Buchtipp
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Das Kind in uns hat eine neue Heimat: «Das digitale Kind» von Florian Heinen, Jörg Noller
Wie oft haben Sie heute schon Ihr Smartphone berührt? 2016 kam eine Studie zum Ergebnis, dass das Smartphone durchschnittlich 2617-mal am Tag angefasst wurde. Das eigene Gesicht berühren wir nur 300- bis 800-mal, die Menschen, die wir lieben, vermutlich noch seltener. Florian Heinen, Kinderneurologe in München, und der Philosoph Jörg Noller haben dafür eine überraschende Erklärung. In ihrem Buch über das Verhältnis von Smartphone und kindlichem Gehirn vertreten sie die These, dass sich digitale Technologien so rasant durchsetzen konnten, «weil sie sich auf die Neurobiologie der Kindheit stützen». Wischen, Tippen, Zeigen und Spreizen sind Bewegungen, die jedes Kleinkind beherrscht, lange bevor es sprechen kann. «Mit der digitalen Revolution hat das vorsprachliche Kind in uns eine technologische Heimat gefunden», schreiben die beiden Autoren. Das erklärt, warum Kinder so mühelos mit dem Gerät umgehen. Und es erklärt, warum Erwachsene so schwer davon lassen können. In acht Kapiteln verfolgen Florian Heinen und Jörg Noller diese «unheimliche Verwandtschaft», vom Nahraum zwischen Auge und Hand über Aufmerksamkeit und Mustererkennung bis zu Spiel und Belohnung. Ihr Buch ist ausdrücklich als Gegenentwurf zu Jonathan Haidts Bestseller «Generation Angst» angelegt. Wer Kinder schützen will, muss zuerst verstehen, warum das Smartphone sie so anzieht. Denn: «Die Digitalisierung unserer Lebenswelt lässt sich nicht verbieten, sondern nur gestalten.»
Das Smartphone spricht also das «Kind» in uns an, weil sich die «digitalen Technologien überraschend passgenau zu den Eigenschaften der kindlichen Entwicklung verhalten». Das Handy sei womöglich in der Lage, «bei uns Erwachsenen kindliche Eigenschaften aus dem Archiv unserer eigenen, vielleicht sogar der ganz frühen, nicht erinnerbaren Entwicklung hervorzuholen», schreiben Florian Heinen und Jörg Noller. Wie eng dieser Bezug ist, zeigen die beiden an einer unscheinbaren Szene. Ein Sommertag im Park: Neben seinem Vater sitzt ein neun Monate altes Mädchen auf einer Decke. Es spielt mit dem Deckel einer Tupperdose, gibt ihn weg, nimmt ihn wieder. Plötzlich richtet es sich auf. Der Arm schnellt nach vorne, der Zeigefinger streckt sich in die Luft.
Was ist passiert? Ein weisser Schäferhund läuft vorbei. Der Finger des Kindes folgt ihm «wie magisch verknüpft». Sprechen kann das Kind noch nicht. «Doch die Botschaft des kindlich kleinen Zeigefingers ist ganz klar – ‹Das da!› –, und mit einem Blick zum Erwachsenen versichert sich das Kind, dass die Botschaft auch ankommt.» Die Entwicklungspsychologie nennt diesen Moment die «Neun-Monats-Revolution». Das Kind beginnt, seine Aufmerksamkeit mit anderen zu teilen. Die ersten Wörter kommen erst Monate später, oft um den ersten Geburtstag. Lange bevor ein Mensch spricht, zeigt er mit seinen Fingern auf die Welt.
Die Hand ist schneller als das Wort
Die Hand ist für die beiden Autoren deshalb der Schlüssel zum Verständnis der Digitalisierung. Schon das Wort verrät es: Das lateinische «digitus» heisst Finger. Die Verbindung zwischen Gehirn und Hand ist erstaunlich früh leistungsfähig. Florian Heinen erklärt das an einem kleinen Muskel zwischen Daumen und Zeigefinger, dem «musculus interosseus dorsalis I». Er ist unverzichtbar für den Pinzettengriff und damit für das Tippen auf dem Handy mit zwei Daumen. An ihm lässt sich messen, wie schnell ein Signal vom Gehirn zur Hand gelangt. Schon mit etwa drei Jahren erreichen Kinder auf dieser Strecke die Leitgeschwindigkeit eines Erwachsenen. Die Wischbewegung ist sogar noch älter: Ein Ungeborenes führt sie bereits in der zehnten Schwangerschaftswoche aus. Es ist zu diesem Zeitpunkt drei bis vier Zentimeter gross.
Genau an diese frühen Handfertigkeiten knüpft das Smartphone an. Florian Heinen und Jörg Noller erklären damit, warum sich das iPhone gegen das Blackberry durchgesetzt hat. Das Blackberry war eine miniaturisierte Schreibmaschine für Geschäftsleute. Es verfügte über eine kleine Tastatur und war auf die Bedienung durch geübte Erwachsene ausgelegt. «Das Blackberry bediente den Erwachsenenstolz, uninteressant für Kinder.» Das iPhone setzte dagegen auf Wischen, Tippen, Ziehen und Spreizen. «Diese Gesten müssen nicht gelernt werden, sie sind immer schon da.» Deshalb beherrschen Kinder die Geräte, ohne dass es ihnen jemand beigebracht hätte. «Zum ersten Mal in der Kulturgeschichte beherrschen Kinder eine Alltagstechnik schneller, besser und früher als ihre Erzieher.» Auf dem Touchbildschirm und im Park macht der Zeigefinger des Kindes fast dasselbe, nur zeigt er einmal auf ein Symbol auf einem Bildschirm und einmal auf einen Hund. Das hat auch Folgen für uns Erwachsene: «Wir reichen der Digitalisierung unseren Zeigefinger und sie nimmt die ganze Hand.» Autsch.
Leere statt Resonanz
Denn die enge Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Smartphone hat auch eine dunkle Seite. Die beiden Autoren schildern sie an einem zweiten Baby. Es liegt im Kinderwagen und sucht den Blick von Mama (oder Papa). Doch Mamas Blick klebt am Display, das in einer Halterung am Kinderwagen steckt, in ihren Ohren sitzen Stöpsel. Das Kind versucht, sich bemerkbar zu machen: Es bewegt die Ärmchen, kräuselt die Stirn und quengelt leise. Keine Reaktion. «Statt Resonanz – Leere.» Das Smartphone hat sich den Raum zwischen 30 Zentimetern und einem Meter vor dem Gesicht erobert und das Baby verdrängt. Denn genau in diesem Nahraum findet der erste Blickkontakt zwischen Eltern und Kind statt.
Eine Meta-Analyse mit fast 15’000 Kindern unter fünf Jahren zeigt, dass die Smartphonenutzung der Eltern mit einer schwächeren Bindung, mehr Verhaltensproblemen und einer geringeren kognitiven Entwicklung der Kinder einhergeht. Die Forschung spricht von «Technoference». Florian Heinen und Jörg Noller leiten daraus eine Regel ab: «Das Smartphone gehört nicht zwischen Baby und Bezugsperson und nicht neben das Baby auf den Wickeltisch.»
Das Handy trainiert den schnellen Hirnmodus
Was passiert, wenn ein Smartphone auf ein kindliches Gehirn trifft, illustrieren die beiden Autoren mit der Geschichte des achtjährigen Philipp. Im Wartezimmer der Ärztin stürzt er sich auf die Holzeisenbahn, stolpert über die Waggons, reisst am Puppenhaus. Ein Martinshorn lenkt ihn kurz ab, dann springt er zu den Instrumenten auf dem Schreibtisch. Philipp hat ADHS. Seine Aufmerksamkeit ist fast nur im schnellen Modus aktiv, den der Psychologe Daniel Kahneman «System 1» genannt hat. Genau diesen Modus trainieren Kurzvideos, Autoplay und endlose Feeds. Für Kinder wie Philipp sind Smartphones deshalb «auf unpassende Weise passend». «Es trainiert ihn bei den Dingen, von denen er eh zu viel hat, es trainiert ihn aber so gar nicht bei den Dingen, die ihm schwerfallen: beim Verweilen, bei der Ausdauer, beim Dranbleiben.»
Dabei muss das Gerät nicht einmal eingeschaltet sein. In einer Studie der Universität Paderborn schnitten Probanden in Konzentrationstests schlechter ab, sobald ihr Handy auf dem Tisch lag, auch ausgeschaltet und mit dem Display nach unten. «Das Smartphone zieht also nicht nur Strom, es zieht unseren Strom.» Die Konsequenz der Autoren ist schlicht: Man muss das Gerät nicht verbieten, aber man kann es ausser Reichweite legen.
Vom Spiegel zum Display
Besonders verletzlich sind Jugendliche. Florian Heinen und Jörg Noller erinnern an eine Szene aus dem Film «Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» von 1981: Die 13-jährige Christiane schminkt sich vor dem Spiegel einer Club-Toilette. Heute wäre dieser Spiegel ein Smartphone-Display. Filter würden Lippenstift und Mascara ergänzen, und die Clique würde nicht im Jugendclub warten, sondern auf Instagram und TikTok, bereit, sofort mit Likes zu urteilen. Die Verletzlichkeit ist dieselbe geblieben, der Resonanzraum ist grenzenlos geworden.
«Doch was wie ‹Selbstwirksamkeit› wirkt, ist digital ‹Bildwirksamkeit›: Nicht ich habe mich verändert, sondern mein Bild. Nicht mein Selbstwert steigt, sondern meine Klickzahl.» Dazu kommt die Biologie. Sozialer Ausschluss aktiviert im Gehirn weitgehend dieselben Areale wie körperlicher Schmerz. Erwachsene können diesen Schmerz rasch dämpfen, indem sie ihn vernünftig einordnen. Bei Jugendlichen ist das Stirnhirn dafür noch nicht reif genug. Der elterliche Rat «Dann mach das Handy doch aus» verkennt deshalb, wie die Autoren schreiben, «die Realität jugendlicher Entwicklung». Kein Handy, keine Gruppe. Und wer keine Gruppe hat, ist isoliert.
Kritisch, aber nicht düster
Trotzdem glauben Florian Heinen und Jörg Noller nicht an eine «Generation Angst». Sie stützen sich auf andere Daten, auffallend oft aus der Schweiz. Eine Meta-Analyse des Marie Meierhofer Instituts für das Kind in Zürich hat 158 Studien zu Kindern unter drei Jahren ausgewertet. 225 Ergebnisse zeigten einen negativen Zusammenhang zwischen Bildschirm und Entwicklung, vor allem beim Schlaf und bei der sozialen Interaktion. 46 zeigten einen positiven, die grosse Mehrheit von 268 Ergebnissen gar keinen. Die Autoren fassen das Bild so zusammen: «kritisch ja – düster nein».
Auch die deutschen Studien «Jugend, Internet, Medien» (JIM) zeigen eine erstaunliche Konstanz. Familie, Freunde und Sport bleiben die wichtigsten Freizeitbeschäftigungen, und 2024 lasen fast gleich viele Jugendliche regelmässig Bücher wie zehn Jahre zuvor. Statt von einer «Generation Angst» sprechen die beiden Autoren deshalb lieber von einer «Generation klug», einer «Generation, der wir vertrauen». Sie räumen aber ein, dass man die Daten auch anders lesen kann: «Es ist Ihre Wahl.»
Eine Schule der Hände
Den Unterschied zu den Warnern bringen Florian Heinen und Jörg Noller in der Auseinandersetzung mit der amerikanischen Psychiaterin Anna Lembke auf den Punkt. Sie hat das Smartphone zugespitzt eine «moderne Heroinspritze» genannt. «Die Suchtperspektive beschreibt, dass Menschen hängenbleiben. Die Kindheitsperspektive erklärt, warum.» Aus dieser Erklärung folgt für die Autoren nicht die Notwendigkeit eines Verbots, sondern der Bedarf an Übung. Sie schlagen eine «Schule der Hände» vor.
Die Kinder arbeiten im Unterricht mit dem Tablet, dann legen sie es weg, einmal mit dem Display nach oben, einmal nach unten. «Wie lange braucht es, bis ich nicht mehr hinschaue?» Danach kommen Bleistift, Füller und Pinsel an die Reihe. Die Hand soll wieder lernen, was sie auch ist: «Stopp-Organ, Ruhe-Organ, Nicht-Berühren-Organ». Die Politik entlässt das nicht aus der Pflicht. So wie wir Alkohol, Strassenverkehr und Zucker regulieren, brauchen auch digitale Belohnungsschleifen und manipulatives Design klare Grenzen. Und es braucht Geduld. Als Friedrich Schiller 1805 starb, konnten in Deutschland erst 25 bis 40 Prozent der Erwachsenen lesen und schreiben. Bildung braucht Zeit.
Ungewohnte Gelassenheit
Nicht alles in diesem Buch ist so anschaulich wie die Szene im Park. Die beiden Autoren umkreisen ihr Thema bewusst, sie nennen das mit den alten Griechen «peripatein», das Umherwandeln als Form des Nachdenkens. Das führt, sagen wir: zu einigen Wiederholungen, und Begriffe wie die «interfactuals» bleiben sperrig. Wer das in Kauf nimmt, erhält eine ungewohnt gelassene Sicht auf Kinder und Smartphones, gestützt auf jahrzehntelange Erfahrung in der Kinderklinik.
Und einen Gedanken, der für Eltern unbequem ist: Nicht nur die Kinder ringen mit dem Gerät, sondern wir alle. Wir Erwachsenen taugen deshalb «nur bedingt als Vorbilder unserer Kinder». Am Ende kehren Florian Heinen und Jörg Noller zur Hand zurück: «Vielleicht beginnt die Zukunft der Bildung mit einer einfachen Geste: einem Kind, das die Hand hebt. Nicht um auf den Bildschirm zu zeigen, sondern um eine Frage zu stellen, um sich zu melden, um zu handeln, um gesehen zu werden.»
Kurz gesagt
Die Schweiz debattiert über Handyverbote an Schulen. Florian Heinen und Jörg Noller zeigen, warum Verbote zu kurz greifen: Das Smartphone spricht das Kleinkind in uns an, bei Kindern wie bei Erwachsenen. Verbote sind da nicht hilfreich. Es braucht neue Übungen, die die Hand wieder ins Spiel bringen.
Florian Heinen, Jörg Noller: Das digitale Kind. Die unheimliche Verwandtschaft zwischen den neuen Medien und dem kindlichen Gehirn. C.H. Beck, 188 Seiten, 36.90 Franken; ISBN 978-3-406-84411-9
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783406844119
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 2. November 2026, Matthias Zehnder
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