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Stiller in den Pyrenäen: «Die Schwestern» von Colm Tóibín
«Ich bin nicht Stiller.» Mit diesem Satz beginnt der Roman «Stiller» von Max Frisch. Es ist einer der berühmtesten ersten Sätze der Literaturgeschichte. Stiller wehrt sich mit dem Satz gegen seine Festnahme bei der Einreise in die Schweiz. Er weist einen amerikanischen Pass vor und sagt, er heisse James Larkin White. Die Schweizer Behörden akzeptieren das nicht und stecken ihn ins Gefängnis. Thema von «Stiller» ist die Identität: Max Frisch zeigt, wie die Gesellschaft die freie Selbstwahl von Stiller unterbindet. Colm Tóibíns neuer Roman «Die Schwestern» dreht sich um dieselbe Frage. Nur ist bei ihm der Held eine Heldin, Montserrat genannt «Montse», und sie wird zu Beginn der Geschichte nicht verhaftet, sondern bricht im Gegenteil aus ihrem Gefängnis aus. Dabei handelt es sich nicht um eine Haftanstalt, sondern um ihre Wohnung: Jemand hat das Schlüsselloch ihrer Wohnung mit Klebestoff verstopft. Nach einem Wochenende, das sie eingesperrt in ihrer Wohnung verbracht hat, wird sie von einem Schlüsseldienst am Montagmorgen befreit. Es ist ein starkes Bild für das Gefangensein in einer Identität. Anders als bei Stiller sind es nicht Staat und Gesellschaft, die Montse festgesetzt haben, sondern ihre Bekannten und, vor allem, ihre Schwestern. In meinem 297. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, was mich an diesem Buch vor dem Hintergrund von «Stiller» fasziniert hat.
Was hat ein irischer Schriftsteller, der lange in Barcelona gelebt hat, mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch zu schaffen? Mehr als Sie denken. Die Themen Identität und Selbstwahl sind universell und weder typisch für die Schweiz noch für die deutschsprachige Literatur. Colm Tóibín hat sich immer wieder mit Migrationsgeschichten befasst. Ich denke etwa an den Roman «Brooklyn» aus dem Jahr 2009, der die Geschichte einer irischen Auswanderin in die USA erzählt. Er schildert darin, wie Eilis Lacey sich schrittweise in New York ein eigenes Leben aufbaut. 2024 hat er mit «Long Island» eine Fortsetzung dazu geschrieben. Die Geschichte führt Eilis zurück nach Irland und konfrontiert sie mit ihrer Herkunft. Beide Romane kreisen letztlich um die Frage der Identität von Eilis.
Es gibt aber auch ganz offensichtliche Berührungspunkte mit dem Werk von Max Frisch: So hat Colm Tóibín 2017 als Drehbuchautor gemeinsam mit Volker Schlöndorff das Skript zum Spielfilm «Rückkehr nach Montauk» verfasst. Der Film beruht auf «Montauk», der Erzählung von Max Frisch, in der er über sein Leben, seine Frauen, das Alter und seine Identität nachdenkt.
Genau das sind auch die Themen von Colm Tóibíns neuem Roman «Die Schwestern». Diese drei Schwestern, das sind Núria, Conxita und Montse. Sie stammen ursprünglich aus Katalonien und lebten in Barcelona. Ihre familiären Wurzeln und ihre prägendsten Kindheitserinnerungen sind jedoch eng mit dem Dorf Burg in den Pyrenäen verknüpft, wo ihre Mutter geboren wurde und wo die Mädchen regelmässig ihre Sommerferien im Haus ihrer Tante Julia verbrachten.
Als Montse vier Jahre alt ist, stirbt der Vater. Die Mutter muss sich ohne Einkommen mit drei Kindern durchschlagen. Das erweist sich als unendlich schwierig. In grosser Verzweiflung kratzt die Witwe schliesslich ihr letztes Geld zusammen und wandert mit ihren drei Töchtern nach Argentinien aus. Sie hofft, in Buenos Aires ein besseres Leben aufbauen zu können. Als die Familie auswandert, ist Núria fünfzehn, Conxita zwölf und Montse zehn Jahre alt.
In Argentinien findet die Mutter nicht das gelobte Land, sondern ein ähnlich hartes Pflaster wie in Spanien. Anders als bei Eilis Lacey in Brooklyn nützen der Mutter weder Fleiss nicht Tüchtigkeit: Sie fasst nicht richtig Fuss in der neuen Heimat. Tante Julia, die Schwester der Mutter, die im elterlichen Haus in Burg lebt, weiss von einer Nonne in der Nähe von Buenos Aires, die aus einem Dorf in der Nähe von Burg stammt. Sie schreibt der Nonne einen Brief. Diese Schwester Teresa antwortet tatsächlich, dass es ihr eine Freude sei, der Witwe und ihren drei Töchtern nach besten Kräften zu helfen. So werden die drei Schwestern in der Klosterschule aufgenommen und erhalten die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren.
Colm Tóibín erzählt diese Geschichte im Rückblick und aus der Perspektive von Montse. Sie lebt zu Beginn der Geschichte in einem eigenen Haus in einer Sackgasse in der Stadt Chivilcoy, einer Kleinstadt etwa zwei Stunden von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt. Sie arbeitet ganz in der Nähe im Büro einer Autowerkstatt. Sie wohnt nicht nur in einer Sackgasse, ihr ganzes Leben befindet sich in einer Sackgasse.
Sie musste daran denken, wie anders ihr Leben jetzt wäre, wenn ihre verwitwete Mutter nicht fünfzig Jahre zuvor Knall auf Fall beschlossen hätte, mit ihren drei Töchtern – Núria, fünfzehn, Conxita, zwölf, und Montse, zehn – nach Argentinien zu ziehen. Zwar hatte ihre Mutter Vettern in Argentinien, aber sie lebten irgendwo im Landesinneren. Angeschrieben, boten sie ihre Gastfreundschaft an, ihnen war aber klar, dass die Aussichten für eine Frau mittleren Alters ohne besondere Fertigkeiten außerhalb von Buenos Aires begrenzt waren. (Seite 10)
Und so eine Frau mittleren Alters ohne besondere Fertigkeiten ist jetzt auch Montse.
Ihre beiden Schwestern haben einen komplett anderen Weg eingeschlagen. Núria lebt in der Hauptstadt Buenos Aires. Sie ist mittlerweile Witwe, ihr ältester Sohn Alejandro führt das Familienunternehmen. Núria ist sehr wohlhabend und führt ein privilegiertes Leben der Oberschicht: Sie lebt in einer sehr grossen Wohnung und lässt sich von Dienstmädchen bedienen.
Zu ihren Schwestern hat sie ein sehr distanziertes und kühles Verhältnis. Montse wendet sich nur im absoluten Notfall an sie, etwa als sie ein Darlehen für ein undichtes Dach braucht, das ihr Núria zuerst verweigert und dann kommentarlos als Scheck in einem Umschlag zuschickt. Dass Núria den Aufstieg geschafft hat, ist kein Zufall. Schon während des Flugs von Barcelona nach Buenos Aires hat sie die Stewardessen beobachtet und ihre Haltung übernommen.
Mit zwanzig konnte Núria mühelos über die exklusivsten Strände und die besten Restaurants von Villa Gesell und Mar del Plata plaudern, obwohl sie in keinem dieser Seebäder je Urlaub gemacht hatte. Sie ließ ihre Mutter wissen, dass sie ihrem neuen Bekanntenkreis gegenüber behaupten musste, sich beim Skilaufen in den Pyrenäen verletzt zu haben, was der Grund sei, weswegen sie nicht Ski laufen konnte. Als ihre Mutter das Conxita und Montse erzählte, entgegnete Conxita: «Hat sie denn keine Angst, dass ihre neuen Freunde es herausfinden?» «Was herausfinden?», fragte ihre Mutter. «Dass sie nicht die ist, die sie zu sein behauptet.» «Aber sie ist, wer sie zu sein behauptet», erwiderte ihre Mutter. «Hast du sie nicht gesehen, wenn sie aus dem Haus geht, um sich mit ihren Freunden zu treffen? Sie ändert nur ein paar Details. Sie ist die wirkliche Núria. Wer sollte sie sonst sein?» (Seite 21f.)
Das ist das Zentrum der Geschichte, die Colm Tóibín erzählt: Identität ist für Núria keine Frage der Herkunft oder der Bildung. Identität ist ein Narrativ: Wir sind die Geschichten, die wir über uns erzählen. Wenn Montse niemand ist, dann deshalb, weil sie keine Geschichte über sich zu erzählen weiss.
Während sich Núria hochgekämpft hat, ist Conxita eher hochgeschwommen: Conxita lebt in San Isidro und arbeitet seit über vierzig Jahren als Gesellschafterin und mitwohnende Vertraute für die exzentrische Maria Luisa Bustamante. Vermutlich ist aus der einstigen Angestellten längst eine Lebenspartnerin geworden – Conxita lässt das offen. Überhaupt legt sie sich nicht gerne fest sondern macht, was Núria von ihr erwartet.
Die drei Schwestern sind also entfremdet und haben kaum mehr Kontakt zueinander. Das ändert sich, als Montse den Brief eines Anwalts aus Burg erhält. Der Anwalt schreibt, dass sie und ihre Schwestern das Haus ihrer Tante in den Pyrenäen geerbt haben. Montse sieht darin eine Möglichkeit, aus ihrer Sackgasse zu entkommen. Sie überredet Núria und Conxita, mit ihr in die Pyrenäen zu reisen und sich das Haus anzusehen. Dass sie das Haus nicht verkaufen, sondern darin leben will, verschweigt sie ihren Schwestern. So kommt es zur Wiederbegegnung der entfremdeten Frauen und zur späten Auseinandersetzung mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit.
Montse lässt sich als einzige wirklich auf das Haus ein und entwickelt einen Plan, wie sie ihr Leben in Burg gestalten könnte. Nach Jahren, in denen sie ihren Schwestern nur zuschaute, handelt jetzt auch Montse:
Sie stand am Fuß der Treppe und sah Conxita hinterher und horchte dabei nach dem Geräusch laufenden Wassers aus dem Bad. Sie würde rasch handeln müssen. In der Tasche ihrer Schürze hatte sie ihren spanischen Reisepass. Sie öffnete Núrias Handtasche. In einem Seitenfach fand sie Núrias zwei Pässe. Sie nahm den spanischen heraus und steckte ihn in ihre Schürzentasche, und dann ersetzte sie ihn durch ihren eigenen spanischen Pass.
Dann kam ihr der Gedanke, dass es das Leben vereinfachen könnte, wenn sie beide Pässe behielt, also nahm sie ihren wieder aus der Handtasche heraus und steckte ihn in ihre Schürzentasche zurück. Núria würde einfach annehmen, dass sie ihren spanischen Reisepass verlegt hatte. Mit ihrem argentinischen Pass würde sie problemlos wieder nach Hause kommen. (Seite 123)
Schön an der Erzählung ist, dass Colm Tóibín die Entfremdung der drei Schwestern und die Flucht von Montse aus ihrem Gefängnis nicht explizit beschreibt, sondern zeigt. Ein Beispiel ist die Fremdheit der Schwestern mit Argentinien und später wieder mit Katalonien. Als sie als Mädchen nach Argentinien auswandern, sprechen sie untereinander Katalanisch. Nur ausserhalb des Hauses sprechen sie spanisch. Núria gewöhnt sich den spanischen Akzent allerdings sofort ab und beginnt, mit argentinischem Akzent zu sprechen. Als sie nach Spanien zurückkehren, bemerken sie, dass ihr Katalanisch veraltet ist. Sie müssen sich auf Spanisch verständigen, das sie alle mittlerweile mit argentinischem Akzent sprechen. Colm Tóibín zeigt so, dass sie überall Fremde bleiben.
Auch untereinander bleiben sie fremd: Sie belügen sich immer wieder. Oder, positiv formuliert, versuchen auch untereinander, die Geschichten aufrecht zu erhalten, die ihre Identität bilden. Montse bleibt lange das Opfer dieser Geschichten. Bis sie sich ein Herz fasst und auch zu lügen beginnt. Aber vielleicht ist Lüge das falsche Wort dafür: Vielleicht ist es wie bei «Stiller», der in der Gefängniszelle sein Tagebuch schreibt, ihre erzählte Identität und deshalb wahr. Wenigstens für sie.
Colm Tóibín führt das nicht aus. Er zeigt es:
«Es macht mich sehr traurig, dich hier zurückzulassen», sagte Núria zu Montse. «Ich weiß, wir haben uns über die Jahre nicht oft gesehen, aber es machte schon was aus, zu wissen, dass du da warst. Wir standen uns immer nah, wir drei.»
Montse sagte dazu nichts. (Seite 122)
Montse setzt der Lüge nichts entgegen und lässt so Núria in ihrem Glauben. Das gibt ihr den Raum, sich eine eigene Identität zu träumen – oder zu erzählen. Auch das ist ein Unterschied zu «Stiller»: Für Montse ist es, Achtung Wortspiel, ein stiller Triumph.
Colm Tóibín: Die Schwestern. Hanser, 128 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-446-28649-8
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446286498
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 19.03.2026, Matthias Zehnder
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