Plädoyer fürs Bücherlesen

Publiziert am 6. Dezember 2019 von Matthias Zehnder

Schweizer Kinder lesen immer schlechter. Das ist eines der Resultate der Pisa-Studie. Überraschend daran ist eigentlich nur, dass das immer noch überrascht. Denn es gibt eine ganze Reihe von Zahlen, die belegen, dass Schweizerinnen und Schweizer den Buchstaben untreu werden. Apologeten des digitalen Lebens haben lange behauptet, dass man dem Buch nicht hinterherweinen müsse, weil Computer, Handy und Internet unsere Kinder sowieso besser bilden würden. Dem ist aber nicht so – manchmal sogar im Gegenteil. Ich plädiere deshalb für mehr Leseförderung und mehr Bücherlesen. Gerade heute.

Schweizer Schülerinnen und Schüler haben immer mehr Mühe mit Lesen. Das ist das Resultat der neusten Pisa-Studie. Das Kürzel steht für Programme for International Student Assessment und bezeichnet eine internationale Schulleistungsstudie, die im Auftrag der OECD regelmässig durchgeführt wird. Insgesamt haben rund 600’000 Schülerinnen und Schüler in 27 Ländern an der Studie teilgenommen. In der Schweiz sind 6000 Schülerinnen und Schüler getestet worden.

«Lesekompetenz der Schweizer Schüler sinkt» titelte die «NZZ», tröstete sich aber sogleich: «gute Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften».[1] Weniger zuversichtlich zeigten sich die Tamedia-Blätter: «Pisa-Studie: Schweizer sind nur noch Mittelmass» titelten «BaZ» und «Tages-Anzeiger».[2] Ein Grund dafür: «Fast jeder vierte Jugendliche in der Schweiz ist leseschwach; er kann die Grundidee eines Textes nicht erkennen und auch dessen Informationen nicht nutzen.» Die «Aargauer Zeitung» zuckt dazu nur mit den Schultern. Die negativen Ergebnisse beim «globalen pädagogischen Schönheitswettbewerb» hätten sich nicht im Alltag niedergeschlagen: «Die Schweiz steht wirtschaftlich gut da, die Jugendarbeitslosigkeit ist tief» – alles in Butter für die Argauer. «Ratings sind nicht der Weisheit letzter Schluss», resümiert die «Aargauer Zeitung».[3] Hauptsache, die Kasse stimmt.

Ist das so? Ist die Pisa-Studie bloss Soziologenfutter und Gesprächsstoff fürs Lehrerinnenzimmer? Befeuert die Studie lediglich den üblichen Kulturpessimismus und alles kommt doch viel besser? Ich habe mir die Pisa-Studie genauer angesehen und dazu einige andere Indikatoren zusammengetragen und meine, wir sollten diese Daten ernst nehmen. Schauen wir sie uns genauer an.

In der Schweiz wird das Bildungsniveau vererbt

Die Resultate der Pisa-Studie[4] zeigen: In 24 Länden ist die Lesekompetenz der 15jährigen signifikant höher als in der Schweiz. Unter den Ländern finden sich China, Singapur und Korea, aber auch Estland, Kanada, Finnland und Irland. Auch in Deutschland, Belgien, Frankreich und Portugal können die Jugendlichen besser lesen. Die Lesekompetenz in der Schweiz hat im Vergleich zu früheren Studien nachgelassen. Darin unterscheidet sich die Schweiz nicht von anderen OECD-Ländern: Insgesamt haben sich die Fähigkeiten der untersuchten Schülerinnen und Schüler verschlechtert.

Zu denken gibt allerdings, dass in der Schweiz (anders als etwa in Kanada oder Finnland) die Leistungsdifferenz zwischen den schwächsten und den stärksten Leserinnen und Lesern in der Schweiz stärker zugenommen hat als im OECD-Schnitt. Zu denken geben sollte vor allem Bildungspolitikern in der Schweiz, dass sich diese Spreizung der Lesekompetenz entlang des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Status des Elternhauses verteilt. In der Schweiz ist laut Pisa-Studie dieser Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leseleistung stärker als im OECD-Mittel. Die Eltern vererben also in der Schweiz ihre Bildung in einem hohen Mass an ihre Kinder weiter. Anders gesagt: Chancengleichheit bleibt in der Schweiz Fiktion.[5]

Jetzt könnte man argumentieren, das Lesen von Büchern sei ohnehin passé. Wir leben nun mal in der Zeit von Handy und Internet, da schmökern die Jungen nicht mehr in dicken Wälzern, sondern lesen online. Das Problem ist nur: Die Pisa-Studie hat diese Entwicklung bereits berücksichtigt. Getestet wurden die Schülerinnen und Schüler nämlich nicht auf Papier, sondern am Bildschirm. Die Probanden mussten interaktive Aufgaben mit mehreren zu lesenden Texten in einer simulierten Web-Umgebung lösen. «Hierbei werden Aspekte der Lesekompetenz im digitalen Zeitalter erfasst», schreiben die Studienautoren, «beispielsweise die Fähigkeit, Informationen durch das Navigieren auf Webseiten zu finden, zu vernetzen und zu beurteilen.» Der computerbasierte Erhebungsmodus habe es ermöglicht, «in den Pisa-Aufgaben dem Online-Lesen ähnliche Lesesituationen zu präsentieren.» Die Pisa-Studie ist also auf die Lesegewohnheiten der Jugendlichen eingegangen. Hätte die Studie «richtiges» Lesen in Büchern getestet, wären die Resultate wohl deutlich schlechter ausgefallen.

Immer weniger Bücher in der Freizeit

Denn Bücher spielen in der Freizeit von immer mehr Jugendlichen keine Rolle mehr. Das zeigt zum Beispiel die James-Studie 2018.[6] In dieser Studie untersucht die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften die Aktivitäten und das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen in der Schweiz im Zweijahresrhythmus. Resultat: Während die Nutzung von Handy und Internet auf hohem Niveau weiter zugelegt hat, ist die Nutzung von Fernsehen stark und die Nutzung des Radios leicht rückläufig. Geradezu abgestürzt ist das Lesen von Gratiszeitungen: Lasen 2012 noch die Hälfte der Jugendlichen Gratiszeitungen, ist es heute nur ein Fünftel. Die Jugendlichen weichen dabei nicht einfach aufs Internet aus: Das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften im Internet ist nämlich ebenfalls stark rückläufig. Ähnlich geht es dem Buch: 2018 haben 45 Prozent der 12- und 13-Jährigen Jugendlichen angegeben, dass sie täglich oder mehrmals pro Woche lesen. Bei den 18- und 19-Jährigen sind es nur noch 14 Prozent (!). Dabei öffnet sich ein grosser Geschlechtergraben: Während im Schnitt aller Altersgruppen 32 Prozent der Mädchen regelmässig lesen, sind es bei den Jungen nur noch 20 Prozent.

Auch das ist kein überraschender Befund. Er wird gestützt durch die Zahlen über den Import von Büchern und Zeitschriften. Diese Woche hat die Eidgenössische Zollverwaltung gemeldet: «Importe von Büchern und Zeitschriften seit 2008 im Sinkflug».[7] Laut der Zollstatistik sind die Einfuhren von Büchern zwischen 2008 und 2018 um 35 Prozent gesunken. Bei den Zeitschriften ist für denselben Zeitraum sogar eine Reduktion um 46 Prozent zu beobachten. Ein Drittel weniger Bücher, fast um die Hälfte weniger Zeitschriften – das geht nicht nur ins Tuch. Es wird tatsächlich deutlich weniger gelesen. Denn die E-Book-Umsätze sind gleichzeitig kaum gestiegen.

Und noch eine Meldung von dieser Woche: Eine Basler Psychologin warnt vor Handykonsum bei Babys. Das meldet das «Regionaljournal Basel» von Radio SRF.[8] Immer mehr Eltern geben ihren Babys ihr Handy, um sie abzulenken. Damit schaden sie den Kindern, warnt Psychologin Margarete Bolten. Früher hätten die Eltern ihren Kleinkindern Gegenstände zum Spielen gegeben. «Heute aber geben die Eltern immer häufiger ihr Handy und spielen Videos ab». Mit Erfolg: Die Kleinkinder sind ruhig gestellt. Aber zu einem hohen Preis: Für Kleinkinder seien diese Videos «purer Stress», sagt Margarete Bolten gegenüber Radio SRF. Ihr Gehirn sei in diesem Alter noch nicht in der Lage, die schnellen Schnitte und grellen Farben aufzunehmen. Die Folge können zum Beispiel Schlafstörungen sein: «Das Kind will zwar schlafen, das Gehirn ist aber immer noch am Verarbeiten der Videos», erklärt Bolzten. Längerfristig führe der exzessive Handykonsum der Babys zu Hyperaktivität und Lernschwierigkeiten.

Das Problem der Ablenkung

Tragen wir die Ergebnisse zusammen. Schon Kleinkinder werden in der Schweiz zu oft mit dem Handy und mit Videos ruhig gestellt. Jugendliche nutzen das Handy und das Internet immer stärker, sie lesen aber kaum noch, auch nicht online. Das Bücherlesen ist weiter rückläufig. Vor diesem Hintergrund hat die Pisa-Studie die Lesekompetenz der Jugendlichen untersucht und zwar in einer simulierten Onlineumgebung. Resultat: Die Lesefähigkeiten der Jugendlichen werden trotz adaptierter Testumgebung immer schlechter.

Wieder kann man argumentieren, dass Lesen von gestern sei, dass heute andere Kompetenzen wichtiger seien und wer dem Lesen hinterherweine, halt die Zeit und ihre Medien nicht verstehe. Aber kann man das wirklich? Auch das Internet ist ein weitgehend literales Medium. Wer im Netz etwas finden will, braucht dazu jede Menge Buchstaben. Untersuchungen von Anne Mangen an der Universität von Stavanger zeigen, dass das Lesen auf Tablet oder Computer statt auf Papier grosse Nachteile hat: Offenbar wird das Textverständnis durch das Bildschirmlesen geschwächt.[9] Und wenn der intensive Gebrauch von neuen Medien zu Hyperaktivität und Lernschwierigkeiten führt, haben wir ein generelles Problem. Davon geht jedenfalls Nir Eyal aus: Eyal ist Experte für Behavioral engineering. Er ist also darauf spezialisiert, durch das Design von Produkten und Programmen das Verhalten von Benutzern zu beeinflussen. Er sagt, unser grösstes Problem heute sind die vielen Ablenkungen, gerade durch das Handy. Immer mehr Menschen können sich deshalb kaum noch längere Zeit auf etwas konzentrieren.[10] Für Nir Eyal ist die Fähigkeit, «unablenkbar» zu sein, die wichtigste Fähigkeit im 21. Jahrhundert.

Ich glaube deshalb, wir sollten uns bezüglich Lesen und Konzentration nicht selbst beruhigen, sondern wieder mehr fordern (und zwar nicht nur von den Jugendlichen, sondern von uns allen). Statt den Unterricht mit noch mehr Tools und Geräten vollzustopfen, wäre mehr Leseförderung gut. Ein Weg in diese Richtung ist die Aktion «Silence, on lit»[11] in der Westschweiz: In Schulen im Kanton Genf und im Kanton Waadt gilt einmal am Tag für eine Viertelstunde «Ruhe, wir lesen». Die Schülerinnen und Schüler erhalten 15 Minuten Zeit, um in einem Buch ihrer Wahl zu lesen. Nicht wenige haben dadurch das Lesen wiederentdeckt. Eine andere, interessante Aktion ist Lesejahr.ch, ein Projekt der Mediotheken an den Kantonsschulen Baden und Wohlen. Das ist ein Lesewettbewerb, bei dem Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen, Lehrer, Angestellte und Lernende der beiden Schulen gegeneinander antreten. Man misst sich einzeln oder in Gruppen mit dem Ziel, so viel wie möglich zu lesen und dabei Spass zu haben.[12] Denn auch und gerade im digitalen Zeitalter ist Bildung im klassischen Sinne extrem wichtig – und Lesen, Lesekompetenz und Konzentrationsfähigkeit sind und bleiben dafür zentral.

In diesem Sinn: Auf Wiederlesen!

Basel, 6. Dezember 2019, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

[1] «NZZ» vom 3.12.2019: https://www.nzz.ch/schweiz/schweiz-pisa-ld.1525965

[2] «Basler Zeitung» vom 5.12.2019: https://www.bazonline.ch/schweiz/standard/schweizer-schueler-netflixen-lieber-statt-zu-lesen-mit-folgen-wer-nicht-liest-ist-abgehaengt-bereits-in-der-primarschule-mit-physik-beginnen/story/16408870

[3] Vgkl. «Aargauer Zeitung» vom 4.12.2019: https://www.aargauerzeitung.ch/kommentare-aaz/die-schweiz-trotzt-dem-pisa-schock-136060924

[4] Die komplette Pisa-Studie finden Sie hier: https://pisa.educa.ch/sites/default/files/uploads/2019/12/pisa2018_de.pdf

[5] Vgl. Pisa-Studie 2018: S. 20 f.

[6] Die James-Studie 2018 finden Sie hier: https://www.zhaw.ch/storage/psychologie/upload/forschung/medienpsychologie/james/2018/Ergebnisbericht_JAMES_2018.pdf

[7] Pressemitteilung der EZV über den Schweizerischen Aussenhandel, siehe hier: https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/59404.pdf

[8] Vgl. Regionaljournal Basel Baselland vom 2.12.2019: https://www.srf.ch/news/regional/basel-baselland/gefaehrlicher-trend-basler-psychologin-warnt-vor-handykonsum-bei-babys

[9] Vgl. etwa hier: https://www.researchgate.net/publication/330221062_Comparing_Comprehension_of_a_Long_Text_Read_in_Print_Book_and_on_Kindle_Where_in_the_Text_and_When_in_the_Story

[10] In seinem neusten Buch: Die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen. Redline Verlag; ISBN 978-3-86881-754-6

[11] Vgl. RTS, 25.10.2019: https://www.rts.ch/info/regions/10808801–silence-on-lit-ou-comment-re-donner-gout-a-la-lecture-aux-ados.html

[12] Lesejahr.ch: https://lesejahr.ch/

5 Kommentare zu "Plädoyer fürs Bücherlesen"

  1. „Schweizer Kinder lesen immer schlechter.“
    „Schweizer Schülerinnen und Schüler haben immer mehr Mühe mit Lesen.“
    „Lesekompetenz der Schweizer Schüler sinkt…“ titelte die „NZZ“.
    Pisa-Studie: „Schweizer sind nur noch Mittelmass“
    Sätze, allesamt aus dem dieswöchigen Wochenkommentar rauskopiert.
    Was fällt auf?
    Etwas noch nie Dagewesenes. Noch nie war bei Matthias Zender so viel von „Schweiz, Schweizer, Schweizerisch“ zu hören.
    Eigentlich schön.
    Doch dies aber im Zusammenhang mit „Lesen, Lesekompetenz, Bildung“ empfinde ich „kreuzfalsch“.
    Denn 8’544’527 INLÄNDER (nicht Schweizer) umfasste die Wohnbevölkerung Ende 2018 in unserem Land.
    Davon waren 25,1% ausländische Mitbewohner in unserem Land (mehrheitlich anderssprachig; Eingebürgerte, Asylbewerber und „Sans-Papier“ nicht dazugerechnet).
    Unser Land, die Schweiz hat also mit 25 Prozent einen doppelt so hohen Ausländeranteil wie alle anderen Staaten Europas (mit Ausnahme des Mikrostaats Luxemburg)!
    Deshalb erachte ich es für mich als störend, wenn bei den aufgeführten miesen Lesequoten, der gnadenlos schlechten Lesekultur im obigen Kommentar ausnahmslos von „Schweiz, Schweizer, Schweizerisch“ zu vernehmen ist.
    Dieses mit „Inländern“, „Bewohnern“, „Personen“ oder gar „Menschen“ zu ersetzen, käme der Sache und des Realitäts-Abbild wesentlich näher.
    Dies sollte in Zukunft berücksichtigt werden.
    Soweit die Landesdurchschnitt-Zahlen. Brechen wir jetzt aber die Zahlen auf unsere Region, die Region Basel hinunter, ergibt sich nochmal ein anderes, eindrücklich Bild.
    In Basel-Stadt lebten im Janurar 2019 200‘408 Personen. Davon waren 36,4% Ausländer (Tendenz steigend; wiederum mehrheitlich Anderssprachige, Eingebürgerte, Asylbewerber und „Sans-Papier“ nicht dazugerechnet).
    Diesen noch wesentlich höheren Ausländeranteil (als gesamtschweizerisch) macht das Lesen, den Lesespass, die Leseförderung und die Lesekultur bei uns „Inländern“ sicher auch nicht höher.
    Bricht man nun die Zahlen der ausländischen Wohnbevölkerung noch auf die Quartiere herunter, ergibt sich wahrlich „Lese-sprachlose-Darbietung“:
    Im einem Quartier (BS-statistik-amtlich „Wohnviertel“ genannt) wie z.B. dem „Rosental“ betrug die ausl. Wohnbevölkerungsquote stolze 56%, im Matthäus-Quartier („Wohnviertel“) lag sie bei z.B. bei 51%, im Klybeck und im ehemaligen Fischerdorf Kleinhüningen bei 52%. Bricht man diese Prozente noch auf Jugendjahrgänge und junge Erwachsene runter, ist man in den genannten Quartieren („Wohnvierteln“) schnell und problemlos bei 70% und mehr.
    Schulklassen, in welchen sich keine „Deutschsprechenden“ (nicht Schweizer) „ABC-Schützen“ befinden, sind in mehreren Quartieren unserer Stadt keine Ausnahme, sondern Regelfall.
    Wie soll da ein „Schiller“, ein „Keller“, ein „Goethe“ oder ein „Hesse“ an unsere inländischen „Pennäler“ (nicht Schweizer) gebracht werden?
    Die Lehrkräfte, welche ihre Schüler unterrichten, sind froh, können ihre Schützlinge richtig den Ticketautomaten verstehen, man arbeitet mit Bilderbüchern und viel mit „Tablets“, welche phonetisch, bildlich und anhand von viel „Videos“ die rudimentären Grundlagen unserer Sprache vermitteln.
    Meine kleine Korrektur/Anmerkung/Anregung zum Wochenkommentar soll nicht wertend sein oder gar Schweizer gegen unsere zugereiste Bevölkerung ausspielen; es soll einfach die Tatsache, die Realität dazugesellen, wie es wirklich ums Lesen und unsere Sprache bei uns bestellt ist.
    Nicht mehr und nicht weniger.
    Ich hoffe, dass diese Tatsachen, Problematiken und Realitäten in zukünftige Texte einfliessen werdent und auch in die Wohnviertel mit den niederen, den niedrigsten Ausländeranteilen wie Bachletten (22%) und Bruderholz (25%) vordringt, wo die Schulwelt noch einem Ponyhof gleicht und von wo aus es sich sehr gut und trefflich reden rsp. Schreiben lässt.
    Gelang dies mir, hat der Text den Zweck erfüllt.

    1. Für mich sind und bleiben Kinder, die in der Schweiz zur Schule gehen, Schweizer Kinder. Mir ist wurst, was für ein Pass die Eltern eines Kindes haben. Sie machen es sich übrigens viel zu einfach, wenn Sie davon ausgehen, dass die Kinder mit Schweizer Pass gut gebildet seien und die Kinder ohne Schweizer Pass mies. Es gibt Quartiere, da sind gerade die Kinder ohne Schweizer Pass den Eingeborenen in Sachen Motivation und Bildungshunger deutlich überlegen. Gerade in Basel haben wir zudem viele Kinder von Deutschen Eltern, die sprachlich den Eingeborenen oft überlegen sind. Fun Fact am Rande: In Kanada ist die Lesekompetenz der Migrantenkinder besser als die der Eingeborenen.

  2. Der Schulleistungsvergleichstest Pisa steht im Prinzip mindestens so schief in der Landschaft wie der gleichnamige Turm. Pisa misst, was Roboter können: passend zur Rennbahnpädagogik, wo gelernt wird um zu gewinnen – und nicht für die Bildung. Nach dem Motto «Konkurrenz belebt das Geschäft … und mit Verlusten muss gerechnet werden»: so wird die Erde gierig und rücksichtslos an die Wand gefahren. Und China ist dabei Weltmeister!? – Schweizweit ist für gegen 20 Prozent der Kinder der Bildungszug bereits beim Schuleintritt abgefahren. Für Kinder, denen es beim Schuleintritt an körperlichen, sozialen und/oder sprachlichen Kompetenzen fehlt, ist es schwierig, das Angebot der Schule optimal für ihre Entwicklung zu nutzen. Um einigermassen mitzukommen, brauchen sie häufig spezielle Förder- oder Sondermassnahmen und Therapien, die mit viel zusätzlichem Aufwand für alle Beteiligten viel kosten. Viele von ihnen werden die obligatorische Schulzeit als sogenannte funktionale Analphabeten abschliessen, die nicht gut genug lesen, schreiben oder rechnen können, um als Erwachsene ihren beruflichen Erfolg zu erleben. Einem Teil von ihnen drohen oft Arbeitslosigkeit, Armut oder Krankheit. Und in der Folge steigen für uns alle die Sozialhilfe- und Gesundheitskosten. Wer das weiß und nichts macht, handelt fachlich, menschlich und ökonomisch fahrlässig.

    1. Pisa mag schief sein, die Messresultate sind dennoch interessant und sollten der Schule und den Schulpolitikern zu denken geben. Besonders bedenklich ist für mich die Tatsache, dass das Bildungsniveau in der Schweiz nach wie vor weitgehend vererbt wird, dass also die Qualität der Bildung weitgehend vom Bildungsstand des Elternhauses abhängt. Das bedeutet letztlich, dass die öffentliche Schule ihren Job nicht macht und keine Chancengleichheit herstellt. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass die Schule mit leichter Hand sehr viel an die Eltern delegiert. Wer zu Hause seine Kinder nicht zum Lernen anleiten und unterstützen kann, dessen Kinder haben in der Schweiz nach wie vor deutlich schlechtere Chancen. Das ist im 21. Jahrhundert zum Schämen.

      1. Chancengerechtigkeit ist grundsätzlich nicht mit Gleichmacherei möglich. Nicht mit einem Schulmodell, wo Kinder und Jugendliche ab- und zugerichtet werden. Und wo viel wertvolles und wichtiges Potenzial verkümmert: auf dem perspektivenlos engen Pfad: «Bildung > Schule > Unterricht > Leistungsfächer > Wettbewerb». Für die Zukunft braucht es Menschen mit Achtsamkeit und Anstrengungsbereitschaft, mit Emotionen und Herzlichkeit, mit Selbst- und Sozialkompetenz, mit Kreativität und Würde. Mess- und quantitativ Vergleichbares können Roboter noch besser als der Pisa-Weltmeister China.

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