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Organisch

Publiziert am 1. September 2025 von Matthias Zehnder

Vor zehn Jahren war «Darm mit Charme», ihr Sachbuch über den Verdauungstrakt, ein Bestseller und avancierte zum meistverkauften Hardcover-Sachbuch. Mittlerweile ist Giulia Enders Ärztin und hat ein neues Buch geschrieben. In ihrer klinischen Arbeit habe sie gemerkt: «Mindestens so oft, wie ich kranke Organe behandelte, behandelte ich eine merkwürdige Zeit.» Geholfen habe ihr dabei die Beschäftigung mit dem Körper: «Es ist faszinierend, wie unser Körper seine Probleme löst», schreibt sie. «Immer wieder konnte ich daraus Anregungen für mein Leben ziehen und fühlte mich wie in einem Eiscremeladen voller Antworten.» Den Körper zu verstehen, nütze deshalb nicht nur, um Krankheiten vorzubeugen. «Unsere Organe haben auch einen wesentlichen Anteil daran, was es heisst, wir selbst zu sein», schreibt sie. Die Organe geben Antworten auf wichtige Fragen wie: Was brauchen wir wirklich? Wie gehen wir mit Bedrohung um? Auf welche Weise wollen wir einander behandeln? Oder auch: Was können wir leisten und auf welchem Weg? «Verstehen wir die Antworten des Körpers besser, können wir ein stimmigeres Leben führen», schreibt Giulia Enders. In ihrem Buch beschäftigt sie sich diesmal mit der Lunge, dem Immunsystem, mit der Haut, den Muskeln und mit dem Gehirn. Sie schreibt nicht distanziert wie eine wissende Ärztin, sondern vermittelt ihr Staunen und ihre Begeisterung für die wunderbare Funktionsweise des menschlichen Körpers. Ganz nebenbei erfährt man dabei viel Wissenswertes aus der aktuellen Forschung. Ihre Erkenntnisse verpackt Giulia Enders zuweilen in fast schon poetische Sätze. Über die Haut schreibt sie: «Tote Zellen bilden die Hülle des Lebens. Ist das Perfektion oder Ironie?»

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Im Zentrum steht dabei ihre Erkenntnis, dass Menschen nicht wie Maschinen funktionieren. Ein Schlüsselerlebnis war der Tod ihrer Grossmutter. Obwohl die Grossmutter eine ihrer wichtigsten Bezugspersonen war, habe sie, schreibt Giulia Enders, zunächst einfach nichts gefühlt und weiter funktioniert. Sie verdrängte die Trauer. Und dann las sie eines Tages einen medizinischen Text über Wunden. «Auf einmal kamen die Tränen», erzählt sie. «Es war mir, als ob die Haut verstand, wie es ist, jemanden zu verlieren. Das Verletzt-Sein, das plötzliche Fehlen von Gewebe, die erste Schockreaktion.» Sie konnte ihre Trauer zulassen. Bei der Frage, wie sie darüber hinwegkommen würde, orientierte sie sich daran, «wie die Haut mit ihren Wunden umging. Ein Blick auf den Körper half mir, Mensch zu sein.»

Dieses Erlebnis brachte sie dazu, sich eingehender mit dem Körper und seinen Organen zu beschäftigen: Sie wollte von der zauberhaften Klugheit von Haut, Lunge oder Muskulatur für ihr Leben lernen. Dieses Wissen teilt sie in ihrem Buch.

Die Lunge zum Beispiel ist schmiegt sich bei jedem Atemzug an ihr Umfeld an. Giulia Enders spricht von ihrer «sanften Raffinesse». Die Lunge sei vielleicht passiv, aber nicht wirkungslos. Dank eines harmonischen Zusammenspiels «können unsere Muskeln ihre Atembewegungen tausendfach am Tag wiederholen, ohne zu ermüden.» Und dann folgt wieder ein poetischer Satz: «Nur durch kluge Weichheit reicht die Kraft.»

Zweite Station: das Immunsystem. Hier zeigst sich schön die positive Herangehensweise von Giulia Enders: Sie will nichts hören von den ständigen «Kampf- und Kriegsmetaphern, wenn es ums Immunsystem geht: Bakterien werden zerlöchert, Viren abgewehrt, Haut und Schleimhäute fungieren wie Schutzwälle.» Die Beschreibungen seien nicht komplett falsch – aber das Immunsystem sei mehr als nur Kampf und Krampf. Giulia Enders fragt: «Basiert unsere Sicherheit wirklich ausschliesslich darauf, alles irgendwie Suspekte oder Schädliche anzugreifen?» – Es ist einer dieser Sätze, der sich nicht nur auf den Körper beziehen lässt.

Die Haut ist das dritte Organ, dem sich Giulia Enders widmet – vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass die Haut ein Organ ist. Die Haut stehe für «Zusammenhalt, Schutz, Verbindung und Heilen», die Haut sei «das Organ, das zwischen uns und der Welt vermittelt – mit allen Verletzungen und allem Schönen.» Im Kapitel über die Haut zeigt Giulia Enders, wie das Organ uns einerseits schützt vor der Umwelt und uns andererseits etwa durch Berührungen erst miteinander in Kontakt bringt.

Über kaum ein anderes Organ wird heute so oft geschrieben wie über die Muskulatur. Vor dem Hintergrund von Fitness und Training sei unsere Vorstellung von Kraft und Wirken jedoch oft einseitig. «Meist denken wir dabei an Handlungen oder Projekte, die ein klares Ziel verfolgen», schreibt Giulia Enders. Dabei verrichtet unsere Muskulatur im Alltag Schwerarbeit, die wir gar nicht beachten: Auf die Frage: «Was ist kräftig an deinem Körper?», würden «zumindest die wenigsten an die Muskelwände ihrer Blase denken oder ihre Augenmuskeln lobpreisen.» Kraft gebe es «in verschiedenen Variationen. Kommen sie zusammen, können wir leben, wirken, aufrecht gehen und Dinge verformen.»

Letzter Schritt: Die graue Eminenz – also das Gehirn. Auch auf das am besten geschützte Organ des Körpers wirft Giulia Enders einen neuen Blick. Sie versteht das Gehirn nicht als arroganten Chef, der abgehoben im Oberstübchen residiert und sich vom rauen Leben abgrenzt. «Vielmehr wird es vom Körper an dessen Spitze gehoben, weil es sich mit jeder Faser seines Wesens für ihn interessiert, weil es ihn schützen, ihm helfen und ihn mit der Welt verbinden soll.» Sie schlägt vor, das Gehirn nicht als Chef, sondern als Diener des Körpers zu sehen, wie es Hirnforscher Antonio Damasio in den Neunzigerjahren formulierte. «Ja, mit einem frischen Blick auf die Wissenschaft zeigt sich: Im Körper gilt ein Prinzip, das nicht völlig neu ist, aber zeitweise abhandenkommen kann: Führen heisst auch dienen.»

Giulia Enders steckt mit ihrer Begeisterung über die wundersame Funktionsweise des menschlichen Körpers an. Es ist faszinierend, was Haut und Lunge, Immunsystem und Gehirn leisten – und wieviel wir von unseren Organen lernen können, wenn wir nur genau hinschauen.

Giulia Enders: Organisch. Illustriert von Jill Enders. Ullstein, 336 Seiten, 35.90 Franken; ISBN 978-3-550-20177-6

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783550201776

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 01.09.2025, Matthias Zehnder

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