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Die weisse Nacht
Vielleicht sind Ihnen die Kriminalromane von Volker Kutscher rund um Kommissar Gereon Rath und Charlotte Ritter ein Begriff. Sicher kennen Sie die Verfilmung davon, die Fernsehserie «Babylon Berlin». Die zehn Bände der Serie spielen in den Jahren 1929 bis 1938 und machen die Schwierigkeiten sichtbar, mit denen Kriminalkommissar Rath nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zu kämpfen hat. Die Serie endet düster im Jahr 1938. Die nationalsozialistische Terrorherrschaft endet erst nach zwölf Jahren, am 8. Mai 1945, mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Das Land ist weitgehend zerstört, die Bevölkerung leidet unter Hunger und Hoffnungslosigkeit. Berlin ist nach über 350 Luftangriffen der Alliierten weitgehend zerstört. Die Menschen hausen in Ruinen. Ende 1946 wird es zudem extrem kalt: Schon im November sinken die Temperaturen unter Null. Es kommt zum kältesten Winter des 20. Jahrhunderts. Im neuen Roman von Anne Stern tritt in Berlin ein neues Ermittlerduo auf: Kriminalkommissar Alfred König, Jurist und bis Kriegsende Gefangener im Zuchthaus Brandenburg-Görden, und die Fotografin Marilouise Faber, genannt Lou. In meinem 288. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es sich lohnt, sich mit Lou und König die eiskalten Berliner Nächte um die Ohren zu schlagen.
1946 liegt Berlin in Trümmern. Die Luftangriffe der Alliierten und der Häuserkampf der Roten Armee haben nicht viel übrig gelassen von der einst prunkvollen Hauptstadt des Deutschen Reichs. Die vier Siegermächte, also die USA, Grossbritannien, Frankreich und die Sowjetunion, verwalten je einen Sektor der zerbombten Stadt. Noch können die Einwohner sich frei zwischen den Sektoren bewegen, auch die Behörden für die Stadt sind über alle Sektoren verteilt.
Die Rote Burg, das Polizeipräsidium am Alexanderplatz, das wir aus den Romanen mit Gereon Rath kennen, liegt in Trümmern. Der Kriminalpolizei dient jetzt das Israelitische Krankenheim in der Elsässer Straße in der Nähe vom Oranienburger Tor als behelfsmässiges Polizeipräsidium. Die Kripo arbeitet in den ehemaligen Bettensälen und Operationsräumen des Krankenhauses. So behelfsmässig wie ihr Quartier ist auch die Polizei selbst. Zwei Monate, mehr braucht es nicht, um Polizist zu werden. Hauptsache, man ist nie Mitglied der NSDAP gewesen. Die Aufnahmegespräche dauern fünf Minuten, dann geht es direkt an die neue Polizeischule in Oberschöneweide, wo man über Nacht zum Gesetzeshüter gemacht wird.
Kommissar König von der Mordinspektion weiss das nur zu gut: Er unterrichtet die Polizeirekruten einmal die Woche zu kriminalpolizeilichen Ermittlungstechniken. Den Rest der Zeit verbringt er in einem kalten Büro, einem ehemaligen Krankenzimmer, und friert. Eben hat er ein Rundschreiben erhalten, in dem stand, fehlende Wintermäntel seien durch schneidige Haltung zu ersetzen … Wie alle Deutschen im Winter 1946 hat König nicht nur kalt, sondern auch Hunger. Ein typisches Frühstück besteht aus einer Tasse Ersatzkaffee und einem Margarinebrot, dünn bestrichen. Zum Mittagessen gibt es zwei Kartoffeln mit etwas gekochtem Kohl, kalt und ohne Besteck aus einer Blechbüchse gegessen. Ein alter Mann sagt zu ihm: «Wer heute noch lebt, ist selber schuld.» So fühlt es sich auch an.
Sein Kopf fühlte sich vom Hunger viel zu leicht an, er stützte sich auf den klobigen Schreibtisch, den irgendjemand in den Trümmern gefunden und hereingeschleppt hatte, um das Dienstzimmer des frischgebackenen Kriminalkommissars Alfred König zu möblieren. Alles war Provisorium, alles halb kaputt, besudelt oder nutzlos. Ein Überbleibsel wie König selbst. (Seite 19)
Wie sein Dienstzimmer ist König selbst versehrt. Nachdem er im Ostfeldzug den Befehl verweigerte, wurde er inhaftiert. Der Schlag eines Aufsehers hat ihn ein Auge gekostet. So trägt er links ein Glasauge – oder eine Augenklappe, wie ein Pirat. Fotografin Marilouise Faber sieht man die Haft bis auf eine kleine Narbe im Gesicht kaum an. Äusserlich. Innen drin sieht es anders aus. Lou war Teil einer Widerstandsgruppe. Von all ihren Freunden hat nur Bruno überlebt. Bruno Niemann. Halblange, weisse Haare, zerfurchte Stirn, zerbröselender Geist. Lou kümmert sich um Bruno: Die beiden wohnen in einem Haus am Chamissoplatz im Bergmannkiez. Das Haus trägt Risse wie Narben, keine Scheibe ist heil geblieben, aber es steht noch. Die Nähe zum Flughafen Tempelhof hat den Bergmannkiez wohl davor bewahrt, wie andere Stadtteile dem Erdboden gleichgemacht zu werden.
Mit Lou beginnt die Geschichte. Sie durchstreift die Stadt mit ihrer Leica und fotografiert die schneebedeckten Ruinen und die Menschen, die ihren Tag damit verbringen, Brennholz zu finden und etwas Essbares aufzutreiben.
Es waren minus zwölf Grad, hatte das Thermometer mit der gesprungenen Glashaube gesagt, das zu Hause am Chamissoplatz Nummer sieben an der vereisten Fensterluke in ihrer Schlafkammer hing.
Die Leute hatten sich, genau wie Lou, Tücher und Schals um den Kopf gebunden oder ihre Mützen tief ins Gesicht gezogen. Einige Glückliche trugen Fäustlinge, noch Glücklichere hatten Handkarren dabei, um gefundene Schätze darauf abzuladen. Allerdings waren die Trümmer anderthalb Jahre nach Kriegsende weitgehend abgegrast, man fand kaum noch Brauchbares darin. Trotzdem hoffte jeder, einen Kellerzugang zu entdecken, den niemand zuvor betreten hatte, oder eine Nische, in der es noch etwas zu holen gab, was man gegen Essen oder Zigaretten eintauschen konnte. Und wenigstens ein paar Reisige konnte man von den übrig gebliebenen Bäumen schneiden, um zu Hause den Ofen zu heizen. Denn der eine Straßenbaum, den die Verwaltung in diesem Winter jedem Haushalt zum Fällen zugeteilt hatte, war bei den meisten schon längst zu Asche verbrannt und wärmte nicht länger.
Lou fror in dem alten Mantel, dessen mürbe Wollfasern nicht mehr dichthielten. Der Atem stand weiß vor ihrem Mund. Die Narbe an ihrer Unterlippe, wo die Haut in Plötzensee von einem treffsicheren Schlagring aufgerissen worden war, schmerzte in der Kälte des Dezembermorgens. (Seite 13f.)
Beim Herumstreifen findet sie in einer Ruine im Schnee die Leiche einer Frau. Einer schönen Frau. Den Kopf zur Seite gedreht liegt sie mit geschlossenen Augen am Boden. Ihr langes schwarzes Haar kringelt sich um ihren Kopf. «Weiss wie Schnee, schwarz wie Ebenholz.» Lou zögert nicht lange: Sie hebt ihre Leica vors Gesicht, sieht durch den Sucher und drückt den Auslöser. Dann ruft sie über einen nahen Fernsprecher die Polizei. Wenig später steht sie Kommissar König gegenüber.
Die schöne tote Frau im Schnee lässt weder Lou noch König kalt. Der Kommissar ermittelt natürlich von Amtes wegen. Aber auch Lou kann nicht anders, als immer wieder an die Frau zu denken, die im Schnee lag, wie ein Kind beim Abendgebet. Und dann tauchen weitere Leichen auf, die auf dieselbe Art und Weise gestorben sind. Der Kommissar steht unter Druck. Dumm nur, hat der Polizeifotograf am Fundort der ersten Leiche geschusselt: Die Bilder sind nichts geworden. Also sucht König Lou auf und holt sich ihre Bilder. Ohne voneinander viel zu wissen, tauchen die beiden unabhängig voneinander in die Geschichte der Toten ein und stossen auf eine atemberaubende Geschichte.
Anne Stern lässt uns mit ihrem Kriminalroman die Nachkriegszeit in Deutschland erleben. Sie schildert den Winter 1946 in Berlin äusserst plastisch. Mir ist die Lektüre unter die Haut gegangen, weil ich zeitgleich über den Winter in Kiew gelesen habe, wie viele Menschen in der Hauptstadt der Ukraine ohne Heizung frieren, weil Kraftwerke und Heizzentralen durch russische Bomben zerstört worden sind.
In Berlin kommt 1946 der tiefe Sturz des Tausendjährigen Reichs dazu. Im sowjetischen Sektor ist jetzt die Mitgliedschaft der KPD entscheidend, hinter den Schreibtischen sitzen aber oft dieselben Chefs. Auch Kriminaloberkommissar Zeiss, der Chef von König, hat sich erstaunlich schnell mit den neuen Machthabern arrangiert. Die Kälte, die Anne Stern schildert, ist deshalb nicht nur eine äussere Kälte. Lou und König trifft sie auch innerlich:
Die Eisblumen auf den Fensterscheiben seines Dienstzimmers waren über Nacht gewachsen. Sie zierten die gesamten Scheiben mit ihren symmetrischen Blättern, Adern und Blüten und breiteten sich wie ein Rhizom darauf aus. Die Welt dahinter, die Elsässer Straße, der Bezirk Mitte, ja die ganze Stadt schienen König noch ferner als gestern. Zwischen ihm und der Welt war eine Trennwand, ein tiefer Riss. Selbst wenn er durch die Straßen ging, wenn er mitten unter den Menschen lief, blieb er wie hinter Glas und sah mit seltsamer Distanz auf die Dinge. Auf die Ruinen, auf seine Kollegen bei der Polizei, auf die geschäftig hierhin und dorthin hastenden vermummten Gestalten, auf die Soldaten mit ihren Militärlastwagen und Maschinengewehren, auf die Gräber. Ihm blieb alles fremd. Doppelbödig und unnahbar war seine Stadt geworden, seit er zurückgekehrt war, und sie barg Abgründe und Geheimnisse. (Seite 76)
Und trotzdem klammert sich die Stadt (oder das, was von ihr übrig geblieben ist) ans Leben. Der Schwarzmarkt brummt, Zigaretten sind die neue Währung. Hier verdienen die Teenager Justus und Gerti mit kleinen oder auch grösseren Diebereien ihren Lebensunterhalt. Niemand überlebt hier, ohne selbst etwas zu gaunern. Und zwischen all den kleinen Gaunern sucht Kommissar König einen Mörder.
Sie ließen den Rosenthaler Platz hinter sich und kamen zum Liebknechtplatz, der bis vor Kurzem Horst-Wessel-Platz geheißen hatte. Alles wechselte den Namen, Flaggen wurden vertauscht, Uniformen umgefärbt, nur die Menschen, die waren dieselben. Janusköpfe, Wendehälse, Überlebenskünstler? (Seite 211)
Anne Stern schafft es immer wieder, in wenigen Worten die prekäre Situation der Stadt und ihrer Menschen zu schildern. Eins wird dabei klar: Der Krieg mag zu Ende sein – aber kaum jemand hat schon seinen Frieden gefunden. Mit der zerbrechlichen Fotografin und dem verletzten Kommissar haben sich aber zwei wache Menschen gefunden in dieser kaputten Stadt. Der Untertitel des Romans lautet: «Der erste Fall für Lou und König» – es geht also weiter. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte. Während die Welt in den Romanen rund um Gereon Rath zwischen 1929 und 1938 immer dunkler wurde, besteht für die Fotografin und den Kommissar immerhin diese Hoffnung: Der Krieg ist zu Ende. Die Welt hellt sich auf.
Anne Stern: Die weisse Nacht. Der erste Fall für Lou & König – Historischer Kriminalroman. Piper, 400 Seiten, 35.90 Franken; ISBN 978-3-492-07461-2
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492074612
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 15.01.2026, Matthias Zehnder
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