KI-Denkfehler #46: «KI ist ein Werkzeug.»
Falsch. Und ich nehme mich dabei selbst an der Nase, weil ich es oft genug selbst gesagt habe. Die grosse Frage ist: Was ist die KI dann? Ich habe sie schon als «supereifriger, aber maschineller Diener» bezeichnet, als Tutor und «Sparringpartner, den man wie einen Praktikanten an seinem ersten Arbeitstag» behandeln soll, als Tennisball-Wurfmaschine und als Papagei. Kurz: Die KI ist sprachlich kaum zu fassen. Das liegt nicht daran, dass uns die Wörter fehlen, es ist die Sache selbst, die es uns schwer macht, sie zu bezeichnen. Aber was heisst das nun? Mein Vorschlag für ein neues Wort für die KI.
Für einmal widerspreche ich mir selbst: Ich habe die KI immer wieder als Werkzeug bezeichnet: als «naives Werkzeug», als «zwar sehr leistungsfähiges, aber blindes Werkzeug» und als «Werkzeug, dessen Wirksamkeit vom Menschen abhängt». Ich habe geschrieben, die KI sei «ein Werkzeug, kein Partner», sie sei «kein Zukunftsgestalter, sondern ein Werkzeug für Zukunftsgestalter» und wir Menschen müssten sie als «Werkzeug, nicht als Verbündeten» behandeln.
Doch ein Werkzeug gehört mir und es gehorcht mir. Ein Werkzeug verändert sich nicht über Nacht, hat keinen Anbieter mit eigenen Interessen und es widerspricht mir nicht. Ein Werkzeug steht ganz in meinen Diensten und beutet mich nicht aus. Auf die KI trifft das alles nicht zu. Das Bild von der KI als Werkzeug ist deshalb so gefährlich, weil es uns beruhigt. Es ist ja nur ein Werkzeug. Das nützt vor allem den Herstellern, weil sie so die Verantwortung auf die Anwender abwälzen.
Kein Hammer
Eine KI ist deutlich mehr als nur ein Hammer oder eine Feile, eine Bohrmaschine oder eine Fräse. Solche Werkzeuge sind passiv. Die Handwerkerin oder der Handwerker führt sie mit eigener Hand. Viel mehr als hämmern, feilen, bohren oder fräsen kann man mit den Werkzeugen nicht. Eine KI ist viel universeller einsetzbar und kennt bei Aufgaben fast keine Grenzen.
Auch wenn der blutende Daumen oder das verkorkste Werkstück zu anderen Schlüssen einladen: Ein Werkzeug ergreift nie die Initiative. Der Hammer wartet, bis ich ihn zur Hand nehme und zuschlage. Bei der KI ist das anders: Sie fängt an, macht Vorschläge, ergänzt, entscheidet Zwischenschritte, ohne dass ich sie geführt habe.
Kein treuer Diener
Trotzdem ist die KI kein Diener. Denn was macht ein Diener? Er dient seinem Herrn. Doch eine KI hat mindestens zwei Herren: den Anbieter und den Kunden. Ich bezahle zwar für die Dienste einer KI, aber sie gehorcht auch dem Anbieter, hält seine Leitplanken ein und verfolgt im Zweifel seine Geschäftsinteressen. Im Extremfall beutet dieser Diener mich sogar aus.
Wie gross der Einfluss der Anbieter ist, merkt man spätestens dann, wenn sich eine KI nach einem Update plötzlich ganz anders verhält. Bei einem Diener passiert das nicht (und bei einem Hammer schon gar nicht).
KI als Werkstatt
Das vernünftigste Bild, das mir in den Sinn kommt, ist das der Werkstatt: Eine KI ist kein einzelnes Werkzeug, sondern viel umfassender. Ohne Mensch geht es aber nicht: Die KI ist also mehr Arbeitsplatz als Arbeitspartner.
Aber Achtung: Die Werkstatt ist nur gemietet. Ich bringe mein Können und mein Werkstück ein, aber die Einrichtung gehört mir nicht. Es kann mir passieren, dass der Vermieter eine Maschine austauscht, ohne mich zu fragen. Er sieht, was ich baue und er kann mir kündigen. Trotzdem entsteht in der Werkstatt etwas, das ohne mich nicht entstünde. Und die Verantwortung für das Werkstück bleibt bei mir. Auch dieser Vergleich hinkt, aber ich glaube, er hinkt nicht mehr so sehr.
Fazit
Wer die KI als Werkzeug bezeichnet, will sich vor allem selbst beruhigen. Doch das Bild entlastet nicht uns, sondern vor allem jene, die eine KI bauen und verkaufen. Ein Hammer gehört mir, gehorcht mir und bleibt in der Schublade, was er ist. Bei der KI ist das anders.
Die gemietete Werkstatt ist das ehrlichere Bild, weil sie zwei Dinge gleichzeitig sichtbar macht: Ich arbeite hier nicht mit einem Gerät, sondern in einer ganzen Umgebung. Und diese Umgebung gehört mir nicht. Der Vermieter hat eigene Interessen, tauscht Maschinen aus und schaut zu, was ich baue. Was am Ende auf der Werkbank liegt, verantworte aber ich.
Zum Ausprobieren
Machen Sie vor dem nächsten grösseren KI-Auftrag einen «Werkstattrundgang» und beantworten Sie sich drei Fragen:
1) Wem gehört die Werkstatt? Wer betreibt das Tool, das Sie gerade öffnen, und wie verdient dieser Anbieter sein Geld? Bei kostenlosen Angeboten bezahlen Sie meistens mit Ihren Daten.
2) Was lasse ich hier liegen? Alles, was Sie eingeben, liegt auf einem fremden Server. Prüfen Sie kurz, ob Kundennamen, Honorare oder unveröffentlichte Inhalte im Prompt wirklich nötig sind.
3) Wer haftet für das Werkstück? Immer Sie. Legen Sie deshalb fest, was Sie am Resultat nachprüfen, bevor Sie es weitergeben. Wenn es um Zahlen, Zitate oder Namen geht, gilt das ausnahmslos.
Wenn Sie diese drei Fragen einmal für Ihr Haupt-Tool beantwortet haben, dauert der Rundgang beim nächsten Mal nur ganz kurz. Und Sie merken sofort, wenn sich in der Werkstatt etwas Wichtiges verändert hat.
Basel, 25. August 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: mz/Claude/ChatGPT
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Quellen:
