Jan Amsler: «Der Staat sollte die Werbeangebote der privaten Medien stärker nutzen.»

Publiziert am 4. Februar 2026 von Matthias Zehnder

Das 371. Fragebogeninterview, heute mit Jan Amsler, Co-Chefredaktor und Mitinhaber «Onlinereports.ch». Als Regionaljournalist beginnt er den Tag gerne mit den regionalen Zeitungen. Unter den sozialen Medien bevorzugt er LinkedIn, wobei ihn die «Weisheiten gewisser Nutzerinnen und Nutzer je länger, je mehr nerven.» Er mag es auch nicht, wenn «Journalistinnen und Journalisten die Hintergründe ihrer Recherche ausbreiten». Ein weiser Journalist habe ihm einmal gesagt: «Wir sind selbst nicht Teil der Geschichte». Er glaubt nicht, dass «die Medien ihre Themenwahl anpassen sollten, um mehr junge Menschen zu erreichen.» Er findet: «Medien müssen relevante Informationen liefern und nicht über das Glacé-Angebot in einer Stadt oder die neuste TikTok-Challenge berichten.» Es liege in der Natur der Sache, dass das Politische oft erst interessiert, wenn man «eine Familie hat, Auto fährt, Steuern bezahlt, für Wohneigentum spart. Diese Menschen müssen wir erreichen.» Er schüttelt den Kopf darüber, dass Tamedia auf KI setzt: «Journalismus bedeutet, Neues herauszufinden und sauber zu recherchieren», sagt er. Das werde KI niemals können. «Herr Supino und seine CEO Jessica Peppel-Schulz haben da etwas falsch verstanden: Bestehende Infos zusammenzuschreiben, ist nicht die Kernleistung unseres Berufs.» Zudem fordert er den Staat, staatsnahe Betriebe und die Unternehmen auf, die Werbeangebote der privaten Medien stärker zu nutzen. «Unternehmen sollten vermehrt ethisch reflektiertes Marketing betreiben, statt das ganze Kommunikationsbudget bei Big Tech rauszuhauen.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Das Frühstück lasse ich zwar oft aus, aber ich lese jeden Morgen die «bz», die «BaZ» und – dreimal pro Woche – die «Volksstimme». Ich schaue zudem meistens via SRF-App, welche Themen das Regionaljournal Basel abhandelt, und höre die Sendung gegebenenfalls nach. Auch gehören die Newsletter von «Prime News», «Bajour», «Infosperber», «persoenlich.com», NZZ (Guten Morgen Schweiz) und der «6iBrief» von «Tsüri» zu meinem Morgenritual. Ich lese nicht alles komplett, aber verschaffe mir einen Überblick über die Themen, mit Fokus auf das Regionale im Grossraum Basel.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Wir bewirtschaften für OnlineReports die Kanäle LinkedIn, Facebook, Instagram und X. Mit meinen persönlichen Accounts bin ich nicht sehr aktiv. Ich bevorzuge LinkedIn, wobei mich die Weisheiten gewisser Nutzerinnen und Nutzer je länger, je mehr nerven. Auch die Pseudo-Fragen am Schluss der Beiträge – «Hattest du auch schon einmal Probleme mit deinen Mitarbeitenden?» – sind störend. Dasselbe, wenn Journalistinnen und Journalisten die Hintergründe ihrer Recherche ausbreiten. Ein weiser Journalist hat mir einmal gesagt: «Wir sind selbst nicht Teil der Geschichte». Wenn ich nach einem langen Tag noch etwas runterfahren möchte, scrolle ich durch Instagram. Dies aber rein zur Unterhaltung, mit Information hat das wenig zu tun.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Eigentlich kaum. Vielleicht haben die Newsletter und die digitalen Medientitel an Bedeutung gewonnen. Und weil die gedruckten Zeitungen und E-Paper dünner geworden sind, habe ich sie schneller durchgeblättert und geswipt.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Besser waren, so erzählen es zumindest die älteren Journalistinnen und Journalisten, die Arbeitsbedingungen. Und die Vielfalt, die mit den Mantelzeitungen klar eingebüsst hat. Ich bin aber der Meinung, dass die Qualität der Beiträge nach wie vor stimmt. In der Corona-Pandemie wurde die Anwesenheitspflicht gelockert. Das ermöglicht ein flexibleres Arbeiten. Die Technik hat auch in dieser Hinsicht einen grossen Sprung gemacht; heute kann ich mit meinem Laptop fast alles tun und mich austauschen, egal, wo ich gerade bin. Ich habe schon im muffigen Warteraum im Basler Bahnhof SBB einen Artikel fertiggestellt und publiziert.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Auf jeden Fall. Sie werden vielleicht seltener gedruckt, sondern über andere Kanäle verbreitet. Aber ein Text hat Vorteile, die Video und Audio nicht bieten können: Wir Leserinnen und Leser können das Tempo selbst bestimmen, Passagen markieren, pausieren und später an derselben Stelle weitermachen. Das geschriebene Wort ist oft präziser, differenzierter, langlebiger.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Die Kolumnen von Marc Schinzel auf OnlineReports.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Meine Zeit ist zu knapp für schlechte Bücher. Wenn mir ein Buch verleidet, kommts weg («Das Café am Rande der Welt»).

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Im Kunstmuseum.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Puh …

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Fake News sind in jedem Fall schlecht und gefährlich.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Den Spengler Cup und Skirennen muss ich live schauen, zurückspulen kommt hier nicht infrage. Alles andere geht auch zeitversetzt.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Nein, ich lese und schaue. Und wenn ich den Abwasch mache, geniesse ich es, nichts ausser dem Wasser und dem Geklapper des Geschirrs zu hören. Dann kann ich entspannen.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Gewisse Chefredaktionen glauben, dass die Medien ihre Themenwahl anpassen sollten, um mehr junge Menschen zu erreichen. Ich halte das für falsch. Medien müssen relevante Informationen liefern und nicht über das Glacé-Angebot in einer Stadt oder die neuste TikTok-Challenge berichten. Es liegt ein Stück weit in der Natur der Sache, dass das Politische oft erst mit dem Alter interessiert: Wenn man eine Familie hat, Auto fährt, Steuern bezahlt, für Wohneigentum spart. Diese Menschen müssen wir erreichen.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Journalismus bedeutet, Neues herauszufinden und sauber zu recherchieren. Das wird KI niemals können. Herr Supino und seine CEO Jessica Peppel-Schulz haben da etwas falsch verstanden: Bestehende Infos zusammenzuschreiben, ist nicht die Kernleistung unseres Berufs.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

In der digitalen Welt kann jede und jeder mitmachen. Darum wird es für die etablierten Medientitel wohl schwieriger, aus der Masse herauszustechen.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ja. Dazu braucht es gar nicht so viel. Die meisten Medientitel bieten Werbeflächen an. Es würde schon helfen, wenn der Staat und die staatsnahen Betriebe diese Werbeangebote stärker für ihr Kommunikationsbedürfnis nutzen würden. Auch Unternehmen sollten vermehrt ethisch reflektiertes Marketing betreiben, statt das ganze Kommunikationsbudget bei Big Tech rauszuhauen.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ich mache mir oft von Hand Notizen (unlesbar) und schreibe Glückwunsch- oder Trauerkarten (lesbar).

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Schlecht, nicht nur für die Medien.

Wem glaubst Du?

Meiner Partnerin und meinem Sohn.

Dein letztes Wort?

Dranbleiben.


Jan Amsler
Jan Amsler (1989) hat im Sommer 2023 zusammen mit Alessandra Paone das Basler Pioniermedium «OnlineReports.ch» von Gründer Peter Knechtli übernommen. Da startete er 2014 seine journalistische Karriere mit einem Praktikum. Bis zu seiner Rückkehr leitete er das Team Politik auf der Lokalredaktion der «Basler Zeitung». Davor war er bei der «Volksstimme» in Sissach tätig. Amsler hat einen Bachelor of Arts in Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Er wohnt mit seiner Lebenspartnerin und dem gemeinsamen Sohn im Baselbiet.
https://onlinereports.ch/


Basel, 11.02.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: Pino Covino

Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/

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2 Kommentare zu "Jan Amsler: «Der Staat sollte die Werbeangebote der privaten Medien stärker nutzen.»"

  1. „Es würde schon helfen, wenn der Staat und die staatsnahen Betriebe diese Werbeangebote stärker … nutzen würden.“
    Was ist denn das für eine Formulierung? Das sind doch Werbemöglichkeiten bei privaten Medien, was etwas anderes ist als „Werbeangebote“.
    Das heißt im Klartext, der Staat und die staatsnahen Betriebe sollen für Werbung Geld bei Privatmedien ausgeben.
    Zum einen: Staatliche Stellen betreiben heute schon viel zu viel Werbung, Werbung für Dinge, die nur vom Staat (hier „Staat“ als Sammelbegriff für alle Ebenen) gemacht werden und somit an sich gar nicht beworben werden müssen. Dann erleben wir zunehmend, daß staatliche Stellen Angebote erfinden, die – genau besehen – niemand „bestellt“ hat. Da ist das staatliche Angebot schon fragwürdig und erst recht Werbeaktivitäten darum herum.
    Zum andern: Ich möchte keine Österreich-Verhältnisse, wo es zu einem Skandal gekommen ist, weil Ministerien nach eigenem Gusto Medienförderung über die gezielte Vergabe von Inseratekampagnen an bestimmte Medien betrieben haben. All das und dann so aufgesetzt, ist nicht Aufgabe des Staates.

  2. „Staatsnahe Stellen betreiben heute schon viel Werbung“ – diesem Satz von Herr Mohler kann ich beipflichten.
    Ich denke oft, für was gibt der Bund und die Kantone alles Geld aus. Es geht nicht um Unfallverhütungs-Plakate oder offizielle Anzeigen (z.B. Liegenschaftsversteigerungen). Es geht um Werbung für wirklich Unnützes – geplant und teuer umgesetzt von namhaften Agenturen. Auch Städte (Züri, Basel) produzieren Unmengen an Werbung, welche total an der Zielgruppe vorbei geht… Einfach Steuerfranken rausballern, damit irgendeine Fachstelle wieder für ein halbes Jahr Arbeit hat – EMPFINDE ICH….
    Es kann nicht sein, dass der Staat einfach Werbung schaltet um Werbung geschaltet zu haben.
    Und die ewigen Subventionshonigtöpfe auf welche Medien sich geradezu abstützen und verlassen – führt zur Trägheit, Schwerfälligkeit und Abhängigkeit, im Journalismus eben nicht nur finanziell, sondern auch brandgefährlich inhaltlich. Es ist auf der ganzen Welt so, weshalb sollte es bei uns (Extrawurst?) anders sein.
    Zudem: Ich weiss, Förderung (Steuerfranken) und Gebühren (SRG-SRF-Zwangs-Gebühren) sind nicht das selbe. Doch für den Endverbraucher schon. Denn es fehlt jedesmal etwas im Portemonnaie. Und sparen wäre beidseits angesagt.
    Gestern druckte der Print-Blick Diagramme über die Gelder der SRG ab. U.a. ein allgemeines Diagramm aus dem ersichtlich wurde, das die Personalkosten den Löwenanteil ausmachet. Und dann noch aufgeschlüsselte Diagramme. In welche Sparten fliesst z.B. der Programmegeldfluss? Ein Stück vom Diagrammkuchen war die „Unterhaltung“. Und heute stand im Print-Blick auf der Leserseite dass genau der „Unterhaltungsteil“-Geldblock die Geldkürzung der Initiative ausmachen würde. Also keine Unterhaltung mehr, aber Sport, News, Info, Arena usw…. problemlos möglich. Und das abgelullte „Lauberhorn“ sowieso, da es eine Cashcow ist und bleibt. Et voila: Unterhaltung ist keine „Staatsaufgabe“ – das können Private auch. Toll: Ein aufmerksamer Leser hat dies herausgedröselt. Und es wurde zum Aufhänger im heutigen Print-Blick.
    Bei der Förderung (Gebühren) usw. muss man aufpassen, dass sich das Ganze nicht ins uferlose ausdehnt.
    Gerade von einem soliden (eher bürgerlichen) Online-Reports-Medium hätte ich eine andere Antwort erwartet. Peter Knechtli (der Gründer von Online-Reports) nahm nie einen Subentionsfranken und bekam ihn auch nicht. Und schuf etwas so Grosses. Dito Roger Schawinski, er erhielt noch nie einen Steuerfranken und macht bestes TV und Radio ever.
    (Bei seinem Bündner Radioprojekt hätte er erhalten, wurde aber durch das Ostschweizer Kartell der etablierten Subventionsjäger verhindert….)
    Lieber Herr J. Amsler – ansonsten schaue ich immer wider gern bei OR vorbei – welches unbedingt durch freche Aktionen (die eben kein Geld brauchen, Ideen sind kostenlos) noch einem grösseren Kreis bekannt gemacht werden sollte. Ein freundlicher Lesergruss geht so oder so an den Münsterplatz hoch – weiter so…..

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