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Geduld gegen Fortschritt: «Der letzte Weckruf» von Louise Penny und Melissa Fung
Auf den ersten Blick klingt es harmlos: Um 10:09 Uhr Ostküstenzeit gehen gleichzeitig Alarme los: Feueralarm und Einbruchsalarm, aber auch Evakuierungssignale auf Schiffen, Triebwerksalarme in Flugzeugen und sogar die Rumpfbruchwarnung auf der Raumstation. Alle gleichzeitig und das auf der ganzen Welt. Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei. Die Folgen aber sind gravierend: Massenpanik, Verkehrsunfälle und Tote. Die grosse Frage, die sich alle stellen: Was war das? Genau das fragt sich auch die 26-jährige Alice Li. Sie hat die Columbia School of Journalism absolviert, arbeitet zur Enttäuschung ihrer chinesischen Mutter aber nicht bei einer renommierten Zeitung, sondern als Foodbloggerin. Vivien Li, ihre Mutter, ist eine weltbekannte chinesische Regimekritikerin und Menschenrechtsaktivistin. Sie ist in Washington bestens vernetzt und berät den amerikanischen Präsidenten in China-Fragen. Dass sie nach dem Alarm-Anschlag ins Weisse Haus gerufen wird, überrascht Alice nicht. Ein Hackerangriff aus China scheint eine plausible Annahme zu sein. Seltsam ist, dass sie, Alice, die Foodbloggerin, Vivien begleiten soll. Tatsächlich steckt mehr hinter dem Angriff. Louise Penny und Mellissa Fung ist mit dem Thriller eine spannende Auseinandersetzung mit dem Einfluss von China gelungen. Interessant daran ist, dass es keine plumpe USA-gegen-China-Geschichte ist. Der Roman nimmt eine ganz andere Wendung.
Louise Penny ist eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen der Welt. Seit 2005 ist sie für ihre Krimis rund um Chefinspektor Armand Gamache bekannt, die im fiktiven kanadischen Dorf Three Pines spielen. 2021 schrieb sie gemeinsam mit Hillary Clinton den Thriller «State of Terror». Für diesen Roman hat sie sich mit der chinesisch-kanadischen Journalistin Mellissa Fung zusammengetan. Das Resultat dieser Kombination von Krimi-Erfahrung und China-Fachwissen ist eine spannende Story, die tief in die chinesische Geschichte ausgreift, um die Rivalität zwischen den Grossmächten in der Gegenwart auszuloten. In der Danksagung schreibt Mellissa Fung:
Dieses Buch war ein Austausch von Ideen und Wissen, aber ich verneige mich vor dem Talent und der Intelligenz, die diese Erfahrung so besonders und dieses Buch möglich gemacht haben. Sie ist Louise, ich war Thelma. Sie saß am Steuer, und ich wäre freudig mit ihr über jede Klippe gefahren.
(Seite 489)
Mellissa und Louise haben gemeinsam komplexe Figuren entwickelt. Mellissa schreibt: «Unsere eigenen Familien und Geschwister dienten als Inspiration für ihre. In gewisser Weise sind sie eine Verlängerung von uns.» Im Zentrum der Geschichte steht eine Mutter-Tochter-Geschichte. Louise Penny schreibt in ihrer Danksagung, die Geschichte sei aus der Zuneigung zweier Frauen entstanden, die «beide wissen, wie belastet eine Mutter-Tochter-Beziehung sein kann.» Die Beziehung zwischen Mutter Vivien und Tochter Alice jedenfalls ist schwierig. Zu Beginn des Buchs treffen sich die beiden in einem Luxushotel in Washington D.C. zum Brunch.
In den Augen von Alice ist Vivien eine asiatische Tiger-Mum: Schlank, immer beherrscht und immer Herrin der Lage. In ihrer Gegenwart verwandelt sich Alice unwillkürlich in ein vierzehnjähriges Mädchen: Es ist ihr, als bekäme sie wieder Bauchkrämpfe und als sprössen Pickel in ihrem Gesicht. Ihre Mutter, die chinesische Dissidentin, beherrscht spielend jeden Raum. Alice geht im Schatten ihrer Mutter unter, nicht einmal der Kellner nimmt sie mehr wahr. Vivien bestellt, wie immer, Avocado-Toast. Obwohl Alice eigentlich gern dasselbe essen würde, bestellt sie Blaubeer-Pancakes, um ihrer Mutter ihre Unabhängigkeit zu beweisen.
Als ihr Essen kam, huschte Viviens Blick von ihrem Avocado-Toast zu dem Stapel Pancakes mit Blaubeerkompott und dem Berg aus Schlagsahne und blieb dort einige Zeit hängen. Sie sah zu, wie ihre Tochter langsam Ahornsirup darübergoss und demonstrativ das Kännchen hob und senkte, bis es leer war.
So weit gingen das Ausmaß der Trotzreaktion und die klebrigen Waffen der fünfjährigen Alice. Dann hob Vivien den Blick und ließ ihn, nur ganz kurz, auf dem Gesicht ihrer Tochter ruhen.
Alice, die sich als geübt darin betrachtete, die subtilen Ausdrücke und unterschwelligen Emotionen ihrer Mutter zu lesen, konnte mit diesem Gesicht zuerst nichts anfangen. War es tadelnd? Schämte sich Vivien für ihre ungeschliffene, nicht zurechtgemachte, gefräßige Tochter?
Nein. Weitaus schlimmer.
Was Alice im Gesicht ihrer Mutter erblickte, war Neid. Während Vivien ein Stück Avocado-Toast abschnitt, beneidete sie ihre Tochter um ihre Pancakes. Und um vielleicht noch mehr.
(Seite 12)
Es ist eine kleine Szene, aber sie führt uns das Verhältnis von Mutter und Tochter gut vor Augen und zeigt, wie Louise Penny und Mellissa Fung schreiben. Wenig später schrillen alle Alarmglocken, nicht nur im Buch, sondern auch beim Leser. Denn was da passiert, ist erschreckend: Es führt uns die Verletzlichkeit der technisierten Gesellschaft drastisch vor Augen. Kein Wunder, wird China-Dissidentin Vivien Li unverzüglich zum Präsidenten gerufen.
Die Rückseite des Weißen Hauses war nicht ansatzweise so prächtig wie die Front. Tatsächlich war sie leicht heruntergekommen, genauso wie die teppichbelegten Flure, durch die Alice und ihre Mutter eilig geführt wurden. Alice musste rennen, um mit Vivien Schritt zu halten, die genau zu wissen schien, was vor sich ging. Als wäre das Weiße Haus ihr Haus. Doch die Porträts an den Wänden sprachen eine andere Sprache. Es war eine Parade längst verstorbener, ausnahmslos sehr alter und sehr weißer Männer. Dunklere Pigmente waren für diese Gemälde nicht benötigt worden.
Die vergessenen, in einen schmuddeligen Flur verbannten Herren starrten hinab auf die an ihnen vorbeieilenden Lebenden.
Vor einem blieb Alice stehen, weil sie lächerlicherweise Mitgefühl mit diesen ignorierten, an den Rand gedrängten und schließlich vergessenen Menschen hatte.
(Seite 27)
Es ist keine spektakuläre Stelle aus dem Buch. Aber sie erinnert uns daran, dass die chinesisch-amerikanische Bloggerin eine ganz andere Perspektive auf das Weisse Haus hat als die weissen Männer, die es bewohnen. Es ist eine Perspektive, die das Weisse Haus jetzt sucht. Denn der Präsident vermutet, dass China hinter dem Alarm-Anschlag steht. Bloss: Wie sollte so etwas möglich sein? Ein solcher Anschlag würde jahrelange Vorbereitung erfordern.
Genau das versucht Vivien Li dem Präsidenten anhand eines Penjing-Baums zu erklären. Der Penjing-Baum gilt als Vorläufer des japanischen Bonsais.
«Das bräuchte Jahre», sagte Pardington.
Sein Blick richtete sich von der Frau auf dem Foto zu dem Miniaturbaum, den sie beschnitt. Zähmte. Der vermutlich jahrhundertealt war. Über Generationen vererbt worden war. Was unter anderen Umständen zu einer gewaltigen Eiche herangewachsen wäre, war jetzt exquisit, aber verkrüppelt.
So etwas zu erschaffen, bedurfte enormer Geduld. Etwas, das die meisten Menschen im Westen nicht besaßen. Dort hatte man Geduld für Fortschritt eingetauscht. Oder für das, was als Fortschritt erachtet wurde.
(Seite 54)
Der Westen hat Geduld für Fortschritt eingetauscht. Der Zwergbaum wird zum Bild für ein politisches System und für die Zeithorizonte, in denen es denkt. Während die USA auf schneller, grösser, lauter setzen, arbeitet China mit enormer Geduld an einer Strategie. Steckt also China hinter den Angriffen?
So einfach ist es nicht. Dass die Angriffe aus China kommen, heisst nicht, dass China dahinter steht. Sicher ist nur: Wer im Stande ist, alle Alarme auf der ganzen Welt gleichzeitig auszulösen, muss sehr mächtig sein. Wenn nicht die chinesische Führung dahintersteht, so vermutet Vivien, muss es jemand aus ihrem direkten Umfeld sein. Aber warum reagiert der chinesische Präsident dann nicht auf die Kontaktversuche aus den USA? Warum macht er nicht gemeinsame Sache mit dem US-Präsidenten?
Weiterhin Schweigen. Und wieder tastete sich Alice voran. «Weil es zuzugeben gefährlicher wäre, als die Schuld auf sich zu nehmen. China kann vor der Welt nicht eingestehen, dass es innerhalb des Landes, möglicherweise sogar innerhalb des Regimes, ein Element gibt, das gegen sie arbeitet.»
«Nicht vor der Welt», sagte Vivien.
«Sondern vor seinen eigenen Leuten. Chen kann es sich nicht leisten, der Bevölkerung zu offenbaren, dass etwas seine Machtposition bedroht.»
«Er kann nicht zugeben, dass er faktisch die Kontrolle verloren hat», sagte Vivien und nickte. «Daher nehmen er und das Politbüro die Wut der Welt auf sich. Chen und seine Führung müssen gerade wie wild daran arbeiten, herauszufinden, wer es getan hat.»
«Bevor noch etwas geschieht», sagte Alice. «Etwas Schlimmeres. Mit einer Sache hatte Zhou recht. Das heute Morgen war eine Warnung. Eine Kugel fliegt langsam auf uns zu.»
(Seite 81)
Das ist der doppelte Boden in der Geschichte: China steckt in der Machtfalle und nimmt lieber die Schuld auf sich, als die eigene Machtlosigkeit zuzugeben. Doch die Uhr tickt: Der Alarmanschlag war nur der erste Streich. Es ist sicher, dass ein zweiter Schlag folgen wird. Bloss: Wann? Und vor allem: Wozu? Forderungen liegen keine vor. Also handelt es sich nicht um Erpressung. Ziel sind die Anschläge selbst, oder das, was sie in Bewegung setzen. Das Unheimliche daran: Wir wissen nicht, was auf uns zukommt.
Louise Penny und Mellissa Fung schreiben explizit, warum das so schrecklich ist. Vivien sagt im Weissen Haus:
«Haben sie schon mal einen Hitchcock-Film gesehen, Mr. President?»
«Natürlich.» Seine Geduld neigte sich dem Ende zu, und Ärger begann in ihm hochzukommen. Doch es gelang ihm, ihn zu zügeln. Gerade so.
«Hitchcock war ein Genie, weil er wusste, dass eine geschlossene Tür weitaus furchteinflößender ist als eine offene. Auch China weiß das. Es weiß, dass die Vorstellung sehr viel verheerender sein kann als die Realität. Alles, was es jetzt zu tun braucht, ist … nichts.»
Jeder im Raum, auch der Präsident, auch Alice, stellte sich eine geschlossene Tür am Ende eines finsteren Flurs vor. Langsam gingen sie darauf zu. Immer näher. Streckten die Hand aus. Berührten den Türknauf …
(Seite 49)
Die eigentliche Waffe ist nicht der Anschlag, sondern das Warten darauf. Vivien drückt es dem Präsidenten gegenüber so aus:
«Was ist schließlich Terror? Nicht die Tat, sondern die Erwartung der Tat. Sich das Schlimmste auszumalen. Sie wissen, Mr. President, dass trotz Ihrer Beteuerungen Millionen von Menschen in diesem Augenblick denken: Was kommt als Nächstes?»
«Wir denken es ja selbst», sagte McAllister.
«Soll das bedeuten, dass nichts geplant ist?», fragte Pardington. «Kein richtiger Angriff?»
«Ich weiß es nicht», gab Vivien zu. «Es ist eine Theorie. Aber ich befürchte, dass weit mehr vor sich geht, als uns klar ist. Für die heutigen Geschehnisse war eine Unmenge an Vorbereitungszeit, Mühe und Geld nötig. Sie müssen jahrelang geplant worden sein. Und es ist gelungen, es geheim zu halten. So etwas macht niemand, um dann einfach aufzuhören. Möglich, dass der nächste Angriff nicht morgen, nächste Woche oder nächsten Monat stattfindet. Sie werden uns in den Wahnsinn treiben wollen. Die Ungewissheit und die Qual in die Länge ziehen. Und dann …»
(Seite 50)
…dann sind die Chinesen, oder wer das auch immer war, im Kopf des Präsidenten angekommen. Des Mannes also, der nicht nur die Macht über die stärkste Armee der Welt hat, sondern auch über die Codes für den Start von Atomraketen.
Gefährlich ist das, weil auch der amerikanische Präsident nicht machtlos scheinen will vor der Welt. Als am nächsten Tag der zweite Schlag folgt und Hunderttausende sterben, lässt Präsident Pardington Invasionspläne erstellen und die Siebte Flotte auslaufen. Vivien holt unterdessen ihren singapurischen Pass aus dem Kellersafe, lässt ihren amerikanischen Pass demonstrativ zurück und fliegt nach Hongkong. Es ist die erste Rückkehr nach China seit ihrer Flucht. Alice bricht in das lebenslang verbotene Arbeitszimmer ihrer Mutter ein, findet heraus, was ihre Mutter vorhat und folgt ihr. So kommt es, dass eine chinesisch-amerikanische Foodbloggerin zur Heldin wider Willen in einem Drama von Indiana-Jones-Format wird.
Spannend ist das, weil wir dabei viel über chinesisches Denken, die Geschichte Chinas und den Machtapparat in Peking erfahren. Ist es auch realistisch? Die technischen Details sind dabei weniger plausibel als die politische Gemengelage. Das Denken, die Angst vor Gesichtsverlust, das Machtstreben, das halte ich für sehr gut gezeichnet. Der Roman von Louise Penny und Mellissa Fung ist deshalb nicht nur ein spannender Thriller. Mir sind dabei einige starke Bilder im Gedächtnis geblieben. Die Nüshu-Schrift, die chinesische Frauen vor Jahrhunderten entwickelten, weil ihnen Lesen und Schreiben verboten war, und die nur Frauen lesen konnten. Der «Tank Man», der sich im Juni 1989 in Peking mit zwei Einkaufstaschen in der Hand den Panzern entgegenstellte. Der Penjing-Baum, der so klein bleibt, weil sein Besitzer ihn über Jahre oder gar Jahrzehnte geduldig zurückschneidet. Und diese Erkenntnis, dass der Westen Geduld für Fortschritt eingetauscht hat.
Das ist der Satz, den ich seither nicht mehr loswerde. Wir denken in Legislaturperioden und in Quartalszahlen. Ein Penjing-Baum braucht Generationen. Wer so denkt, muss nicht lauter sein als wir. Er muss nur länger warten können.
Louise Penny und Melissa Fung: Der letzte Weckruf. , übersetzt von Nora Petroll. Kampa, 496 Seiten, 34.50 Franken; ISBN 978-3-311-12184-8
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783311121848
Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 3. September 2026, Matthias Zehnder
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