Sandro Compagno: «Die Schweiz braucht eine ausreichend finanzierte, unabhängige SRG.»
Das 369. Fragebogeninterview, heute mit Sandro Compagno, Redaktor Regionalwirtschaft beim «Zürcher Oberländer». Er beginnt den Tag mit einem Kaffee aus seiner Bialetti-Maschine und «Heute Morgen» von Radio SRF. Er sagt, er empfinde es «als grosses Privileg», dass er «diesen unfassbaren Wandel von der ‹Hermes Baby› über den Scrib, den ersten portablen PC beim ‹Bündner Tagblatt›, bis zu den heutigen Möglichkeiten als Journalist miterlebt (und überlebt)» habe. Er selbst hat noch die so genannt goldenen Zeiten erlebt, samt Final der Fussball-WM 2006 in Berlin, America’s Cup in Neuseeland und Beachvolleyball-WM an der Copacabana. Obwohl traditionelle Medienhäuser mittlerweile, wie er sagt «unfreiwillig zu Non-Profit-Organisationen geworden», seien, mag er nicht «in den Katzenjammer der schwindenden Medienvielfalt einstimmen»: «Wenn früher beim ‹Bündner Tagblatt›, der ‹Bündner Zeitung›, dem ‹Sarganserländer› und beim ‹Oberländer Tagblatt› vier Auslandredaktoren dieselbe SDA-Meldung redigierten, war das auch kein Ausdruck von Medienvielfalt.» Dafür habe die Digitalisierung «ungeahnte Möglichkeiten der Recherche und der Darstellung» eröffnet. Aus liberaler Sicht findet er es «problematisch, wenn private Medienhäuser am Tropf des Staates hängen». Ihm wäre lieber, wenn «Big-Tech-Unternehmen wie Google einen angemessenen Preis bezahlen müssten für die Inhalte, die sie abgreifen.» Aber offensichtlich sei die Politik nicht in der Lage, das durchzusetzen. «Was die Schweiz sicher braucht, ist eine ausreichend finanzierte, unabhängige SRG.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Mein Morgenritual beginnt mit einem Kaffee aus meiner Bialetti-Maschine. Da mein sechsjähriger Sohn mit am Tisch sitzt, ist Medienkonsum zum Frühstück aktuell eine aussichtslose Sache. In wärmeren Jahreszeiten trinke ich den Kaffee auf dem Sitzplatz und höre mir auf SRF1 «Heute Morgen» an, wenn es zeitlich drin liegt, auch noch das «Regionaljournal ZH/SH». Gleichzeitig checke ich die wichtigsten Schweizer News-Apps.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Von X habe ich mich ein paar Wochen nach dem Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 verabschiedet. Mein Feed wurde mit Bildern geflutet, die ich nicht sehen will. Den Account habe ich zwar noch, zurückgekehrt bin ich aber nicht mehr. Facebook und Instagram nutze ich privat – und nehme auch nur Einladungen von Menschen an, die ich wirklich kenne. LinkedIn ist für mich das soziale Medium für Leute, mit denen ich eigentlich nichts zu tun haben will.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Meinen ersten Zeitungsartikel über Juniorenfussball in Graubünden habe ich 1982 als 13-Jähriger auf einer mechanischen Schreibmaschine verfasst. Damals kam die Zeitung bei uns noch im Lauf des Vormittags mit der Post… Diesen unfassbaren Wandel von der «Hermes Baby» über den Scrib, den ersten portablen PC beim «Bündner Tagblatt», bis zu den heutigen Möglichkeiten als Journalist miterlebt (und überlebt) zu haben, empfinde ich als grosses Privileg.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Beides. Ich habe in den Nuller-Jahren bei «Blick» und «SonntagsBlick» goldene Zeiten erlebt – ich habe den Final der Fussball-WM 2006 in Berlin gesehen, war zweimal im Rahmen des America’s Cup in Neuseeland, bin für eine Reportage nach Togo und für eine Beachvolleyball-WM an die Copacabana gereist. Mittlerweile sind traditionelle Medienhäuser unfreiwillig zu Non-Profit-Organisationen geworden. In den letzten Jahren sind Zeitungen verschwunden, trotzdem mag ich in den Katzenjammer der schwindenden Medienvielfalt nicht einstimmen: Wenn früher beim «Bündner Tagblatt», der «Bündner Zeitung», dem «Sarganserländer» und beim «Oberländer Tagblatt» vier Auslandredaktoren dieselbe SDA-Meldung redigierten, war das auch kein Ausdruck von Medienvielfalt. Dafür hat uns die Digitalisierung ungeahnte Möglichkeiten der Recherche und der Darstellung eröffnet.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Auf jeden Fall! Erst vor einigen Tagen habe ich auf SRF1 ein Interview mit dem Medienwissenschaftler Christoph Engemann gehört. Er sagt, es werde so viel geschrieben und gelesen wie noch nie. Es sind halt nicht mehr in erster Linie gedruckte Zeitungen oder Bücher, sondern kürzere Texte auf sozialen Medien oder Mails. Aber es wird gelesen.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Die eigene Regionalzeitung, damit man weiss, was vor der Haustüre passiert.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Ich lege selten Bücher weg, auch wenn sie mir nicht gefallen. Das letzte war «Glitterschnitter» des sonst von mir hochverehrten Sven Regener. Auf den ersten rund 50 Seiten wurde
a) Cappuccino gemacht und
b) bei Ikea eingekauft.
Es war zu viel Geschwätz bei zu wenig Handlung.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
NZZ.ch schafft es immer wieder, mich zu überraschen. Wenn ich mal den Fernseher einschalte und nicht Sport schaue, bleibe ich regelmässig auf Arte hängen.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Zeitungen wird es noch sehr lange geben, aber sie werden nicht mehr sechsmal pro Woche gedruckt. Ich stelle mir die gedruckte Zeitung als «Best-of» der News Site vor: Am Dienstag mit viel Sport, dazu kommt eine Wochenend-Ausgabe mit Hintergründen und Analysen zum Geschehen der vergangenen Woche.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Vielleicht bin ich etwas naiv. Aber ich sehe eine grosse Chance, dass seriöse Medien in der Flut an Fake News im wwweltweiten Netz wieder mehr Bedeutung gewinnen. Weil sie verifizieren, werten und gewichten können.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Fussball und Formel 1 schau ich mir gerne live an. Ansonsten schätze ich die Replay-Funktion. Radio höre ich am Morgen (siehe oben), und wenn ich abends in der Küche stehe, läuft das «Echo der Zeit», live oder zeitversetzt.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Ich lese schneller, als Menschen sprechen. Podcasts sind für mich daher Zeitverschwendung. Fun Fact: Trotzdem habe ich schon Podcasts produziert …
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Es treibt mich um, weil es eine grosse Gefahr für unsere Demokratie und damit für unser Zusammenleben ist. Denn auch diese Abgehängten informieren sich irgendwo. Ausserdem kratzt es an meinem Ego als Journalist.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
KI kann aus Fussball-Telegrammen oder Live-Tickern einen Matchbericht zusammenschustern oder aus Abstimmungsresultaten eine Newsmeldung. Sie kann mir sagen, was passiert ist. Aber sie wird auch in zehn Jahren noch nicht einordnen oder analysieren können, warum etwas passiert ist. Wenn das Herrn Supinos Qualitätsanspruch an seine Zeitung erfüllt – toitoitoi!
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Die Digitalisierung hat das Leben von uns Medienschaffenden massgeblich erleichtert. Einerseits für die Recherche: Wo man früher Jahrgänge von Tageszeitungen nach einem ganz bestimmten Artikel durchforsten musste, genügen heute zwei Schlagworte im SMD. Auf der anderen Seite für die Verbreitung: Es braucht keine Druckerei und keine Frühzustellung mehr, um seinen Content unter die Leute zu bringen. Dank der Digitalisierung ist die Medienvielfalt heute grösser denn je.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Ich finde es aus liberaler Sicht problematisch, wenn private Medienhäuser am Tropf des Staates hängen. Mir wäre lieber, wenn Big-Tech-Unternehmen wie Google einen angemessenen Preis bezahlen müssten für die Inhalte, die sie abgreifen. Aber offensichtlich ist die Politik nicht in der Lage, solche Rahmenbedingungen durchzusetzen. Was die Schweiz sicher braucht, ist eine ausreichend finanzierte, unabhängige SRG.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ja. Liebesbriefe an die Frau meines Lebens.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Gut ist er nur für die Klickzahlen. Ich halte Donald Trump für eine grosse Gefahr für die Demokratie in den USA – und damit auch für die dortigen Medien.
Wem glaubst Du?
Zu vielen. Ich bin ein gutgläubiger Mensch.
Dein letztes Wort?
Ich würde es wieder genauso machen.
Sandro Compagno
Sandro Compagno ist Redaktor Regionalwirtschaft beim «Zürcher Oberländer»/«Anzeiger von Uster». Nach Abschluss seines BWL-Studiums an der Uni Zürich war er einige Jahre für die «Südostschweiz» und den «SonntagsBlick» als Wirtschaftsredaktor tätig, ehe er im Jahr 2000 zu «Blick»-Sport wechselte. Von 2008 bis 2016 leitete er die Sportredaktion von «20 Minuten». Nach knapp sieben Jahren in der Kommunikation – erst in einer Content-Agentur, später in der Corporate Communication eines international tätigen Unternehmens – zog es ihn 2023 zurück zu seiner alten Liebe, dem Lokaljournalismus.
Basel, 21.01.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Simon Grässle/ZO
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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Ein Kommentar zu "Sandro Compagno: «Die Schweiz braucht eine ausreichend finanzierte, unabhängige SRG.»"
Dankend und interessiert möchte ich auf den heutigen Fragebogen mit Hr. S. Compagno eingehen:
Anhand der Antworten wie „Was die Schweiz sicher braucht, ist eine ausreichend finanzierte, unabhängige SRG“ merkt man selbst an den Gästen:innen dass in der Schweiz eine Abstimmung im Zusammenhang mit dem Öffentlichen Rundfunk ansteht, welcher, durch die Abstimmung bestätigt, unangetastet bleibt – wie selbst der Initiant der Gebühren-Beschränkungs-Initiative Th. Matter eingestehen muss. (vgl. Radio1, „Doppelpunkt“)
Viele (und ich) vergessen nie, was in der Corona-Zeit abgelaufen ist. Und welch oft unschöne Rolle damals auch der ÖRR einnahm, welche mich gegenüber solchen Anstalten ein Leben lang skeptisch bleiben lässt. Über schwärzeste Kapitel hinwegzukommen bleibt oft nur der Humor. Stefan Milius von „The daily Mill“ (ein Humorformat des Nebelspalters) weist auch heute noch fast täglich mit einem Beispiel aus dieser dunklen Zeit darauf hin, welch oft unrühmliche Worte (von Redaktoren, Chefredaktoren, Experten) die Bevölkerung spaltete und Millionen Bewohner:innen ausgrenzte, wie er heute wieder in seiner „Teutonen-Edition“ (=mittwochs immer auf Hochdeutsch) in Erinnerung rief….
Kann ich jemals noch anders ? Ist man als Mensch:in fähig, bewusst etwas vergessen zu können? Bevor es zu philosophisch wird = ab 21:13 hier