Nik Niethammer: «Es war definitiv mehr Lametta.»

Publiziert am 1. April 2026 von Matthias Zehnder

Das 379. Fragebogeninterview, heute mit Nik Niethammer, Chefredaktor des Schweizer Elternmagazins «Fritz+Fränzi». Er sagt, «ungefähr genau alles» sei heute anders. «Geblieben ist die Freude am Beruf. Die Neugierde. Und meine feste Überzeugung, dass Journalistinnen und Journalisten gut daran tun, Menschen zu mögen. Und sich für Menschen zu interessieren.» Die Menschen lesen heute anders: «Weniger dicke Wälzer, dafür den ganzen Tag kurze Text-Häppchen und ab und zu ein längeres Lesestück. Nicht auf Papier, dafür hinter Glas.» So oder so halte er es mit Wolf Schneider: «Ein Text darf viel, aber er darf nie langweilen.» Was bringt die Zukunft? «Für Tageszeitungen wage ich keine Prognose», sagt er, ist aber überzeugt, dass Magazine, «insbesondere Fachmagazine», sich halten werden. «Wenn der Alltag digitaler wird, wächst die Sehnsucht nach analoger Qualität.» Um die jungen Menschen macht er sich keine grossen Sorgen: «Jugendliche informieren sich sehr wohl, aber anders. Sie kuratieren Inhalte selbst, tauschen sich im Freundeskreis aus und greifen punktuell Themen auf, die sie betreffen.» Das entlaste die klassischen Medien aber nicht. «Journalismus muss anschlussfähig bleiben, ohne sich anzubiedern. Qualität allein reicht nicht, sie muss auch ankommen.» Die Digitalisierung habe viel verändert: «Der Journalismus ist heute zwar frei von alten Strukturen, aber auch gefangen im Hamsterrad der Dauererregung. Wir sind besser informiert denn je, es fehlt jedoch an Orientierung.» Haben wir früher einen besseren Journalismus gemacht? «Nein. Aber es war definitiv mehr Lametta.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Ich liebe Newsletter, bin ein Heavy User. Nach dem Aufstehen lese ich – in dieser Reihenfolge – «Süddeutsche», «Spiegel Online», «Tages-Anzeiger», NZZ, «persönlich» und «turi2».

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Social Media ist ziemlich viel Fluch und wenig Segen. Auf LinkedIn trommle ich für «Fritz+Fränzi», auf Facebook und Insta folge ich vor allem Radprofis, auf YouTube lasse ich mir erklären, wie man eine Scheibenbremse justiert und den Schaltkäfig neu ausrichtet. Von TikTok und X habe ich mich abgemeldet, Bluesky, Threads und Mastodon interessieren mich nicht.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Ungefähr genau alles ist anders. Geblieben ist die Freude am Beruf. Die Neugierde. Und meine feste Überzeugung, dass Journalistinnen und Journalisten gut daran tun, Menschen zu mögen. Und sich für Menschen zu interessieren.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Es war anders. Ein Beispiel: In den 80er-Jahren gab es in der Redaktion der Schweizer Illustrierten ein Autotelefon. Das steckte in einem schwarzen Koffer und wog vier Kilo. Wer die wichtigste Geschichte der Woche stemmte, durfte das Autotelefon mitnehmen. Man fuhr über den Bözberg nach Basel – unterwegs hielt man an, richtete die Antenne aus und rief in Zürich an. Um den Kollegen mitzuteilen, dass man unterwegs sei. Man nannte das Verbindungskontrolle. Haben wir früher einen besseren Journalismus gemacht? Nein. Aber es war definitiv mehr Lametta.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Unbedingt und absolut. Das geschriebene Wort stirbt nicht aus, es macht nur eine Image-Kur. Wir lesen heute vielleicht weniger dicke Wälzer, dafür den ganzen Tag kurze Text-Häppchen und ab und zu ein längeres Lesestück. Nicht auf Papier, dafür hinter Glas.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Abgesehen von den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die wir leider viel zu oft ungelesen wegklicken: Die Kommentare unter einem emotionalen Post. Gegendarstellungen. Und ab und an ein echtes Buch aus Papier.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Spätestens nach 20 Seiten weiss ich, ob mich ein Text packt. Wenn nicht, lege ich das Buch weg. Ich halte es mit Wolf Schneider: Ein Text darf viel, aber er darf nie langweilen. Das gilt für Artikel genauso wie für Romane.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Am Mittagstisch von «Fritz+Fränzi». Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen sind ebenfalls Eltern. Wir sitzen quasi an der Quelle. Neulich erzählte eine Redaktorin, dass ihre Tochter eine einseitige Gesichtslähmung erlitten hat. Aus dem Nichts. Niemand von uns hatte je von der Krankheit Fazialisparese gehört. Ein Indiz, dass möglicherweise auch viele unserer Leserinnen und Leser darüber nicht Bescheid wissen. Zwei Monate später hatten wir die Geschichte im Blatt.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Für Tageszeitungen wage ich keine Prognose. Magazine dagegen, insbesondere Fachmagazine, werden sich halten. Davon bin ich überzeugt. Wenn der Alltag digitaler wird, wächst die Sehnsucht nach analoger Qualität. Deshalb boomen mechanische Uhren, bleiben Bücher begehrt, erleben Vinylplatten eine Renaissance. Wir bei «Fritz+Fränzi» glauben an Print, haben eben in besseres Papier investiert. Wir versuchen jedes Heft mit so viel Liebe und Sorgfalt zu gestalten, als wäre es die letzte Ausgabe.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Fake News sind ein Fluch. Sie untergraben das Vertrauen in die Medien und ziehen die Aufmerksamkeit von echten Themen ab. Gleichzeitig zwingen sie uns, noch hartnäckiger zu recherchieren, Quellen noch sorgfältiger zu prüfen. Für einen Journalismus, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, sind sie ein Stresstest.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Radio begleitet mich in und durch den Tag, am Morgen höre ich Deutschlandfunk, tagsüber SRF3 und SWR3. Mein linearer Fernsehkonsum beschränkt sich auf Nachrichten und Live-Sport. Jetzt beginnt die Saison der Frühjahrsklassiker im Radsport: Paris–Roubaix, Ronde van Vlaanderen, Lüttich–Bastogne–Lüttich. Da bin ich vom ersten Kilometer an live dabei.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Oh ja. Ich mag Laber-Podcasts. Und Hörformate, die Wissen vermitteln. Meine persönlichen Top 5: Die Radsport-Podcasts «GÜMMELER TALK» und «Ulle & Rick», die Interview-Formate «Lanz & Precht» und «Hörbar Rust» und den Laber-Podcast «ReisenReisen».

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Die Zahl wirkt alarmierend, aber sie greift zu kurz. Die Studie misst, ob junge Menschen journalistische Angebote nutzen. Sie blendet aus, dass Information heute auch über Chats, soziale Netzwerke oder direkte Gespräche läuft. Ich sehe eher ein Verschiebungsproblem als ein reines Defizit. Jugendliche informieren sich sehr wohl, aber anders. Sie kuratieren Inhalte selbst, tauschen sich im Freundeskreis aus und greifen punktuell Themen auf, die sie betreffen. Das entlastet die klassischen Medien nicht. Im Gegenteil. Wenn über die Hälfte einer Generation journalistische News meidet, zeigt das ein Relevanzproblem. Journalismus muss anschlussfähig bleiben, ohne sich anzubiedern. Qualität allein reicht nicht, sie muss auch ankommen.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Dazu fällt mir folgende Geschichte ein: «Wenn du magst, passe ich Ton und Detailtiefe an …» Dieser nicht weg-redigierte Satz einer Kl unter einem Text des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» sorgte jüngst für Aufregung in der Branche. In manchen Redaktionsstuben ploppte sogleich die Frage auf: «Hätte uns das auch passieren können?» Auch wir bei «Fritz+Fränzi» nutzen KI-Tools, bei der Auswertung von grossen Datensätzen beispielsweise. Die Kl ist ein Sparringspartner und entlastet uns im Alltag. Damit wir mehr Zeit zum Nachdenken und Recherchieren haben. Wir schreiben weiter selbst. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung. Eine Kl kann strukturieren und zusammenfassen. Aber sie spürt nichts, zweifelt nicht, kämpft nicht um den treffenden Satz. Unsere Texte tragen Haltung und Handschrift. Sie entstehen im Kopf. Schreiben heisst denken. Und das geben wir nicht ab.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Nun, das klassische Modell «Wir bedrucken Papier mit Informationen von heute, damit ihr sie morgen zum Frühstück lesen könnt» ist tatsächlich tot. Was auch niemand wirklich bedauert. Die Digitalisierung hat den Journalismus aber nicht befreit, sondern ihm eher neue Fesseln angelegt. Wenn Qualität hinter Clickbait-Schlagzeilen zurücktreten muss, um finanziell zu überleben, fühlt sich das weniger nach Befreiung und mehr nach einem verzweifelten Überlebenskampf an. Die Technik hat die Türen weit aufgestossen. Durch diese Tür ist leider auch eine Menge Lärm hereingekommen. Der Journalismus ist heute zwar frei von alten Strukturen, aber auch gefangen im Hamsterrad der Dauererregung. Wir sind besser informiert denn je, es fehlt jedoch an Orientierung.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ich sehe das kritisch. Freie Medien brauchen Distanz zum Staat. Eine Finanzierung durch öffentliche Gelder schwächt diese Distanz. Es entsteht Abhängigkeit. Das gefährdet die Glaubwürdigkeit. Ich bin Team Wettbewerb. Gute Angebote setzen sich durch, wenn sie relevant sind und Vertrauen verdienen. Gezielte Förderung halte ich nur dort für sinnvoll, wo der Markt versagt. Zum Beispiel bei lokaler Berichterstattung in Regionen ohne Angebot. Diese Hilfe sollte befristet, transparent und klar begrenzt sein.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Weihnachtspost und Einkaufszettel. Leider immer seltener.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Trump führt Krieg gegen Drogen, Immigranten, Demokraten, Fischerboote, abtrünnige Republikaner, Europäer, Windräder, Schwarze. Und gegen Journalisten. Nein, Trump ist nicht gut für die Medien. Er ist eine Katastrophe.

Wem glaubst Du?

Meiner Frau. Meinen Kindern. Und meinem eigenen Urteil.

Dein letztes Wort?

Wenn’s einfach wär, könnt’s jeder.


Nik Niethammer
Nik Niethammer ist auf der Wirtschaftsredaktion des «Tages-Anzeigers» in den Journalismus eingestiegen. Nach Stationen beim Schweizer Fernsehen, der «Schweizer Illustrierten» und «TeleZüri» wurde er Programmleiter von «Tele24». 1999 wechselte er als Mitglied der Chefredaktion zum «Blick». 2004 setzte er seine Karriere beim deutschen TV-Sender Sat.1 fort. 2008 übernahm er die Chefredaktion der «Schweizer Illustrierten», 2013 wechselte er zu «Radio 1». Seit 2014 ist Nik Niethammer Chefredaktor des Schweizer Elternmagazins «Fritz+Fränzi». Der populär-wissenschaftliche Ratgeber für Eltern von schulpflichtigen Kindern wurde 2001 von Ellen Ringier gegründet und feiert 2026 sein 25-Jahr-Jubiläum. Nik Niethammer ist Vater eines Sohnes (16) und einer Tochter (14). Er arbeitet in Zürich und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Freiburg im Breisgau.


Basel, 01.04.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: zvg

Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/

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