Silke Fürst: «Weniger Journalist:innen müssen immer mehr Beiträge erstellen.»
Das 372. Fragebogeninterview, heute mit Silke Fürst, Oberassistentin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung IKMZ der Universität Zürich. Sie sagt, der ökonomische Druck in den Schweizer Medien habe stark zugenommen. Zugleich sei «die Anzahl der Kanäle, in denen journalistische Beiträge ausgespielt werden, erheblich gestiegen. Weniger Journalist:innen müssen also immer mehr Beiträge erstellen und werden oft auch daran gemessen, wie gut diese ‹laufen›.» Sie beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, ob und wie die Medienhäuser sie die jungen Generationen erreichen können. «Wir haben die Lösungen für dieses Problem noch nicht, und wir haben die Ursachen dafür auch erst in Teilen verstanden», sagt sie. Die Forschung zeige aber, «dass Schulungen zum Umgang mit Nachrichten etwas bewirken können». Das wecke ein Verständnis dafür, was «Journalismus ausmacht und wie er entsteht, was sich positiv auch auf die Zahlungsbereitschaft jüngerer Nutzer:innen auswirkt.» Angesichts der raschen Verbreitung von KI fragt sie sich zudem, ob «das Lesen langer Texte im Alltag vieler Menschen verankert bleiben wird.» In immer mehr Bereichen würden uns KI-Zusammenfassungen angeboten. Sollte sich das durchsetzen, fürchtet sie, dass wir «wichtige Kompetenzen im Verstehen und Hinterfragen von Texten nicht mehr einüben.» Und wie könnte es mit der Medienförderung weitergehen? Sie findet, die Schweiz müsse grösser denken: «mit mehr Kooperationen zwischen Medienhäusern zum Beispiel im Bereich der Entwicklung technischer Infrastrukturen und mehr Austausch zwischen Medien, Publikum, Politik und Wissenschaft».
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Ich mag ein ausgedehntes Frühstück mit Gesprächen und Zeitungslektüre. Das findet bei mir allerdings eher mal am Wochenende statt. An Wochentagen starte ich direkt in den Arbeitsalltag und arbeite meine To-dos ab. Im Laufe des Tages integriere ich dann verschiedene Nachrichtenmedien – in der Regel zuerst Tagesschau-Beiträge von ARD und SRF. Im Verlauf des Tages kommen Beiträge verschiedener Nachrichtenmedien hinzu. Und wenn ich etwas mehr Zeit habe, nehme ich die WOZ zur Hand.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Twitter war für mich mehrere Jahre eine Bereicherung, seit der Transformation zu X leider nicht mehr. Stattdessen bin ich nun auf Bluesky und LinkedIn aktiv. Dort bekomme ich Beiträge von Schweizer Medienschaffenden mit und hier und da auch von grossen internationalen Medien wie der New York Times. Und vielfach sehe ich hier, was meine Kolleg:innen in der Wissenschaft Neues machen oder in welche öffentlichen Debatten sie sich einbringen. Social-Media-Plattformen sind für mich allerdings nicht nur ein Mittel der Informationsbeschaffung und Vernetzung, sondern auch ein Untersuchungsgegenstand. In Forschungsprojekten und in der Lehre schaue ich mir gemeinsam mit Kolleg:innen und Studierenden verschiedene Plattformen an, um zu verstehen, wie diese die öffentliche Kommunikation und Meinungsbildung verändern.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Vor 15 bis 20 Jahren hatten lineares Fernsehen und Radio für mich eine deutlich grössere Bedeutung. Jetzt ist meine Medien- und Nachrichtennutzung einfach zeitlich deutlich flexibler und insgesamt auch intensiver und vielfältiger geworden. Und seit meinem Studium und der Arbeit als Kommunikationswissenschaftlerin beschäftige ich mich auch verstärkt mit verschiedenen Angeboten und Formaten im Bereich des Medienjournalismus und des Wissenschaftsjournalismus. Was sich kaum verändert hat, ist meine Nutzung von Wochenzeitungen, auf die ich gerne gedruckt oder online zugreife.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Es gibt Entwicklungen auf sehr unterschiedlichen Ebenen, viele sind negativ. Als ich 2012 in die Schweiz gekommen bin, war bereits von einer Medienkrise oder Finanzierungskrise der Medien die Rede. Und seit dieser Zeit gab es immer wieder Sparrunden und massiven Stellenabbau in Redaktionen. Der ökonomische Druck hat erheblich zugenommen. Zugleich ist in dieser Zeit die Anzahl der Kanäle, in denen journalistische Beiträge ausgespielt werden, erheblich gestiegen. Weniger Journalist:innen müssen also immer mehr Beiträge erstellen und werden oft auch daran gemessen, wie gut diese «laufen». Bestimmte Bereiche des Schweizer Journalismus, wie der Medien- und Wissenschaftsjournalismus, sind deutlich ausgedünnt. Die Medienvielfalt ist in vielen Bereichen zurückgegangen, insbesondere durch die mehrfache Verwertung derselben Beiträge in Verbundsystemen der Medienhäuser. Das zeichnen wir im fög «Jahrbuch Qualität der Medien» stetig nach.
Trotz dieser negativen Entwicklungen muss man allerdings sagen, dass die Qualität des Schweizer Journalismus immer noch in weiten Teilen hochstehend ist. Zudem sind neue Online-Medien entstanden und neue Formate und Darstellungsformen entwickelt worden, die beispielsweise den Lokaljournalismus, den investigativen Journalismus und den Datenjournalismus in der Schweiz wieder lebendiger machen. Und auch bei Veranstaltungen von Journalismusverbänden und -vereinen – wie beispielsweise «Qualität im Journalismus», in dessen Vorstand ich mich engagiere – ist klar zu spüren, dass man der Medienkrise etwas entgegensetzen will und Schweizer Medienschaffende einen starken Antrieb haben, trotz erheblicher Herausforderungen guten Journalismus zu machen.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Unbedingt! Auch wenn sich Darstellungsformen und Nutzungsweisen vervielfältigt haben, spielt das geschriebene Wort immer noch eine wichtige Rolle. Ein grosser Teil der Online-Nachrichten besteht aus Texten oder wird durch Texte unterstützt. Auch werden Texte in neue Formate integriert, beispielsweise in Social Media-Videos, um flexibel und auch unterwegs gut genutzt werden zu können. Im jüngsten Digital News Report des Reuters Institute haben wir auch gesehen, dass die meisten Menschen in der Schweiz Nachrichten online bevorzugt in Textform nutzen und (audio-)visuelle Elemente und Formate sowie Podcasts wichtige Ergänzungen dazu sind. Die Frage ist aber sicherlich, ob das Lesen langer Texte im Alltag vieler Menschen verankert bleiben wird. Mittels KI werden uns in immer mehr Bereichen Zusammenfassungen von Texten angeboten. Sollte sich das stark als Nutzungsmodus durchsetzen, sehe ich die Gefahr, dass wir uns zu sehr auf den Output von KI verlassen und wichtige Kompetenzen im Verstehen und Hinterfragen von Texten nicht mehr einüben.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Für «Must-Reads» bin ich wahrscheinlich nicht die beste Ansprechpartnerin. Im Moment lese ich «Situation und Konstellation» von Hartmut Rosa sowie den Sammelband «Schweizer Kapitalismus». Mich interessiert, wie Wirtschaft, Politik und Technologien unsere Gesellschaft prägen und wie sich Gesellschaften transformieren. Das sind aber natürlich keine Bücher, die man verschlingt. Einen richtigen Sog hatte ich zuletzt vor allem bei Büchern von Juli Zeh, mit «Unterleuten» und «Über Menschen», und bei Büchern, die ich zum zweiten Mal lese und die mich wieder zurück in die Gefühlswelt meiner Kindheit und Jugend versetzen.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Definitiv! Bücher, die mich nicht packen, lese ich in aller Regel nicht zu Ende. Das ist gar nicht so sehr eine bewusste Entscheidung. Es fehlt dann eher die Motivation, das Buch nochmals in die Hand zu nehmen und weiterzulesen.
Manchmal lese ich auch gute Bücher nicht zu Ende. Wenn mich eine Geschichte richtig reinzieht, aber ich nicht genug Zeit oder Energie zum Lesen habe, besorge ich mir das Hörbuch oder Hörspiel. Im Studium hat mich beispielsweise Thomas Manns «Der Zauberberg» gefesselt. Weil ich in dieser Zeit aber tagsüber so viel Fachliteratur und wissenschaftliche Texte gelesen habe, hatte ich abends mehr Lust und Energie für das Hören von Geschichten und habe den Zauberberg dann weitergehört. Wenn ich das Buch im Regal sehe, bekomme ich aber trotzdem Lust, es zu lesen.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Das kann mir praktisch überall passieren. Entscheidend ist dabei vor allem, dass eine Geschichte gut, authentisch oder mit Begeisterung erzählt wird. Das gilt nicht nur für Nachrichtenbeiträge, Reportagen und Filme, sondern auch für Gespräche und Begegnungen im Alltag. In solchen Momenten werde ich reingezogen, gerade weil ich dann lebendige Einblicke in etwas bekomme, das mir noch nicht bekannt oder vertraut ist.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Der Tod der gedruckten Tageszeitungen wird bereits seit zwei Jahrzehnten diskutiert und befürchtet. Seither sind Auflagen und Nutzung vieler gedruckter Tageszeitungen tatsächlich erheblich zurückgegangen. Wir werden in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten vermutlich sehen, dass sich dieser Trend fortsetzt und die Bedeutung von Digital-Abos zunimmt. Noch ist die Zukunft der gedruckten Tageszeitungen allerdings nicht entschieden. Für Teile der Bevölkerung ist sie nach wie vor wichtig, und auch einige gedruckte Wochenzeitungen und Magazine sind noch immer relativ stark nachgefragt. Aktuell sind Presseerzeugnisse für rund 10% der Nutzer:innen in der Schweiz die Hauptinformationsquelle für Nachrichten und im Alltag verankert. Langfristig wird sich die gedruckte Wochenpresse wohl besser halten als die Tagespresse.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Der Begriff «Fake News» ist ein hochgradig politisierter Begriff. Der Begriff ist also nicht neutral oder sachlich, sondern vor allem ein Kampfbegriff im öffentlichen Diskurs. Donald Trump hat den Begriff traurigerweise salonfähig gemacht und nutzt ihn seit Jahren massiv, um Nachrichtenmedien anzugreifen – vor allem dann, wenn sie kritische Fragen stellen oder kritisch über seine Politik berichten.
In der Kommunikationswissenschaft sprechen wir daher eher von «Desinformationen», also von absichtlich in die Welt gesetzte Falschinformationen. Desinformationen sind kein neues Phänomen. Aber wir diskutieren heute deutlich mehr über die Rolle von Desinformationen und ihre möglichen Gefahren. Und Befragungen zeigen, dass auch die Bevölkerung befürchtet, dass insbesondere durch Social Media und KI-generierte Inhalte der Einfluss von Desinformationen zunehmen könnte und es oftmals schwierig ist, Fakten und Falschinformationen voneinander zu unterscheiden. In der Forschung ist allerdings noch umstritten, wie weit verbreitet und einflussreich Desinformationen tatsächlich sind. Klar ist, dass es durch KI-Tools einfacher geworden ist, grosse Mengen an Desinformationen zu erstellen. Für Nachrichtenmedien ergibt sich daraus die Chance, ihre gesellschaftliche Rolle durch fundierte Recherche, Faktenchecks und verlässliche Berichterstattung zu stärken.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Lineares Radio und Fernsehen spielen in meinem Alltag kaum noch eine Rolle – abgesehen vielleicht vom sonntäglichen «Tatort». Zeitversetzt nutze ich Rundfunkangebote allerdings ziemlich stark und vielfältig – also Nachrichtensendungen, Reportagen, Interviews, Dokumentationen, Serien und Comedy-Formate, und dies am allerliebsten beim Kochen.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Da fällt es mir schwer, einen bestimmten rauszugreifen. Das Angebot von gut gemachten Podcasts ist so gross, dass ich nicht alles hören kann, was mich interessieren würde. Bestimmte Podcasts sind bei mir gesetzt, wie etwa der SRF «Medientalk», «Zeit Verbrechen» und «Kein Mucks» – da verpasse ich keine Folge. Bei «Kein Mucks» gräbt Bastian Pastewka Krimi-Hörspiele aus Rundfunk-Archiven aus, präsentiert diese alten Schätze und stellt unverhohlen seine nerdigen Kenntnisse zu den damaligen Produktionen und Sprecher:innen zur Schau. Einfach grossartig! Das ist zum Beispiel, um auf eine frühere Frage zurückzukommen, auch etwas, von dem ich vorher nicht gedacht hätte, dass es mich interessiert – aber Pastewkas Begeisterung für diese Geschichten und Produktionen ist einfach ansteckend.
Auch dutzende anderer Podcasts nutze ich halbwegs regelmässig, viele davon sind von Deutschlandfunk, Zeit, WDR, SRF und BBC. Und wenn ich die Stimme meines Bruders hören und in seine Fussballbegeisterung eintauchen will, höre ich seinen Podcast «Hömma Borusse – der schwarzgelbe BVB Podcast».
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Die News-Deprivation ist ein Problem, das die ganze Gesellschaft betrifft. Unsere aktuellsten Daten aus dem Jahr 2025 zeigen, dass rund 46% der Nutzer:innen in der Schweiz zu den News-Deprivierten gehören, also mit Nachrichten unterversorgt sind. Das bedeutet, dass sich der Anteil seit 2009 mehr als verdoppelt hat, mit negativen Auswirkungen für die öffentliche Meinungsbildung und die Schweizer Demokratie. Denn News-Deprivierte haben nachweislich ein geringeres politisches Wissen, haben weniger Vertrauen in politische Institutionen und partizipieren weniger an politischen Prozessen. Und bedenklich ist dabei in der Tat, dass diese Unterversorgung mit Nachrichten bei jungen Menschen besonders ausgeprägt ist.
Für Medienhäuser und Medienschaffende stellt sich damit auch die Frage, ob und wie sie die jungen Generationen noch ausreichend erreichen können. Gerade heute habe ich darüber am MAZ im Kurs «Publikumszentrierter Journalismus» mit jungen Medienschaffenden diskutiert. Und es ist klar: Wir haben die Lösungen für dieses Problem noch nicht, und wir haben die Ursachen dafür auch erst in Teilen verstanden. Wir wissen aber zumindest, dass es mehr Formate und Angebote braucht, die junge Menschen ansprechen und an ihre Lebenswelt anknüpfen. Und in diesem Bereich tut sich auch gerade ein bisschen was – mit Journalismus von jungen Menschen für junge Menschen. Mit den jüngsten Daten des Digital News Reports haben wir zudem gesehen, dass Schulungen zum Umgang mit Nachrichten etwas bewirken können, also ein Verständnis dafür wecken, was Journalismus ausmacht und wie er entsteht, was sich positiv auch auf die Zahlungsbereitschaft jüngerer Nutzer:innen auswirkt.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Da wäre ich ziemlich skeptisch. Zum einen ist das nicht der Journalismus, der die Bevölkerung ansprechen würde. Zumindest weist derzeit nichts darauf hin. Die Studien, die wir am fög dazu gemacht haben, zeigen deutlich, dass Schweizer:innen journalistische Qualitätskontrolle zentral finden. In anderen Ländern sieht das sehr ähnlich aus. Zum anderen würde ein so hoher Anteil automatisierter Beiträge die Frage aufwerfen, was eigentlich der Kern des Journalismus ist und inwiefern dieser sich von anderen Informationen unterscheidet, die online kursieren. In den Richtlinien einiger Schweizer Medienhäuser und auch des Schweizer Presserats wird eine andere Richtung eingeschlagen. Hier wird festgehalten, dass KI-generierte Inhalte stets von Journalist:innen geprüft werden müssen und Redaktionen und Medienhäuser Verantwortung für die Inhalte tragen. KI kann also journalistische Recherche, Informationsbeschaffung und -überprüfung nicht ersetzen, wohl aber unterstützen. Genau das haben wir auch in unserer schweizweiten Studie zum Einsatz von KI im Journalismus gesehen, die im fög Jahrbuch 2025 veröffentlicht wurde. Schweizer Medienschaffende nutzen KI-Tools vor allem unterstützend und deutlich weniger für das Erstellen ganzer Beiträge oder Bilder. Und wenn dies stattfindet, schleichen sich teilweise auch Fehler ein, die verdeutlichen, wie wichtig eigentlich die journalistische Qualitätskontrolle beim Einsatz von KI ist. Journalismus lässt sich also nicht automatisieren. Viel wichtiger ist die Frage, in welchen Bereichen KI Journalist:innen darin unterstützen kann, gute Beiträge und wichtige Geschichten zu machen, die die Menschen erreichen und die zeigen, dass es Journalismus braucht.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Eine spannende Frage, die die Wissenschaft seit den 1990er Jahren umtreibt. Zunächst hatte man sich vor allem eine Befreiung des Journalismus vorgestellt, mit einer Vervielfältigung von Nachrichtenanbietern und Darstellungsformen. Solche Innovationen haben stattgefunden, allerdings nicht in dem Masse, wie man sich das in den 1990er und 2000er Jahren vorgestellt hatte. Ein sehr grosser Teil der Nachrichtennutzung, auch in der Schweiz, ist heute auf relativ wenige Anbieter etablierter Medien konzentriert.
In den jüngsten Jahren wird wiederum verstärkt diskutiert, ob Digitalisierung und KI zum Tod der Medien führen könnten. Das ist eine wichtige, wenngleich etwas zugespitzte Debatte. Jetzt kommt es auf die Gestaltung in Medien, Politik und Gesellschaft an. In journalistischer Hinsicht wird es darum gehen, neue Tools so in journalistische Arbeitsprozesse einzubinden, dass journalistische Qualitätskriterien und Richtlinien gewahrt bleiben. Nachrichtenmedien müssen verdeutlichen, worin ihr wesentlicher Beitrag und ihr Mehrwert gegenüber anderen, schnell verfügbaren oder automatisiert generierten Informationen liegt und ihre Stärken, Werte und Handwerksregeln ganz klar gegenüber dem Publikum kommunizieren. Seitens des Publikums braucht es Wertschätzung für guten Journalismus und eine Sensibilisierung dafür, dass guter Journalismus Ressourcen benötigt und Geld kostet. In ökonomischer Hinsicht werden wir sicherstellen müssen, dass Nachrichtenanbieter finanziell entschädigt werden, wenn ihre Inhalte von KI-Systemen genutzt werden.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Wir sehen in anderen, insbesondere in den skandinavischen Ländern, wie wichtig Medienförderung ist. Damit können Medienqualität und Medienvielfalt in einer Zeit abgesichert werden, in der es immer schwieriger wird, Journalismus nur noch über den Markt zu finanzieren. Die Einnahmen aus Werbegeldern sind massiv zurückgegangen und zu den grossen US-Tech-Unternehmen abgewandert. Auch ist es nach wie vor eher schwierig, Online-Journalismus mit Nutzer-Abos zu finanzieren, insbesondere in eher kleinen Medienmärkten wie der Schweiz. Es braucht daher zukunftsgerichtete Massnahmen der Medienförderung, die technologieneutral sind und ausreichende Ressourcen für guten und vielfältigen Journalismus sicherstellen. Die Eidgenössische Medienkommission (EMEK) hat dazu umfassende Konzepte und Empfehlungen ausgearbeitet und verdeutlicht, wie wichtig die Medienförderung gerade für die direkte Demokratie der Schweiz ist.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ich habe fast immer Stift und Papier in der Nähe. Oft kommen mir spontan Ideen und Gedanken, die ich direkt zu Papier bringen will – zum Beispiel auch für dieses Interview. Wenn ich zeitgleich mit verschiedensten Themen beschäftigt bin, kann zeitweise ein ganzes Set von Zetteln mit ersten Ideen zusammenkommen. Auch für das Sortieren von Ideen, Skizzieren von Zusammenhängen oder Entwickeln von Konzepten für Studien oder Seminare nutze ich oft Stift und Papier. Das Ausarbeiten und Verfeinern findet dann aber am Laptop statt.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Donald Trump ist Dauerthema in den Medien und hat teilweise die Nachfrage und Nutzung von Nachrichtenmedien erhöht. Die negativen Auswirkungen sind allerdings viel gravierender und struktureller. Trump hat bereits in seiner ersten Amtszeit unabhängige und kritische Nachrichtenmedien angegriffen. Mit Beginn seiner zweiten Amtszeit hat er den Druck auf Nachrichtenorganisationen und Medienschaffende nochmals massiv erhöht und die Berichterstattungsfreiheit eingeschränkt – mit «Fake News»-Parolen, Klagen gegen Medien, dem gezielten Ausschluss ausgewählter Medienschaffender von Pressekonferenzen und der Streichung von Geldern für öffentliche Medien. Wir sehen gerade in den USA, wie Medienfreiheit und Medienvielfalt angegriffen und geschwächt werden können – und wie wichtig es ist, diese abzusichern und vor dem Zugriff einzelner mächtiger Personen zu schützen.
Wem glaubst Du?
Das ist natürlich eine grosse Frage! In der Wissenschaft glaube ich vor allem an den Streit der Argumente und an die Evidenzen, die aus verschiedenen Studien auf den Tisch gelegt werden. Und generell sind Menschen und Texte umso glaubwürdiger für mich, je mehr sie thematisieren, wo sie sich noch unsicher sind oder welche Punkte sie für streitbar halten. Im Privaten bin ich da allerdings weniger methodisch. Menschen, die mir nahestehen, haben immer schon einen Glaubensvorschuss.
Dein letztes Wort?
Ich habe den Eindruck, dass wir die Stärkung von Schweizer Medien und öffentlicher Meinungsbildung noch grösser denken müssen – mit mehr Kooperationen zwischen Medienhäusern zum Beispiel im Bereich der Entwicklung technischer Infrastrukturen und mehr Austausch zwischen Medien, Publikum, Politik und Wissenschaft, um gemeinsam auszugestalten, wie der Journalismus der Zukunft aussehen kann, wie verlässliche Informationen vermittelt und öffentliche Debatten geführt werden und wie die dafür notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden können.
Silke Fürst
Silke Fürst hat an der Universität Münster Kommunikationswissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte und Deutsche Philologie studiert und an der Universität Fribourg promoviert. Sie ist Oberassistentin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) und Mitarbeiterin am fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich. Silke Fürst gibt Vorlesungen, Seminare und Kurse an den Universitäten Zürich und Fribourg und am MAZ und engagiert sich im Vorstand des Vereins «Qualität im Journalismus».
Homepage
Basel, 11.02.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Universität Zürich
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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2 Kommentare zu "Silke Fürst: «Weniger Journalist:innen müssen immer mehr Beiträge erstellen.»"
… nebenbei bemerkt: „Fake News“ scheint mir ein Begriff, der etwa so „fake“ sein kann wie das, was er „faken“ möchte … oder zu Deutsch: „Falsche Neuigkeiten“ scheint mir ein Begriff, der etwa so wenig zutreffend ist wie das, was er als falsch bezeichnen möchte.
Antwort:
Vor „Fake News“ ist niemand verschont. Auch die SRG ist zwar finanziell unabhängig (wegen den Zwangs-Gebühren-Beiträgen von allen Haushalten und vielen Firmen und KMU’s), aber auch dies verschont sie nicht, „Fake News“ total ausschliessen zu können. Entweder unwissentlich (trotz besten Quellen-Recherche) oder – und dies empfinde ich beim sehen – manchmal gar wissentlich, wenn es zur Ideologie des Macher:in passt?!? Wie vieles werden wie nie des Pudels Kern ganz erfahren…
Das Fr. Fürst für „Förderung“ der Medien ist, dachte ich mir schon beim Lesen der ersten Zeilen. Sie arbeitete ebenfalls immer an „geförderten“ Arbeitsstellen (von Steuergeld gespiesen). Das Forden jedoch beklagt sie: „Weniger Journalist:innen müssen immer mehr Beiträge erstellen.“ Ja, das ist so, wie in allen Branchen üblich: Weniger Back-Office-Angestellte müssen mehr Fälle bearbeiten, weniger Call-Center-Angestellte müssen mehr Anfragen bewältigen, weniger Polizisten (BS) müssen uferlos mehr Strafdelikten hinterherrennen (und können z.B. nicht mehr in die Kindergärten zu den Kleinen gehen, um ihnen lebenswichtige Verhaltensregeln zu zeigen), weniger Staatsanwälte haben höhere Aktentürme vor sich, weniger Kassiererinnen im Coop oder Migros müssen mehr Kunden bedienen als früher und weniger Lageristen müssen im „Brack.ch“-Lager mehr Paletten entgegennehmen, verarbeiten und Pakete schnüren….
Wie geht es denn am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung IKMZ der Universität Zürich mit dem Arbeitsdruck, ist es dort noch zu schaffen?