KI-Denkfehler #49: «Die KI ist auf dem neuesten Stand.»
Leider nicht. Ein Sprachmodell lernt aus Texten. Diese Texte reflektieren den Wissensstand zu einem bestimmten Stichtag. Was danach passiert, kommt im Sprachmodell nicht vor. Das ist der «Knowledge Cutoff»: Späteres Wissen ist abgeschnitten. Über das Internet hat die KI zwar Zugang zu aktuellen Informationen. Das macht die Auskunft oft nicht besser, es verschleiert aber den veralteten Wissensstand. Erschwerend kommt dazu: KI-Modelle haben kein Wissen (und schon gar kein Gefühl) für Zeit, Aktualität und Zeitverläufe. Das Problem ist, dass diese mangelnde Zeitlichkeit schwer zu erkennen ist, weil die Sprachmodelle darauf trainiert sind, einen selbstbewusst-dringlichen Ton anzuschlagen.
Im Januar 2026 bedankte sich Bundesrat Martin Pfister an der Dreikönigstagung des Schweizer Verlegerverbands bei den Medien für «verantwortungsvolle Berichterstattung». Er nannte insbesondere den schrecklichen Brand in Crans-Montana und die Entführung des venezolanischen Herrschers durch das US-Militär. Ich zeichnete die Ansprache zu Übungszwecken auf und liess sie von Gemini transkribieren. Das klappte tadellos, doch die Google-KI gab in einem Vorspann zu bedenken, dass es sich um einen fiktionalen Text handeln müsse, da es a) keinen Bundesrat namens Martin Pfister gebe, dass b) nichts über einen Brand in Crans-Montana bekannt sei und dass c) eine Kommandoaktion des US-Militärs in Venezuela höchst unwahrscheinlich sei.
Mindestens mit c) hatte das Google-Sprachmodell ja recht. Das Beispiel zeigt aber, dass die KI über einen bestimmten Wissensstand verfügt, der schnell veralten kann. Nur sagt sie das nicht. Wir gehen stillschweigend davon aus, dass eine Maschine, die im Präsens spricht, auch über unsere Gegenwart verfügt. Doch das stimmt nicht.
Eingefrorenes Wissen
Wie alt dieses Wissen sein kann, zeigt das Beispiel von Gemini: Martin Pfister ist seit April 2025 Bundesrat. Das Modell, das seine Rede transkribierte, kannte ihn im Januar 2026 aber noch nicht. Zwischen Stichtag und Veröffentlichung eines Modells vergehen Monate, und genutzt wird es danach oft ein Jahr oder länger. Wer eine KI befragt, spricht deshalb in aller Regel mit einem Wissensstand, der ein bis zwei Jahre alt ist.
Dieser Stichtag ist zudem keine scharfe Linie. Forschende der Johns Hopkins University haben 2024 gezeigt, dass der tatsächliche Wissensstand vieler Modelle deutlich vom offiziell genannten abweicht. Ein Grund dafür: Auch neue Sammlungen von Webtexten bestehen zu einem grossen Teil aus alten Texten. Aktualität macht im ganzen Wissensberg nur einen klitzekleinen Teil aus. Ausgerechnet die jüngste Vergangenheit kennt die KI deshalb am schlechtesten.
Die Websuche als Krücke
Die Anbieter kennen das Problem. Viele Chatbots durchsuchen deshalb inzwischen das Netz, bevor sie antworten. Das klingt nach der Lösung, ist aber nur eine Krücke. Denn die Suche gewichtet Quellen nicht nach ihrer Qualität, sondern nach ihrer Verfügbarkeit. Was frei zugänglich, oft kopiert und gut verlinkt ist, hat bessere Chancen als der sorgfältig recherchierte Originalartikel, der nur über eine Bezahlschranke zugänglich ist.
Das Tow Center for Digital Journalism an der Columbia University hat 2025 acht KI-Suchmaschinen getestet. In über 60 Prozent der Fälle ordneten sie Zeitungsartikel falsch zu. Oft zitierten sie syndizierte, weit verbreitete Kopien statt der Originalartikel. Bei einer Studie der EBU fragten Journalisten Copilot, ob man sich wegen der Vogelgrippe Sorgen machen müsse. Die KI verwies auf einen laufenden Impfstoffversuch in Oxford. Ihre Quelle: ein BBC-Artikel aus dem Jahr 2006. Der Artikel war auffindbar, also wurde er zitiert.
Die Websuche fügt dem Archiv also ein paar neue Seiten hinzu. Ein Gespür dafür, welche Seite neu und welche alt ist, bringt die KI aber nicht mit. Und ob die KI überhaupt sucht, entscheidet sie oft selbst. Tut sie es nicht, antwortet sie aus dem Archiv, im genau gleichen, selbstsicheren Tonfall.
Kein Gefühl für die Gegenwart
Ein Sprachmodell hat keine eingebaute Uhr und verfügt nicht über einen Kalender. Welcher Tag heute ist, weiss es nur, wenn der Anbieter das Datum in die unsichtbaren Anweisungen schreibt, die jeder Unterhaltung vorangehen. Sonst muss es raten. Oft halten Sprachmodelle das Jahr ihres Trainings für die Gegenwart.
Dazu kommt: Wir Menschen haben ein Gefühl dafür, wie alt unser Wissen ist. Wir wissen meist noch ungefähr, wann wir etwas gelernt haben, und wir ahnen, dass ein Preis von 2022 nicht mehr stimmt oder ein Gesetz inzwischen revidiert sein könnte. Im Sprachmodell dagegen liegen alle diese Informationen in einer einzigen Schicht. Der Artikel von 2012 steht gleichberechtigt neben jenem von 2024, ohne Zeitstempel. Es herrscht eine statistische Gleichzeitigkeit.
Die KI kennt deshalb weder «noch» noch «nicht mehr». Sie weiss nicht, was sich gerade verändert: welche Verhandlung läuft, welche Abstimmung ansteht, welche Firma eben verkauft wird. Sie beschreibt Zustände, keine Entwicklungen. Und sie beschreibt sie im Präsens, als wäre die Welt stehen geblieben, als sie zu lesen aufgehört hat.
Fazit
Die KI ist ein Archiv, das wie eine Nachrichtensendung klingt. Gemini hat die Rede von Bundesrat Pfister nicht aus Bosheit zur Fiktion erklärt. Die KI hat bloss die Gegenwart mit ihrem Archiv verglichen. Was dort nicht vorkam, kann es nicht geben. Die Websuche ändert daran weniger, als es scheint: Sie holt neue Dokumente auf den Bildschirm, aber kein Zeitgefühl. Weil die Maschine nicht datiert, was sie sagt, müssen wir es tun.
Zum Ausprobieren
Behandeln Sie jede KI-Antwort wie ein undatiertes Dokument aus dem Archiv und datieren Sie es selbst:
1) Fragen Sie nach dem Stand: Wollen Sie wissen, bis wann das Wissen der KI reicht und ob sie für diese Antwort im Netz gesucht hat, dann fragen Sie ausdrücklich danach. Schreiben Sie bei zeitkritischen Fragen das heutige Datum gleich in den Prompt.
2) Verlangen Sie Daten zu den Quellen: Lassen Sie sich zu jeder Quelle das Publikationsdatum nennen. Ein Link ohne Datum ist kein Beleg, sondern ein Hinweis.
3) Prüfen Sie Zeitkritisches an der Quelle: Preise, Fristen, Gesetze, Personalien und Zahlen gehören immer gegen die Primärquelle geprüft, also die Website der Institution, die Medienmitteilung oder den Originalartikel. Als Faustregel gilt: Je mehr eine Antwort davon abhängt, dass sie aktuell ist, desto weniger dürfen Sie sich auf die KI allein verlassen.
Basel, 22. September 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: mz/Claude/ChatGPT
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Quellen:
EBU/BBC (2025): News Integrity in AI Assistants. Europäische Rundfunkunion, 21. Oktober 2025. https://www.ebu.ch/research/open/report/news-integrity-in-ai-assistants
Jaźwińska, Klaudia; Chandrasekar, Aisvarya (2025): AI Search Has a Citation Problem. Tow Center for Digital Journalism, Columbia Journalism Review, 6. März 2025. https://www.cjr.org/tow_center/we-compared-eight-ai-search-engines-theyre-all-bad-at-citing-news.php
Cheng, Jeffrey; Marone, Marc; Weller, Orion; Lawrie, Dawn; Khashabi, Daniel; Van Durme, Benjamin (2024): Dated Data: Tracing Knowledge Cutoffs in Large Language Models. arXiv:2403.12958. https://arxiv.org/abs/2403.12958
