Josefa Haas: «Kurzfutter macht nicht satt.»
Das 378. Fragebogeninterview, heute mit Josefa Haas, Expertin für Medien und Kommunikation. Sie sagt, sie beobachte auch bei jungen Journalistinnen und Journalisten einen hohen «Anspruch an Relevanz, Qualität und Integrität». Sie erinnert aber daran, dass sich die ökonomischen Voraussetzungen von journalistischen Medien fundamental verändert haben: «Mit der Entkoppelung des Werbemarktes auf digitale Plattformen, der Verengung des Lesermarktes durch Gratisangebote und der Plünderung der publizistischen Leistungen durch die Techgiganten ist die faire Finanzierung von Journalismus unter Druck geraten.» Sie findet: «Die Verhältnisse sind kompliziert und können nicht auf Schlagzeilen reduziert werden» – und reduziert das auf die Schlagzeile: «Kurzfutter macht nicht satt.» Sie empfiehlt deshalb, immer mal wieder lange Hintergrundberichte zu lesen und ein fundiertes Sachbuch in die Hand zu nehmen. Die Medienförderung in der Schweiz brauche dringend ein Update: «Sie ist aktuell noch in der analogen Welt des letzten Jahrhunderts erstarrt.» Die Medienförderung müsse «die Vielfalt von journalistischem Schaffen und Angeboten» berücksichtigen, etwa «digitale Medienbieter von professionellem Journalismus wie ‹Zentralplus›».
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Radio ist ein idealer Begleiter bei den morgendlichen Verrichtungen. SRF4 liefert die aktuellen Informationen und Hintergründe. Später lese ich auf dem Tablet eine Reihe von Zeitungen und News-Apps.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Persönlich bin ich ein neugieriger Zaungast, der sowohl inhaltlich wie auch technisch die Entwicklungen der sozialen Medien verfolgt. Aktiv bin ich in den jeweiligen beruflichen Rollen mit Informationen über die jeweiligen Aktivitäten. Privates äussere ich sehr selten.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Eigentlich waren und sind Radio, Fernsehen und Zeitungen immer die zentralen Medien für mich, heute allerdings in digitaler Form. Wichtig bleibt eine professioneller Anspruch, deshalb verschwende ich nicht viel Zeit mit Plaudertaschen auf den sozialen Medien.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Im Wesentlichen beobachte ich auch bei jungen Journalistinnen und Journalisten denselben Anspruch an Relevanz, Qualität und Integrität. Natürlich gab und gibt es immer Personen, die Medien für ihre Interessen nutzen. Deshalb ist wichtiger denn je, dass sich journalistische Medienschaffende auf die zentralen Anforderungen von Professionalität einigen, Transparenz über ihre Arbeit schaffen und im selbstkritischen Diskurs ihre Arbeit reflektieren, wie dies beispielsweise im Presserat oder im MAZ geschieht.
Fundamental verändert haben sich die ökonomischen Voraussetzungen von journalistischen Medien. Mit der Entkoppelung des Werbemarktes auf digitale Plattformen, der Verengung des Lesermarktes durch Gratisangebote und der Plünderung der publizistischen Leistungen durch die Techgiganten ist die faire Finanzierung von Journalismus unter Druck geraten.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Keine Frage. Texte werden überall gelesen, auf allen Plattformen.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Kurzfutter macht nicht satt. Die Verhältnisse sind kompliziert und können nicht auf Schlagzeilen reduziert werden. Deshalb sollte man immer wieder einen langen Hintergrundbericht lesen, gelegentlich ein fundiertes Sachbuch in die Hand nehmen und mit einem belletristischen Buch in die unterschiedlichen Erfahrungswelten von Menschen eintauchen.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
In der Regel erkenne ich ein Buch, das mich nicht interessiert, schon am Covertext. Und wenn nicht, dann lese ich noch das letzte Kapitel.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Kultur und Wissenschaft. Im Kino, Theater oder in Ausstellungen werde ich häufig mit neuen Sichtweisen konfrontiert. Und die Wissenschaft weckt das Interesse ausserhalb der bestehenden Gewissheiten. Staunen ist eine der bereicherndsten Erfahrungen.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Die gedruckte Tagespresse wird es mit der Digitalisierung zunehmend schwer haben. Gepflegte Periodika im Wochen, Monats oder auch längeren Rhythmus werden auch künftig in gedruckter Form ihr Publikum finden.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Es ist die Aufgabe von Journalismus, verlässliche Informationen, begründete Meinungen und belastbare Analysen zu erarbeiten. In diesem Sinne geht den seriösen Medien die Arbeit im Zeitalter von Propaganda wie «Flooding the Zone with Shit», Hetze und Desinformation nicht aus. Sie können einmal mehr beweisen, wie sie systemkritisch relevant sind für demokratische und offene Gesellschaften.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Am Morgen Radio, am Abend die Bilder des Tages am Fernseher.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Ich schätze die Hintergrundspodcasts zu aktuellen Politthemen der SRG oder auch des «Tages-Anzeigers». Hier wird in kurzer Zeit ein Thema vertieft und interessanter Kontext geliefert.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Junge Menschen sollten so früh wie möglich die Bedeutung der journalistischen Information entdecken können. Es ist die Aufgabe der Schulen, Medien und auch der Familien, das Interesse an Informationen, Debatten und Entscheidungen zu wecken. Was gibt es spannenderes als täglich zu erleben, wie Politik und Wirtschaft die Rahmenbedingungen unseres Alltags definieren und zu erkennen, wo wir diese auch mitgestalten können.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Nein. Journalismus wird immer von Menschen gemacht, die Verantwortung tragen. Digitale Maschinen dienen als Werkzeug und sollten auf keinen Fall vermenschlicht werden.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Weder noch. Der Journalismus muss nicht befreit werden. Er ist als Handwerk schon immer frei im Rahmen der professionellen Anforderungen.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Ja, sicher. Am 8. März äusserte die Stimmbevölkerung ein klares Bekenntnis zum öffentlichen Service public. Jetzt gilt es, die Medienförderung auch von weiteren Anbietern der aktuellen digitalen Realität anzupassen. Sie ist aktuell noch in der analogen Welt des letzten Jahrhunderts erstarrt. Digitale Medienbieter von professionellem Journalismus wie Zentralplus oder die verschiedenen Initiativen von Journalismuskollektiven. Die Medienförderung soll die Vielfalt von journalistischem Schaffen und Angeboten ermöglichen.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ja, Kopf und Hand ergänzen sich ideal beim Schreiben mit einem Stift.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
In der Schweiz hoffe ich, dass er das Bewusstsein schärft für Fairness, Verlässlichkeit und Würde auch in der Medienarbeit.
Wem glaubst Du?
Glauben ist nicht meine Sache. Meine aktuelle Meinung bilde ich mir in Gesprächen und der kritischen Nutzung von Medien. Häufig muss ich mir eingestehen, dass es zu kompliziert ist für eine einfache Antwort.
Dein letztes Wort?
Wir müssen Sorge tragen zu einer Kultur der Kommunikation, die letztlich das friedliche Zusammenleben in einer vielfältigen Welt unterstützt.
Josefa Haas
Josefa Haas hat an der Universität Zürich Soziologie und Psychologie studiert und danach beim «Tages-Anzeiger» und bei «Cash» als Redaktorin gearbeitet. Sie hat die Unternehmenskommunikation der SRG geleitet, das Medieninstitut des Verbands Schweizer Medien geführt, war Rektorin der EB Zürich und Leiterin Kommunikation von Swiss Universitäres. Sie war Stiftungsratspräsidentin von Swissfilms und Vorstandsmitglied des Locarno Film Festivals. Heute arbeitet sie selbstständig als Expertin für Medien, Kommunikation, Bildung und Kultur und ist Verwaltungsrätin bei «Zentralplus», dem Onlinemagazin für Luzern und Zug.
Basel, 25.03.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Zentralplus
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
Wenn Sie kein Fragebogeninterview verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter.
- Das neue Fragebogeninterview
- Hinweis auf den Wochenkommentar
- Ein aktueller Sachbuchtipp
- Ein Roman-Tipp
Nur dank Ihrer Unterstützung ist das Fragebogeninterview möglich. Herzlichen Dank dafür!
3 Kommentare zu "Josefa Haas: «Kurzfutter macht nicht satt.»"
Immer mehr scheinen es auch mehrheits-, staats- und wirtschaftstreue Medien nicht mehr total verschweigen zu können, dass sie beherrscht werden von Bestien, Monstern, Irren, Wahnsinnigen, Satanisten, Kannibalen, Drogenabhängigen, Sexsüchtigen, Perversen, Pädophilen, Kriminellen, Schwerverbrechern, Lügnern, Betrügern, Straftätern, Verurteilten, Rechtsverdrehern, Menschenverachtern, Blendern, Täuschern, Schacherern, Geldgierigen, Machtgeilen und Degenerierten: also der sogenannten Elite, oder präziser: der Elite der aus der untersten Schublade stammenden Wesen der menschlichen Spezies. – Es freut mich, für und mit Projekten unterwegs sein zu dürfen, die ihre Geschicke friedfertig und menschenfreundlich selbst in die Hand nehmen. Es erfüllt mich mit Trauer, wenn sie – weil nicht systemkonform – den Bettel hinwerfen müssen, weil ihnen dafür das Geld fehlt.
An U. Keller:
Ihre letzten Zeilen berührten mich: Es ist ein trauriges Spiel, was hier gespielt wird. Wenn es denn ein Spiel wäre, doch es ist bitterer ernst.
An J. Haas
Gekonnt wird bei der Frage nach der Medienförderung, die Sie mit „Ja“ beantworteten, die Abstimmung vom 8. März über die SRG-SRF-Medien-Zwangs-Gebühren hervorgekramt.
Herr M. Zehner belehrte mich mehrmals, dass Medienförderung und Gebühren nicht das selbe sind. Das eine läuft über die Steuerschiene, das andere sind direkte Abgaben. So habe ich es von Hr. Zehnder gelernt.
Hier ein Zusammenhangskonstrukt zu kreieren finde ich unlauter. Denn die Ablehnung der SRG-SRF-Mediengebühr auf 200 Fr pro Jahr baut auf dem Versprechen einer Senkung auf 300 Fr pro Jahr auf, so stimmte der Souverän darüber ab, so stand es im Abstimmungsbüchlein.
Generell daraus eine Giesskanne für Medien zu basteln, ist bewusste Fehlleitung. Zumal es bei Online-Medien schwer ist, die Nutzung klar festzustellen; beim genauen Hinsehen des linken Online-Medium „Tsüri“ zum Beispiel stellte man ja sehr Merkwürdiges fest (vgl. Link unten). Die Steuerlast bzw. Steuerfranken von uns allen muss sehr achtsam und zurückhaltend verteilt werden, nicht nur bei Medien…..
Fies, Schreckliches + Unglaubliches hier:
https://insideparadeplatz.ch/2026/03/17/online-medium-tsueri-stimmen-zahlen/
Das ist ja eine fürchterliche Bande, die uns Herr Keller da präsentiert! So viele üble Burschen! Ich bezweifle, dass wir bei uns in der Schweiz so viele Medien haben, wie uns Herr Keller hier an Finsterlingen aufzählt. Die lassen sich vor allem so nicht zuordnen: für mich ist das unverbindliches bzw. unverantwortliches Geschwurbel. Und dann ist da Herrn Zweidlers Angst vor der Giesskanne! Er sieht das Problem nicht: Die angeblich sozialen Medien, die hinter ihnen stehenden Konzerne kümmern sich nicht um Urheberrechte und stehlen buchstäblich allen professionellen journalistischen Angeboten einen grossen Teil ihrer Einnahmen. Ich denke, das ist die „aktuelle digitale Realität“, die Frau Haas meint.