So punktet der Papagei – #8: Werkstatt schlägt Chat
In der letzten Folge ging es darum, wie Sie aus einem gelungenen KI-Gespräch ein Rezept machen: eine Anleitung, mit der Sie in einem neuen Chat auf Anhieb ein gutes Resultat bekommen. Wenn Sie das ausprobiert haben, liegt jetzt irgendwo auf Ihrem Computer eine Textdatei mit diesem Rezept. Und Sie haben vermutlich auch schon gemerkt, was daran lästig ist: Sie müssen die Datei jedes Mal suchen, öffnen, den Inhalt kopieren und in den Chat einfügen. Die Muster dazu auch. Nach dem dritten Mal lassen Sie es bleiben und tippen doch wieder schnell einen Auftrag ein.
Es geht einfacher. Alle grossen KI-Dienste bieten inzwischen die Möglichkeit, eine Art Werkstatt einzurichten: einen Arbeitsraum, in dem Anweisungen und Unterlagen dauerhaft hinterlegt sind. In ChatGPT und Claude heissen diese Werkstätten «Projekte», bei Google Gemini «Gems», dazu kommen die sogenannten Custom GPTs von OpenAI. Die Namen und Details unterscheiden sich, das Prinzip ist bei allen Anbietern dasselbe: Es macht aus dem Papagei, der jeden Morgen alles vergessen hat, einen Papagei, der weiss, in welcher Werkstatt er sitzt.
Eine Werkstatt mit Gedächtnis
Ein normaler Chat beginnt immer bei null. Die KI weiss nicht, wer Sie sind, für wen Sie schreiben und was Sie letzte Woche korrigiert haben. In einer Werkstatt ist das anders. Sie hinterlegen dort Anweisungen und Wissen. Die Anweisungen sind das, was ich vor einer Woche «Rezept» genannt habe. Das Wissen sind die Unterlagen, die zur Aufgabe gehören: gelungene Beispieltexte, ein Schreibleitfaden, ein Glossar mit Fachbegriffen, Hintergrundpapiere und, besonders effizient, Verbote: eine Liste der Dinge, die Sie nie lesen möchten.
Wenn Sie in dieser Werkstatt einen Chat eröffnen, startet unser lieber Papagei nicht mehr bei null, sondern mit diesem ganzen Kontext. Sie können sich auf das Formulieren der neuen Aufgabe konzentrieren, also auf das, was sich von Fall zu Fall ändert (siehe Folge #1 dieser Serie: «Kontext schlägt Prompt»). In der Werkstatt müssen Sie den Kontext nicht mehr jedes Mal liefern. Er ist einfach da. Und weil er als Dokument vorliegt, gilt auch hier, was ich in der ersten Folge empfohlen habe: Gut strukturierte Textdateien, etwa im Markdown-Format, funktionieren besser als gescannte PDFs.
Eine Werkstatt pro Aufgabe
Die Versuchung ist gross, sich eine einzige, umfassende Werkstatt einzurichten und dort alles abzulegen, was man hat: alle Texte, alles Wissen, alle Newsletter der letzten zwei Jahre, das Organigramm, die Jahresberichte. Das wäre bequem, aber es ist nicht zielführend. Ein Sprachmodell berücksichtigt alles, was im Kontext steht. Wenn dort zwanzig Dokumente liegen, von denen nur zwei zur aktuellen Aufgabe passen, verwässern die anderen achtzehn das Resultat. Mehr Kontext ist nicht automatisch besser. Wichtig ist, der KI immer nur den passenden Kontext zu geben.
Richten Sie deshalb pro wiederkehrende Aufgabe eine eigene Werkstatt ein: eine für den Newsletter, eine für Medienmitteilungen, eine für Sitzungsprotokolle. Jede Werkstatt enthält nur, was für diese Aufgabe nötig ist. Das hat einen zweiten Vorteil: Sie wissen immer, welche Anweisungen gerade gelten.
Für Anweisungen, die wirklich überall gelten, gibt es in den meisten Diensten eine eigene Stelle, meist unter «Personalisierung» oder «Anweisungen» in den Einstellungen. Dort gehört hinein, was für alle Aufgaben stimmt: dass Sie in Schweizer Rechtschreibung schreiben etwa oder dass Sie keine Aufzählungen mögen, wenn ein Absatz genügt.
Die Werkstatt aufräumen
Eine Werkstatt ist kein Archiv, sondern ein Arbeitsort. Sie wird mit jedem Gebrauch besser, aber nur, wenn Sie sie pflegen. Jedes Mal, wenn Sie in einem Chat noch etwas korrigieren müssen, ist das ein Hinweis darauf, dass den Anweisungen etwas fehlt. Ergänzen Sie es. Jedes Mal, wenn ein Resultat besonders gut gelungen ist, legen Sie es als weiteres Muster ab. Und ab und zu räumen Sie auf: Veraltete Unterlagen, überholte Beispiele und widersprüchliche Anweisungen fliegen raus.
Dabei hilft Ihnen, wie schon in Folge #7, die KI selbst. Bitten Sie sie nach einem Chat mit vielen Korrekturen: «Welche Ergänzungen an den Projektanweisungen hätten diese Korrekturen überflüssig gemacht?» Die Antwort ist manchmal verblüffend präzise.
Eines sollte Ihnen aber bewusst sein: Was Sie in einer Werkstatt hinterlegen, liegt auf den Servern des Anbieters. Vertrauliche Dokumente, Personendaten oder interne Zahlen gehören nur dann hinein, wenn Ihr Arbeitgeber (oder Ihr Auftraggeber) das erlaubt und Sie wissen, wie der Dienst mit Ihren Daten umgeht. Die Einstellungen dazu sollten Sie einmal in Ruhe anschauen.
Fazit
Ein Chat ist ein Wegwerf-Gespräch. Eine Werkstatt ist ein Arbeitsort, der bestehen bleibt. Wer wiederkehrende Aufgaben mit KI erledigt, sollte sie nicht in immer neuen Chats angehen, sondern in einer Werkstatt, in der Anweisungen und Unterlagen dauerhaft hinterlegt sind. Das funktioniert am besten mit einer Werkstatt pro Aufgabe, die nur enthält, was diese Aufgabe braucht, und die mit jedem Gebrauch ergänzt wird. So muss der Papagei nicht jeden Morgen neu lernen, was Sie von ihm wollen.
Zum Ausprobieren
Nehmen Sie das Rezept, das Sie nach Folge #7 geschrieben haben, und richten Sie dafür eine Werkstatt ein. Gehen Sie in drei Schritten vor:
1) Legen Sie in der KI Ihrer Wahl ein neues Projekt (ChatGPT, Claude) oder ein neues Gem (Gemini) an. Benennen Sie es so, dass Sie auch in zwei Wochen noch wissen, was darin bearbeitet werden soll, etwa «Newsletter» oder «Medienmitteilungen».
2) Fügen Sie Ihr Rezept als Anweisung ein und laden Sie zwei, drei gelungene Beispieltexte sowie allenfalls einen Schreibleitfaden als Wissen hoch. Mehr nicht.
3) Erledigen Sie die nächsten drei Aufträge dieser Art ausschliesslich in dieser Werkstatt. Notieren Sie nach jedem Auftrag, was Sie noch korrigieren mussten, und ergänzen Sie die Anweisungen.
Damit endet die Fortsetzung meiner Sommerserie. Wenn Sie alle acht Folgen zusammennehmen, ergibt sich ein einfaches Prinzip: Der Papagei punktet nicht, weil Sie ihm raffinierte Befehle geben, sondern weil Sie ihm den richtigen Kontext liefern, und zwar mit Unterlagen, Beispielen, Verboten, Struktur, Varianten, Fragen, einem Rezept und schliesslich einer Werkstatt, in der all das dauerhaft bereitliegt.
Basel, 6. Oktober 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: mz/Claude/ChatGPT
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Quellen:
