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Abschied(e)

Publiziert am 22. Januar 2026 von Matthias Zehnder

Diese Woche ist Julian Barnes achtzig Jahre alt geworden. Er sagt deshalb: Dies sei definitiv sein letztes Buch. Das sagt er nicht nur in Interviews, er schreibt es auch im Buch selbst: Das Buch sei «mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen. Dass ich mein letztes Buch in aller Ruhe zu Ende schreibe und dann verstumme, hat zumindest eine nützliche Folge: Es bedeutet, dass man nicht mitten im Schreiben … unterbrochen wird.» Er wolle auf diese Weise dem Tod wenigstens ein kleines bisschen seine Handlungsmacht absprechen. Das ist nicht aus der Luft gegriffen: Drei Tage, bevor in der Corona-Krise der Lockdown Grossbritannien stilllegte, wurde bei ihm Blutkrebs diagnostiziert. Nicht heilbar, aber beherrschbar. Julian Barnes findet deshalb, es sei Zeit, Bilanz zu ziehen. Das macht er nicht etwa, indem er eine Autobiographie vorlegt. Nein, er schreibt über das Erinnern, das Schreiben und das Erzählen. Er schlägt dafür einen grossen Bogen von Marcel Prousts Madeleine bis zur Beobachtung im Strassencafé. Julian Barnes bietet uns zum Schluss keine grossen Verkündigungen, keine berühmten letzten Worte. Es ist ein leises Buch voll feiner Ironie über das Erinnern und damit: über das Leben. In meinem 289. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es sich lohnt, zum letzten mal in ein literarisches Gespräch mit Julian Barnes einzutauchen.

 

Vorab muss ich Ihnen sagen: Wenn es um Julian Barnes geht, bin ich alles andere als neutral. Seine Bücher haben in meinem Regal einen Ehrenplatz. Ich liebe die Art, wie er Geschichten erzählt seit 1987, als mir der Buchhändler meines Vertrauens den ersten Barnes in die Hand drückte. Auf deutsch sind seine Bücher damals im Haffmans-Verlag erschienen – der Büchergott hab ihn selig. «Flauberts Papagei» erschien auf Deutsch 1987. 1988 folgte «Als sie mich noch nicht kannte», 1989 erschien «Metroland». Dann folgten auf Deutsch unter dem Namen Dan Kavanagh die Krimis mit dem bisexuellen Privatdetektiv Duffy. Das letzte Buch von Julian Barnes, das ich in der Ausgabe des Haffmans-Verlags erstanden habe, ist «Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln». In dem Buch berichtet unter anderem ein blinder Passagier nicht gerade bibelmässig über die Fahrt mit der Arche.

Julian Barnes ist kein Weltenerschaffer, der mit unbedingter Kraft eine Geschichte behauptet. Er ist auch kein didaktischer Schriftsteller, der uns sagt, was wir denken und wie wir leben sollen. Er ist ein Erzähler: Er sitzt neben uns und berichtet. Er werweisst mit uns, wie es gewesen sein könnte und zwinkert uns dabei auch mal ironisch zu. In diesem Buch zum letzten Mal.

In «Abschied(e)» erzählt er eine Geschichte, die er eigentlich nicht erzählen dürfte, er macht sich Gedanken über das Erinnern und berichtet über seine Erkrankung und das Älterwerden. Das alles aber auf so entspannt-humorvolle Art und Weise, dass es sich anfühlt, wie eine Reise in einem gut bestückten Speisewagen. Die grosse Frage, die sich Julian Barnes dabei stellt: Was erinnern wir, wenn wir uns erinnern?

Natürlich beginnt Julian Barnes bei Marcel Proust und der Madeleine: In Prousts Roman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» taucht der Ich-Erzähler eine Madeleine, dieses süsse, muschelförmige Gebäck, in Lindenblütentee. Der Geschmack der eingetunkten Madeleine löst beim Erzähler eine Flut von Kindheitserinnerungen aus und wird so zum Katalysator des ganzen Werks. Dieser Effekt ist bekannt als Involuntary Autobiographical Memory (IAM) – die drei Buchstaben der Abkürzung können auf Englisch auch «ich bin» bedeuten.

Barnes erhält von einer Freundin einen Ausschnitt aus der Fachzeitschrift Neurology Clinical Practice zugeschickt. Der Text handelt von einem Mann, der einen Schlaganfall erlitten hat. Der Patient sagt, dass Geschmack von Apfelkuchen Erinnerungen an alle Kuchen auslöst, die er je gekostet hat; er erlebt sie dabei in der richtigen chronologischen Reihenfolge, die Kuchenerlebnisse ergiessen sich quasi kaskadenartig in sein Gehirn. Er erinnert sich dabei an alle Kuchen, auch an Kuchen, die er längst vergessen hat. Sein Gehirn hat das Erlebnis dennoch irgendwo in den Untiefen der Synapsen abgelegt. Das gibt Julian Barnes zu denken.

IAMs wären bestimmt nützlich für eine Autobiografie. Man meint sich «ganz genau» an etwas zu erinnern, und je häufiger man sich daran erinnert und es erzählt hat, desto mehr ist man vom Wahrheitsgehalt der Anekdote überzeugt. Aber was wäre, wenn man zurechtgewiesen und korrigiert würde, und zwar von … dem eigenen Gehirn? Was wäre, wenn es sämtliche Wiedererzählungen vor einem ausbreiten und aufzeigen könnte, dass man langsam, aber systematisch von der ursprünglichen Darstellung abgewichen ist? Wäre das nicht unheimlich und verstörend? Aber auch hilfreich: Man könnte sich ja kaum über seinen eigenen Thalamus hinwegsetzen, nicht wahr?

Und was wäre, wenn im Gehirn nicht nur eine chronologische Aufzählung sämtlicher je im Leben verzehrter Kuchen ankäme, sondern auch eine Liste des moralischen Tuns und Lassens? Jede Gelegenheit, bei der man «Ich liebe dich» gesagt hat, ob ehrlich gemeint oder nicht. Jede Gelegenheit, bei der man nicht «Ich liebe dich» gesagt hat, aber hätte sagen sollen, bei der man es sagen wollte, aber nicht gesagt hat. Wie würde man mit dem Register – dem chronologischen Register – aller Lügen, Heucheleien, der vermeidbaren wie der (scheinbar) unvermeidbaren Grausamkeiten, der schweren Versäumnisse, der Verheimlichungen, der gebrochenen Versprechen, der Vertrauensbrüche in Worten und Taten umgehen? (Seite 12f.)

Erinnerungen sind der Rohstoff eines Romanciers. Offensichtlich speichert das Gehirn viel mehr Erinnerungen, als es aktiv zur Verfügung hat. Was passiert damit? Und wie zuverlässig sind diese Erinnerungen? Eine typische Barnes-Anmerkung dazu:

Wir können und sollten Romanciers vertrauen, wenn sie uns die schönen Lügen ihrer erfundenen Geschichten erzählen. Aber wir dürfen freundliche Zweifel anmelden, wenn sie von ihrer Arbeitsweise sprechen (wie viel Zeit und Mühe das alles erfordert) und verraten, «wo sie ihre Ideen herhaben». (Seite 34)

Wir sollen Romanciers also vertrauen, wenn sie erfundene Geschichten erzählen, ihnen aber misstrauen, wenn sie von ihrer Arbeit berichten. Stellt sich die Frage, was Julian Barnes da macht: Ist es eine Geschichte oder ein Bericht? Er hält es perfekt in der Schwebe – und lässt uns damit im Ungewissen, ob wir ihm vertrauen können, dass er uns «die schönen Lügen einer erfundenen Geschichte» erzählt.

Er sagt es – und erzählt eine Geschichte. Es ist die Geschichte von Stephen und Jean. Er hat den beiden versprochen, nie über sie zu schreiben, deshalb sind immerhin die Namen geändert. Barnes erzählt die Geschichte von Stephen und Jean in zwei Teilen. Es sind die beiden Teile, die er miterlebt hat: den Anfang der Geschichte in Oxford, wo er mit den beiden studiert hat. Die beiden waren ein Paar, haben sich nach dem Studium aber mehr oder weniger zufällig getrennt und das aber, so vermutet Barnes, immer bereut. Im zweiten Teil erzählt er das (mindestens vorläufige) Ende der Geschichte: Er schafft es, die beiden wieder zusammenzubringen.

Ich kannte die beiden in Oxford rund anderthalb Jahre lang, und vierzig Jahre später dann kurioserweise etwa ebenso lange. Über meine Jugendzeit oder die Jugendzeit anderer habe ich mir, wie gesagt, nur wenige Notizen gemacht. Und im Großen und Ganzen behalten wir Menschen, bei denen wir nicht damit rechnen, dass wir sie je wiedersehen, weniger gut im Gedächtnis. Daher besteht das, was mir mein Kopf über Stephen und Jean in jener Zeit sagt, aus einer Kette von Augenblicken und Bildern, abgegriffen wie Perlen eines Rosenkranzes. (Seite 59)

Das ist wunderbar geschrieben und führt uns die Tücke der Erinnerung vor Augen. Wir wissen nicht, ob die Geschichte stimmt, aber wir können sagen, dass sie stimmig ist. Das gilt auch für die Geschichten, die uns Julian Barnes über sein eigenes Leben erzählt. Über das Schreiben und das Erzählen, über das Älter-werden und über seine Krankheit. Er erinnert sich an seine Diagnose, an die Tage nach dem Lockdown, als er mit seiner Chemotherapie begann. Er vergleicht seine Erinnerungen mit den Tagebucheinträgen und stellt fest, wie unzuverlässig sie sind. Beide, die Erinnerungen und die Tagebucheinträge. Und er erzählt davon, was es heisst, älter zu werden und sich mit dem Tod zu befassen. Seine (um einiges jüngere) Lebensgefährtin sagt ihm: «Du darfst ruhig alt sein, aber du darfst dich nicht benehmen wie ein alter Mensch.»

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Stimmt es nun oder stimmt es nicht, was uns Julian Barnes über sein Leben erzählt? Er selbst sagt dazu:

Eine Frage: Wenn wir mittels IAMs Zugang hätten zu dem, was in unserem Leben «wirklich geschah», würde das eine Autobiografie (und das Schreiben fiktionaler Werke) leichter oder schwerer machen? Ich habe den Verdacht, es würde schwerer werden. (Seite 44)

Er schreibt: «Wir wissen alle, dass Erinnerung Identität ist.» Der Punkt ist, dass diese Erinnerung nicht dem tatsächlichen Geschehen entsprechen muss. Deshalb kann das, was wir sind genauso erfunden sein wie die Geschichte in einem Roman. Wichtig ist nicht, ob sich die Geschichte zugetragen hat, sondern ob es echt ist. Barnes schreibt über seinen Hund Jimmy und macht sich Gedanken darüber, was es bedeutet, dass Jimmy nicht nur nicht weiss, was für ein Hund er ist, er weiss nicht mal, dass er ein Hund ist. Er schreibt, es sei eigentlich …

… traurig. Nicht mal zu wissen, dass man ein Hund ist. Wir wissen wenigstens, dass wir Menschen sind. Oder? Menschen sind, wie mir scheint, oft so mit dem Leben beschäftigt, dass sie darüber vergessen, Mensch zu sein – oder zumindest vergessen, was es heißt, Mensch zu sein, und was daraus folgt –, und damit auch, was es heißt, tot zu sein. (Seite 200)

Das ist für mich die Quintessenz des Buchs. Ob unsere Erinnerungen präzise sind oder nicht, das ist nicht so wichtig. Hauptsache. Wir vergessen nicht, Mensch zu sein – und nicht was es heisst, Mensch zu sein. Danke, Julian Barnes. Ich werden Dich vermissen.

Julian Barnes: Abschied(e). Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 32.90 Franken; ISBN 978-3-462-00919-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462009194

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 22.01.2026, Matthias Zehnder

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