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Bilderrausch in Davos: «Wildboden» von Constantin Lieb

Publiziert am 5. November 2026 von Matthias Zehnder

Der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner gehört zu meinen Lieblingskünstlern: Seine farbigen Bergbilder haben eine Intensität, die mich jedes Mal von Neuem packt. Seine Bilder kenne ich gut, über den Maler weiss ich dagegen wenig. Entsprechend gespannt habe ich zum Buch von Constantin Lieb gegriffen: In seinem Roman beschreibt er die letzten zwei Jahre im Leben von Kirchner in Frauenkirch bei Davos. Kirchner hatte sich im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger zum Dienst gemeldet, ertrug den Drill und den stumpfen Dienst in der Armee aber nicht lange. 1915 wurde er nach einem Nervenzusammenbruch beurlaubt und medikamentös behandelt, zunächst mit Veronal, dann mit Morphinpräparaten. Er rutschte in eine Abhängigkeit, aus der er nicht mehr herausfand. 1917 zog er in die Schweiz, nach Davos. Seine Lebenspartnerin Erna Schilling blieb in Berlin und begann damit, seine Bilder zu verkaufen. Im Roman erfahren wir das eher beiläufig: Die Geschichte von Constantin Lieb setzt 1936 ein. Erna Schilling lebt mittlerweile bei Kirchner, die Berge machen sie schwermütig. Sie vermisst die Stadt, merkt aber, dass Kirchner ohne sie nicht überleben würde. Der Roman ist weitgehend aus ihrer Perspektive erzählt und schildert ihren Kampf gegen Kirchners Dämonen, seine Sucht und die engstirnigen Bauern von Davos. Das klingt düster und ist es auch. Dennoch ist es ein Roman voller Farbe. In meinem 330. Buchtipp sage ich Ihnen, was die Erzählweise von Constantin Lieb mit der Farbigkeit der Bilder von Kirchner zu tun hat und warum Sie diese Bilder danach mit anderen Augen anschauen.

Sommer 1936. In Deutschland ist seit drei Jahren Hitler an der Macht. Die politische Lage in Europa spitzt sich zu. Im März haben Truppen der Wehrmacht das entmilitarisierte Rheinland besetzt. Fast gleichzeitig findet die Reichstagswahl statt. Zugelassen ist nur die Einheitsliste der NSDAP. Juden sind erstmals von der Wahl ausgeschlossen. Die politische Schweiz schaut zu, teils entsetzt, teils gleichgültig. Und immer mehr Menschen bekennen sich offen zum Nationalsozialismus. Auch in Davos, wo Ernst Ludwig Kirchner seit fast 20 Jahren lebt. Seine Kunst sollte in Deutschland bald als «entartet» gebrandmarkt werden. In Frauenkirch schütteln viele über den, wie sie sagen, «verrückten Maler da oben» den Kopf.

In diesem Sommer 1936 setzt der Roman ein. Seit fünfzehn Jahren lebt Erna Schilling in Frauenkirch bei Davos mit Kirchner, im Wildbodenhaus über dem Sertigtal. Die Bauern dulden sie, mehr aber auch nicht. Erna Schilling ist durch und durch Berlinerin. Kirchner hat sie 1911 in einem Tanzlokal kennengelernt. Sie liebt ihn, arbeitet aber auch für ihn als persönliche Assistentin: Sie führt seine Korrespondenz, verhandelt mit Sammlern, ordnet das Archiv und pflegt ihn. Kirchner nennt das Kameradschaft:

«Ich weiß, was ich von dir verlange, Erna. Ich weiß auch, dass du dich nach weniger Isolation sehnst, nach Berlin. Aber unsere Abmachung war von Anfang an klar. Das Werk steht über allem.»
Wusste er wirklich, was er von ihr verlangte? Wie es ihr mit ihm erging? Er stand auf, ging um den Tisch herum, zog sie hoch und nahm ihren Kopf in seine Hände. Erna schloss die Augen und öffnete sie sofort wieder, als ihr bewusst wurde, dass er sie natürlich nicht küssen würde.
«Es wird dir nicht schaden», sagte er. «Das verspreche ich dir. Ohne dich wäre ich nichts. Du und ich. Kameraden. Wer den Pinsel führt, ist nebensächlich.»
Dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn und setzte sich ihr gegenüber. Erna blieb einen Augenblick lang stehen, spürte dem leichten Druck nach. Sie mochte nicht auf die Stirn geküsst werden. Das war wie eine Ohrfeige, die verrutscht war.
«Hast du dir schon überlegt, welche Bilder wir nach Detroit schicken? Dr. Valentiner wird bald anfangen müssen, die Ausstellung zu planen», hörte sie sich sagen und setzte sich ebenfalls wieder hin.

(Seite 54)

Erna beherrscht sich. Einmal mehr. Kirchner hat recht: Ohne sie wäre er nichts. Denn Kirchner ist krank. Im Roman spritzt er sich Eukodal, ein Opioid, das als Ersatz für Morphium entwickelt wurde. Historisch verbürgt ist nur, dass Kirchner süchtig war. Es ist aber naheliegend, dass es sich dabei um Eukodal handelte. Das Mittel wurde 1916 an der Universität Frankfurt entwickelt und ab 1917 von der Firma Merck verkauft. Heute kennen wir das Mittel als Oxycodon: Es wirkt stark schmerzlindernd und angstlösend. In den USA hat die Firma Purdue Pharma 1996 auf der Basis von Oxycodon ein Schmerzmittel namens Oxycontin auf den Markt gebracht. Es wurde von Ärzten massenhaft verschrieben, auch bei Alltagsschmerzen und Unfällen. Vor allem in ländlichen Gebieten wurden viele Menschen abhängig und stiegen, als die Rezepte ausliefen, auf harte Drogen um wie Heroin und Fentanyl. So entstand die Opioidkrise. Barbara Kingsolver hat das in ihrem Roman «Demon Copperhead» eindrücklich geschildert, ich habe Ihnen den Roman im Mai 2024 hier vorgestellt.

Dass Ernst Ludwig Kirchner nicht von Eukodal loskam, ist deshalb mehr als nur nachvollziehbar. Er schreibt seinem Arzt Frédéric Bauer Briefe mit fertig ausgefüllten Rezepten, die dieser nur noch unterschreiben soll. Erna ist seinen Launen und seinem Grössenwahn ausgeliefert und wird mit seinen Demütigungen, seinen Abstürzen und mit ihrer eigenen Schwermut kaum fertig. Trotzdem dreht sich ihr Leben nur um Kirchner. Er ist immer da, in ihrem Kopf, in ihren Gedanken.

Nicht nur die Stimmung von Erna Schilling verdüstert sich, auch die Welt verdunkelt sich. Selbst im idyllischen Davos wird die Lage bedrohlich. Im Februar 1936 hat der jüdische Student David Frankfurter in Davos den NSDAP-Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff erschossen. Auf der Davoser Promenade hängen Plakate mit dem Slogan «Vergeltung für Gustloff!». Das deutsche Internat Fridericianum gilt als Aussenposten der Nazis in der Schweiz. Erna fragt sich, wie sicher sie hier noch ist, ja: ob Davos noch in der Schweiz liegt.

In Davos grüßten sich indessen deutsche Kurgäste, Anhänger der sich ausbreitenden Ortsgruppen und Regimesympathisanten auf offener Straße mit erhobenem Arm. Einige schwärmten tatsächlich von der Strahlkraft jener Amazonennacht, von den dargebotenen Pferdechoreografien der SS. Und niemand widersprach.
(Seite 76)

1937 zeigen die Nazis die Bilder von Ernst Ludwig Kirchner in München in der Ausstellung «Entartete Kunst». Ausgerechnet sein Bruder Ulrich schreibt ihm begeistert davon. Kirchner wird aus der Akademie ausgeschlossen, verkauft kaum noch etwas, sein Wahn wächst. Er hört Stimmen, glaubt sich sabotiert, schiesst mit einer Pistole auf eines seiner Bilder.

Am 15. Juni 1938 nimmt sich Kirchner vor dem Haus der Nachbarn das Leben. Kurz zuvor hat er das Aufgebot für die Hochzeit mit Erna zurückgezogen. Für Erna ist das eine Katastrophe. Ohne Trauschein gilt sie nicht als Witwe, und ihr Erbe ist umstritten. Der Bruder Ulrich, ein überzeugter Nazi, legt drei widersprüchliche Testamente auf den Tisch und will verkaufen, bevor die Preise fallen. Erna findet im Garten Hunderte leerer Eukodal-Ampullen, zertrümmert sie und beantwortet die Kondolenzbriefe so, dass die Welt zwar von der Kränkung durch Deutschland erfährt, nicht aber von Kirchners Sucht. Und sie macht Inventur: Sie katalogisiert die Bilder, Zeichnungen und Skulpturen. Erna räumt auf, auch in sich selbst.

Die Erinnerung malt mit goldenen Pinseln. In der Zeit der Inventur begegnete Erna nicht nur Kirchner in der Abfolge seiner künstlerischen Entwicklung, sie begegnete vor allem sich selbst. In Form zahlloser Portraits, Skizzen, Gemälde, Fotos und holzgeschnitzter Büsten lag ein großer Teil ihrer Biografie hier vor ihr im Wildbodenhaus. Der langsame Verfall ihres Körpers wurde ihr vor Augen geführt, starrte sie regelrecht an. Anfangs hatte Kirchner noch dagegen angemalt, ihn dann aber schonungslos dargestellt. Selbst auf den stilisierten Holzschnitten kam es ihr vor, als sähe sie den Körper einer anderen Frau, einer fremden Frau, jener, die er in ihr hatte sehen wollen. Diese Wiederbegegnung mit sich selbst ermöglichte es ihr paradoxerweise, sich seinem Blick zu entziehen. Hatte er sie einst als die neue Frau gesehen, für sein Werk gar enterotisiert und losgelöst von ihrer Weiblichkeit, hatte sie nun das tiefe Bedürfnis, sich von ihm freizumachen.
(Seite 208)

Kurz vor seinem Tod wollte Kirchner Erna überreden, mit ihm gemeinsam aus der Welt zu gehen. Jetzt steht sie vor dem Spiegel und mustert sich. Sie zieht sich langsam aus und schaut sich ganz genau an, tastet nach ihrem Körper. Nicht den Körper, den Kirchner gesehen hat, sondern den, den sie selbst fühlt. Sie prüft den alternden Körper im Spiegel, bewegt sich, bis die Gelenke knacksen, streckt den Bauch heraus, kneift sich in die Fettpolster an der Hüfte, dreht sich und beschaut, was sie sieht. «Es war», schreibt Constantin Lieb, «ein Tanz mit sich selbst.» Sie fühlt ihr Herz schlagen und ist plötzlich froh darum, am Leben zu sein: «Das war sie, sie gehörte sich selbst.»

Es ist eine spannende Perspektive, die uns Constantin Lieb in seinem Roman auf Ernst Ludwig Kirchner eröffnet. Mich hat sein Buch erzählerisch an die Bilder von Kirchner erinnert: Das ist farbig, stark und expressiv. Constantin Lieb schreibt in Farben. Die Teppiche in der Stube «begannen zu leuchten», Kirchner rührt Zitronengelb an und ist plötzlich wieder in Dresden, und als ihn der Wahn packt, sprudelt es aus ihm heraus: «das einnehmende Gelb und kühle Blau, das berstende Grün und feixende Rot».

Constantin Lieb ist Drehbuchautor, er hat zusammen mit Dominik Graf Erich Kästners «Fabian» verfilmt. «Wildboden» ist sein erster Roman. Man merkt dem Buch die Bildregie an: das nächtliche Bad im eiskalten Bach, die Kneiperei im Dorfgasthof, die Auktion in Luzern. Lieb hat Kirchners Briefe gelesen und montiert sie zu Dialogen. Dennoch bleibt es eine fiktive Geschichte, die er erzählt. Dabei schildert er vor allem die Geschichte von Erna. Sie wird lebendig, wir fühlen mit ihr. Kirchner bleibt, wie seine Bilder, ein Rätsel. Ein Mann mit scharfen Konturen und eindrücklichen Farben, aber ein Rätsel.

Mit der Szene vor dem Spiegel ist das Buch übrigens nicht zu Ende. Ein Jahr nach Kirchners Tod, im Juni 1939, sitzt Erna im Grand Hotel National in Luzern. Die Nazis versteigern Werke der «entarteten Kunst», die sie aus deutschen Museen geholt haben, darunter auch drei Bilder von Kirchner. Das Geld fliesst nach Berlin. Im Saal sitzt Georg Schmidt, der Direktor des Kunstmuseums Basel. Für Erna ist es ein furchtbares Erlebnis: Ihr Kirchner wird verramscht. Für Basel ist es, aus heutiger Perspektive, ein Glücksfall: Einige der bedeutendsten Werke der Moderne im Kunstmuseum stammen aus den Basler Ankäufen von 1939. Kirchners Nachlass lag nach seinem Tod bis 1954 in Basel. Kein Zweifel: Die Schweiz hat von der Verfolgung der deutschen Kulturschaffenden profitiert und sie zugleich gerettet. Der Roman hält beides fest, ohne es zu werten.

Ernst Ludwig Kirchner hat Erna unzählige Male gemalt. Nach seinem Tod sieht sie sich diese Bilder an und erkennt «eine kranke Frau. Strenge Gesichtszüge, schmaler als sie in Wirklichkeit war». Wenn Sie diesen Roman lesen, wird es Ihnen umgekehrt gehen: Sie werden auf Kirchners Bildern nicht mehr nur spannende Farben und ein wiederkehrendes Modell sehen, sondern die Frau dahinter, hinter seinen Bildern und seinem Leben.

Constantin Lieb: Wildboden. Roman. . Insel Verlag, 240 Seiten, 35.90 Franken; ISBN 978-3-458-64627-3

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783458646273

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 5. November 2026, Matthias Zehnder

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