Susanne Stöckl: «Die grosse Herausforderung für die Zukunft ist es, die Jungen wieder zurückzugewinnen.»
Das 380. Fragebogeninterview, heute mit Susanne Stöckl, Moderatorin und Podcast-Host bei SRF. Die sozialen Medien, sagt sie, «kommen mittlerweile ganz gut ohne mich klar – und ich ohne sie.» Früher sei sie viel auf den Plattformen unterwegs gewesen. Sie habe aber gemerkt: «Ich verpasse nichts Relevantes – das erfahre ich über die News-Apps – und mir raubt Social einfach zu viel Zeit, Nerven und gute Laune.» Sie findet es wichtig, immer wieder Artikel und Meinungen der Gegenseite zu lesen, um ihre Argumente besser zu verstehen. «Die ‹New York Times› macht das in meinen Augen sehr gut, indem sie zu bestimmten Themen jeweils zwei gegensätzliche Kommentare veröffentlicht.» Dass junge Menschen kaum mehr journalistische Medien konsumieren, macht ihr Sorgen. «Mal vorweg: Ich verstehe sehr gut, dass bei dieser Reizüberflutung und so viel miesen Nachrichten gerade viele Junge keine Lust mehr auf News haben.» Aber ohne Nachrichten und deren Einordnung sei es einfach sehr schwierig, «sich eine differenzierte Meinung zu bilden und mündige Entscheidungen zu treffen.» Sie sagt deshalb: «Neben dem Umgang mit KI ist das für uns Medienschaffende eine der grossen Herausforderungen für die Zukunft: die Jungen wieder zurückzugewinnen.» Sie findet, die Medien seien derzeit «in einer Art Lernphase: Wir versuchen einen Umgang mit der Digitalisierung, Social Media und KI zu finden».
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
SRF4News, Deutschlandfunk, NZZ, «Spiegel», Podcasts etwas später im Zug sowie – je nach Zeitbudget – mal mehr, mal weniger «The Guardian» und «New York Times».
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Die kommen mittlerweile ganz gut ohne mich klar – und ich ohne sie. Wenn überhaupt, nutze ich ein oder zwei punktuell, selten und sehr gezielt, hauptsächlich LinkedIn, manchmal Instagram. Früher war ich sehr viel auf den Plattformen unterwegs und es hat mich durchaus Überwindung gekostet, mich hier etwas rauszunehmen. Schlussendlich habe ich gemerkt: Ich verpasse nichts Relevantes – das erfahre ich über die News-Apps – und mir raubt Social einfach zu viel Zeit, Nerven und gute Laune.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Früher war er eher, sagen wir mal, ritualisiert: am Morgen Radio und Zeitungen, abends «Tagesschau», zwischendurch hin und wieder Serien oder so. Heute Pushs, News-, Audio-, Video- und Podcast-Apps – selten Fernsehen. Ich konsumiere recht viel, dafür bleibt aber wohl auch weniger hängen.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Hm, das ist mir zu absolut. Einiges war besser, beispielsweise das «Facts»-Magazin. Dann kam der Relaunch, wenig später war Schluss. Viele andere Zeitungen und Sender wurden, wie wir wissen, ebenfalls eingestellt oder aufgekauft. Das hat halt auch was mit unserem Medienkonsum zu tun. Gleichzeitig kann ich heute sehr einfach beispielsweise mit meinem Bibliotheksabo jegliche Zeitungen konsumieren, wann und wo ich will – genauso wie News-Sendungen oder Podcasts.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Ja! Online auf jeden Fall. Als ausgedruckte Zeitung auf lange Sicht aber wohl eher schwierig. Obwohl da allein rein haptisch was fehlen würde.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Immer wieder Artikel und Meinungen der Gegenseite, um ihre Argumente besser zu verstehen. Die «New York Times» macht das in meinen Augen sehr gut, indem sie zu bestimmten Themen jeweils zwei gegensätzliche Kommentare veröffentlicht.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Weglegen. Übrigens auch gute, zu meiner Schande. Das aber mehr aus Zeitmangel. In meiner Leseecke liegen seeehr viele angefangene Bücher.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Durch Gespräche sowie Vorschläge in meiner Podcast-App – und Kindersendungen, die ich schauen … musste. Mittlerweile weiss ich dafür, seit wann die Menschheit sprechen kann und was ein Tölt ist. Letzteres wäre interessant, wenn man mal auf einem Pferd sitzt.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Ich hoffe, noch ewig. Ich glaube, nicht mal mehr halb so lang – allein, wenn ich mir die Entwicklung der letzten Monate und Jahre anschaue.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Das Phänomen ist ja nicht neu. In autoritären Regimen werden und wurden sie von oben diktiert. Beispielsweise in der DDR, wo ich aufwuchs, aber auch in Russland oder mehr und mehr in den USA ist es umso schwieriger, zwischen falschen und fundierten News zu unterscheiden, da sie auch von der obersten Führung verbreitet werden. Da spielen unabhängige Medien, insofern sie je nach Land überhaupt berichten dürfen, eine immens wichtige Rolle. Selbstredend sind und waren Fake News natürlich auch in anderem Masse in Demokratien wie der Schweiz ein Problem. Ich tue mich jedoch schwer damit, in Fake News eine Chance zu sehen. Sie treten ja mittlerweile in einer solchen Quantität und Qualität auf, dass man kaum mehr nachkommt mit dem Fakten checken und berichtigen. Aber gut, eine Chance ist vielleicht, dass wir uns – und das meine ich nicht überheblich, sondern demütig – der Bedeutung unseres Jobs noch bewusster werden.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Nur noch selten, ausser Radio am Morgen. Die «Tagesschau» am Abend schaffe ich nicht immer live, dann spul ich in der SRF App zurück. Oft hör und schau ich aber on demand.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Ich höre sehr viel. Manchmal vergesse ich, dass ich die Kopfhörer noch im Ohr hab. Mein Lieblingspodcast: «Apokalypse und Filterkaffee». Micky Beisenherz filetiert mit Gästen das tägliche News-Geschehen – auch am Wochenende. Ist sehr unterhaltsam, ab und zu lass ich mich dabei für Themen inspirieren. Ebenfalls gross: der «Zeit»-Podcast «Nur eine Frage». Über eine Stunde lang mit der besten Fachperson auf Gebiet xy diese eine Frage sezieren – ein Träumchen.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Mal vorweg: Ich verstehe sehr gut, dass bei dieser Reizüberflutung und so viel miesen Nachrichten gerade viele Junge keine Lust mehr auf News haben. Aber ohne Nachrichten und deren Einordnung ist es einfach sehr schwierig, sich eine differenzierte Meinung zu bilden und mündige Entscheidungen zu treffen. Neben dem Umgang mit KI ist das für uns Medienschaffende eine der grossen Herausforderungen für die Zukunft: die Jungen wieder zurückzugewinnen.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Fragt sich, wie man Journalismus definiert. Gewisse Texte sowie Audios lassen sich sicher automatisieren – nicht jedoch Reportagen, Kommentare, Rezensionen, Einschätzungen, Erfahrungsberichte etc.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Die Digitalisierung macht uns ja nicht zu stumpfsinnigen Wesen. Ich glaube, dass die meisten Menschen News und Einordnungen sowie Unterhaltung, Kultur, Sport etc. wollen und brauchen. Im Moment befinden wir uns meiner Meinung nach in einer Art Lernphase: Wir versuchen einen Umgang mit der Digitalisierung, Social Media und KI zu finden, überlegen uns Regeln und Gesetze. Und viele wären wohl froh, wenn es griffige gäbe. – Und befreit hat uns die Digitalisierung jetzt schon. Ohne sie wäre das Arbeiten während der Pandemie schwierig gewesen, ohne sie wären gewisse Projekte nicht möglich, wie beispielsweise die mehrsprachige SRG-Plattform «dialog» – unmöglich ohne KI. Die Digitalisierung erlaubt uns zudem, dass wir uns auf das Kerngeschäft konzentrieren können und bspw. das Sammeln gewisser Daten automatisieren. Aber wir müssen das Ganze besser managen.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Ja – um unabhängigen Journalismus oder Radio- und TV-Sender zu betreiben, die aufgrund der Topografie und Grösse der Schweiz gar nicht genug Mittel einnehmen könnten, um auf eigenen Beinen zu stehen. Und gerade regionale Infos sind für Menschen wichtig und auch identitätsstiftend. Ich klinge wie in einem Werbefilm, aber ich habe mehrere Jahre im Engadin gelebt und gesehen, wie wichtig regionale Medien sind und was es bedeutet, wenn sie verschwinden.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Für kontroverse Interviews mach ich mir Mindmaps, damit ich schneller reagieren kann. Generell kritzle ich bei Interviews die Antworten auf ein Blatt, um allenfalls später nochmal darauf zurückzukommen. Und sonst – sorry, makaber – ja, auch mein Testament. Da sagte mir kürzlich jemand, das müsse alles handschriftlich sein, sonst ist das nicht gültig.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Punktuell ist er vielleicht «gut für die Medien». Einerseits wird uns klarer als selten zuvor bei einem US-Präsidenten, wie wichtig faktenbasierter Journalismus ist. Darüber hinaus gibt es uns die Gelegenheit, gewisse Vorgänge in der US-Politik, -Justiz und -Zivilgesellschaft sowie deren Bedeutung zu veranschaulichen, weil sie mit Trump stärker unter Druck geraten und die Menschen wissen wollen, was da vor sich geht.
Gleichzeitig müssen wir jeden Tag einen Weg finden, uns von ihm nicht vor sich hertreiben zu lassen – was schwierig ist beim wichtigsten Staatschef der Welt. Unser USA-Korrespondent sagte mir einmal, es bleibe durch Trump auch weniger Zeit, um über den Rest dieses so diversen Landes zu berichten.
Wem glaubst Du?
Ähm… Tieren und Babys.
Dein letztes Wort?
Ich bin dankbar – für den Job, den ich machen darf, und vieles andere mehr.
Susanne Stöckl
Ihren ersten Radiojob hatte sie mit 16. Davon wollte sie mehr, deshalb hat sie Kurse belegt, wie man Beiträge macht und mit Bandmaschine («ja, kein Witz!») schneidet. Später hat sie Medientechnik studiert und währenddessen und danach kurze Abstecher zu Sendern im Ausland gemacht. Bevor sie zu SRF kam, war sie Redaktionsleiterin bei Radio Grischa und Studioleiterin bei Radio Engiadina. Aktuell moderieret sie bei SRF die Info-Sendung «Heute Morgen», hostet den Podcast «News Plus» sowie bald «Politik Debatte» und moderiert ab und zu das Video-Format «Let’s Talk» für SWI swissinfo.ch. Daneben unterrichtet Susanne Stöckl am MAZ.
srf.ch
Basel, 08.04.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Adrian Moser
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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Ein Kommentar zu "Susanne Stöckl: «Die grosse Herausforderung für die Zukunft ist es, die Jungen wieder zurückzugewinnen.»"
Als ich den Fragebogen mit einer SRG/SRF-Mitarbeitenden zu lesen begann, war ich schon „gwunderig“ wie sie die Frage der „Medienförderung“ antwortet. Dachte ich es mir doch: „Ja“ – und unterstrichen wichtigkeitsschwanger mit „unbedingt“.
Unglaublich. Gerde praktisch alle Mitarbeitenden der meist-geförderten Medienanstalt (SRG/SRF) schreien ununterbrochen nach (noch mehr) Medienförderung. Ich bezahle für die SRG meine jährlichen „Empfangsgebühren/Mediengebühren“ (zwingend, sonst kommt das Betreibungsamt) happig. Indirekt aber auch noch über Steuern – denn z.B. jeder neuankommende Ukrainer in der CH zahlt vom 1. Tag seiner Ankunft SRG-Gebühren. Obwohl er keine 1 Minute je SRG/SRF konsumiert. Bezahlen tut dies natürlich das Sozialamt. Pünktlich. Oder andersrum: Auch ich/wir…. Obacht: SRG-SRF sowie deren Mitarbeitende – gerade bei Euch ist irgendwann Zuviel zuviel und Genug genug.
Auch bei den „PRIVATEN“- Medien ist Medienförderung „Wasser in den Rhein“ tragen. Wie dreist und skrupellos man sein kann und ständig nach neuen Subventionen schreien können nur unsere Verleger noch gewissens- und hemmungsloser vormachen: Ringier – der Klassenprimus – hat im letzten Jahr den Umsatz gesteigert, auf etwa 820 Millionen. Gewaltig war der Profit, denn Ringier kam 2025 auf einen Gewinn von fast 600 Millionen – eine Explosion. Die gierige fast 100 köpfige Ringier Besitzerfamilie schielt aber auf noch mehr Einkünfte und sieht „Subventionen“ als geeignetes Mittel. Was gibt es gewissenloseres? TX-Group ist der Sparapostel. Mit 870 Millionen Umsatz stieg der Gewinn auf 190 Millionen…. Da die gierige Besitzerfamilie mehr als die 190 Millionen pro Jahr beziehen will geht sie ans Eingemachte und verfolgt eine konsequente Sparstrategie. Wer mehr aus seinem Unternehmen herausquetschen will als es hergibt DARF nicht nach Subventionen als „Geldquellen“-Plus schreien. Viellicht mal den Standart etwas runterschrauben? Mehrere Domizile im Süden Europas (und es sind keine 2-Zimmer-Wohnungen) und in der Schweiz, eine der grössten Mittelmeerjachten…. Der absolute Gipfel der Frechheit ist dieses Eigentümer-Verhalten.
CH-Media ist der Wanner-Familienladen. Auch diese sind solide unterwegs mit einem Umsatz von 410 Millionen und einem Betriebsgewinn von 40 Millionen von ihren zwanzig Zeitungen und 20 Radio- und TV-Sendern. Die NZZ-Gruppe darbt ein wenig mit einem Gewinn von „nur 15 Millionen und einem Umsatz von 236 Millionen…. Fassen wir zusammen: Die grossen Schweizer Verleger sind alle strategisch gut unterwegs. Sie machen gem. fast eine Milliarde Gewinn. Das Phantom der Medienkrise wird herbeigeschrieben. Sie haben die Schreiberlinge und die Medien dazu. Wer da nach noch mehr Subventionen giert und dies „Medienkrise“ nennt, der hat eine Schraube locker.
(Zahlen-Quellen: Seite 25, Weltwoche Nr.14/26. Autor Kurt W. Zimmermann – Medienexperte)