Bruno Kaufmann: «Das auf Papier gedruckte Worte ist zeitlos»

Publiziert am 28. April 2021 von Matthias Zehnder

Das Fragebogeninterview über Mediennutzung – heute mit Bruno Kaufmann, Nordeuropakorrespondent von Radio SRF. Er sagt: «Fürs Radio habe ich wie für Tageszeitungen eine echte Passion.» Seit 1990 berichtet er aus Schweden für Radio SRF über das Gebiet zwischen Grönland und Litauen. Dafür liest er jeden Morgen ein halbes Dutzend Tageszeitungen – und hört wenn möglich «ABC SRF3». Kaufmann setzt sich seit bald 40 Jahren mit der Digitalisierung auseinander und sagt: «Ich sehe diese Entwicklung ganz klar als Chance und Herausforderung, Informationen und Sichtweisen breiter, vielfältiger und dialogischer zu vermitteln.» Gut genutzt biete die Digitalisierung die Chance, «die Demokratie weltweit zu demokratisieren.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Meine Tageszeitungen! Ich erhalte täglich zwischen sechs und neun geliefert. Normalerweise direkt in den Briefeinwurf in der Türe meiner Stadtwohnung, wo sie zwischen vier und fünf morgens eintreffen, aber in den warmen Sommermonaten auch in den etwa einen Kilometer von meinem Sommerhäuschen am Fluss entfernten Briefkasten. Weil wir gerade an einer Provinzgrenze wohnen, kommen hier die Zeitungen schon zwischen zwei und drei Uhr morgens. So kann ich stets die Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen nah und fern bewundern und beim Frühstück eine wunderbare Vertiefung in die aktuellen Geschehnisse dieser Welt. Aktuell abonniere ich folgende Zeitungen: «Arboga Tidning» (Lokalblatt), «Dagens Nyheter», «Svenska Dagbladet», «Dagens Industri» (Nationale Zeitungen), «Norrländska Socialdemokraten» (Regionalblatt aus Nordschweden), «Tages-Anzeiger» und «New York Times». Je nach anstehenden Wahlen oder Reisen kommen noch weitere Blätter hinzu: gegenwärtig die «Shetland Times», «Baltic Times» und «Fremover» (Nordnorwegen).

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

Ich bin früh eingestiegen und nutze diese und anderen sozialen Medien für verschiedene Zwecke. Facebook als persönliches Anschlagbrett, Twitter als Newsflash und Empfehlungskanal, Instagram als Schnappschussvermittler.

Wie hat das Corona-Virus Deinen medialen Alltag verändert?

Nicht grundsätzlich. Als Auslandkorrespondent verfüge ich schon seit 1990 über eine E-Mailadresse (damals gab es gemäss Schweizer Journalistenhandbuch noch einen zweiten mit einer…) und publizierte meinen ersten Online-Artikel im Tagesanzeiger 1993 (mit dem damaligen litauischen Staatspräsidenten, was wiederum in Litauen für Schlagzeilen in der gedruckten Presse führte). Seit bald dreissig Jahren bin ich also online und mobil unterwegs, wobei natürlich die Corona-bedingten Reiseinschränkungen dazu geführt haben, dass ich viele Treffen und Interviews nun von zuhause aus mittels ständig neuer Anwendungen mache, statt wie üblich gut 200 Tage im Jahr unterwegs zu sein. Die jüngste Entdeckung ist die Videointerview-Software Riverside, die mir bei der Herstellung multimedialer Inhalte sehr hilfreich ist.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Vieles hat sich verändert. Die Vielfalt ist vom Print ins Online umgezogen. Meine ersten Beiträge aus dem Ausland bot ich Ende der 1980-er Jahre per Fax am Morgen an die verschiedenen Redaktionen des sogenannten AZ-Rings an, dann hatte ich bis 1993 einen «Bauchladen» mit etwa zehn Regionalzeitungen, die alle über eine eigenständige Auslandredaktion verfügten und auch entsprechend mit Mitarbeitenden weltweit operierten. Heute gibt es kaum noch eigenständige Auslandredaktionen und Korrespondentennetze. Sicherlich keine positive Entwicklung. Umgekehrt hat die grenzüberschreitende Entwicklung und fehlenden journalistischen Qualitäten vieler Online-Medien dazu geführt, dass viele Menschen im Land an einer grundlegenden medialen Infrastruktur festhalten möchten und auch bereit sind, dafür etwas zu bezahlen. Das deutliche Nein der Stimmbevölkerung zur «No-Billag»-Initiative, die die Abschaffung der Haushaltsgebühr für eine öffentlich-rechtliche mediale Infrastruktur in allen Landessprachen propagierte, ist deutlicher Ausdruck dafür. Insgesamt hat die Medienvielfalt zugenommen und ist demokratischer und partizipativer geworden. Das ist klar positiv zu bewerten.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Definitiv. Nichts deutet auf ein baldiges Ableben von gedruckten und publizierten Texten hin.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Eine Tageszeitung. Gerne auch mehrere. Dazu auch reflektierende Magazine und Jahrbücher. Sie schaffen Ein- und Ausblicke.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Da bin ich sehr wählerisch. In meinen Regalen stehen manche Bücher, die ich nicht von Anfang bis Ende gelesen habe. Umgekehrt greife ich immer wieder auch zu Werken, die ich vor Jahren noch kaum Beachtung geschenkt habe, aber immerhin mitbekam, um was es ging. Ein solches Buch ist «Dødsrytteren» (Todesreiter) des norwegischen Krimiautoren Øystein Wiik, den ich an einem Literaturfestival in Longyearbyen (Haupstadt des Spitzbergen-Archipels) kennenlernte. Erst Jahre später und im Zusammenhang mit einer Recherche zur nördlichen arktischen Seeroute zwischen Europa und Asien entdeckte ich, wieviel dazu Wiik schon in einem Buch aufgenommen hatte.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Auf Reisen treffe ich immer wieder Menschen, die mir Dinge aus ihrem Leben erzählen, von denen ich wirklich noch nicht wusste, dass sie mich überhaupt interessieren könnten. In einer indischen Landgemeinde im Bundesstaat Bihar traf ich vor Jahren eine ältere Bürgermeisterin. Sie machte mir einen verwirrten Eindruck und war von mehreren Männer umgeben, welche ständig auf sie einredeten. Erst im Anschluss an das Treffen erzählte mir eine lokale Begleiterin, dass die Bürgermeisterin Analphabetin sei und wegen der Geschlechterquote von einigen einflussreichen Herren am Ort zur Wahl vorgeschlagen wurde – und sie nun deren Machtposition ausnutzen. Dieser unerwartete Einblick in den Missbrauch eines an sich guten demokratischen Gedankens, also der Gleichberechtigung der Geschlechter, schärfte meinen Blick für die enorme Vielfalt des politischen und gesellschaftlichen Lebens in Indien. Ein Land, dass leider in den letzten Jahren nicht mehr die «grösste Demokratie der Welt» ist, sondern zur «zweitgrössten Autokratie» nach China abgestiegen ist.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Noch sehr lange. Das auf Papier gedruckte Worte ist zeitlos und ermöglicht die Reflektion unabhängig von elektronischen Hilfsmittel.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Die Einsicht, dass es Fake News gibt und diese gerade auch in der Welt der Sozialen Medien unerwünschte Dynamiken auslösen, ist sicherlich gewachsen. Und gewachsen sind auch die Anstrengungen, damit umzugehen und entgegenzuwirken, unseren Blick dafür zu schärfen und das universale Menschenrecht der Meinungsäusserungsfreiheit kontextuell und nicht absolutistisch zu begreifen. Insgesamt ist deshalb das Phänomen «Fake News» durchaus als Chance und Auftrag für die Medien zu werten.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Fürs lineare Fernsehen habe ich schon seit Jahrzehnten wenig Zeit und Musse. Zunächst waren mir in meinem mobilen Leben die Fernseher zu schwer, dann begann sich das Bild auch online zu etablieren – und schliesslich empfand ich klassische Fernsehinhalte gerade im Informationsbereich zu oberflächlich, wenn ich mit meinen Möglichkeiten in Textmedien und Radio vergleich. Fürs Radio habe ich jedoch wie für Tageszeitungen eine echte Passion: ich begann meine Rundfunkarbeit in den 1980-er Jahren beim Auslanddienst des Schwedischen Radios und moderierte auf Kurzwelle eine Talkshow mit DDR-Bürgerinnen und -Bürgern, die im nicht-sozialistischen Ausland einzig schwedische Nummern direkt anwählen durften. Bis heute schätze ich das Überraschende und Vertiefende im Radio. Zudem schliesse ich meine morgendlichen Rituale wenn immer möglich mit dem seit 1991 gesendeten Spiel «ABC SRF3» ab.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Nicht allzu fleissig. Mein aktueller Favorit ist «Democracy Works» des Pennsylvania State College.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 55 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehört?

Eine ständige Herausforderung, als Teil einer demokratischen Infrastruktur für die Beteiligung und den Meinungsbildungsprozess dieser Altersgruppe wieder relevant zu werden.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Diesen Eindruck hatte ich manchmal schon vor Jahrzehnten, als ich selbst bei dieser Zeitung arbeitete… Dabei ist aber auch klar, dass sich zwar maschinell und mittels künstlicher Intelligenz Texte er-fassen, nicht aber in einem journalistischen, menschlichen Sinn ver-fassen lassen können.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Die Digitalisierung ist ein Prozess, mit dem ich mich seit Beginn meiner eigenen journalistischen Tätigkeit vor bald vierzig Jahren ständig auseinandersetze(n muss). Ich sehe diese Entwicklung ganz klar als Chance und Herausforderung, Informationen und Sichtweisen breiter, vielfältiger und dialogischer zu vermitteln. Als neugieriges und interessiertes Individuum verfüge ich heute über viel umfassendere Möglichkeiten, mich zu informieren, mich einzubringen und an der Weltgemeinschaft teilzuhaben als dies frühere Journalistengenerationen möglich war. Gut genutzt bietet die Digitalisierung aus meiner Sicht zudem die Chance, die Demokratie weltweit zu demokratisieren.

Siehst Du für professionellen Journalismus noch eine Zukunft?

Definitiv. Journalismus als Profession ist ein wichtiger Bestandteil jeder demokratischen Gesellschaft und kann nicht einfach so von Bloggerinnen und Bloggern im Nebenamt übernommen werden.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ja, Notizen von Gesprächen und Vorträgen mache ich immer von Hand. Ich schaue sie dann anschliessend zwar nur selten an, aber offensichtlich hilft mir der manuelle Schreibprozess dabei, mich später an vieles erinnern zu können und im Kopf zu behalten. Interessanterweise funktioniert es beim Terminkalender gerade umgekehrt: da helfen mir die vielfältigen Hinweise per Mail oder sozialen Medien auf die Sprünge. Auf eine eigene, lineare Agenda verzichte schon seit langem.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Das weiss ich (noch) nicht. Der wilde Mann wütet ja noch immer. Aber als er gewählt wurde, schrieb ich einen Meinungsartikel mit der Überschrift «So macht uns Trump zu besseren Demokraten».  Dabei dachte ich nicht an eine Parteizugehörigkeit, sondern an die wunden Punkte, auf welche Trump mit seinem Teufelsritt immer wieder aufmerksam machte, wie etwa die Einschränkung des Stimmrechtes in den USA und der Mangel an eine föderale Wahlkommission. In vielerlei Beziehungen hat uns Trump tatsächlich geholfen, gezielter und engagierter wirken zu können.

Wem glaubst Du?

Menschen – inklusive mir selbst. Auf alle Fälle meistens.

Dein letztes Wort?

Ein solches gibt es zum Glück nicht.


Bruno Kaufmann
Bruno Kaufmann hat an den Universitäten Zürich, Göteborg und Hawaii Politikwissenschaften und Friedensforschung studiert. Er gehört zu den dienstältesten Auslandskorrespondenten der SRG. Seit 1990 berichtet er für SRF aus Nordeuropa und seit 2013 für SWI als globaler Demokratiekorrespondent (SWI berichtet in zehn Weltsprachen). Zu früheren Wirkungsstätten gehören die «Weltwoche», der «Tages-Anzeiger» und «Die Zeit».
https://twitter.com/kaufmannbruno


Basel, 28. April 2021, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

PS: Nicht vergessen – Wochenkommentar abonnieren. Kostet nichts, bringt jeden Freitag ein Mail mit dem Hinweis auf den neuen Kommentar, den aktuellen «Medienmenschen» einen Sachbuchtipp und einen Video-Buchtipp auf einen Roman:
www.matthiaszehnder.ch/abo/

Ein Kommentar zu "Bruno Kaufmann: «Das auf Papier gedruckte Worte ist zeitlos»"

  1. Herr Bruno Kaufmann macht mir einen etwas abgehoben seltsamen Eindruck. Beispiel: Wenn er von der „Chance, die Demokratie weltweit zu demokratisieren“ schreibt, meint er dann: Es gibt zwar die Demokratie, aber sie nicht demokratisch?

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