Christian Beck: «Medienkompetenz ist wichtiger denn je, sonst definieren nur noch die lautesten Schreihälse die Wahrheit.»

Publiziert am 10. Dezember 2025 von Matthias Zehnder

Das 363. Fragebogeninterview, heute mit Christian Beck, Redaktionsleiter bei persoenlich.com. Angesprochen auf die Veränderungen in seinem Berufsalltag zählt er von Fotopapier bis MiniDisc eine Reihe ausgestorbener Medientechnologien auf und meint dann: «Okay, ich scheine entweder sehr alt zu sein oder die Veränderungen waren in den letzten Jahren rasant. Wahrscheinlich beides.» Trotz Videoboom im Internet ist er überzeugt, dass geschriebene Worte Zukunft haben, «die Frage ist nur, ob das Trägermaterial noch ewig Papier sein wird.» Wenn sich in wenigen Tagen «20 Minuten» vom Print verabschiede, werde das «vielen Pendlerinnen und Pendlern gar nicht fehlen – höchstens als Sitzunterlage». Der Tod der gedruckten «20-Minuten»-Ausgabe rücke aber «auch das Ende der bezahlten Abo-Zeitungen wieder ein Stück näher.» Am längsten werde es die hyperlokalen Quartierzeitungen geben: «Niemand sonst schreibt vom neuen Veloständer direkt vor meiner Haustüre.» Eine «riesige Herausforderung» sieht er in Fake News: «Fast die Hälfte der Bevölkerung nutzt kaum mehr Medien, und wer es noch tut, liest oft nur Titel und Lead. Medienkompetenz ist wichtiger denn je, sonst definieren nur noch die lautesten Schreihälse, wie die Wahrheit aussehen soll.» Er findet deshalb, dass es in der Schweiz eine Medienkompetenzförderung brauche: «Nur wer Fake News erkennt, schätzt echten Journalismus. Und zahlt vielleicht sogar dafür. Damit wäre dann auch die Finanzierungsfrage gelöst.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Diese Frage könnte tatsächlich der aktuelle Aufhänger für das Fragebogen-Interview mit mir sein. Seit Jahren frühstücke ich nämlich nicht. Meine Ernährungsberaterin hat mir aber vor einigen Tagen empfohlen, ein «proteinreiches Frühstück» einzubauen. Unverändert bleibt, dass ich als allererstes – und zwar noch im Bett – den Daily-Newsletter von persoenlich.com abchecke. Nach dem Duschen snacke ich durch die Apps von «20 Minuten», «Blick», «Watson», «Tages-Anzeiger» und NZZ – seit Neustem mit einem «High Protein Drink» in der Hand. Der mit Walnuss-Caramel-Geschmack ist bisher mein Favorit. Fahre ich mit dem Bus zur Arbeit, blättere ich noch durch die E-Papers von «Tagi», «Blick», NZZ und CH Media. Gehe ich hingegen zu Fuss, gönne ich mir ein «Power Digital Detox» für 30 Minuten, bevor ich auf den Highway des Arbeitsalltags einbiege.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Es wird immer weniger. Facebook dient mittlerweile noch als Adressarchiv für Kontakte aus der Primarschulzeit und wird gelegentlich automatisch gefüttert mit Inhalten, die ich auf Instagram poste. Von X habe ich mich verabschiedet, da selbst ein harmloser Tierli- oder Blüemli-Post dort mittlerweile für Hasskommentare sorgt. Dazu habe ich weder Lust noch Zeit, geschweige denn die Energie. So bin ich zu BlueSky gewechselt, bin dort aber eher inaktiv. Bei Threads und Mastodon habe ich kurz reingeschnuppert, wie ich das bei fast allen neuen Apps mache. YouTube und TikTok nutze ich privat praktisch nicht. Dafür immer mehr LinkedIn, das Facebook zunehmend ähnlich sieht. Und somit schliesst sich quasi auch der Social-Media-Kreislauf.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Gestartet bin ich im Fotojournalismus, damals haben wir die Bilder noch von Hand entwickelt. Und als ich in den Lokaljournalismus einstieg, standen Aschenbecher zwischen Tastaturen und Bildschirmen. Beim Radio nahm ich mit MiniDisc auf, und beim Regionalfernsehen filmten wir auf Kassetten. Okay, ich scheine entweder sehr alt zu sein oder die Veränderungen waren in den letzten Jahren rasant. Wahrscheinlich beides.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Ich bin kein Freund von Glorifizierung der Vergangenheit. Ich lebe lieber im Jetzt. Aber klar, wer kennt es nicht, der im Journalismus arbeitet: Man erhält schleichend immer mehr Aufgaben dazu. Und die Budgets werden nicht grösser. Das ist nicht nur gut.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Geschriebene Worte haben ganz klar Zukunft, die Frage ist nur, ob das Trägermaterial noch ewig Papier sein wird. Die Form wandelt sich, die Substanz muss es nicht. Wenn sich in wenigen Tagen «20 Minuten» vom Print verabschiedet, wird dies vielen Pendlerinnen und Pendlern gar nicht fehlen – höchstens als Sitzunterlage. Die meisten ÖV-Nutzenden hängen längst am Smartphone. Und lesen dort geschriebene Worte.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Natürlich gehört persoenlich.com für Medienschaffende und Kommunikationsleute zum Start in den Tag. Ansonsten empfehle ich «Mieses Karma» von David Safier. Die witzige Geschichte begleitet eine TV-Moderatorin, die von Weltraumschrott erschlagen und als Ameise wiedergeboren wird, weil sie im Leben viel mieses Karma gesammelt hat. Nur gutes Karma hilft ihr, im nächsten Leben «etwas Besseres» zu sein. Eine perfekte Lektüre für alle, die im Mediengeschäft tätig sind.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Da ich berufsbedingt sehr viel News lese, komme ich nur selten dazu, für ein Buch genügend Musse zu finden. Und wenn, geschieht dies in den Ferien. Fesselt mich das Buch nach 20, 30 Seiten nicht, bleibt es an der Feriendestination für den nächsten deutschsprachigen Reisenden liegen. Okay, damit sammle ich vielleicht auch mieses Karma. Immerhin lasse ich aber für das gute Karma auch die guten Bücher für den nächsten liegen. Ich bin kein Sammler.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Beim Endlos-Swipen durch den Instagram-Feed. Seit Kurzem folge ich einem LKW-Fahrer, der seinen Arbeitsalltag mit einer Ray-Ban-Meta-Brille festhält. Vielleicht brauche ich nach meinem hektischen Arbeitsalltag einfach mal jemanden, der – zwangsläufig – nicht dauernd auf der Überholspur unterwegs ist. Und plötzlich ist es drei Uhr morgens.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Sie wurden schon so oft totgesagt. Aber mit dem Tod der gedruckten 20-Minuten-Ausgabe rückt auch das Ende der bezahlten Abo-Zeitungen wieder ein Stück näher. Am längsten wird es wohl die hyperlokalen Quartierzeitungen geben. Niemand sonst schreibt vom neuen Veloständer direkt vor meiner Haustüre.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Puh, Fake News sind jedenfalls eine riesige Herausforderung. Und eine Gefahr für die Demokratie, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für das Vertrauen in Fakten. Fast die Hälfte der Bevölkerung nutzt kaum mehr Medien, und wer es noch tut, liest oft nur Titel und Lead. Medienkompetenz ist wichtiger denn je, sonst definieren nur noch die lautesten Schreihälse, wie die Wahrheit aussehen soll.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Live sehe ich praktisch nicht mehr fern. Sicher ist dies auch der Tatsache geschuldet, dass ich weder sportlich noch sportinteressiert bin. Zeitversetzt schalte ich regelmässig die «Tagesschau» und «10 vor 10» ein, gelegentlich «Late Night Switzerland» oder «Die Sendung des Monats». Bei letzterer war ich auch schon zweimal bei der Aufzeichnung im Plaza Klub in Zürich dabei. Das ist quasi kostenlose Live-Kleinkunst. Und einmal im Jahr schaue ich die neuste Staffel von «Sing meinen Song – Das Schweizer Tauschkonzert». Gebingt, also an einem Stück durchgeschaut, habe ich kürzlich die fiktionale Medienserie «L’ultim Rumantsch». Radio läuft bei mir selten – vor allem, seit ich kein Auto mehr besitze. Zu sehr geniesse ich zwischendurch die absolute Ruhe. Und wenn, dann ist es James FM. Nicht, weil ich dem Musiksender meine Stimme leihe, sondern weil mir der Musikmix wirklich gut gefällt.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Podcast ist ein Medium, das mich nie richtig gepackt hat. Wenn ich auf Reisen das Bedürfnis nach einem Podcast habe, ist es «Dini Mundart» von SRF. Da lernt man noch etwas über die Sprache.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Ich habe es bereits erwähnt: Fake News haben so ein immer leichteres Spiel. Gerade auf Social Media, wo sich viele Junge heute informieren, ist der Anteil an Fake News sehr gross. Umso wichtiger ist es, Medienkompetenz zu fördern – in der Schule, in der Familie, unter Freunden. Und Medien müssen sich Gedanken machen, wie sie die Jungen auf den neuen Kanälen erreichen. Und das fög sollte mal einen neuen Begriff für die News-Deprivierten erfinden. Ein furchtbares Wort.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Erst in zehn Jahren? Das wird früher der Fall sein. Wer sich in den letzten Jahren mit KI-Tools auseinandergesetzt hat, hat bemerkt, wie schnell die Entwicklung vorangeht. Längst gibt es schon KI-Zeitungen. Die machen aber momentan nichts anderes, als ihre Informationen bei anderen Medien zusammenzuklauen. Automatisieren lässt sich das Handwerk: Meldungen, Zusammenfassungen, Datenauswertungen. Aber wirklich journalistische Arbeit – von der Recherche über das kritische Nachfragen bis zum Einordnen – bleibt menschlich. Noch. Die Hand ins Feuer dafür legen würde ich aber mittlerweile nicht mehr.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Digitalisierung bedeutet immer Transformation. Die Fotografie gibt es immer noch, auch wenn heute kaum noch Bilder von Hand entwickelt werden. Radio gibt es immer noch, auch wenn heute niemand mehr mit Bandmaschinen oder MiniDisc Interviews aufzeichnet. Auch Fernsehen gibt es immer noch, auch wenn heute keine Kassetten mehr benötigt werden. Klar bedroht die Digitalisierung alte Geschäftsmodelle, ermöglicht aber gleichzeitig Chancen. Die Frage ist nur: Nutzen wir sie auch schnell genug?

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Das beste Rezept wäre, wenn Journalismus unabhängig finanziert werden könnte. Da das kaum jemand hinkriegt, braucht es Medienförderung. Noch wichtiger aber: Medienkompetenzförderung. Nur wer Fake News erkennt, schätzt echten Journalismus. Und zahlt vielleicht sogar dafür. Damit wäre dann auch die Finanzierungsfrage gelöst.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

To-do-Listen schreibe ich häufig von Hand. Und kann danach meine eigene Schrift nicht mehr entziffern. Somit bleiben viele Dinge dann doch liegen. Vielleicht ist das meine unbewusste Strategie gegen potenzielle Überlastung.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Donald Trump und Medien in einem Satz zu nennen, ist wahrlich gewagt. Ökonomisch ist Trump dank Klickzahlen ein Geschenk für Medien. Journalistisch und demokratiepolitisch eine Katastrophe. Seine Regierung führt einen systematischen Angriff auf die Pressefreiheit: Journalisten werden als «Feinde des Volkes» diffamiert, kritische Berichterstattung als Fake News abgetan, Medienschaffende von Pressekonferenzen ausgeschlossen. Das Perfide: Diese Strategie funktioniert. Ein erheblicher Teil seiner Anhänger glaubt ihm mehr als etablierten Medien. Manchmal bleibt mir echt die Spucke weg.

Wem glaubst Du?

Eigentlich lautet mein Grundsatz: Ich glaube nichts, halte aber alles für möglich. Meinem Bauchgefühl vertraue ich immer. Und meiner Tochter.

Dein letztes Wort?

«Isch doch lässig.»


Christian Beck
Christian Beck ist Journalist BR, seit 2016 Redaktor bei persoenlich.com, seit Januar 2025 dessen Redaktionsleiter. Der bald 52-Jährige bringt 35 Jahre Medienerfahrung mit – von der Pressefotografie («Zürichsee-Zeitung») über Lokaljournalismus («Höfner Volksblatt») und Radio (Radio Zürisee) bis zu TV (TeleZüri als Videojournalist und Produzent) und Online. Beck ist seit 2022 Vorstandsmitglied beim Verein Qualität im Journalismus (QuaJou).
www.christianbeck.ch


Basel, 10.12.2025, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: Anja Wurm

Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/

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