Cornelia Diethelm: «Wer keine Eigenleistung erbringt, wird immer weniger relevant.»
Das 364. Fragebogeninterview, heute mit Cornelia Diethelm, Expertin für Digitale Ethik, Unternehmerin und Verwaltungsrätin. Sie findet es nicht relevant, wie lange es noch gedruckte Tageszeitungen gibt. «Relevant ist doch die Qualität der Inhalte und dass gute journalistische Inhalte überall da präsent sind, wo die Menschen sind, zum Beispiel auch auf Social-Media-Kanälen.» Eine grosse Chance sieht sie in der Möglichkeit, einen Inhalt «für unterschiedliche Bedürfnisse in unterschiedlichen Formaten aufzubereiten, zum Beispiel als Text auf der Website, als Podcast oder als Erklärvideo.» Mit Hilfe von KI sei es sogar möglich, Inhalte «in einfacher oder Leichter Sprache zur Verfügung stellen oder mit Untertiteln versehen». Das Potenzial sei gross, dass wir «mehr Menschen mit guten Inhalten und auf möglichst vielen Kanälen erreichen können.» Sie ist sicher: «Wer keine Eigenleistung erbringt, wird immer weniger relevant.» Sie geht zudem davon aus, dass «einzelne Personen wichtiger werden, mit denen wir uns identifizieren und die für glaubwürdige Inhalte stehen.» Medienkonzerne seien deshalb nicht mehr die Einzigen, die für gute journalistische Inhalte stehen. «Auch unabhängige Organisationen und Expertinnen haben viel zu bieten. Ihre Inhalte sind besonders attraktiv, wenn es um das Training von KI-Systemen geht.» Entsprechend kritisch sieht sie die Medienförderung, die sie vor allem als «Förderung von Medienkonzernen» wahrnimmt: «Wir sollten uns stärker fragen, welcher Journalismus wirklich relevant ist für uns als Gesellschaft und diesen mit öffentlichen Geldern fördern.» In diesem Kontext finde sie «eine starke SRG, die für einen qualitativ hochstehenden medialen Service Public steht, richtig und wichtig.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Ich starte mit der SRF News App und der digitalen Ausgabe der NZZ in den Tag. Am Sonntag habe ich mehr Zeit. Da geniesse ich die digitalen Ausgaben der NZZ am Sonntag und der Sonntagszeitung.
Während des Tages und abends kommen weitere digitale Medien aus dem In- und Ausland dazu sowie einmal pro Woche ein lokales Printmedium und die WOZ – beide auf Papier.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Was ich an Twitter geliebt habe, gibt es nicht mehr. Deshalb habe ich meinen Account vor ein paar Jahren gelöscht. Es war der Schlusspunkt eines schleichenden Abschieds, denn ich war immer stärker auf LinkedIn aktiv. Hier kann ich weiterhin auf mich und meine Expertise aufmerksam machen, profitiere vom Wissen anderer und kann mein Netzwerk laufend ausbauen. Seit ich selbstständigerwerbend bin, ist das für mich noch wichtiger geworden.
YouTube finde ich als Wissensquelle ebenfalls wertvoll. Ich nutze sie spontan und themenbezogen. Auf Instagram bin ich präsent, aber nicht aktiv. Und meinen Facebook-Account habe ich noch nicht gelöscht, weil ich hier mit ein paar Personen verbunden bin, die auf keiner anderen Plattform sind.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Früher habe ich mich morgens und abends informiert, heute mehrmals pro Tag. Was ich schätze, ist die Vielfalt an Quellen und dass ich mir dank dem Internet alle relevanten Informationen aus erster Hand besorgen kann. Zum Beispiel verfolge ich die Medienkonferenzen des Bundesrates bei wichtigen Themen auf YouTube oder ich schaue mir Studien, über die medial berichtet wird, im Original an.
Und ich bin sehr froh, dass es Social-Media-Kanäle gibt. Da stosse ich regelmässig auf spannende Beiträge und Persönlichkeiten.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Weder noch. Es hat sich einfach viel verändert, wie in allen anderen Lebensbereichen auch. Einiges wird im Journalismus auch verklärt. Zum Beispiel wurden journalistische Produkte bereits früher vor allem durch Werbung finanziert, nicht über Abonnements.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Ja klar! Aber in Zukunft wird das gesprochene Wort nicht mehr immer am Anfang stehen. Ich gehe davon aus, dass Audio deutlich wichtiger wird und daraus dann unter anderem ein Text entsteht.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Generell lohnt es sich, gute Bücher zu lesen, um Zusammenhänge zu verstehen und auf neue Ideen zu kommen. Meine drei spontanen Büchertipps:
Um den Optimismus nicht zu verlieren, empfehle ich das Buch «Im Grunde gut» von Rutger Bregman. Und wer Lust auf eine Zukunftssatire über die Verheissungen und die Fallstricke der Digitalisierung hat: «Qualityland» von Marc-Uwe Kling finde ich grossartig!
Apropos Zukunft: Es wird immer wichtiger, dass wir über KI-Kompetenz verfügen. Katharina Zweig zeigt in ihrem unterhaltsamen und gut verständlichen Buch «Weiss die KI, dass sie nichts weiss?», was KI-Systeme wie ChatGPT wirklich können und was nicht. Dieses und weitere Sachbücher von Katharina Zweig sind top!
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Früher war das Weglegen tatsächlich keine Option. Heute kommt es ab und zu vor, denn ich habe gemerkt, dass es oft Bücher sind, bei denen ich mich verpflichtet fühle, sie zu lesen. Das hält mich dann vom Lesen anderer Bücher ab und ist kontraproduktiv.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Aus den Gesprächen mit Menschen in meinem persönlichen und beruflichen Umfeld, aber auch über Beiträge auf LinkedIn und in den Medien. Interessieren kann ich mich für sehr viel. Der limitierende Faktor ist eher die Zeit.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Ist das relevant? Für mich nicht. Relevant ist doch die Qualität der Inhalte und dass gute journalistische Inhalte überall da präsent sind, wo die Menschen sind, zum Beispiel auch auf Social-Media-Kanälen.
Eine grosse Chance bietet die Möglichkeit, einen Inhalt für unterschiedliche Bedürfnisse in unterschiedlichen Formaten aufzubereiten, zum Beispiel als Text auf der Website, als Podcast oder als Erklärvideo. Und mithilfe von KI können wir Inhalte sogar in einfacher oder Leichter Sprache zur Verfügung stellen oder mit Untertiteln versehen.
Das Potenzial ist gross, dass wir mehr Menschen mit guten Inhalten und auf möglichst vielen Kanälen erreichen können.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Für die Medien sehe ich hier eine Chance. Voraussetzung ist, dass sie relevante und interessante Inhalte zur Verfügung stellen. Wer keine Eigenleistung erbringt, wird immer weniger relevant. Ausserdem gehe ich davon aus, dass einzelne Personen wichtiger werden, mit denen wir uns identifizieren und die für glaubwürdige Inhalte stehen. Medienkonzerne sind deshalb nicht mehr die Einzigen, die für gute journalistische Inhalte stehen. Auch unabhängige Organisationen und Expertinnen haben viel zu bieten. Ihre Inhalte sind besonders attraktiv, wenn es um das Training von KI-Systemen geht.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Ich nutze diese Möglichkeit bei tagesaktuellen Informationen nur, wenn es zeitlich gerade passt. In der Regel schaue ich mir Sendungen wie «Tagesschau», «Sternstunde Philosophie», «Einstein» oder «SRF Dok» abhängig vom Thema und zeitversetzt an.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Ich höre regelmässig Podcasts und es werden immer mehr. Im Moment höre ich regelmässig die Podcasts «KI verstehen», «They Talk Tech», «Datenschutz-Plaudereien», «Zimmer 42 mit Barbara Bleisch» sowie «Fast & Curious». Und natürlich freue ich mich immer, wenn mich Personen auf den Podcast «Diethelm & Genner» ansprechen.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und mit Blick auf unsere direkte Demokratie halte ich eine Grundinformation über das aktuelle Geschehen für sehr wichtig. Relevant ist die Frage, weshalb sich immer weniger Personen informieren. Die Gründe zu verstehen ist wichtig, um für sie relevante Angebote machen zu können.
Was mich bei der Diskussion um die «News Deprivierten» stört, ist der Fokus auf die klassischen Medien. Relevant als Gesellschaft ist, dass wir informiert sind, egal über welchen Kanal und in welcher Form dies erfolgt.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Das Wort Roboter würde ich in diesem Kontext vermeiden, denn bei diesem Wort denken viele an einen humanoiden Roboter, der den Menschen ersetzt. Doch darum geht es selten, wenn wir über die Auswirkung der Digitalisierung inklusive KI sprechen.
Nun zu deiner Frage: Je mehr ein Medienkonzern auf «Fast Food» und Clickbaiting setzt, desto mehr kann diese Arbeit von einer Software bzw. von einem KI-System übernommen werden. Doch für solche Inhalte sind immer weniger Menschen bereit, etwas zu bezahlen. Deshalb ist das eher für Kurzinformationen geeignet wie Sportergebnisse, Börsenkurse oder das Abstimmungsergebnis in einer Gemeinde.
Echte Mehrwerte für Mitarbeitende und die Kundschaft entstehen da, wo digitale Lösungen und KI-Systeme Menschen bei ihrer Arbeit unterstützen, nicht ersetzen. Wir müssen die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellen, nicht die Technologie.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Die Digitalisierung ist schon lange im Gang und führt in allen Arbeits- und Lebensbereichen zu Veränderungen und zu einem globalen Wettbewerb. Natürlich sind auch die Medienkonzerne und der Journalismus von diesen Veränderungen betroffen.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Ich nehme die Medienförderung vor allem als Förderung von Medienkonzernen wahr. Wir sollten uns stärker fragen, welcher Journalismus wirklich relevant ist für uns als Gesellschaft und diesen mit öffentlichen Geldern fördern. In diesem Kontext finde ich eine starke SRG, die für einen qualitativ hochstehenden medialen Service Public steht, richtig und wichtig.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ja, zum Beispiel wenn ich mir Notizen während der Arbeit oder an Sitzungen mache oder beim Brainstorming. Auf einem Blatt Papier habe ich mehr Gestaltungsfreiheit.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Weil Donald Trump ständig für Aufregung sorgt, ist das wahrscheinlich für viele Medien gut. Doch wie viele Aufreger sind relevant? Und wie viele Beiträge haben mit gutem Journalismus zu tun? Ich vermute, dass das nur ein kleiner Teil ist.
Wem glaubst Du?
Authentischen, integren und kompetenten Menschen glaube ich mehr als Maschinen. Am Ende bleibe ich natürlich verantwortlich für das, was ich glaube und tue. Das kann mir niemand abnehmen.
Dein letztes Wort?
Herzlichen Dank für diese anregenden Fragen!
Cornelia Diethelm
Als Expertin für Digitale Ethik, Unternehmerin und Verwaltungsrätin vermittelt Cornelia Diethelm zwischen der Wirtschaft und den Erwartungen der Gesellschaft und setzt sich mit strategischen Trends auseinander. Dieses Wissen gibt sie auch als Studiengangsleiterin des CAS Digital Ethics an der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ) sowie als Dozentin in verschiedenen Studiengängen weiter. Cornelia Diethelm hat Politikwissenschaft, Betriebs- und Volkswirtschaft auf dem zweiten Bildungsweg studiert, später einen MAS in Digital Business absolviert und sich in Technoethik weitergebildet.
https://digitalresponsibility.ch/
Basel, 17.12.2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Barbara Hess
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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Ein Kommentar zu "Cornelia Diethelm: «Wer keine Eigenleistung erbringt, wird immer weniger relevant.»"
KI macht nicht nur „gute“ Erklärungen (hoffentlich ideologiefrei) in leichter Sprache, wie Fr. Diethelm in einer Antwort sagt, sondern…
KI macht jetzt auch künstliche Musik = das ist ja schon wieder bekannt und alt….
Doch KI macht jetzt auch die Musik im Nachtprogramm von div. Radiosendern (fachlich = Nachtstrecke). So können die Sender die SUISA-Abgaben umgehen. Die KI-Musik ist Lizenzfrei.
So ist halt die Zukunft, ob es den verkrusteten Strukturen wie SUISA, SEFAFE, GEZ usw…. gefällt oder nicht.
Siehe ganzer Bericht hier:
https://www.persoenlich.com/medien/suisa-warnt-vor-erheblichen-verlusten
An einer Antwort sieht man wie von Vorgestern all diese Strukturen sind (Bsp. Suisa):
„Besonders gravierend sei dabei der Verlust der Werbe- und Entdeckungsfunktion des Radios, so die Suisa: «Viele Menschen werden erst über das Airplay auf eine Künstlerin oder einen Künstler aufmerksam.“
Das war einmal.
Sicher nicht mehr viele werden über „Airplay“ (also über das Radioprogramm) auf einen Künstler aufmerksam. Das geht heute via Musikstreaming-Vorschläge, über gegenseitiges Vorschlagen in den Sozialen Medien, über Vorschläge auf You-Tube (bei mir). Das weiss auch/sogar der junge R. Schawinski (80), der bei KI Musik in der Nacht (schöne KI-Musik) aktiv dabei ist – liebe Museums-Suisa..
Sicher nicht mehr über SRF1 oder Basilisk usw…. liebe Suisa. An solchen Antworten/Einstellungen merkt man Eurer Mittelalter und das solche verkorksten Strukturen wie Susia, Billag, Serafe, GeZ usw…. überreformbedürftig sind…. Unglaublich.