oder auch nicht. Es macht keinen Unterschied.
Der Rede fehlt das Ende. Der letzte Satz einer Rede ist das Einzige, das garantiert im Gedächtnis bleibt. Schlägt die Rede einen Bogen zum Anfang? Kommt der grosse Aufruf? Entfleucht dem Sack noch eine Katze? Gerade am Ende muss eine Rede konkret, bestimmt und handfest sein und auf keinen Fall Worte verwenden, die zum Vokabular von McKinsey gehören.
Was die Aufgabe des Menschen bleibt
Ein passender Stil. Wer eine Rede schreiben will, muss die Rednerin oder den Redner im Ohr haben. Einige Sätze aus einem aufgezeichneten Interview, die Aufzeichnung eines früheren Referats oder persönliches Gespräch reichen. Es braucht keinen Stilguide, sondern Rohmaterial. Nur so kann der Ghostwriter (oder die KI) herausfinden, wie diese Person spricht.
Eine zündende Idee. Jede gute Rede beinhaltet eine gute Idee. Eine, nicht sieben. Das setzt zwei Dinge voraus: eine Idee, die zündet, und die Bereitschaft, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Beides kann nur ein Mensch.
Eine eigene Erinnerung. Natürlich kann die KI sich eine Anekdote zurechthalluzinieren. Eine echte Erinnerung kann nur vom Sprecher kommen. Vier, fünf Sätze genügen, Ausschmückungen sind nicht nötig. Die KI (oder der Ghostwriter) kann gestalten, nicht aber die Erinnerung erfinden.
Der Schlusssatz. Das Ende sollte feststehen, bevor Sie mit dem Anfang beginnen. Wer den Schlusssatz nicht hat, weiss nicht, auf was die Rede zielt.
Die Rolle. Eine Rede ist immer an einen Anlass gebunden. Das heisst, sie findet in einem bestimmten Raum zu einer bestimmten Tageszeit vor einem bestimmten Publikum statt. Vor Beginn der Arbeit muss klar sein, welche Rolle die Rede in dem Moment spielen muss.
Der richtige Workflow
1. Vorarbeit (20 Minuten). Erst ist der Mensch am Zug. Tragen Sie diese Aspekte zusammen, die nur der Mensch liefern kann: die eine Idee, die Anekdote, den Schlusssatz, Sprechmaterial, den Kontext der Situation. Das sind die Backsteine.
2. Dramaturgie (10 Minuten). Bitten Sie die KI um eine Struktur (nur Struktur, keinen Text). «Hier sind meine Materialien: [Idee, Anekdote, Schlusssatz, Kontext]. Schlag mir eine dramaturgische Struktur vor: Eröffnung, Aufbau, Wendepunkt, Höhepunkt, Landung. Stichworte, kein Text.» Überdenken Sie diese Struktur, bevor Sie den ersten Satz schreiben (lassen).
3. Abschnitt für Abschnitt (30 Minuten). Sagen Sie der KI nie: «Schreib mir eine Rede!» Tasten Sie sich schrittweise durch die Elemente: «Schreib mir eine gute Eröffnung in vier Sätzen. Ziel: den Raum öffnen, ohne zu erklären. Orientier dich stilistisch an diesen Beispielsätzen: [Stimm-Material].» Dann revidieren. Dann den nächsten Abschnitt.
4. Laut lesen – stehend (15 Minuten). Lesen Sie die Rede laut. Murmeln Sie nicht vor sich hin, sprechen Sie so, wie Sie es vor Publikum tun würden. Wenn Sie stolpern oder der Atem nicht ausreicht: streichen oder umschreiben. Wenn Sie das Gefühl haben, dass ein Satz nicht landet: neu schreiben. Reden werden nicht gelesen, sie werden gehalten. Nur was sich sprechen lässt, funktioniert.
5. Die Probe-Frage (5 Minuten). Bitten Sie die Sprecherin, in eigenen Worten zu sagen, um was es im zweiten Teil geht und was die Message ist – ohne Notizen. Wenn sie das nicht schafft, ist das kein Gedächtnisproblem, sondern ein Text-Problem. Überarbeiten Sie die Rede so lange, bis die Sprecherin nicht mehr darüber nachdenken muss, was sie sagt.
Takeaway
> Eine KI kann eine Rede in vier Minuten runterschreiben.
> Eine Rede, die jemand halten kann, braucht menschliche Vorarbeit und zwar vor dem ersten Prompt.
Das Werkzeug dazu
Mein Assistenzsystem für Kommunikationsabteilungen führt durch die wichtigsten Kommunikationsaufgaben im Unternehmen. Die KI wird dabei nicht naiv genutzt, sondern auf jede Aufgabe intelligent vorbereitet. Mehr dazu in meinem Workshop KI in der Kommunikation. Hier gehts zum Assistenzsystem:
Prozesse und Werkzeuge für den Einsatz von KI in der professionellen Kommunikation: Der KI-Praxis-Tag für Kommunikationsteams. Demnächst.
«KI in der Kommunikation» erscheint zweiwöchentlich, alternierend mit der KI-Denkfehler-Serie.
Basel, 23. Juni 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: KI-generiert (mz/Claude/ChatGPT)
