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Vaim
Wissen Sie, was ein Satz ist? Ein Kind würde auf diese Frage vielleicht sagen: Ein Satz ist, wenn es einen Punkt hat. Falsch ist das nicht. Wenn Sie es genauer haben möchten, wird es jedenfalls schnell kompliziert. In der Grammatik gilt eine Phrase als Satz, wenn sie ein Subjekt und ein Prädikat enthält. Also etwa: Der Hund bellt. Die Erdbeere kichert. Unser Kind würde sagen: Ja, und es hat einen Punkt. Stimmt. Im britischen Englisch heisst das Satzzeichen Punkt «Full Stop». Tatsächlich würgt ein Punkt eine Phrase ab. Der Punkt signalisiert: Phrase zu Ende. Gedanken beendet. Wer laut vorliest, reisst einen «Full Stop». Der norwegische Schriftsteller Jon Fosse vermeidet deshalb Punkte. Auch sein neuster Roman «Vaim» ist ein kontinuierlicher, musikalischer Strom von Wörtern. Ohne Punkte. In meinem 287. Buchtipp sage ich ihnen diese Woche, warum es sich lohnt, in den Wörterstrom von Jon Fosse einzutauchen, ja sich seinen Wörtern hinzugeben.
2023 hat Jon Fosse den Nobelpreis für Literatur erhalten. Er ist nach Bjørnstjerne Bjørnson, Knut Hamsun und Sigrid Undset der vierte Norweger, der den Literaturnobelpreis erhielt. Jetzt hat Jon Fosse mit «Vaim» einen neuen Roman geschrieben. Die deutsche Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel ist im Dezember erschienen. Der Text ist nicht besonders lang, hat aber eine hypnotische Wirkung und manchmal blitzt in dem dunklen Textgewebe der absurde Humor von Jon Fosse auf.
Die Geschichte spielt im fiktiven norwegischen Küstenort Vaim, der an der südlichen Westküste von Norwegen liegen muss. Es ist so etwas wie der Inbegriff von Heimat. Der Roman besteht aus drei Teilen, die jeweils aus der Perspektive eines anderen Mannes erzählt sind.
Im ersten Teil spricht Jatgeir. Er fährt mit seinem kleinen Holzboot in die Stadt Bjørgvin. Das ist der alte norwegische Name von Bergen. Da will er eine Nähnadel und schwarzes Garn einkaufen, um lose Knöpfe anzunähen. Er schippert weiter mit seinem kleinen Boot, das er nach seiner Jugendliebe «Eline» getauft hat. Der richtigen Eline hat er allerdings nie gesagt, dass er sie liebt. Umso erstaunlicher ist es, dass er auf dem Heimweg nach Vaim ebendieser Eline begegnet. Sie hat ihren Ehemann verlassen und beschliesst spontan, mit Jatgeir zurück nach Vaim zu fahren. Der zweite Teil wird von Elias erzählt, einem Freund von Jatgeir. Er erzählt das Geschehen aus seiner Sicht noch einmal. Auch er ist ein einsamer Mann, er lebt isoliert in diesem kleinen Ort. Der dritte Teil wird von Olav erzählt, dem verlassenen Ehemann von Eilne. Sie nennt ihn aber nicht Olav sondern Frank.
Die Ausgangssituation ist absurd. In anderen Geschichten verfolgen die Helden grosse Ziele. Sie müssen die sprichwörtliche Welt retten oder mindestens die Prinzessin und damit ein grosses Abenteuer bestehen. Jatgeir fährt mit seinem Boot durch den Fjord in die Stadt, um Nadel und Faden zu kaufen. Es ist quasi die kleinstmögliche Aufgabe für einen Helden.
Trotzdem erzählt Jon Fosse das Abenteuer, als würde Jatgeir wegen des fehlenden Fadens in grösster Not stecken. Er macht damit sichtbar, wie klein und einfach die Bedürfnisse von Jatgeir sind. Im Laden in der Stadt wird er auch noch betrogen: zweihundertfünfzig Kronen muss er für eine Rolle Nähgarn und eine Nadel bezahlen. Für das Geld hätte er sich gleich mehrere neue Kleidungsstücke kaufen können.
Jatgeir lässt den Betrug mit sich geschehen. Und das nicht einmal, sondern gleich zweimal: Auf dem Heimweg hält er bei einem weiteren Laden und wieder dreht ihm eine Frau Nadel und Faden für zweihundertfünfzig Kronen an. Beide male sind es Frauen, die ihn im Laden über den Tisch ziehen. Jatgeir bleibt passiv, selbst als Eline die Initiative ergreift und in sein Boot springt. Echte Zweisamkeit stellt sich nicht her: Jatgeir bleibt einsam.
Das gilt auch für Elias und Olav: Alle drei Männer sind passiv und einsam. Ihre Gedanken kreisen, sie brechen sich, wie die Wellen des Fjords, immer wieder an der Realität, auf die sie keinen Einfluss haben. Jatgeir, Elias und Olav sind isolierte Figuren, sie haben Mühe, zu anderen Menschen, ja der Welt überhaupt Verbindung aufzunehmen. Wie das kleine Boot von den Wellen des Fjords werden die Männer vom Schicksal hin- und hergeworfen.
Aber eigentlich empfehle ich das Buch nicht der Geschichte wegen zur Lektüre, sondern wegen der Sprache, wegen des sprachlichen Sounds, den Jon Fosse erzielt. Es ist eine einfache Sprache, voll simpler Wörter we Boot, Fjord, Wind, Nadel. Weil sich diese einfachen Wörter wiederholen, entsteht eine eigentümliche Wirkung.
Das Besondere daran sind die fehlenden Punkte. Von einigen wenigen Fragezeichen abgesehen bestehen die drei Teile je aus einem einzigen Fluss von Wörtern. Fosse selbst nennt diese Art des Schreibens «Slow Prose», also langsame Prosa. Er will auf diese Weise einen Text schaffen, der wie Wasser fliesst, ohne jede Unterbrechung. Weil ein Punkt für ihn ein «Full Stop» ist, vermeidet er Punkte.
Und so hört sich das an:
Das macht dann zweihundertfünfzig Kronen, sagte sie und ich zuckte zusammen, zweihundertfünfzig Kronen für eine Rolle Nähgarn und eine Nadel, ja, diese Bjørgviner wussten Geld zu machen, dafür waren sie bekannt, aber das war nun wirklich heftig, auch für Bjørgvin, mehr als heftig, der reinste Wucher, ja das war wohl das Wort, Wucher, genau, für das Geld hätte ich mir ein neues Kleidungsstück kaufen können, ja mehrere, und mir außerdem auf diese Weise den Umstand sparen können, den Knopf wieder anzunähen, denn das war ja doch immer ein Umstand, allein das Einfädeln konnte wer weiß wie lange dauern, meine Augen waren nicht mehr die besten, da half auch die Brille nicht so richtig, um das Nadelöhr zu treffen
Also, sagte die hinter dem Tresen barsch
Also, was jetzt, sagte sie
und ich musste dieser unnachgiebigen Frauensperson, Inhaberin eines Kleidergeschäfts in Bjørgvin und Mutter eines Sohns mit rosa Schlips, jetzt wohl Nadel und Faden abkaufen, nein da gab es wohl nichts, dachte ich und nahm meinen Geldbeutel aus der Jackentasche, aber das ging doch eigentlich nicht, so viel Geld hinzublättern für eine kleine Nähnadel und ein wenig Faden auf einer Rolle, vielleicht nicht mal genug, um einen einzigen Knopf anzunähen, also wirklich, aber wer A sagt, muss auch B sagen, wie es so heißt, und wenn ich mich dem Handel jetzt entzog, würde ich mich selbst erniedrigen, ja dann würde ich vor dieser Madame da hinter dem Tresen als armer Schlucker dastehen und eben das gönnte ich ihr nicht, die Freude sollte ihr entgehen, da gönnte ich ihr lieber die zweifelhafte Freude, einen Mann übers Ohr gehauen zu haben, wieder mal so ein Landei, dachte ich mit meinem Geldbeutel in der Hand und nahm zwei Hunderter und einen Fünfziger und legte sie auf den Tresen, ohne ein Wort legte ich das Geld auf den Tresen, und kaum lag es da, so hatte das Frauenzimmer sich die Scheine geschnappt, und dann stand ich da wie ein begossener Pudel und schaute auf die Garnrolle, eine Nadel steckte in dem bisschen Faden, das noch darauf war und die Inhaberin dieses Kleidergeschäfts in Bjørgvin sagte nichts und ich auch nicht, die Genugtuung einer Antwort sollte ihr versagt bleiben und der Sohn, der im schwarzen Anzug mit rosa Schlips, wo war der geblieben? (Seite 13f.)
Fosse selbst sagt es gehe ihm dabei nicht um die Handlung in der Geschichte, um den Plot, sondern um den Sound. Er höre dem Text zu wie den Wellen auf dem Meer. Auch das ist eine Bewegung, die nie aufhört. Ein Punkt würde den Wellengang brechen. Mit den Wiederholungen hört sich der Text an wie eine Beschwörung oder ein Ritus: «aber das war nun wirklich heftig, auch für Bjørgvin, mehr als heftig, der reinste Wucher, ja das war wohl das Wort, Wucher, genau»
Auf den ersten Blick erinnert das an einen anderen berühmten Wörterstrom: an «Ulysses» von James Joyce. Er wollte damit den Bewusstseinsstrom abbilden und in Echtzeit zeigen, was sich im Kopf von Molly Bloom abspielt. Der Wörterstrom von Jon Fosse fühlt sich anders an. Das ist kein psychologischer Strom, sondern ein gestaltetes Wörtermeer. Seinen Wörterstrom zu lesen und ihm zu folgen, das hat eine fast schon meditative Wirkung. Es ist eher vergleichbar mit dem Murmeln eines Gebets oder einer Beschwörung. Ziel von Jon Fosse ist es also nicht, uns mit seinem Text über eine Geschichte zu informieren, sondern uns ein Erlebnis zu bescheren, das zu einer Trance führt, einem sprachlichen Schwebezustand.
Hören wir also nicht einmal rein. Eline steht am Anleger und hat Jatgeir gerufen – und der glaubt zuerst, er träume:
ich erinnerte mich vage, dass jemand Sund erwähnt hatte, ja vielleicht, vielleicht hatte mir jemand erzählt, dass Eline nach Sund gezogen war, oder vielleicht hatte ich es nur in Dem Landhandel von Vaim mitbekommen oder vielleicht war das mit Eline und Sund nur Einbildung, aber dort, dort auf Dem Anleger, ein paar Meter von mir entfernt, da, das sah ich jetzt, da hatte Eline innegehalten und stand da, zu mir gewandt, von wegen Halluzinationen, von wegen Trugbild, ganz gewiss stand Eline da auf Dem Anleger und blickte mich entschlossen an, und falls das eine Halluzination war, dann so wirklich, wie eine Halluzination nur sein konnte, ja so wirklich war das, wie ein Anblick nur sein konnte, und da stand ich auf dem Deck meiner Schnigge Eline und schaute zu der Frau Eline hinauf, nach der mein Boot benannt war, ohne dass sie es wusste, jedenfalls hoffte ich, dass sie es nicht wusste, aber so konnten wir jedenfalls nicht stehen bleiben, denn jetzt standen wir schon länger dort, oder es fühlte sich an, als hätten wir schon sehr lang so gestanden, und da sie, Eline, zuerst etwas gesagt hatte, meinen Namen gesagt hatte, war ich jetzt wohl an der Reihe, und da Eline meinen Namen klar und deutlich gesagt hatte, war ich jetzt wohl damit dran, klar und deutlich ihren Namen zu sagen und ich nahm irgendwie meinen Mut zusammen und dann sagte ich laut und deutlich Eline und ich konnte nichts dafür, aber in meiner Stimme lag eine zitternde Liebe, oder eine Sehnsucht, es war, als hätte ich bittend den Namen Eline gesagt, und das war absolut nicht meine Absicht gewesen, es war einfach so, ich konnte nichts dafür, so viel Sehnsucht, so viele Jahre voller Sehnsucht, hatte sich wohl in mir angesammelt, dass ich sie nicht hatte zurückhalten können und sie sich in den Namen Eline legte, als ich ihn eben sagte, und ich hatte den Namen Eline ja so oft vor mich hin gesagt, aber wohl kaum jemals zu anderen, und ganz sicher nie zu Eline selbst, zu ihr persönlich in Fleisch und Blut, aber jetzt hatte ich es also getan, zum ersten Mal, und der Name Eline hing irgendwie in der Luft, wie man sagt, und dort hing er lange, unendlich lange, so war mir, und dann sagte Eline mit lauter, aber wie tränenerstickter Stimme
Ja, sagte sie (Seite 42)
Spüren Sie es auch? Wie Jon Fosse und einlullt und hypnotisiert mit seinen Wörtern. Es ist ein Text, den man lesen kann, wie man Musik hört. Wer sich darauf einlässt, den trägt die mäandernde Sprache im Nu durch das Buch.
Jon Fosse: Vaim. Roman. Rowohlt, 160 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-498-00781-2
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783498007812
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 08.01.2026, Matthias Zehnder
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