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Lernen kann jeder
Ich nehme an, es geht Ihnen ähnlich wie mir: Wir haben in der Schule viel gelernt, viel lernen müssen, bloss eines haben wir nie wirklich gelernt: wie Lernen funktioniert. Josef Naber und Johannes Mensing, die beiden Gründer des Nachhilfeunternehmens «MatheMind», haben diese Lücke am eigenen Leib erlebt und daraus ein Buch gemacht: «Lernen kann jeder» besteht aus 25 Kapiteln, die sich je an einem Tag lesen lassen. Am Ende jedes Kapitels gibt es eine konkrete Aufgabe. Das Format folgt konsequent den eigenen Prinzipien der Autoren: Wissen muss angewendet werden, damit es hängen bleibt. Das Buch verbindet dabei aktuelle Lernforschung mit praktischer Erfahrung aus der Nachhilfe. Die Themen reichen von Selbstreflexion und Zielsetzung über Schlaf und Bewegung bis zu Prokrastination, Handysucht und Prüfungsangst. Mythen werden dabei genauso behandelt wie bewährte Methoden. Zum Beispiel zeigen die Autoren, dass das populäre Konzept der Lerntypen wissenschaftlich widerlegt ist. Das Buch ist in einer gut zugänglichen Sprache geschrieben, der Ton ist nahbar und direkt. Josef Naber und Johannes Mensing stützen, was sie sagen, immer auf wissenschaftliche Forschung. Das Resultat ist ein echtes Arbeits- und Lernbuch, das dazu einlädt, das eigene Lernen zu hinterfragen.
Schon während ihres Studiums erteilten Josef Naber und Johannes Mensing Schülerinnen und Schülern Mathe-Nachhilfe. Sie erzählen, viele seien «völlig gestresst in der Nachhilfe» gesessen, weil auch «Prüfungen in anderen Fächern anstanden und sie in Panik verfielen, obwohl sie stundenlang gelernt hatten». Das sei so oft passiert, dass sie begriffen: Das eigentliche Problem vieler Schülerinnen und Schüler war nicht, dass sie Mathe lernen mussten: Sie mussten Lernen lernen. Also haben sich die beiden mit Lerntechniken beschäftigt und dabei festgestellt, dass manch gut gemeinter Rat kontraproduktiv ist. Deshalb haben sie dieses Buch geschrieben. Sie geben darin handfeste Anweisungen und laden zum Tun ein.
Bevor die Leserin, der Leser zur Tat schreitet, empfehlen die beiden als ersten Schritt aber eine Dosis Selbstreflexion: Josef Naber und Johannes Mensing haben eine Sieben-Schritte-Anleitung zur Selbstreflexion entwickelt, gestützt auf ein Experiment mit 453 Testpersonen: Jene, die nach einer Aufgabe drei Minuten lang schriftlich festhielten, was sie gelernt hatten, verbesserten sich fast doppelt so stark wie die Gruppe, die einfach weiterübte. Als zweiten Schritt vor dem eigentlichen Lernen empfehlen Josef Naber und Johannes Mensing, ein klares Ziel zu setzen. Sie zeigen am Beispiel von Tiger Woods, welche Kraft klare Ziele entfalten können. Sie erklären die Smart-Methode und zeigen, wie man sich Ziele setzt, die spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert sind.
Das Herzstück des Buchs widmet sich der «Active Recall»-Methode: Studien zeigen, dass Menschen, die gelesene Inhalte aktiv aus dem Gedächtnis wieder abrufen, deutlich besser abschneiden als Menschen, die einen Text bis zu viermal lesen. Als einfachste Methode empfehlen sie den «Braindump»: Lernstoff beiseitelegen und alles aufschreiben, was man noch weiss. Dann prüfen und wiederholen.
Ein starkes Kapitel dreht sich um die Lerntypen. Wir haben noch gelernt, dass es vier verschiedene Lerntypen gibt: den visuellen Typ, den auditiven Typ, den haptischen Typ und den verbal-abstrakten Typ. Es ist ein intuitiv überzeugendes Konzept. Es hat nur einen Haken: Es ist falsch. Die wissenschaftliche Forschung hat gezeigt, dass die Fokussierung auf einen bestimmten Lernkanal kontraproduktiv ist. Wirksam ist stattdessen multisensorisches Lernen: die Kombination verschiedener Kanäle: «Indem du also verschiedene Sinne beim Lernen ansprichst, verknüpfst du die Inhalte auf mehreren neuronalen Ebenen in deinem Gehirn. Jeder Sinn bildet dabei eine eigene Verbindung und stärkt dein neuronales Netz», schreiben Josef Naber und Johannes Mensing. «Wir vergleichen das immer gerne mit einem einzelnen und einem geflochtenen Band. Das geflochtene Band, das aus mehreren Strängen besteht, ist viel kräftiger und beständiger als das einzelne Band.»
Josef Naber und Johannes Mensing beschränken sich in ihrem Buch nicht auf reine Lerntechniken, sondern bieten auch Tipps zur «Lernökologie». So sagt die Forschung, dass Schlaf keine passive Auszeit ist, sondern aktive Gedächtniskonsolidierung: Im Tiefschlaf sortiert das Gehirn Gelerntes ins Langzeitgedächtnis um. Wer weniger schläft, weist deshalb messbar schlechtere Leistungen auf. Bewegung wiederum fördert die Konzentration und baut Stress ab. Bereits 20 Minuten Bewegung nach dem Lernen verbessern das Behalten des Stoffs signifikant.
Josef Naber und Johannes Mensing geben also nicht einfach Tipps, sondern leiten aus der Forschung konkrete Handlungsanweisungen ab. So besagt die Ebbinghaus’sche Vergessenskurve, dass schon 20 Minuten nach dem Lernen 40 bis 45 Prozent des Stoffs vergessen sind. Diese Vergessenskurve wird zum Ausgangspunkt für die Methode des verteilten Wiederholens: Wer denselben Stoff in zeitlich steigenden Abständen wiederholt (Tag 1 – Tag 3 – Woche 1 – Woche 3), behält laut einer Studie nach einem Monat doppelt so viel wie jemand, der alles auf einmal gebüffelt hat. Auf ähnliche Art und Weise stellen Josef Naber und Johannes Mensing bewährte Lerntechniken vor, etwa das Pomodoro-Prinzip (konzentrierte Lernblöcke mit kurzen Pausen), Mindmaps, den Flow-Zustand, Lernpartner und Gruppenlernen, das Feynman-Prinzip (Wissen anderen erklären als bester Lerntest) sowie die Wirkung von Musik und Umgebung. Jedes Kapitel bleibt kompakt, wissenschaftlich fundiert und praxisnah.
So mancher Schülerin, so manchem Schüler dürfte das Kapitel über die Handysucht zu denken geben: Josef Naber und Johannes Mensing beschreiben, wie Apps durch variable Belohnungsmuster Suchtverhalten erzeugen, und geben konkrete Strategien zur Entmachtung des Geräts. Sehr handfest ist das Kapitel über die Prüfungsangst: Es erklärt den Unterschied zwischen produktivem Stress und lähmender Angst und stellt Techniken vor wie die mentale Vorstellungskraft oder körperliche Entspannungsübungen und Affirmationen.
«Lernen kann jeder» ist ein gut strukturiertes Werkzeug, das seinen eigenen Inhalt am besten demonstriert: in kleinen Einheiten, mit Anwendungsaufgaben und Wiederholungen. Josef Naber und Johannes Mensing schreiben für Jugendliche und junge Erwachsene. Der Ton ist entsprechend direkt und manchmal bewusst leicht. Die Substanz ist aber überzeugend und auch nützlich für Menschen, die ihre besten Lerntage schon hinter sich haben.
Josef Naber, Johannes Mensing: Lernen kann jeder. 25 Strategien für gute Noten, grosses Wissen und schnellen Erfolg. dtv, 272 Seiten, 21.50 Franken; ISBN 978-3-423-35272-7
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783423352727
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 02.03.2026, Matthias Zehnder
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