Lena Berger: «Wir müssen uns die Aufmerksamkeit der Leserinnen jeden Tag neu verdienen.»

Publiziert am 11. März 2026 von Matthias Zehnder

Das 376. Fragebogeninterview, heute mit Lena Berger, stellvertretende Chefredaktorin und Blattmacherin beim «Beobachter». Für sie beginnt ein perfekter Morgen mit drei Printzeitungen, einem Gipfeli, einem Drei-Minuten-Ei und einer dampfenden Tasse Kaffee. Leider nur in ihrer Vorstellung: «Die Realität ist: Ich sitze eingequetscht morgens um 7 Uhr im Zug nach Zürich, esse Hüttenkäse, fluche über das Pendler-Leben und scanne Online-Medien.» Sie findet, die Bedingungen, als Journalistin zu arbeiten, seien härter geworden. «Das ökonomische Umfeld ist schwierig. Heute müssen wir uns die Aufmerksamkeit der Leserinnen jeden Tag neu verdienen.» Andererseits sei gerade das gut: «Wir schreiben heute viel mehr über das, was unser Publikum interessiert – statt über das, was wir grade spannend finden.» Dieses «Sich-Zurücknehmen» tue dem Journalismus gut. «Wir sind Vermittler in einer polarisierten Welt, weil wir als Journalistinnen immer mit allen Menschen reden müssen – egal welche politische Couleur sie haben.» Dabei sei der Journalismus konstruktiver geworden: «Wir schreiben nicht mehr nur über Probleme und deprimieren damit unsere Leser. Wir recherchieren Lösungen.» Sorgen machen ihr Fake News: Es sei naiv, wenn Medien sie nur als Chance sehen. «Fakes untergraben das Vertrauen ganz generell – auch in die Medien.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

An einem perfekten Morgen in meiner Vorstellung liegen auf dem Tisch drei Printzeitungen, ein Gipfeli, ein Drei-Minuten-Ei und eine dampfende Tasse Kaffee. In meiner Fantasie habe ich auch das Brot selbst gebacken und bin vorher schon eine Stunde Joggen gewesen. Die Realität ist: Ich sitze eingequetscht morgens um 7 Uhr im Zug nach Zürich, esse Hüttenkäse, fluche über das Pendler-Leben und scanne Online-Medien – mit Hilfe von KI, der ich die Kriterien hinterlegt habe, welche Art von Geschichten für den Beobachter interessant sind.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Irgendwo zwischen obsessiv und resigniert – wie wohl fast jeder Journalist und jede Journalistin. Ich nutze diese Plattformen ausschliesslich beruflich.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Es ist alles anders. Print war König. Online eine dunkle Ahnung, vor der man etwas Angst hatte und von welcher der Chef wohl hoffte, dass es irgendwann vorbei geht. Ich konsumiere andere Medien und die bewährten auf eine andere Art – zum Beispiel über Podcasts. Und ich mache anders Medien. Ich finde, dass die Arbeit vielfältiger geworden ist. Wir haben neue Möglichkeiten, um Geschichten zu erzählen. Und mir macht das unglaublich Spass.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Weder noch. Einerseits: Die Bedingungen, als Journalistin zu arbeiten, sind härter geworden. Das ökonomische Umfeld ist schwierig. Heute müssen wir uns die Aufmerksamkeit der Leserinnen jeden Tag neu verdienen. Andererseits ist gerade das gut: Wir schreiben heute viel mehr über das, was unser Publikum interessiert – statt über das, was wir grade spannend finden. Dieses «Sich-Zurücknehmen» tut dem Journalismus gut. Wir sind Vermittler in einer polarisierten Welt, weil wir als Journalistinnen immer mit allen Menschen reden müssen – egal welche politische Couleur sie haben. Und: Der Journalismus ist konstruktiver geworden. Wir schreiben nicht mehr nur über Probleme und deprimieren damit unsere Leser. Wir recherchieren Lösungen. Oder bieten diese gleich konkret an – mit nützlichen Tools.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Natürlich. Es wird nie jemand eine Kiste mit aufgehobenen Liebessprachnachrichten unter dem Bett aufbewahren und alle paar Jahre nach vorne kramen. Solange sich Menschen verlieben – und das passiert hoffentlich noch lange – führt kein Weg am Wort vorbei. Und wenn nicht, dann sind wir sowieso verloren.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Die Liebesbriefe von früher. Auch damit man sich an die Kraft der geschriebenen Worte erinnert. Oder sie zumindest nicht vergisst. Und dann immer und überall: Zeitungen, Magazine, Bücher, Klappentexte, Anleitungen, Reportagen auf Onlineportalen, Speisekarten, Reiseberichte. Es ist nicht möglich zu lesen, ohne dass die Gedanken angeregt werden. Lesen ist immer Inspiration.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Auch bei einem schlechten Buch treibt mich die Hoffnung an, dass es einen total tollen und überraschenden Schluss haben könnte, den ich verpasse, wenn ich es weglege. Ich bin Optimistin.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Von Freundinnen und Freunden. Vom Lesen. Vom Leben. Ich bin sicher, dass da noch ganz viele Sachen rumgeistern, die mich eigentlich interessieren würden, von denen ich aber noch gar nichts weiss. Ich bin ziemlich neugierig.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Es ist ziemlich einfach: Solange Menschen die noch kaufen und abonnieren. Ich glaube, es wird länger gehen als viele vermuten.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Es wäre naiv, sie nur als Chance zu sehen. Im Idealfall gäbe es die einfach nicht. Fakes untergraben das Vertrauen ganz generell – auch in die Medien. Die positive Auswirkung ist, dass Redaktionen heute mehr in Transparenz investieren und besser erklären, wie sie zu welchen Erkenntnissen kommen. Das stärkt unsere Glaubwürdigkeit und die Qualität – weil jede Leserin und jeder Leser eingeladen wird, die Schlussfolgerungen zu überprüfen.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Ich bin ein grosser Fan von Hörspielen. Diese höre ich auch sehr gerne an Live-Events – also hochgradig undigital und linear. Beim Rest geniesse ich die maximale Flexibilität selber zu entscheiden, wann ich mir was anhöre oder anschaue.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ich bin ein Routine-Mensch. Jeden Morgen höre ich im Zug Nachrichten-Podcasts – gerne «Apropos» vom «Tagi», «Akzent» von der «NZZ» und «Hinter der Schlagzeile» von CH Media. Und ich liebe Doku-Podcasts, die über mehrere Folgen eine Geschichte erzählen. Schon mehrfach hat mich die «Zeit» dazu gebracht, ein Abo abzuschliessen. Weil ich einfach wissen wollte, wie es weitergeht. Zuletzt für «Deutsche Geister», eine Geschichte über einen Mann, der im zweiten Weltkrieg 100 Juden das Leben gerettet haben soll. Zusammen mit dem Enkel geht das Team der Frage nach, was für ein Mensch er war. Und das Bild verändert sich über die achtteiligen Folgen immer wieder. Das finde ich spannend: Wenn eine Geschichte mich auf eine Reise mitnimmt. Und ich nicht nur über die Protagonisten etwas lerne, sondern auch über mich und meine Sicht auf die Welt.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Dass wir uns anstrengen müssen. Und wir uns weiterentwickeln müssen. Wir müssen nicht meinen, dass die dann schon zurückkehren. Wir müssen ihnen ein Angebot bieten, das ihnen entspricht. Dafür müssen wir auch mal unsere eigene Bequemlichkeit abschütteln. Und alte Muster überdenken. Nur weil es gestern funktioniert hat, muss es morgen nicht mehr klappen.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Teile des Journalismus sind automatisierbar – vor allem Daten, Börse, Sport. Doch Reportagen vor Ort, Einordnungen und Haltung bleiben menschlich. Gute Medien brauchen mehr als Algorithmen. Letztlich lebt der Journalismus davon, dass Menschen uns Journalistinnen ihre Geschichten erzählen. Deshalb wird unser Beruf nur spannender: Weg von der Routine, hin zum eigentlichen Kern dessen, was Journalismus ausmacht.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Muss es gleich zu einem der beiden Extreme führen? Vielleicht führt die Digitalisierung auch einfach zur Digitalisierung der Medien.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ja. Punkt.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ja. Briefe, Tagebuch, Notizen und Einkaufszettel.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Er ist und war ein Medienereignis. Diese Art des permanenten Wahlkampfs und die enorme Polarisierung sind zwar gut für schnelle Klicks, aber nachhaltig zweifle ich an einem positiven Trump-Effekt. Es ist dann auch mal gut.

Wem glaubst Du?

Fast immer meinem baldigen Ehemann. Er hat eine grossartige Art, Geschichten zu erzählen. Sie sind oft aus dramaturgischen Gründen überspitzt. Lieber nichts erzählen als etwas Langweiliges – das ist seine Haltung. Aber in seinen Geschichten liegt mehr Wahrheit als in den meisten. Das mag ich.

Dein letztes Wort?

Nein.


Lena Berger
Lena Berger hat Psychologie, Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bern studiert. Sie hat lange aus Luzern berictet, wo sie zuletzt das Onlinemagazin Zentralplus.ch leitete. Seit drei Jahren ist sie stellvertretende Chefredaktorin und Blattmacherin beim «Beobachter». Sie engagiert sich im Schweizer Presserat sowie im Vorstand des Vereins Quajou für Qualität im Journalismus. Zudem doziert sie am MAZ.


Basel, 11.03.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: Beobachter

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Ein Kommentar zu "Lena Berger: «Wir müssen uns die Aufmerksamkeit der Leserinnen jeden Tag neu verdienen.»"

  1. Der Beobachter ist ein sehr gutes Heft. Immer interessant zu lesen, hat schon viele Missstände aufgedeckt und oft kam es nach den Artikel zur Besserung und Behebung. Danke.
    Die Antwort auf die Frage „Medienförderung“ fiel mit „Ja. Punkt“ etwas kurz aus. Die Förderung kann verschiedenartig und vielfältig aussehen. Was hat sie wohl gemeint?
    Sie glaubt dem Ehemann. Eine Antwort die für so eine moderne Frau erstaunt, und das in Zeiten von 40% Scheidungen, Individualbesteuerung, gar „Scheidungsringe“ (nicht mehr Eheringe) welche in Mode kommen (Quelle St. Millius).
    Aber eine so sehr schöne Antwort.

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