KI-Denkfehler #42: «KI hat Geschmack»
Nein und Jein: Sie kann nicht schmecken, fühlen oder riechen und verfügt auch bei Texten nicht über einen Geschmackssinn. Dennoch wendet die KI bestimmte Stil-Mittel an, die für uns Menschen auf ein Geschmacksurteil hinauslaufen. Die Folge: Überdeutliche Emotionen in den Bildern, aufgerissene Augen wie eine Manga-Figur, glatte Haut, dramatisches Bokeh, überzeichnet satte Farben machen Bilder als KI-generiert erkennbar. Bei den Texten ist es ähnlich: Dringlicher Staccato-Ton, Gedankenstriche, Wortwolken und Dreischritt-Argumentationen à la «Es war kein Fehler. Kein Zufall. Kein Unfall. Es war Absicht.» Ach ja.
Bei solchen Texten bin ich versucht, zu sagen: Die KI hat definitiv keinen guten Geschmack. Fakt ist: Sie hat gar keinen Geschmack. Der KI-Stil ist nicht das Resultat eines Urteils, sondern das statistische Optimum des Trainingsmaterials. Geschmack heisst aber: aus vielen Optionen eine ganz eigene auswählen. Genau das tut KI nicht. Es sei denn: Wir übernehmen diese Aufgabe.
1. Apekt Das Gut-gemeint-Symptom
Seit 1936 ist in den Fahrstühlen des Empire State Buildings in New York leise Musik zu hören. Die Klänge sollen den Menschen im engen Raum die Angst vor der Höhe nehmen. Daraus hat sich die sprichwörtliche Fahrstuhlmusik entwickelt. Weil ab den 1940er-Jahren die amerikanische Firma Muzak Holdings die wichtigste Produzentin solcher Stücke war, heisst Musik zur professionellen Berieselung von Aufzügen und Kaufhäusern auch Muzak. Es sind einfache Melodien in sanfter Instrumentierung mit gleichbleibender Lautstärke. Sie sollen kein einmaliges musikalisches Erlebnis bieten, sondern nur die Stille füllen.
Viele KI-generierte Inhalte folgen genau diesem Prinzip: Es sind weichgespülte Texte, synthetisch-glatte Bilder, Inhalte ohne Fehl und Tadel, die einem Durchschnittsgeschmack entsprechen und ganz sicher keinen Anstoss erregen. So sind sie auch entstanden: Es sind Früchte des Durchschnitts. Gefällig und gut gemeint. Und Sie wissen ja: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht.
2. Apekt Der Mechanismus der Nachahmung
Wer Geschmack hat, verfügt über Urteilskraft: Er ist in der Lage, zu entscheiden, was ihm gefällt und was nicht. Geschmack ist also die Fähigkeit, ja die Verpflichtung, über Stil zu entscheiden. Und zwar unabhängig vom Zweck. Ein Geschmacksurteil ist ein Entscheid an sich. Die KI ist dazu nicht in der Lage: Sie basiert auf Statistik und Wahrscheinlichkeit und kann Inhalte nur im Hinblick auf einen Zweck generieren.
Hermann Broch schreibt in «Das Weltbild des Romans»: «Du sollst nicht auf den Effekt hinarbeiten, sonst erzeugst du Kitsch.» Und noch direkter anwendbar auf die KI: «Du sollst andere Kunstwerke weder zum Teil noch zur Gänze nachahmen, sonst erzeugst du Kitsch.» Die Mechanik der KI verurteilt sie also dazu, eine Kitschmaschine zu sein.
3. Apekt Das Problem der Homogenisierung
Jetzt sagen Sie sich vielleicht: Schon, aber mir bringt die KI etwas. Das ist gut möglich, ist jedoch mit einem «aber» verbunden. Anil R. Doshi und Oliver P. Hauser haben in einem Experiment Schreibende Kurzgeschichten entwickeln lassen. Einige der Probanden haben mit, andere ohne KI gearbeitet. Das Resultat: Geschichten, die mit Hilfe von KI entwickelt wurden, fielen einzeln kreativer aus, waren sich aber untereinander deutlich ähnlicher.
Eine generative KI wie ChatGPT hilft also dem einzelnen Menschen durchaus, kreativer zu sein. Auf kollektiver Ebene führt der breite Einsatz von KI jedoch dazu, dass die Vielfalt schrumpft. Anders gesagt: Wir gewinnen Höhe und verlieren Breite. Die Verarmung ist nicht so einfach spürbar, weil jeder einzelne Output ja «ganz okay» ist. Wir merken erst, dass die Welt eintöniger wird, wenn wir vor lauter «ganz okay»-Texten das Eigentümliche vergessen haben. Deshalb wird der eigene Geschmack, die Differenz zu den anderen, noch kostbarer.
Fazit
KI hat keinen Geschmack. Von sich aus ist sie die Verkörperung von Otto Normalverbraucher und kreiert Muzak in Text und Bild. Wer Wert auf guten Geschmack legt, muss den schon selbst an den Tag legen. Und das heisst vor allem: ablehnen, was nicht gefällt. Das kann die KI nicht. Das Schöne an der Sache: Je mehr Leute sich vom breiten KI-Strom tragen lassen, desto wertvoller wird, wer gegen diesen Strom anpaddelt.
Praxistipp
Giessen Sie Ihren guten Geschmack in einen Prompt. Sagen Sie der KI dabei nicht nur, was Sie wollen, sondern auch ganz explizit, was Sie nicht wollen. Legen Sie Listen mit verbotenen Wörtern und Ausdrücken an. Das setzt allerdings voraus, dass Sie Ihren eigenen Geschmack gut kennen und ihn auch begründen können. Als kleine Anregung hier sieben konkrete Regeln für Texte nach meinem Geschmack:
1) Adjektive nur, wenn sie unterscheiden oder echte neue Information tragen.
2) Tautologische Beiwörter (schwere Verwüstungen, dunkle Ahnung) und schmückende Adjektive sind verboten.
3) Komparativ und Superlativ nur mit äusserster Zurückhaltung verwenden.
4) Funktionsverben auflösen: «bekennen» statt «Bekenntnisse ablegen», «erwägen» statt «in Erwägung ziehen», «vorschlagen» statt «in Vorschlag bringen».
5) Passiv nur, wo das handelnde Subjekt unbekannt oder wirklich irrelevant ist.
6) Bildhaftes, konkretes Vokabular bevorzugen. Abstrakta auf -ung, -heit, -keit, -ät, -ion, -ismus oft durch konkretes Verb oder Substantiv ersetzen.
7) Füllwörter (dann, gar, ja, nun, wohl, selbstredend, letztendlich, grundsätzlich, im Grunde genommen) und abgenutzte Phrasen ersatzlos streichen.
Basel, 26.05.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
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Quellen:
Broch, Hermann (1986): Kommentierte Werkausgabe. 9 2: Schriften zur Literatur Theorie, hrsg. v. Paul Michael Lützeler, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1986.
Doshi, Anil R.; Hauser, Oliver P. (2024): Generative AI enhances individual creativity but reduces the collective diversity of novel content, in: Science Advances, 10,28, 2024, S. eadn5290, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adn5290 [19.05.2026].
